Press new century
  to be completed
 

aktuelle Reviews unter www.shop.endless-records.de

Sonic Seducer, Juni 2003

THE FAIR SEX

Mit dem Kopf durch die dünne Wand

Mit einem Knall! So kehrte die Ruhrpott-Electro-Wave Legende The Fair Sex letztes Jahr zurück. Mit einem neuen, alles andere als retro-orientierten Album, das aber dennoch immer noch nach The Fair Sex klang, und etlichen Clubgranaten im Gepäck tourte das Schöne Geschlecht munter durch die Lande und überzeugte eine mittlerweile neue Generation von seinen unbestreitbaren Livequalitäten. Damit diese neue Generation auch die Chance hat, zu erfahren, was die Fair Sexer vor "TFS" - ihrem aktuellen Album - so getrieben haben, wurde jetzt "Thin Walls - Part I", der erste Teil einer Best Of Sammlung, zusammengestellt. Gründe en masse, sich mal wieder mit Herrn Myk Jung, dem nach wie vor repräsentativen Aushängeschild von The Fair Sex, kurzzuschließen.

Sonic: "Thin Walls - Part I" ist tatsächlich der erste Teil einer TFS Best Of - Kollektion. Wie ist das als Musiker, ist es nicht seltsam eine Best Of zu machen? Wirkt das nicht wie ein Abschluß oder ein Schlußstrich? Wie kam es zur der Best Of? Wieso dünne Wände?
Myk: In unserem Falle gibt es einen besonderen Grund, ein solches Machwerk zu veröffentlichen: Denn der gesamte Backkatalog ist zwischenzeitlich aus dieser Welt verschwunden. Unser letztjähriger Release "TFS" ist bis zu dieser "Thin Walls" Veröffentlichung das einzige momentan erhältliche Album! Unerträglicher Zustand. Somit ist diese Compilation auch kein Schlußtrich, sie ist im Gegenteil Bestandteil unseres Neustarts. "Thin Walls" ist ein Zitat aus dem Song "Not Now Not Here". "We don't know when the thin walls break": Das angstvolle Warten auf den Augenblick, da die uns umgebenden, dünnen Wände bersten, um den Blick auf die dahinterliegende, nahe, und doch bislang vollkommen unbekannte Welt frei zu geben.
Sonic: Was mich auch erstaunt: Wieso rollt ihr eure eigene Geschichte von vorne und nicht von hinten auf? Wieso also zuerst der Rückblick auf "Labyrinth" & Co. aus den Rough Trade-Zeiten und nicht auf "House Of Unkinds" und "Demented Forms"?
Myk: Das jetzt veröffentlichte Material liegt sowohl zeitlich, als auch sound- und aussagetechnisch näher an der "TFS", schließt sich dementsprechend homogener an. Gerade für solche Hörer, die uns mit "TFS" unter Umständen erst kennen gelernt haben, ist dies die logische Nachfolge. "Thin Walls II" wird dann noch weiter in die Zeit zurückreisen.
Sonic: Sind im Zuge der Best Of-VÖ somit die Pläne die ganzen alten offiziellen Releases noch einmal zu re-releasen gestorben?
Myk: Korrekt! Da dieser Plan, alle sechs TFS-Platten zu re-releasen, von uns nicht mehr verfolgt wird, gibt es jetzt die zwei "Thin Walls"-Alben. Dadurch fehlen zwar noch einige Highlights aus unserem Schaffen, werden dem Hörer allerdings auch ein paar echte Durchhänger erspart. Ich selber bin ja jemand, was manche aus unserem Inneren Kreis
allerdings nur kopfschüttelnd hinnehmen, der zuweilen über The Fair Sex herzieht. Ich kann's mir einfach nicht verkneifen, auch jetzt nicht: Die Fair Sexer haben hier und da
Songs veröffentlicht, bei denen sich mir die Nackenhaare kräuseln. Allerdings nicht vor schierem Entzücken.
Sonic: Euer "Comeback"-Album liegt nun auch wieder einige Zeit zurück. Wie beurteilst du in Retrospektive die Resonanz auf "TFS"? Wie gefällt dir das Album im Rückblick? Bereut ihr die Entscheidung zurückzukehren schon?
Myk: Der Release von "TFS" liegt jetzt fast acht Monate zurück, und außer der Tatsache, daß wir beim Mastern einen Track in der eigentlich nicht favorisierten Version draufpackten, von Müdigkeit umwabert, damals, in den frühen Morgenstunden, bereue ich nichts. Die Reaktionen auf dieses Album waren im übrigen ja sehr enthusiastisch und anspornend.
Sonic: Wie seit ihr bei der Zusammenstellung der Tracks vorgegangen? Nach welchen Kriterien wurden die Songs rausgepickt bzw. ausgemustert?
Myk: An manchen Songs gab es einfach keinen Weg vorbei; wenn ich recht überlege, an allen nicht. Hier sind die wichtigsten Titel der Neunziger-Jahre-Ära, zusammen mit denen, die wir persönlich als die stärksten ansehen. Mensch, "Not Now Not Here", "Alaska", "Shelter",
"Soulspirit" usw.! Da muß man doch mit der Zunge schnalzen! Die kennt doch jeder! Zumindest jeder Kenner... Na ja, jedenfalls jeder aus der Band.
Sonic: Als besonderes Bonbon gibt es zusätzlich zwei Videofiles auf dem Datenteil der Best Of-CD. Zum einen einen Clip zu "Not Now Not Here" und eine Liveaufnahme von "Cyberbite". Was gibt es dazu zu berichten?
Myk: "Cyberbite" ist ein brandneuer Live-Mitschnitt, den das berüchtigte Nightchild-Team um Heiko Bender vor nicht allzu langer Zeit, nämlich am 20. März dieses Jahres, in der Oberhausener Turbinenhalle mitgeschnitten hat. Demgegenüber wollten wir ein altes Schätzchen dazupacken, um den Bogen zur Vergangenheit zu spannen: ein Low Budget-Video von "Not Now. Not Here." , erstellt von Kai Schilling, in jenen grauen Vorzeiten, als man noch Schellack-Platten hörte.
Sonic: "The Ever Unreached Aim" ist ein bisher unveröffentlichter Song, der als Opener der Best Of fungiert. Stammt der Song noch aus der Zeit der drei Alben oder ist er tatsächlich taufrisch? Klingt irgendwie nach der "Labyrinth" finde ich...
Myk: "The Ever Unreched Aim" wurde im Januar 2003 geschrieben, im Februar aufgenommen, im März gemixt. Ist also noch ziemlich taufrisch. Der Song beinhaltet viele moderne Tucker-Sequenz-Sounds - aus Tim Schuldts Soundkisten entliehen - die ihn
als Kind der Jetzt-Zeit ausweisen, lehnt sich aber in Stil und Songwriting an die "Labyrinth"-Phase an, um auch hier einen passenden Bogen von Heutzutage zum Älteren Material zu schlagen.
Sonic: Wann wird es "Thin Walls Part 2" geben? Gibt es schon Ausblicke auf die Tracklist? Any hints?
Myk: "Thin Walls II" soll in einigen Monaten rauskommen. Wann genau, wissen wir nicht. Das Tracklisting steht eigentlich schon fest. Ich persönlich habe es immer super-eilig, würde es wahrscheinlich am liebsten im Herbst veröffentlichen. Es wird ein Wiederhören mit den echt klassischen Klassikern geben - mit denen aus der Schellack-Zeit: "Divine Service", "The House Of Unkinds", "The Pain That No One Knows". Im Booklet gibt es dann ein paar Photos, die so um 1928 herum aufgenommen wurden.

Thomas Thyssen

Electric Diary, Juli 2003

THE FAIR SEX

Mit der schlichten Betitelung "TFS" erschien im letzten Jahr, nach sieben Jahren Pause, endlich das Nachfolge Werk der Electro-Waver The Fair Sex. Sie waren Anfang der 80er Jahre diejenigen, welche diesen Stil mitbegründeten. Das neue Album "TFS" wurde mit guten Kritiken und überragenden Belobigungen überseht. Nachdem vieles aus dem Backkatalog nicht mehr erhältlich ist, entschied man sich für eine Best Of CD der Band, welche in zwei Teilen erscheint und mit "Thin Wall Part I" den Anfang macht. Darüber gab es natürlich einiges zu erzählen:

Vieles Eures alten Materials ist nicht mehr erhältlich, demnach auch die Veröffentlichung der "Best Of" "Thin Walls". Wolltet Ihr generell von Neuveröffentlichungen von älteren, nicht mehr erhältlichen Alben absehen?

Myk: Unser ursprüngliche Plan war es, tatsächlich alle früheren Veröffentlichungen neu herauszubringen. Aber sechs Alben zu re-releasen, wäre dann doch über unsere heutzutagigen Budgets und Kapazitäten gegangen, womöglich ohnehin zu viel des Guten gewesen... Wir entschieden uns dafür, auf zwei Alben die aus unserer Warte absoluten Perlen zusammenzufassen.

Nach welchem Kriterien wurden die Tracks für "Thin Walls" ausgewählt?

Myk: Die Auswahl umfasst ja lediglich die Neunziger Jahre-Phase der Band, und lässt zunächst die vorhergehenden "Klassiker" außer Acht, die dann später zu Worte kommen werden... Nach dieser grundlegenden Entscheidung war es nicht mehr allzu schwierig, das Tracklisting zusammenzustellen: Die größten und wichtigsten Hammer-Songs wie "Not Now Not Here" und "Alaska" waren ja gesetzt, und sie wurden ergänzt von Titeln, deren Überzeugungskraft wir der Welt unbedingt noch einmal vorstellen wollten.

Welche Songs liegen Euch heute besonders am Herzen? Gibt es Stücke auf "Thin Walls" mit denen man besondere Erinnerungen verbindet, welche Ihr uns natürlich nicht vorenthalten wollt ;-).

Myk: Am Herzen liegen uns vor allem die Band-internen "Schätzchen", die wir in all den Jahren nie vergessen haben: Allen voran wahrscheinlich "In The Desert"; aber auch herrlich-atmosphärische Songs wie "Cold Contempt" und "Cyberbite", das wir jahrelang nicht live gespielt haben, und das in letzter Zeit zum absoluten Band-Favoriten gewachsen ist. Schöne Nachfrage, die mit der Erinnerung. Solche Erinnerungen sind allerdings bei mir persönlich eher unspektakulär in der Berichterstattung: Ich erinnere mich vor allem an die Situation der Studioproduktion, wie damals der Herbst roch, das Studio eingerichtet war, vielleicht auch, welchem weiblichen Wesen man hinterher sehnte; sowas eben. Im Falle von "In The Desert" war die Situation in der Tat atemberaubend: Ich glaube, es ist eine Legende, das wir aufs Mischpult geweint haben, als das Stück fertig war, jedoch saßen wir davor und konnten es einfach nicht fassen, was da entstanden war.

Ihr habt im letzten Jahr, nach sieben Jahren Abstinenz und der Reunion, das Album "TFS" veröffentlicht. Das Album wurde durchweg sehr positiv aufgenommen. Hättet Ihr mit so einer Begeisterung gerechnet?

Myk: Ich bin unglaublich froh über diese Begeisterung. Mit solchem kann man im Vorfeld nie rechnen. Umso herrlicher, dass dies der Fall war. Die Mischung aus brandneuen Titeln und Neufassungen von Skizzen, die in den Jahren 1999 bis 2002 entstanden waren, ergaben ein gelungen rundes Gesamtbild, denke ich. Festhalten sollte man allerdings, dass sieben Jahre eine etwas zu lange Zeitspanne waren. Wir hätten ruhig ein wenig schneller agieren können.

Denkt Ihr mit dem neuen Album auch neue Fans erreicht zu haben, was vielleicht auch die Beweggründe für die "Best Of" waren!?

Myk: Wir haben den Eindruck, dass wir durchaus neue Hörer erreicht haben, die plötzlich auf uns aufmerksam wurden, ohne viel über die Band-Historie zu wissen. Und es stimmt: Auch und gerade für solche Hörer haben wir die "Thin Walls"-Konzeption ins Leben gerufen.

Wie hat sich die Arbeit an dem neuem Material gestalten, nach dieser langen Pause und der Reunion? Sicher schwierig stehende Räder wieder zum Laufen zu bringen!? Oder gab es keine Probleme dieser Zusammenarbeit neuen Wind einzuhauchen?

Myk: Das ist phasen-abhängig. Wir fühlten nicht nur den frischen Wind, gleichwohl er uns des Öfteren beflügelte. Hier und da gab es aber auch Monate mit ein wenig Sand im Getriebe, eine Phase des Suchens. Eine längerer Anlauf war vonnöten, die Räder sich wieder schwungvoll drehen zu lassen... Und auch in Zukunft müssen wir wohl wieder ein bisschen ringen, noch besser aufeinander zukommen zu können.

Wenn man an die Anfangstage von The Fair Sex zurückgeht, sind das bald 20 Jahre die sich da auftun. Was denkt Ihr, wenn Ihr auf diese Zeit zurückblickt? Auch wenn es tragische Situationen gab, wie der Tod eures Drummers, an welche Situationen erinnert Ihr Euch heute noch gerne zurück und über was könnt Ihr heute nur lachen?

Myk: Es ist eine für uns unfassbare Zahl, diese 20 - das kann doch nicht sein, oder? Aber tatsächlich: im Herbst 2004 wird es genau diese Anzahl von Jahren sein. Zurückblickend gab es unglaublich beeindruckende Momente, deren Größe man sich allerdings zuweilen erst im Nachhinein bewusst wurde. Auf der anderen Seite gab es aber auch Zeiten quälender Langsamkeit und des Stillstands, zuweilen Lethargie und Antriebsschwächen, die wir entschiedener hätten bekämpfen können. Der Tod unseres Schlagzeugers A.Bang war wenig überraschenderweise der Dunkelste Punkt unseres gemeinsamen Lebens. Demgegenüber stehen Situationen, über die wir immer noch lachen, die zu Ikonen der Skurrilität (falls es das Wort gibt) geworden sind; vor allem auf Tour passierten uns seltsame Dinge, die aufzuzählen wahrscheinlich den Rahmen sprengen würde.

Neben The Fair Sex gibt es eine Reihe weiterer Nebenprojekte von Euch. Wie bewahrt Ihr Euch die musikalischen Grenzen (wenn es so was überhaupt gibt), dass sich die Stile der einzelnen Projekte/Bands nicht vermischen? Kann man gezielt an einem Projekt arbeiten?

Myk: Normalerweise verstehen wir es schon, gezielt an den einzelnen Projekten zu arbeiten. Wie nehmen uns die Klassischen Schubladen-Kategorisierungen vor, rufen: "Achtung! Amtlicher Industrial Metal!" - und wissen, wir arbeiten an Testify. Aber es gibt immer wieder Songs, die irgendwann das Lager wechseln: Ursprünglich für ein Seitenprojekt geplant, mag ein solcher Track plötzlich im TFS-Pool auftauchen, und in fair sexischer Manier zu Ende produziert werden.

Auch wenn Euer neues Album "TFS" erst im letzten Jahr erschienen ist, habt Ihr die Arbeit an neuem Material wieder aufgenommen?

Myk: Ja, wir haben sie inzwischen wieder aufgenommen. Die erste Veröffentlichung dieses brandneuen Materials ist "The Ever Unreached Aim", das jetzt als Opener des "Thin Walls"-Albums fungiert. Weitere Skizzen, Ideen und Konzepte sind schon entworfen worden., werden in diesem Sommer weitergetrieben.

Wann wird der zweite Teil von "Thin Walls" erscheinen und welche Tracks werden dort auftauchen?

Myk: Auf "Thin Walls II" werden die Frühen Großen Klassiker zu hören sein, Songs wie "The House Of Unkinds", "Divine Service", "The Pain That No-One Knows", "No Excuse" oder "Helpless Fall". Eben die 1986 bis 1990-Titel. Das genaue Veröffentlichungsdatum wissen wir indes noch nicht.

Da ihr schon sehr lange Musik macht, würde mich doch sehr interessieren, welche Bands Euch selbst begeistern können? Was hört Ihr privat für Musik?

Myk: Oh, da sind die Geschmäcker der Bandmitglieder schon ein wenig auseinander gehend... Während ich persönlich vor allem auf etwas schwereren Industrial stehe, wie NIN, Ministry, Marilyn Manson, Testify, ergeht sich Rascal eher in Elektronischen Gefilden, und Kullf und Lo sind Anhänger der Rockregionen, und Blonders Musikgeschmack ist vollkommen outstanding, überraschend und nicht definierbar. Aber auch neuere Bands können uns beeindrucken.

Ihr wart auf dem diesjährigen Wave-Gotik-Treffen zu sehen. Wart Ihr auch selbst als Besucher anwesend und wie hat es Euch gefallen?

Myk: Die Zeit war leider zu knapp, um als Besucher bei anderen Konzerten anwesend zu sein, was bedauerlich ist. Einige von uns allerdings besuchten die Abschluss-Feierlichkeiten in der Moritz-Bastei, was sie ziemlich beeindruckt hat. Ich selber allerdings saß mit The Invincible Spirit im Hotelzimmer, und wir tranken zahllose Schlückchen.

Wie wird es mit The Fair Sex weitergehen? Gibt es schon weitere Pläne für die Zukunft?

Myk: Zumindest "Thin Walls II" ist ja fest eingeplant, und darüber hinaus ist es unser Ziel, nächstes Jahr vor dem Sommer ein dann brandaktuelles Album zu veröffentlichen. Und natürlich werden wir weitere Live-Events anvisieren.

Vielen Dank für das Interview und die geopferte Zeit. Die letzten Worte gehören Euch!

Myk: Ist 1984 wirklich schon fast zwanzig Jahre her? Ich denke, das ist nicht möglich. Oder?

Vielen Dank fürs Interview!

Interview: Thomas Tröger & The Fair Sex (Myk Jung)
Juli 2003

The Fair Sex:

Myk Jung
L'O
Blonder
Rascal
Kullf

Orkus, Juli 2003

THE FAIR SEX


Nimmermüde dolle Hechte

Seit dem es die Ruhrpott-Electro-Wave Legende The Fair Sex wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gezogen hat und die nimmermüden Herren mit TFS (Endless Records/EFA) zudem noch ein gar exzellentes Oeuvre taufrischer Tonkunst veröffentlicht haben, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass Myk und - Achtung, Wortwitz voraus - seine Jungs es noch mal so richtig wissen wollen. Schön auch, dass Songs wie The Palace Of The Bad oder das jüngst in einer speziellen DJ-Edition veröffentlichte Get Out Off My Head sich wieder in den Clubs festgebissen haben.
Was aber zum Geier ist eigentlich mit den Leuten, die erst jetzt - quasi nach der Widerauferstehung der Fair Sexer - auf die Combo aufmerksam geworden sind? Kennen die wirklich alle nicht solche akustischen Leckerlis wie Not Now Not Here, In The Desert und Soulspirit? Schockschwerenot. Aber wie auch, wenn die alten Silberscheibchen der Essener Truppe nicht mehr regulär im Handel erhältlich sind? Da The Fair Sex aber bekanntlich schon immer alles andere als auf den Kopf gefallen waren, war man nun so klug um mit Thin Walls - Part I den ersten Teil einer Compilation von den besten alten Songs zu veröffentlichen. Gut gemacht, Herr Jung!


"Ein unerträglicher Zustand war das", stimmt Myk zu. "Somit ist diese Compilation auch kein Schlussstrich, sie ist im Gegenteil Bestandteil unseres Neustarts. Thin Walls ist ein Zitat aus dem Song ‚Not Now Not Here'. ‚We don't know when the thin walls break': Das angstvolle Warten auf den Augenblick, da die uns umgebenden, dünnen Wände bersten, um den Blick auf die dahinterliegende, nahe, und doch bislang vollkommen unbekannte Welt frei zu geben."
...
"Das jetzt veröffentlichte Material liegt sowohl zeitlich, als auch sound- und aussagetechnisch näher an der TFS, schließt sich dementsprechend homogener an", erklärt Myk. "Gerade für solche Hörer, die uns mit TFS unter Umständen erst kennen gelernt haben, ist dies die logische Nachfolge. Thin Walls - Part II wird dann noch weiter in die Zeit zurückreisen. Aber eigentlich, wie mir gerade einfällt, ist die Reihenfolge eh egal. The Fair Sex sind doch zeitlos, wie ich schon des öfteren gelesen habe."
Wo er recht hat, hat er recht.

Gut auch zu wissen, dass Perlen à la Helpless Fall, Divine Service, Bushman, No Excuse oder das unkaputtbare The House Of Unkinds so mit Sicherheit nicht in Vergessenheit geraten werden.
...
Übrigens gibt es auf Thin Walls - Part I nicht nur ausschließlich schon veröffentlichtes Material zu hören. The Fair Sex haben sich nicht lumpen lassen und mit The Ever Unreached Aim ein ganz neues Bonbon aus der bandeigenen Naschdose gezaubert.
...

Dann sind wir doch schon mal ab jetzt gespannt wie die Brücke von Teil eins der dünnen Wände-Kollektion zum zweiten Teil aussehen wird. Thin Walls - Part I ist auf jeden Fall für jeden The Fair Sex-Fan ein absolutes Highlight, vor allem, wenn man erst just auf die Band aufmerksam geworden ist.
The more you watch, the less you know...

Thomas Thyssen


(das komplette Interview gibt´s in der Juli/August-Ausgabe 2003 des Orkus-Magazins)

 

Sonic Seducer, März 2002

THE FAIR SEX

In Studio Veritas

THE FAIR SEX: Die Langsam Aus Den Pötten Kommen

Dies also ist das berüchtigte Killing Sound Research-Studio, in dem sich Legenden zufolge in größeren Zeitabständen die Industrial-Metaller von Testify zu versammeln belieben, um unsäglichen Krach für die Nachwelt festzuhalten!? Versteckt im Kellergeschoss eines Hauses im Düsseldorfer Süden, dessen Außenansicht nicht im mindesten Rückschlüsse auf solcherlei infernalische Freveleien zulässt, betritt der verwirrte Besucher zwei Räume, deren einer vollgepropft ist mit allerlei High-Tech-Gedöhns. Trotz dieses Technik-Overkills allerdings blinkt hier in der Tat zumeist, man mag es kaum glauben, der Atari-Monitor. Nicht hingegen heute, denn es sind nicht die rückständigen Testifyler, die hier momentan zur Sache gehen, sondern deren Große Schwester, wenn man so will, das altbekannte Mutterschiff, wovon Testify lediglich ein Ableger ist: THE FAIR SEX basteln an frischem Material, mit brandneuem Mac, der nun in Mathias Blacks Killing Sound Research eingegliedert ist. Tatsächlich soll irgendwann ein Album dabei herauskommen, das erste seit dem sagenhaften 1995er-"Labyrinth". Das Nahziel aber ist eine MCD, die rechtzeitig zum Package-Tour-Beginn mit Girl Under Glass und Angels & Agony Ende März veröffentlicht werden soll.


Das mit dem altbekannten Mutterschiff passt den Fair Sexern verwunderlicherweise nicht so in den Kram - denn sie haben sich was Neues ausgedacht, wie sie müde lachend verkünden, während sie sich auf einer schwarz verhüllten Couch lümmeln: "Schreib doch einfach, daß sich hier 'ne neue Band namens TFS versammelt hat, ein brandheißer Ableger von Testify!" Komischer Humor, der einem da entgegenschlägt. Auch daß Blonder, seines Zeichen Keyboarder und zeitweiliger Live-Gitarrist von THE FAIR SEX, in diesen dusteren Räumen die ganze Zeit über seine Sonnenbrille nicht abnimmt und sich unablässig in lakonischen Wortspielen ergeht, verwirrt mich. Leider bleibt er nur kurz, und so ist er nicht auf den Fotos, denn die Kamera trifft erst später ein. Die Fair Sexer arbeiten zurzeit in Schichten, und für den Augenblick steht eine Gitarrenaufnahme-Session an. Aber verwirrenderweise ist es nicht TFS-Hero Lo, der im verzweifelten Versuch, seine Gitarre zu stimmen, scheitert - es ist Testify-Gitarrist Kullf, dessen sonst übliches Grinsen einer leidensverzerrten Grimasse gewichen ist, wohl eine mimische Reaktion auf die Saiten-Dissonanzen. Ich erkundige mich nach dieser seltsamen Konstellation. "Ach, nur ein kleiner Gastauftritt", meint Kullf und stimmt ein fettes Metal-Riff an, "Testify haben mal wieder fünfjährige Kaffepause, und so riefen mich die Fair Sexer an. Brauchten mal wieder einen Rifflieferanten." Sänger Myk grinst; scheint sich um einen Insiderwitz zu handeln. Es gilt, zu brandneuen TFS-Songs, die auffällige Arbeitstitel wie "NitCar-Sex" oder "Always: ZaphZuar" haben, einige Gitarrenpassagen zuzusteuern. Quälend langsam geht es voran, Engineer Mathias Black und Kullf scheinen Perfektionisten zu sein, und andauernd verbessert der Saitenmeister zuvor Gespieltes und stellt neue Varianten vor. Aus den Boxen quillt das schon aufgenommene Arrangement: bollernde Sequenzen, stampfende Bassdrums, chorale Flächen, sogar eine Klavierpassage gibt's. In kurzen Intervallen werden Zigarettenpäusken eingelegt, die Myk initiiert, obwohl er im gleichen Atemzug erwähnt, "daß wir zum jetzigen Zeitpunkt der Karriere eigentlich keine Zeit für sowas haben." Soll wohl schon wieder ein Wortwitz sein, denn von "Karriere" zu sprechen, scheint mir angesichts der jahrelangen TFS-Funkstille irgendwie vermessen.
Irgendwann trudelt Bassist und Elektronik-Freak Rascal ein. Während mal wieder alle auf der Couch rumlungern, frage ich, wie das eigentlich mit dem TFS-Comeback aussieht: Schon vor über einem Jahr angekündigt, angeblich vor über drei (!) Jahren zum ersten Mal angeplant - und sie lungern unmotiviert auf dem Sofa. Die Band hat zwar schon letztes Jahr zwei oder drei Vorab-Versionen von frischen Titeln auf Compilations veröffentlicht, in Original-Besetzung (also mit Lo) auf ein paar Festivals gespielt - aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los, daß die Fair Sexer lediglich lahmarschig aus den Pötten kommen. Was haben sie denn wohl dazu zu sagen, hm? Myk, auch im Studio mit Stirnband und Ledermantel unterwegs (tatsächlich scheint er ohne diese Utensilien nicht nur nicht aus dem Haus zu gehen- ich argwöhne für einen Augenblick sogar, daß er sie mit ins Bett nimmt) - spielt mir umwendend schon fertiggestelltes Songmaterial vor, augenscheinlich um zu belegen, daß THE FAIR SEX nicht untätig waren. Das Material findet meinen Gefallen; Rascal jedoch winkt ab. "Manches von dem Zeugs is' ja ganz nett; aber die richtig guten Sachen kommen erst noch. Was wir hier und heute machen, wird im späten März auf 'ner MCD veröffentlicht - rechtzeitig zu unserer Tour mit Girls Under Glass! Die gerade gehörten Sachen sind ja vor allem auf Blonders und Myks Mist gewachsen - jetzt wird's Zeit für wirklich amtlich geiles elektronisches Material!" Und so wird deutlich, daß die Stücke, die gerade bearbeitet werden, vor allem Rascal-Material sind. Myk malmt mit den Backenknochen. Ich kneife die Arschbacken zusammen, denn vor meinen Augen scheint sich eine Art Band-Grabenkrieg zu entwickeln, oder treiben sie ein Späßchen mit mir? Rascal schlenzt in den anderen Studioraum. "So. Ich geh' jetzt mal ein bißchen Gitarren-Löschen. Elektronik braucht Transparenz!" Myk zündet sich wieder eine Zigarette an und starrt lächelnd in den Qualm. "Ich bevorzuge atmosphärische Dichte."
Kym Gnuch
www.thefairsex.de


Zillo, April 2002

THE FAIR SEX

Sex, Girls and Agony und das erhabene Glück

 

Es ist nun mehr als eine Dekade ins Land gezogen, seitdem die Ruhrpott Electro-Wave-Rock Formation THE FAIR SEX mit "No Excuse" auf der aller ersten, damals noch "German Mystic Sound Sampler" betitelten Zillo Compilation, vertreten waren. Bereits Mitte der 80iger Jahre wusste die aus Essen stammende Formation mit derben Liveshows und etlichen guten Alben zu überzeugen und spielte sich somit fix an die Speerspitze einer neuen aufkeimenden Wave/Electro-Szene. Leider war Mitte der 90iger Jahre - nach dem letzten offiziellen THE FAIR SEX-Album "Labyrinth" - Schluss mit Lustig. Die Band löste sich auf, und die einzelnen Mitglieder widmeten sich Soloprojekten um neue musikalische Wege auszuloten. Aber wie dem nun mal so ist... Manchmal kehren sie wieder! Mit neuem Elan, neuen Ideen aber altbewährter Qualität melden sich die Herren Fair Sexer nun zurück.

Myk Jung, nach wie vor Sprachrohr der Band, berichtet: "Es ist schon wieder eine Weile her, da wir die Phase der Nicht-Kommunikation zwischen den Bandmitgliedern beendeten, Bier tranken, verlorenen Göttinnen nachtrauerten, und schliesslich jene Menschen bedauerten, die immer noch THE FAIR SEX die Treue hielten, solche, die an die Band glaubten und von glorreichen längst verschwundenen Tagen zu schwärmen beliebten - und presto! - schon beschlossen wir, etwas für jene zu tun. Also her mit der Reunion, selbst wenn es bedeuten sollte, dass wir uns aus den Lethargie-Sesseln erheben mussten."

Erstes Ergebnis dieses neuen kreativen Schubes, war eine inoffizielle 4-Track Promo Maxi-CD die bereits letztes Jahr kursierte. Aber wie sieht es denn nun mit konkreten Plänen für einen neuen offiziellen Release aus? Wie verlief das erste gemeinsame Arbeiten im Team an neuem Material? Myk rollt mit den Augen: "Erstaunlich ist vor allem, dass sich nichts geändert hat. Was ich damit meine, ist folgendes: Die einzelnen Bandmitglieder, ihre Vorlieben, ihre Schwächen, ihre musikalische Ausrichtungen, ihre neuesten Kreativ-Ergüsse, ihre Sprüche, geboren aus vorgegaukelter Coolness - nichts von all dem hat sich wirklich verändert. Daraus resultiert, dass sich das musikalischen Endkonstrukt wohl nicht allzu sehr von der mittleren THE FAIR SEX-Phase entfernen wird - bis auf den Vocoder, natürlich, den wir jetzt für uns entdeckt haben, und, falls uns Sound-Chef Mathias nicht daran hindert, auf jeden Song draufklatschen werden, harr. Und Anleihen an unsere Nebenprojekte wie Testify, Nice Gods Bleed und 1 AM wird es auch geben; tatsächlich vermengen sich die einzelnen Teams. Zu unserer anstehenden Tour wird dann eine Maxi-CD über Endless Records veröffentlicht."

Tour - gutes Stichwort. Zusammen mit den ebenfalls kultigen und ebenso alteingesessenen Kollegen der Girls Under Glass, sowie den niederländischen Future Pop-Newcomern Angels & Agony geht es auf große Deutschlandtour. Eigentlich fehlen in diesem Zusammenhang ja nur noch Invincible Spirit, um das "Alte Helden"-Line Up vollständig zu machen, oder? Myk grinst verschmitzt: "Ja, meiner Treu! Diesen einfallsreichen Vorschlag hättest du den Girls Under Glass machen sollen, auf deren Initiative das ganze Unterfangen zurückgeht. Das epochale Zusammentreffen von den Girls und uns Fair Sexern allerdings, seltsamerweise nie zuvor Realität geworden, erfüllt uns mit großer Vorfreude und Elan. Was wir uns von der Tour erhoffen? Momente erhabenen Glücks, was denn sonst?" Na wenn es sonst nichts ist. Eine weitere Frage die mir unter den Nägeln brannte wäre, wie es neben dem ganz neuen Material auch mit der eventuellen Wiederveröffentlichung des Fair Sex Backcatalogues aussieht? Schliesslich sind viele der alten Alben schon längst nicht mehr erhältlich. "Gute Frage! ", konstatiert Myk, "In der Tat gehe ich davon aus, daß es so einige Re-Releases geben wird. In welchem Umfang genau - entscheidet natürlich die Resonanz auf THE FAIR SEX anno 2002. Wir verlieren den Backkatalog nicht aus den Augen - für den Moment zählt für uns allerdings hauptsächlich das neue Material. Wir schleifen dran."

Na, wenn das nicht mal gute Neuigkeiten sind. Will Herr Jung noch irgendwelche abschliessenden Worte von sich geben, oder gar seine best gehütetsten Wünsche offenbaren? "Die Sammlung erhabener Augenblicke rasant zu vermehren - auf allen erdenklichen Sektoren des Lebens. Nicht unbedingt bescheiden, der Wunsch, wie ich da wohl zugeben muss. Das wär´s!", beschliesst Myk mit süffisantem Unterton unser Gespräch und somit auch diesen Artikel. THE FAIR SEX sind zurück; in diesem Sinne: Prost Mahlzeit!

Thomas Thyssen

Gothicmania, April 2002

THE FAIR SEX

31.03.02 - Labor, Hannover

Interview von www.gothicmania.de

 

Vielen Dank an dieser Stelle an die Jungs von "THE FAIR SEX"

Wie war´s ? Nach fast 10 Jahren wieder auf der Bühne?
War natürlich klasse. Aber 10 Jahre stimmt nicht ganz. Wir waren zwar nicht als THE FAIR SEX auf der Bühne, sind aber weiterhin mit unseren Nebenprojekten aufgetreten. Ganz abstinent waren wir nur fünf Jahre.

Was war der Grund zur Reunion?
Das scheint jetzt angesagt zu sein, einige Bands versuchen es wohl wieder. Auch wenn´s so aussieht, wir wollten nicht auf diesen Zug aufspringen. Unsere Wiederverienigung ist schon seit´99 in Planung. Der ursprüngliche Grund war die Feststellung, dass es in den Plattenläden immer noch Fächer für unsere Alben gibt. Da dachten wir uns, für die Leute, die diese Fächer verteidigten, muß was getan werden.

Ihr habt das Label gewechselt. Wie entstand der Kontakt?
Der Kontakt zu BMG-UFA wurde von unserem alten Label ROOF eingefädelt, was ja recht ungewöhnlich in dem Buisness ist. STARK N ist unser eigener Verlag und Endless Records unser eigenes Label, bei dem auch die Mini CD „ Lost Traces of the Far Side“, der Vorläufer unseres Albums, erschienen ist.

Stichwort: Neues Album. Wann ist es soweit und was haben wir zu erwarten?
Es ist noch viel zu tun für das Album, wir werden eine Menge Zeit im Studio verbringen. Aber bis September werden wir das geschafft haben. Die neuen Stücke werden atmosphärischer, brüchiger aber natürlich klassische FS-Elemente enthalten und tanzbar sein.

Was ist eigentlich aus dem Nebenprojekt Testify geworden? Gibt es noch andere?
Testify ist in den Staaten sehr präsent, dort ist gerade letzte Woche das neue Album
„Triviality beyond Acceptance“ erschienen. Eigentlich war es schon vor einem Jahr fertig, es gab aber leider Vertriebsprobleme. Ob das Album in Deutschland erscheinen wird,
ist noch unklar.
Unser 2-Meter-Mann Rascal hat ´96 ebenfalls ein Side Project ins Leben gerufen. One a.m. ist gut tanzbarer EBM.
Mein persönliches Baby ist Nice Gods Bleed. Das aktuelle Album heißt „Nagel Themes“. Es ist Industrial mit weniger Gitarre als bei Testify und weniger EBM als THE FAIR SEX.


Danke fürs Gespräch!

Schwarze Seiten, April 2002

Festival of Light & Darkness

mit Girls Under Glass, THE FAIR SEX und Drog!
Odeon, Münster (27.03.2002)

In Münster startete das "Festival of Light & Darkness", bei welchem als Headliner die beiden langgedienten Electro-Wave-Bands Girls Under Glass und THE FAIR SEX agieren sollten.
Zwei Bands, die es schon seit Mitte bis Ende der Achtziger Jahre gibt, und welche all die verschiedensten Trends überlebt haben, welche in der Zwischenzeit gekommen und auch wieder verschwunden sind.
Dementsprechend konnte man im längst nicht ausverkauften, wenngleich doch einigermaßen gut besuchten, Odeon nicht allzu viele junge "Szenegänger" antreffen. Schade eigentlich!

Als Support für dieses Konzert war die noch recht junge, von Ronan Harris (VNV Nation) produzierte Future-Pop-Band Angels&Agony angekündigt, welche jedoch nicht auftraten. Stattdessen erklammen Volker Zacharias und Hauke Harms, beide ganz in weiß gekleidet (jedoch ohne Blumenstrauß ;-) ), die Bühne und stellten sich als Drog! vor. Bei Drog! handelt es sich um ein Projekt, welches ehemals Trauma hieß, ein Nebenprojekt von Girls Under Glass also. Klangen Trauma eher atmospärisch und melancholisch, so ist die Musik von Drog! druckvoller, als auch kräftiger und teilweise auch tanzbarer. Die Reaktionen des Publikums waren noch recht verhalten, zumal man bisher noch nicht viel von dem Projekt Drog! gehört hat. Jedoch spielten Volker und Hauke als letztes Lied den bekannten Trauma-Song "Before The Silence", was mich besonders gefreut hat. Ich bin mal auf Studiomaterial von Drog! gespannt.

Nach einer kurzen Umbaupause war es dann soweit, und die Mannen um Frontmann Myk Jung betraten die Bühne. THE FAIR SEX eröffneten ihren Gig auch dementsprechend mit dem Song "Fine, We Are Alive", ein Lied mit aussagekräftigem Symbolcharakter. Unterstützt von dem Testify-Gitarristen Kulff legten TFS ein Feuerwerk an grossartigen Electro-Wave-Klassikern hin, bei dem viele ihrer Hits von fast allen Veröffentlichungen gespielt wurden. Songs wie "ATR", "House Of Unkinds" und "Soulspirit: Antifascism" durften in diesem Set ebenso wenig fehlen wie die wohl bekanntesten Lieder "Not Now, Not Here", vom fantastischen ´92-er Album "Spell Of Joy", und "No Excuse". Und gerade bei diesen Songs kam dann auch vor der Bühne eine tolle Stimmung auf, und einige tanzwütige Gäste liessen ihrem Verlangen freien Lauf.
Dabei muss man auch bedenken, dass es von THE FAIR SEX von 1995 bis zu ihrem letztjährigen Comeback beim WGT nicht allzu viel zu hören und zu sehen gab.
Doch nach dieser langen Wartezeit ist es jetzt endlich soweit, denn in diesen Tagen ist die neue Maxi-CD mit dem Titel "Lost Traces Of The Far Side" erschienen. Von dieser 4-Track-CD spielten TFS in Münster die Songs "Lost Trace" und "The Far Side" und dann noch als Zugabe den Titel "The Palace Of The Bad", welcher schon auf einer Compilation des GOTHIC-Magzines enthalten war und mein heimlicher Favorit auf der CD ist.
Insgesamt war dieser Gig der Essener Band sehr gelungen; der typische THE FAIR SEX-Sound, ausgefeilte Sampling-Elektronik verbunden mit treibenden Rockelementen, wurde auf der Bühne von Rascal, Blonder und Kulff hervorragend erzeugt und von den charismatischen Gestiken von Sänger Myk ausdrucksstark rübergebracht, so dass ich wahrscheinlich nicht der Einzige mit einer Gänsehaut war, und mich schon auf die neue Fulltime-CD, welche im Herbst erscheinen soll, freue.

Nach einer erneuten Umbaupause betraten dann Volker Zacharias, Hauke Harms und Axel Ermes, unterstützt von drei weiteren Musikern, sprich zwei Gitarristen und einem Schlagzeuger, die Bühne , und die Reihen davor füllten sich erneut, um den Auftritt von Girls Under Glass zu geniessen.
GUG eröffneten ihren Gig mit einem Song von der letztjährig erschiedenen CD "Minddiver": "As Time Goes By".
Der Auftritt von Girls Under Glass beinhaltete sehr viele Höhepunkte ihrer bisher 16-jährigen Karriere. Unter den gespielten Songs waren "If This Is The Place" und das verträumte "Wings" von der im Jahre 1999 erschiedenen CD "Equilibrium", das melancholische "When I Think About You" und das straight rockige "Inside Out", beide von dem Album "Christus" aus dem Jahr 1993.
Auch die Songs "The Bitter End", von dem von der Presse doch eher kritisch beäugten Album "Firewalker", und einen ihren schon älteren Klassiker "Lucky" wurden von den sechs Musikern in Münster dargeboten.
Zum Ende des Gigs wurden dann wieder Songs von der neuesten CD "Minddiver" gespielt; so waren die letzten drei Songs "Du bist das Licht", "Erinnerung", welcher jetzt als zweite Single aus "Minddiver" erschienen ist, und die Madonna-Coverversion von "Frozen".
Als Zugaben spielten GUG noch das ergreifend romantische "Reach For The Stars" und als letzten Song "Never Go".
Auch der Girls Under Glass-Auftritt war insgesamt sehr überzeugend und professionell. Ihre langjährige Bühnenerfahrung merkte man den Musikern an, auch wenn bei einem Song zu Beginn der Sampler abstürzte. Aber solche Zwischenfälle technischer Natur sind verzeihbar und nie auszuschliessen.

Die Kombination dieser beiden deutschen Kult-Bands in einer Clubtournee zu präsentieren ist sehr begrüssenswert und sollten diese Bands mal in eurer Nähe spielen, kann ich nur empfehlen:
Hingehen!

anaconda

 

Konzi-Tip, 5. April 2002

Interview mit THE FAIR SEX

05.04.2002

Lindenpark, Potsdam




Auch Myk Jung stellte sich unseren Fragen. Lest, was er uns zu berichten wusste.


konzi-tip: Leider habt uns eure neue EP vor dem heutigen Auftritt nicht mehr erreicht. Wir haben aber heute Abend zwei Lieder davon gehört...
Myk:Das dritte hättet ihr auch gehört, wenn die Leute eine Zugabe gefordert hätten. Da hatten wir das Dritte eingeplant.

konzi-tip: Kann man denn ein richtiges Album von euch erwarten?
Myk: Ja kann man, im September. Im September soll das neue Fair Sex Album fertig sein und es wird wahrscheinlich TFS heißen.

konzi-tip: Kann man die EP also als einen Vorreiter, als eine Art Goddie ansehen, bis es fertig ist?
Myk: In der Tat. So kann man es sehen. Und natürlich wie so oft ein Feature der Maxis. Es sind Durchknallstücke oder durchlaufende Stücke, Basedrum betont. Wobei beim man beim Album auch mehr Atmosphärisches erwarten darf.

konzi-tip: In wie fern sind die Stücke auf der EP denn repräsentative für das Album?
Myk: Es ist schon eben auf der einen Seite repräsentativ. Es werden nicht die einzigen Nummern sein, da gibt's noch weitere die dann auch so durchknallen, aber es wird mehr Atmosphärisches dabei sein.

konzi-tip: Und in wie fern wird es sich von den älteren THE FAIR SEX Alben unterscheiden? Ist es wieder der bekannte "THE FAIR SEX Sound" oder wird es eher gitarrenlastiger oder elektronischer werden?
Myk: Erwarten kann man schon das es Reminiszenzen an die alten Zeiten geben wird, wie eben auch auf der MCD, wie du hören wirst, aber ich hoffe, ich denke schon neue Aspekte. Warten wir es einfach mal ab ob es mehr gitarrenlastig, ob es elektronischer wird? Nein, ich denke es wird die TFS Mischung sein.

konzi-tip: Plant ihr dann auch wieder eine eigene Headliner-Tour nach der Veröffentlichung?
Myk: Also eigentlich ist unser Plan, im September einige Zeit auf Tour zu gehen.

konzi-tip: Und werdet ihr auch einige Festivals spielen?
Myk: Es gibt da zwei, drei Festivals mit denen wir im Gespräch sind und ich hoffe das zumindest die Gespräche mit dem M'era Luna schon soweit sind, dass es funktionieren wird.

konzi-tip: Was spielst du persönlich denn lieber, Festivals oder Clubs? Und warum?
Myk: Jetzt könnte ich natürlich mit dem Standart antworten, die Mischung aus beiden, das ist wunderbar, mal in der Halle mal draußen. Das ist auch bestimmt wunderbar und schön wenn man draußen spielt.

konzi-tip: Mir ist aufgefallen, dass es keine Alben mehr von euch zu kaufen gibt. Wie kommt das?
Myk: Also das liegt daran, dass in der Tat, ich glaube inzwischen alle oder fast alle THE FAIR SEX Alben eingestellt worden sind. Die gibt es nicht mehr.

konzi-tip: Und warum? War da keine Nachfrage mehr da?
Myk: Ja natürlich, ja klar. Also spätestens 1995 war ja schon der Knick, da haben wir uns ja auch aufgelöst und es gab noch Jahre lang auch bei Last Chance oder Our Choice schon noch TFS Alben aber jetzt in 2000/2001 die letzten ausgelaufen. Es gibt also keine mehr. Nur noch in unserem Archivschrank und vorne am Merchendising Stand. Und in der Tat, wenn es einigermaßen klappt mit der Reunion und dem Comeback, dann sind Re-Releases geplant. Wobei man noch nicht weiß, wie die Re-Releases aussehen. Es kann so sein, dass 2 Alben auf einem rauskommen, aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich nicht dazu tendieren jedes Album für sich noch mal rauszubringen. Aber das weiß man noch nicht...
Aber ich denke und hoffe das dieses Material nicht für immer verschwunden bleibt und wieder auftauchen wird.

konzi-tip: Ihr werdet aber sicherlich auch neue Fans mit dem neuen Material dazugewinnen, einfach jüngere Leute, die euch noch gar nicht kennen konnte.
Myk: Doch ich hoffe die werden in die Welt zurückkehren, das würde mich auch schon ziemlich verdrießen, wenn alles für immer verschwunden bleibt.

konzi-tip: War es eigentlich immer so "voll" wie heute im Lindenpark?
Myk: Nein, also heute war glaube ich schon der Minusrekord. Es war von Anfang an schwer einzuschätzen wie unsere Bands gemeinsam zu werten sind, aber es war eine sehr schöne Tour. Klar hat man immer mal ein paar Orte in denen es nicht funktioniert, Hamburg war zum Beispiel so ein Fall, aber das waren eher die Ausnahmen.

Darkbeat, Juni 2002

THE FAIR SEX

Anlässlich Ihrer neuen Comeback CD " Lost Traces of the Far Side" hatten wir die Gelegenheit, mit Myk Jung von THE FAIR SEX ein interessantes Interview zu führen.

 

DarkBeat: Euer letztes Album " Labyrinth" war auch zugleich das letzte von THE FAIR SEX gewesen.Wie ist es zum Bruch der Band gekommen ?


Myk: Schon zum Zeitpunkt der "Labyrinth"-Produktion 94/ 95 war das Bandgefüge mehr als brüchig geworden. Gitarrist Lo war nicht mehr am Entstehungsprozeßdieses Albums beteiligt, und Blonder (keyboards) verabschiedete sich während der Aufnahmen. Nach über zehn Jahren THE FAIR SEX war etwas entstanden, was bestimmt nicht unüblich ist: Die Bandmitglieder brauchten Abstand voneinander; sie kannten einander inzwischen so gut, daß jeder schon im Vorfeld ahnte oder wußte, wie ein anderer von uns in einer bestimmten Situation reagieren würde meistens in Diskordanz zu den anderen. Eine Stimmung voller Gereiztheit. 1995 haben noch Rascal und Myk, mit Gastmusikern, eine Tour unternommen. Da "Labyrinth" kein großer Erfolg beschieden war, schickten wir THE FAIR SEX im Winter 95/96 in eine längere Kaffepause. Nach dem Ende von THE FAIR SEX haben sich einzelene Mitglieder neuen Projekten gewidmet. U.a gab es da das Projekt "Testify" als legitimer Nachfolger von THE FAIR SEX. Wie das Leben aber so ist, kam es nun 2002 zu einer Reunion.

DarkBeat: Was war letzlich der Funke der THE FAIR SEX wieder aufleben liess ? Wie habt Ihr wieder zueinander gefunden ?


Myk: Ab 1996 gab es in der Tat verstärkte Arbeit an den Seitenprojekten,von denen Testify das kontinuierlichste ist, obgleich die meisten Testify-Veröffentlichungen lediglich in den USA erschienen sind. THE FAIR SEX hingegen, "Mutterschiff" all unserer musikalischen Tätigkeiten, war natürlich nicht vollkommen aus unseren Köpfen gewichen. Schon Anfang 1999 waren sich die ehemaligen Fair Sexer wieder so nahegekommen, daß während einer ausufernden Sauf-Nacht die Reunion geplant wurde. Die ersten Demos entstanden schon kurze Zeit später, wurden aber erstmal auf Eis gelegt. Aus vertraglichen Gründen mußten zunächst noch ein paar Seitenprojekte angegangen werden - so zum Beispiel hatten Testify noch ein Album für die USA abzuliefern. Jetzt aber konzentrieren wir uns auf TFS.

DarkBeat: Mit eurer neuen Maxi CD " Lost Traces of the Far Side" ist euch ja ein beachtlicher Wurf gelungen. Überall in diversen Magazinen (auch bei uns) wurden der CD gute Noten gegeben. Inwieweit kann man vom Sound der Maxi CD schon Rückschlüsse auf das kommende Album ziehen ?

Myk: Zumeist, und so ist es auch in diesem Fall, repräsentiert eine Maxi CD ja lediglich einen Teilaspekt des musikalischen Gesamtkonzepts. Eine Maxi ist ja sozusagen von Hause aus dafür prädestiniert, vor allem bassdrum-bestimmte, straighte, tanzflächentaugliche Songs vorzustellen. Und von solchen wird es auf dem Album noch ein paar weitere geben. Darüberhinaus aber werden THE FAIR SEX eine größere Palette an Vielfalt präsentieren. Neben super-langsamen, atmospärischen, balladesken Titeln wird es Collagenhaftes geben, und hier und da wird auch mal eine rauhere, Richtung Testify gehende Gangart eingeschlagen.
DarkBeat: Es war doch nach der Reunion bestimmt nicht einfach, wieder gemeinsam neues Material zu komponieren ?

Myk: Es gab Momente, in denen das gemeinsame Komponieren ohne Schwierigkeiten funktionierte. Vor allem jene legendäre Proberaum-Session ist herauszuheben, während der die Songs mit den Arbeitstiteln "KAB" und "IOG" entstanden. Wenn ich mir allerdings die aktuelle Auswahl an Stücken anschaue, so muß ich feststellen, daß vor allem solche Titel vertreten sind, die ein einzelner von uns begonnen hatte, bevor sie vom Gesamtteam weiter vorangetrieben worden sind. Die von der Grundidee gemeinsam erstellten Titel sind momentan vor allem im Pool für zukünftige Veröffentlichungen.

DarkBeat: Habt Ihr für das kommende neue Album schon einen konkreten VÖ-Termin sowie einen Namen ?

Myk: Das Album wird wohl schlicht "TFS" heißen, und es soll am 24. August veröffentlicht werden. Das setzt uns enorm unter Zeitdruck. Wir haben heute den 27. Juni, und im Laufe der nächsten Wochen werden wir erst den Großteil des Materials abmischen. Und obendrein steht die letzte Nummer noch nicht fest. Da werden wir uns wohl im Laufe der nächsten Tage entscheiden müssen. Es gibt mehrere Kandidaten, weil vor allem Rascal in einer Blütephase frischer Kreativität ist. Der kommt doch tatsächlich alle paar Tage mit einer neuen Skizze an und fragt: "Haben wir noch Platz auf dem Album?"

DarkBeat: Alte VÖ´s von euch sind heute nur noch auf " CD & Schallplatten Börsen" zu zum Teil horrenden Preisen erhältlich. Ist es von euch evtl. angedacht, diese Alben wieder neu zu veröffentlichen ?

Myk: Genau solches haben wir vor. Entweder die ursprünglichen Albenwiederzuver- öffentlichen, oder Zusammenstellungen mehrerer Platten.Das scheint momentan die näherliegende Variante. Denn sechs Alben wieder herauszubringen, wird wohl doch ein paar Grenzen sprengen. Mometan jedoch zählt in unseren Köpfen allein das neue Album.

DarkBeat: Ihr seit ja auf einer kleinen Clubtour mit Girls under Glass gewesen. Wart Ihr mit dem Verlauf der Tour zufrieden ?

Myk: Kurz vor dieser Tour mußten aus persönlichen Gründen "Angels And Agony" absagen, und die dritte Band auf dieser Tour waren Nchor. Ich möchte sagen, daß es eine jetzt schon legendäre Tour war, zumindest für uns. Absolut großartige Momente gab´s. Eine tolle Zusammenarbeit mit Girls Under Glass. Wahrscheinlich wird es demnächst Hochzeiten zwischen TFS-und GUG-Mitgliedern geben, wie´s aussieht.

DarkBeat: Was war das eigentlich für ein Gefühl für euch, nach so langer Zeit wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen ?

Myk: Auf dem WGT 2001 hatten wir zum erstenmal wieder dieses Gefühl; und es war atemberaubend. Und solches wiederholte sich zum Glück auf unserer April-Tour noch einige Male. Wirklich großartige Augenblicke. Dieses Gefühl hat uns zu weiterem motiviert.

DarkBeat: Wird es nach dem erscheien der neuen CD auch eine dazugehörige Tour geben ?

Myk: Im September wird eine weitere package-Tour erfolgen: Und diesmal werden Invincible Spirit mit an Bord sein, und Psyche. Verspricht der
Ober-Hammer zu werden.

DarkBeat: Euch danken wir für das Interview und wünschen euch für euer Comeback alles Gute !

Myk: Ebenfalls vielen Dank, und liebe Grüße

Interview geführt von Martin / DarkBeat E-Zine

Dark Obsession, Juni 2002

THE FAIR SEX

Ich war freudig überrascht als ich die neue MCD "Lost Traces of the Far Side" von THE FAIR SEX in meinem Briefkasten fand. Eine der Bands meiner schwarzen Anfangszeit meldet sich wieder zurück. Das alleine wäre schon ein Grund gewesen sich mit dem Frontmann der TFS zu unterhalten, aber die MCD hat mich auch musikalisch überzeugt und das ist ein viel schönerer Grund.

D.O.: Was habt Ihr seid Eurer letzten Veröffentlichung gemacht?
Myk: Seit dem 1995er-"Labyrinth"-Album, welches die letzte TFS-Veröffentlichung in Deutschland war, haben wir uns vor allem um die Seitenprojekte Testify, 1 AM, Nice Gods Bleed und Warm gekümmert. Testify, unser Ableger des Amtlichen Industrial Metal, hatte vor allem in den Staaten regelmäßige Veröffentlichungen, zur Zeit mit dem aktuellen Album "Triviality Beyond Acceptance". Von einigen dieser Seitenprojekte gibt es darüber hinaus noch bislang unveröffentlichte Werke, die vielleicht eines Tages das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. THE FAIR SEX hingegen trat im Winter 95/96 eine mehrjährige Kaffepause an, die allerdings schon im späten 1999 beendet wurde; seitdem arbeiten wir an neuem Material und, wie man sieht, voller Sorgfalt und Akribie: weswegen wir auch ein wenig hinter unserem ursprünglichen Zeitplan sind.

D.O.: Was könnt Ihr mir zu der MCD "Lost Traces of the Far Side" erzählen?
Myk: Der erste MCD-Release seit sieben Jahren. Von den 1999/2000 entstandenen Titeln ist für diese MCD lediglich "The Palace Of The Bad" übriggeblieben. "Lost Trace" und "The Far Side" sind brandneue Stücke, denen wir in letzter Minute den Vorzug vor anderem Material gegeben haben. Vor allem "Lost Trace" schien uns innerhalb des TFS-Konzepts ziemlich outstanding und auffällig, weswegen wir unser Hauptaugenmerk auf diesen Track lenkten.

D.O.: Mit dem letzten Track "The Palace of the Bad" knüpft ihr an den
Klassiker "The House of Unkinds" an. Stellt dieser Song eine Verbindung zwischen den "alten" THE FAIR SEX und den "neuen" dar?
Myk: Man mag es so deuten. Dieser Titel ist so etwas wie eine augenzwinkernde Hommage an "The House Of Unkinds", das wiederum, wie kaum jemand bemerkte, eine TFS-Verbeugung vor dem Skinny Puppy-Klassiker "Assimilate" war (auf dem 95er-Live-Album fällt´s allerdings deutlich ins Ohr). Als, aus lauterem Zufall, die Synth-Sequenz von "Palace" entstanden war, hatte ich sofort eine Remake von The House Of Unkinds vor Augen, und siehe! - kaum drei Jahre später wird es veröffentlicht.

D.O.: Wie wird das neue Album heißen und was erwartet uns?
Myk: Das neue Album wird wohl schlicht "TFS" heißen, wenn es bei unseren Plänen bleibt, wovon man allerdings nicht immer mit Sicherheit ausgehen kann. Denn plötzlich mag da ein Titel in unseren Köpfen auftauchen, der uns nicht mehr losläßt. Das Album wird, so denke ich, eine größere Bandbreite zwischen EBM-Dancefloor-Knallern und ruhigen, atmosphärischen, zuweilen collagenhaften Titeln aufweisen. Es soll Anfang September erscheinen und die Haupt-Aufnahme-Session wird im Juni stattfinden. Bin selber gespannt, wie das Zeug wird. Wir fühlen einen mächtigen Drang, jetzt richtig loszulegen.

D.O.: Werdet ihr eure neuen Songs auch live vorstellen? Ist eine Tour schon
geplant?
Myk: Im Sommer werden wohl einige Einzel-Gigs angegangen. Darüberhinaus
planen wir gerade eine Tour, die im September stattfinden wird. Wir werden die neuen Songs allerdings nicht live vorstellen. Harr, kleiner Scherz, tschuldigung. Das Programm im September wird wohl eine ausgewogene Mischung zwischen alten TFS-Klassikern und Titeln des neuen Albums darstellen. So zumindest sieht es unsere bisherige Planung vor.

D.O.: Wie seht ihr die Entwicklung der Szene von eurem bisherigen Höhepunkt Anfang der 90iger bis heute?
Myk: Ich finde die Formulierung sehr schön, die mit dem "bisherigen". In der Tat stellen wohl die Jahre 89-92 den TFS-Höhepunkt, den bisherigen, dar, wie Band-interne Historiker immer wieder anführen. Zuweilen scheint es uns ein endlos langer Weg, von jenen Tagen bis ins Heute. Manchmal hingegen kommt´s uns so vor, als wär´s gestern gewesen. Na gut, vorgestern. Ich denke, dass folgendes ein unglaublich erstaunliches Szene-Merkmal ist: Die Innersten Werte, die Visionen, die Einstellung, das Äußere Erscheinungsbild, wie auch die grundlegende Überzeugung, hat sich die Schwarze Szene beibehalten. Sie ist ihren Idealen treu geblieben, wie man´s pathetisch ausdrücken könnte. Eine ureigene Kraft hält sie seit vielen Jahren zusammen, und sie ist gewachsen. Wir freuen uns darauf, ihr wieder öfter zu begegnen.

D.O.: Letzte Worte?
Myk: Die ureigene Philosophie von THE FAIR SEX hingegen, wenn ich mal kurz darauf eingehen darf, ist so etwas wie die Ideologie des Schwarzen Rächers, der... ach nein, ich werd´ es schaffen, mir das zu verkneifen. Eine zuweilen von mir überstrapazierte Thematik, die ich mir für´s Jahr 2004 aufhebe, wenn ich sie wieder rauskrame.

D.O.: Danke für das Interview.

Dark Obession / Dirk Niederkleine

Sonic Seducer, Juli/August 2002

THE FAIR SEX

Future Retro


Als die 1995 offiziell aufgelösten THE FAIR SEX auf dem letztjährigen WGT noch mal zur Reunion antraten, war dies eigentlich als einmaliges Ereignis angedacht, wäre Basser Rascal nicht am Morgen danach mit dieser Melodie im Ohr aufgewacht. Noch voller Enthusiasmus hielt er diese noch vor dem Gang zum Frühstücksbüffet auf seinem Handy fest. Der Rest von dem, was später "Lost Trace" werden sollte, ergab sich fast von selbst. Die Melodie hat mittlerweile den Weg vom Handy in den CD-Player ohne Transportschäden überstanden und läutet das Album-Comeback der Essener im September ein.


"Wir werden die Welt vom Weiberelectro erlösen!" So lapidar deckt Sänger Myk Jung, von seiner am Abend vorher abgeschlossenen Lesetour seiner Fantasy-Satire "Der Herr der Ohrringe" noch sichtbar in den Seilen hängend, die wahren Hintergründe der Fair Sex-Reunion auf. Ein nobler Vorsatz, den sich die in die Jahre gekommenen Jungs anläßlich eines Postings auf ihrer Website thefairsex.de gemacht haben, und der jetzt mit Erscheinen ihrer neuen EP "Lost Traces Of The Far Side" in die Tat umgesetzt wird.
Diese erscheint diesen Monat auf dem hauseigenen Label Endless Records mit Vertrieb über EFA. Die Frage, ob die Labelgründung das Resultat daraus ist, daß niemand das neue Material veröffentlichen wollte, kann der äußerlich scheinbar nicht gealterte Frontmann jedoch mit gutem Gewissen verneinen. "Um ehrlich zu sein, haben wir es gar nicht richtig versucht. Wir wollten nicht lange herumhampeln, sondern einfach die neuen Sachen veröffentlichen. Und weil wir schnell sein wollen, werden wir an dieser Konstellation im Moment auch nichts ändern. Ob es im nächsten Jahr immer noch so ist, weiß ich jetzt auch noch nicht. Wenn irgendein Label anklopft, dann schauen wir mal."
Musikalisch haben TFS einen interessanten Weg eingeschlagen, den man in Anlehnung an die Retrofuture-Version von "The Far Side" am besten mit dem Terminus "Future Retro" umschreiben kann. So greift das neue Material gekonnt die Ansätze des bisherigen Schaffens der Essener auf, um sie sowohl kompositorisch als auch in Arrangement und Produktion in die Gegenwart zu transportieren und sie zu einer Vision dessen zu entwickeln, wie sich der Retrosound der Zukunft anhören könnte. Einen Teil der Schuld an diesem Kreativprozeß trägt sicherlich die Aufrüstung des TFS-Equipmentpark um einen iMac, der zumindest in Rascals Herz schnell einen Platz gefunden hat. Myk hingegen schwört weiterhin auf seinen Atari, auch wenn er eingestehen muß, "daß wir die neuen Songs ohne Absynth niemals fertiggekriegt hätten."
Vorerst bleibt es abzuwarten, was die Fair Sexer uns im Spätsommer präsentieren, eins ist aber sicher, die Motivation innerhalb der Band ist so hoch wie dereinst in ihrer Blütephase, geschürt von den überraschend guten Resonanzen auf die letzen Shows. So wurde das Heimspiel der jüngsten Tour der Essener, der Gig im Bochumer Zwischenfall, wider Erwarten seitens der Band zu einem der ultimativen Highlights des gemeinsamen Roadtrips mit Girls Under Glass, der bislang letzten Etappe in TFS' ewigwährender Reise mit der "angepeilten Vision, erhabene Momente des Glücks zu sammeln". Aber spätestens mit dem neuen Album geht auch diese weiter.
Pee Wee Vignold

Sonic Seducer, September 2002

THE FAIR SEX

Zurück in die Zukunft

Was lange währt, wird endlich gut. Etwas mehr als ein Jahr nach ihrem überraschenden wie umjubelten Comeback auf dem Wave Gotik Treffen 2001 haben die Essener Electro-Pioniere THE FAIR SEX nun endlich ihr neues Album im Anschlag. Der einprägsam kurze Titel ist dabei Programm: "TFS" ist die Fortsetzung, aber auch ein Neuanfang, eine Bestandsaufnahme und gleichzeitig eine Rundumerneuerung, mit der sich die gerne als Urgestein bezeichnete Formation im 21. Jahrhundert neu definiert. Und vielleicht haben TFS sogar mit "TFS" ihr bislang bestes Album nachgeschoben. Der uralte Frontmann Myk Jung war so freundlich, auf dem Rückweg vom Masterstudio noch auf eine Hörprobe und ein paar erklärende Worte vorbeizuschauen.

Nachdem es um die ersten der um die Jahrtausendwende wiederbelebten Kult-Kapellen fast schon wieder verdächtig still geworden ist - siehe The Human League - scheint der zweite Frühling der Fair Sexer unter einem relativ guten Stern zu stehen. Die jüngste Tour mit den Girls Under Glass kann als voller Erfolg verbucht werden, und auch die durchweg gute Resonanz auf die Vorabauskopplung "Lost Traces From The Far Side" deutete bereits darauf hin, daß THE FAIR SEX derzeit wieder gut im Kurs stehen, nachdem der Name in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre schon zusehends in Vergessenheit zu geraten drohte.

Während dieser Zeit stellte Frontmann Myk mit seinen Projekten Nice Gods Bleed und Testify das eine oder andere Album fertig, die Veröffentlichung dieser sollte jedoch zumindest hierzulande zum Problem werden. Bis heute ist das Interesse der hiesigen Labels eher mäßig, und das obwohl zumindest der herbe Industrial Metal von Testify sich in den Staaten einiger Beliebtheit erfreut.

Alles in allem jedoch kann man nicht von einem Anknüpfen an die alten Erfolge von THE FAIR SEX sprechen, und irgendwann stand sozusagen die Idee vor der Tür, die nach dem 1995er Album "Labyrinths" aufgrund zunehmender persönlicher Differenzen der Musiker aufgelöste Band wieder zusammenzuführen. "1999 haben wir uns das erste Mal wieder alle zusammengesetzt, gesoffen, und geplant, wieder was zu machen", blickt der von den zahlreichen ausufernden Studioaufenthalten in den letzten paar Tagen sichtbar etwas ausgelaugte Sänger und Schriftsteller mit dem seit den Mid-Eighties scheinbar nicht mehr gealterten Äußeren schmunzelnd zurück: "Uns taten die dahinsiechenden Fair Sex-Fächer in den Plattenläden leid. Es gab tatsächlich noch Läden, in denen es ein vollkommen leeres oder mit einer CD bestücktes THE FAIR SEX-Fach gab, und wir haben uns dann vorgestellt, wie irgendein Indie-Angestellter dieses Fach wahrscheinlich schon seit Jahren vor seinem Vorgesetzten verteidigt. Da haben wir uns gedacht, wir müssen was für diese Leute tun."
Bis zum ersten gemeinsamen Konzert nach dem Split sollte es trotzdem noch zwei Jahre dauern, nach dem Konzert hat der bandinterne Motivationspegel jedoch quasi über Nacht das Maximum erreicht und sich dort bis zur Fertigstellung des gut ein Jahr lang in Arbeit befindlichen Comeback-Albums aufgehalten.
Das Ergebnis spricht für sich - "TFS" besinnt sich auf die ursprünglichen Stärken der Band, die sich schon in ihrer ersten Schaffensphase zu keiner Zeit so richtig einordnen lassen wollte und mit Fug und Recht von sich behaupten kann, schon Pionierleistungen im Genre elektronisch basierter Musik mit rockorientierten Gitarreneinsätzen vollbracht zu haben, als der Begriff "Crossover" noch eine Jazzspielart bezeichnete. Und während die Technik von damals mittlerweile überholt ist und auch im Hause TFS der Atari mittlerweile einer Macintosh-basierten Digital-Audio-Workstation mit der ganzen Batterie einschlägiger Software-Synths und Plug-Ins gewichen ist, sind die Aufgabenverteilung innerhalb der Band und die Arbeitsweisen an sich die selben geblieben und ähneln nun wieder mehr der vertrauten Eingespieltheit, die den vieren vor ihrem Bruch zueigen war.
"Ich habe den Eindruck, daß die Werte, für die jeder einzelne von uns mal gestanden hat, immer noch die selben sind, genau wie die kreativen Parts, die Konstrukte, die von den Einzelnen beigesteuert werden."
Das Vertrauen in die Stärken des Einzelnen hat der Musik nur gutgetan - "TFS" zeichnet sich jedenfalls durch zwei Attribute aus, die auf ein Album mit hohem Potential schließen lassen: Facettenreichtum und Zeitlosigkeit. Ein weiteres Merkmal ist die dezente Detailverliebtheit der Arrangements, die nie zu überladen wirkt, aber ständig aufs neue für Überraschungen sorgt. Die Spanne der Songs reicht von Electro-Crossover wie dem Albumopener oder dem äußerst clubtauglichen "Failed Desaster" bis hin zu dem doomigen, sich sperrig dahinschleppenden "Cold Heat Enclosed In Stones", das die Band von einer neuen, aber nicht uninteressanten Seite zeigt und dem Hörer schon ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit abverlangt.
Mit ihrem neuen Album haben die Essener sich auf jeden Fall eine solide Basis für ihren Neubeginn geschaffen und alles in der Hand, um eventuelle Vorwürfe einer "One For The Money"-Reunion als vollkommen haltlos zu entkräften. Trotzdem ist man sich schon bewußt, durch den relativ unglücklichen Zeitpunkt des damaligen Bandsplits so ziemlich um Haaresbreite den Beginn der Ära verpaßt zu haben, in dem es Bands aus der Schwarzen Ecke erstmalig gelang, Einzug in die Media Control Charts zu halten.
Für Myk gibt es da aber nichts zu bereuen, da seinerzeit einfach schon zu viele Spannungen in der Luft lagen, um die Band konsequent zum Erfolg führen zu können. "So etwas kann man nicht forcieren, das ist die Bandentwicklung, und zu einem gewissen Zeitpunkt war die Band einfach ausgelaugt und brauchte erst mal Ruhe. Das war schon vor der ‚Labyrinths' mal so, '93/94 haben wir bereits eine Auszeit eingelegt. Der Bandmotor brauchte diese Auszeit, und da brauche ich jetzt gar nicht weiter zu lamentieren."
Warum auch. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Pee Wee Vignold

Wrath, September 2002

Invincible Spirit / THE FAIR SEX

special guest: Roter Sand

(Zapfendorf, Top Act, 13.09.2002)

 

Die Idee, im Internet darüber abstimmen zu lassen, wer Headliner dieser Tour wird, ist ja schon mal ziemlich genial. In unserem Falle waren dies THE FAIR SEX, wobei mir beide Fälle recht gewesen wären - ich hätte mich auch schwer getan, mein Votum für eine der beiden Bands abzugeben!

Das Top Act in Zapfendorf, wohl eine der ulkigsten Locations der Scharzen Szene, war an diesem Aben leider nur mittelprächtig gefüllt. Woher das kam, ist nicht so ganz klar - Freitag, der 13., vielleicht waren da ein paar Szenegänger abergläubig? Wer weiß das schon, auf jeden Fall habe die Abwesenden etwas verpasst!
Den Einstieg machten als Anheizer Roter Sand, ein Fair Sex Spinoff, bestehend aus Rasc und Gun. Ihr abwechslungsreicher Sound aus elektronischen Elementen und Gitarre wird nicht zuletzt durch Rascals Stimme betont, die irgendwo zwischen Heppner und Ronan Harris liegt. Besonders gut gefielen der Opener mit einem Wechsel aus harten und eher langsamen Passagen als auch der zweite Song, der stark FuturePop orientiert war. Ein Mehr an eigenem Profil wäre für die Zukunft noch zu wünschen, aber nicht zuletzt durch Rascals energiegeladene Bühnenshow waren Roter Sand ein schöner Einstieg für den Abend.
Nach einer erfreulich kurzen Umbaupause traten Invincible Spirit auf die Bühne, von denen ich bis dato gar nicht wußte, dass es sie überhaupt noch gibt, obwohl sie anscheinend nie weg waren - was Thomas an diesem Abend auch eindrucksvoll unter Beweis stellte. Inhaltlich wurde alles, aber auch wirklich alles geboten, was man von dem Auftritt erwartete: der Mega-Clubhit "Push!" ebenso wie die Klassiker "Love is a kind of mystery", "Devil dance", "Contact", "Saveheads" und und und... kurzgesagt, es war ein All-Hits-Set, erfreulicherweise mit adäquater Umsetzung. Live nicht nur elektronisch - wie ich erwartet hatte - sondern mit Live-Drums und Gitarre kamen die Songs gleich noch mal so druckvoll rüber und überzeugten auf voller Länge. Besonders "Push!" profitierte von ordentlich nach vorne powernden Gitarren und machte so - trotz des "1000mal-gehört"-Faktors - richtig Spaß.

Der Sound des Konzerts war präzise und so konnte man hören, wo ein Gutteil der heutigen Electro-Bands ihre Wurzeln haben... Invincible Spirit waren sicher eine der einflussreichsten deutschen EBM-Bands der 80er und konnten zeigen, dass sie nichts von ihrem Handwerk verlernt haben. Viele nostalgische Momente hatte ich während des Auftrittes, da es doch einige Jahre her ist seit ich manche der Songs das letzte Mal gehört habe - und feststellen muss, dass sie sich immer noch so aktuell wie früher anhören. Das müssen die Epigonen erst mal schaffen... Der Headliner dieses Abends waren dann wie schon erwähnt Fair Sex, die ja auch ihr neues Album "TFS" mit im Gepäck hatten. Dementsprechend gab es natürlich viele Songs von "TFS" (z.B. "Get out of my head", "Lost trace", "The now and here" und natürlich den Reißer "Palace of the Bad"), gut durchgemischt mit alten Fair Sex-Songs aus den letzten 15 Jahren. Energie geladen wurde den Fans geboten, was sie erwarteten: angefangen von den frühen Kuthits "You're the pain that no-one knows" (was mich persönlich besonders freute) und "House of Unkinds" über "Alaska" und "Soulspirit" bis hin zu "Cyberbite" vom letzten offiziellen Fair Sex-Album "Labyrinth". Die Songs des neuen Albums, die ja auch teils ironische Reminiszenzen an das eine oder andere ältere TFS-Lied beinhalten, fügten sich nahtlos in die früheren Werke ein (bzw. umgekehrt), so dass man durchgängig seinen Spass haben konnte. Leider war der Sound ein wenig breiig, und die Oberfranken - nun ja, halt fränkisch - aber dennoch lieferten die Fair Sexer ein erstklassiges Konzert ab, das einfach Spaß machte.


Alles in allem war es ein gelungener Abend mit vielen schönen Erinnerungen an früher, aber auch dem Beweis dass diese Musik auch heute noch aktuell sein kann. Gute Musik, tolle Live-Umsetzung, was will man mehr? Das nächste Mal mehr und engagiertere Zuschauer - aber das bekommt man wohl eher im Ruhrpott als in Zapfendorf. Trotzdem eines meiner Konzert-Highlights dieses Jahr...! Interview folgt.
AJR

Amboss, September 2002

Invincible Spirit + THE FAIR SEX + Psyche + Rotersand

Bochum, Zwischenfall 06.09.02


Eine einzigartige Zusammenstellung von Bands, welche, teils mit Unterbrechungen, bereits seit über 15 Jahren die deutsche Underground Szenerie beeinflussen. Als erstes hieß es aber, einen Newcomer willkommen zu heißen. Die Band des Fair Sex Bassisten und Background Sängers ROTERSAND überzeugte mit melodischem Synthie Pop, der auch mal härtere, technische Töne und hammernde Beats auffahren lies. Mittendrin aber einen sehr getragenen, fast komplett akustischen Song zum besten gab. Betörender Gesang und das Gefühl für eingängige Melodiebögen prägten den Auftritt.

Danach betrat das Duo PSYCHE die Bühne und reihte Hit an Hit. Der fast immer gut gelaunte Darrin überzeugte durch eingängige Gesangslinien, während sein kongenialer Partner die technoiden Soundstrukturen in ein poppiges Gewand packte. Teilweise vollführte man eine Reise in die tiefste Vergangenheit, wobei besonders das druckvolle "prisoner to desire" herausstach. Sänger Darrin besitzt die romantische Ader eines Marc Almond und so war auch das perfekt inszenierte Cover von Soft Cell "sex dwarf" keine Überraschung. Aber auch die ruhigen fast balladesken Songs wie das elegische "goodbye Horses" gehörte zum Programm. Neue Songs wie der Opener "unbreakable" oder das romantisch, verträumte "sanctuary" wurden vom etwas mau gefüllten Fall ebenso enthusiastisch abgefeiert, wie das als Zugabe dargebotene "the Outsider" vom 88er Album "misery Hotel". Elektro Pop mit Hingabe, Gefühl und einer ganzen Menge Spaß wurde dem Publikum geboten. Der fast totale Verzicht auf visuelle Merkmale ließ alleine das Gehör inspirieren.

Dann war es Zeit eine Wiederauferstehung zu feiern. THE FAIR SEX gaben sich, fast in Original Besetzung die Ehre. Der Beginn mit "shelter" war noch dezent, aber spätestens bei "Alaska" von 91 gab es für die Fans kein Halten mehr. Die Band gab ein Beispiel dafür, wie düstere Eektronik heute klingen kann. Neben neuen Songs vom aktuellen Album gab es immer wieder geniale alte Zwischenspiele wie das energische "house of unkinds". Sänger Myk lies es sich nicht nehmen sich auch mal unters Publikum zu mischen und mit Blick auf seine Musiker dem dunklen, etwas angerauten Gesang zu frönen. Mit "cyberbite" gab es dann auch einen ganz alten Klassiker zu hören. Einer der vielen Höhepunkte war "the pain that noone knows" von der B-Seite von "bushman". Leider fehlte dieser Song ebenso wie "divine Service". Letzteres gehört mit Sicherheit zu den zehn Songs mit bestem Intro. Die neuen Songs fügten sich nahtlos in die Ahnengalerie des frühen Dark Electros. Leider erschien mir der Auftritt etwas zu kurz, dafür war er voller Energie, vor allem weil man mit der Zugabe "no excuse" vom "demented forms" Album den perfekten Schlusssong spielte.

Tracklist:
Shelter
Alaska
TFS
Get out
Lost Trace
Not now not
House of unkinds
Cyberspace
Palace
The now and here
Soulspirit
Pain that noone knows
No excuse

Bei INVINCIBLE SPIRIT wurde dann erstmals ein Schlagzeug auf die Bühne gekarrt. Neben zwei neuen Songs gab es fast durchweg die Klassiker von Thomas Lüdke zu hören. Nach "out of control" ließ er sogleich das geniale Stück "Love is a kind of mystery" folgen. Bereits hier, schaffte es keiner mehr im Publikum seine Knochen still zu halten. Aber es wurde noch besser, denn es folgten "devil dance" in einer sehr energiegeladenen Version und mit "push" jener Song, an dem kein DJ damals vorbeikam. "Contact" oder das etwas experimentelle "god is me" sind einfach Mahnmale der 80er. Thomas hat sich ebenso wie Myk kaum verändert, allerdings sind die Haare kürzer geworden und der Toupierkamm ist in seine wohlverdiente Rente gegangen. Ein bisschen unbeholfen bewegt er sich schon auf der Bühne, aber sein direkter Gesangsstil und das Gefühl die Beats in eine gesangliche Melodie herein zu manövrieren sind immer wieder begeisternd. Vor allem die Cyper-punkigen Stücke wie das rasend schnelle "make a device" verführten die älteren Semester im Publikum zum Pogo.

Ein voll und ganz gelungenes Festival, noch zwei Wochen sind diese Bands auf Tour, nutzt die Möglichkeit und lasst euch das Event das Jahres nicht entgehen.

Basement, September 2002

THE FAIR SEX, THE INVINCIBLE SPIRIT,
HEAD ON FIRE & ROTERSAND

(14.09.2002, K17 Berlin)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals in den Genuß eines THE INVICIBLE SPIRIT - Konzertes kommen würde. Aber manchmal kommt es halt wirklich anders als man denkt. Dazu dann noch die zurückgekehrten THE FAIR SEX, was will man mehr?!
Zudem hatte ich noch die Möglichkeit mit beiden Bands Interviews zu führen (demnächst online!), was aber leider zur Folge hatte, dass ich den Auftritt von ROTERSAND verpasst habe. Bei dieser Band handelt es sich um das aktuelle Nebenprojekt von TFS - Mitglied Rascal und es führt unter anderem das weiter, was die grandiose EP "1000 Beats" von 1 A.M. angedeutet hat. Aber von ROTERSAND wird man bestimmt noch eine Menge hören - das am Merchandisingstand angebotene Demo war zu meinem großen Entsetzen auch schnell ausverkauft!
HEAD ON FIRE habe ich auch verpasst, zum Glück bin ich aber pünktlich zum Auftritt von THE INVINCIBLE SPIRIT im Club gewesen. Es ist ob der Musik zwar logisch, aber trotzdem erstaunlich, wie extrem die Dortmunder um Sänger Thomas Lüdke gefeiert wurden. Die alten Hits, die auch in den ursprünglichen Versionen dargeboten wurden brachten die Menge zum Tanzen und bei den Hits "Love Is A Kind Of Mystery", "Devil Dance", "Push!" (O-Ton Lüdke: "Hier mal ein neues Stück") oder die erste Zugabe "Make A Device" flippten die Leute tatsächlich aus. Wie auch später bei THE FAIR SEX, wurde man mal wieder erinnert, wie viele klasse Songs INVINCIBLE veröffentlicht haben!
Am Ende wurde mit "Deeper" auch ein neues Stück gespielt, dass sich aber auch auf einem alten Album hervorragend gemacht hätte!
Völlig verschwitzt aber sichtlich zufrieden, verließen die 4 Musiker nach zwei Zugaben die Bühne.
Danach setzte umgehend eine Massenflucht ein und ich hatte ernstlich Sorge, dass die Leute nicht mehr wiederkommen würden. Diese Befürchtung erwies sich aber als unbegründet, sodass auch THE FAIR SEX in den Genuß eines vollen K17 kamen und ordentlich gefeiert wurden.
Der Wechselgesang von Myk und Rascal funktioniert live hervorragend, sowohl bei Klassikern als auch bei neuen Stücken wie "The Far Side".
Klassiker boten die vier Essener satt, "The House Of Unkinds", "The Pain That Noone Knows", "Not Now, Not Here", "Cyberbite" oder "No Excuse". Eigentlich hat nur "Bushman" gefehlt, aber diesen Song haben THE FAIR SEX ja schon vor Ihrer "Pause" nur noch ungern gespielt.
Nach den lautstark geforderten Zugaben endete ein perfekter Konzertabend und ich kann nur empfehlen, eines der noch ausstehenden Konzerte zu besuchen.
Vielen Dank an Tina für die Unterstützung!!!!!

MINNE

Wave Guide, September 2002

Roter Sand, Invincible Spirit, THE FAIR SEX

live

11.09.02, Heidelberg, SMC

Wer kennt sie nicht, die genialen Songs “Push!”, „Devil Dance“ und “Love Is A Kind Of Mistery“!? Wohl kaum jemand, oder? Aber nicht allzu viele wissen, wer hinter ihnen steckt:
THE INVINCIBLE SPIRIT
Es ist nun schon “ein paar” Jahre her, dass ich diese zum erstenmal auf der Bühne sah, so Anfang der 90er, im Rahmen eines Zillo Festivals in der Hamburger Markthalle.
Damals steckte dieses Event gerade erst in den Kinderschuhen und hatte mit 4 bis maximal 6 beteiligten Bands und der Dauer von nur einem Abend noch einen sehr überschaubaren und familiären Charakter, trotz gut gefüllter Halle. THE INVINCIBLE SPIRIT waren zu jenem Zeitpunkt schon einige Jahre musikalisch aktiv, ebenso wie THE FAIR SEX und PSYCHE, mit denen sie derzeit unter dem Motto „Legends United“ durch die Lande touren. So war eine ihrer Stationen das Heidelberger SMC, allerdings ohne Psyche, an deren Stelle das Fair Sex Sideproject ROTERSAND auftrat. Leider hatten nicht gerade viele Leute den Weg in das Neckarstädtchen und den dortigen Schwimmbad-Musikclub gefunden und so stellte sich mir die traurige Frage: sind Legenden so sehr eine Frage der Generationen?

Kaum im SMC, umhüllte uns ROTERSAND mit sanften elektronischen Klängen, die bald zu treibenden Rhythmen wurden und einem nicht mehr still stehen ließen. Bei der Band handelt es sich um ein Projekt des FAIR SEX Mitgliedes Rascal, kurz Rasc. Er ließ sich von den versprengt stehenden Leuten nicht beeindrucken und schaffte es so im Handumdrehen sie zum Tanzen zu animieren. Der Beifall, der aus allen Ecken zu hören war, sprach für den sympathischen Rasc und stimmte auch mich versöhnlich.

Nach kurzer Umbaupause betraten THE INVINCI BLE SPIRIT den Schauplatz und augenblicklich kam in den Saal mehr Bewegung. Thomas Lüdke, Sänger der Band schritt unruhig, wie ein Tiger im Käfig über die Bühne und lief zur Höchstform auf. Man merkte, welche Freude es den Jungs machte live zu spielen. Hinter jedem Stück steckte ein unbändiger Druck. Nicht nur die altbekannten Hammersongs „Contact“, „Love Is A Kind Of Mystery“, „Saveheads“ und „Push!“, das Thomas scherzhaft als neuesten Titel ankündigte und welches dann auch prompt mit nie gehörten Anfangsklängen ins Ohr ging, brachten die Begeisterung unter die Gäste, auch das noch etwas unbekanntere, inzwischen nicht mehr ganz so neue „Faster Life“ kam an. Was für ein Konzert!!!

Mitte der 80er fanden sich auch THE FAIR SEX zusammen, die inzwischen auf eine bewegte Bandgeschichte zurückblicken können, die geprägt ist von Erfolgen, dem Tod eines Bandmitglieds, zwischenzeitlicher Auszeit, einem kurzem Neuanfang und schließlich gänzlicher Auflösung. Anfang ´99 fanden sich die restlichen Bandmitglieder jedoch in ihrer Urbesetzung wieder zusammen, womit die Reunion vollzogen war. Ihr Comeback feierten sie live auf dem 10. WGT in Leipzig. Leider feierten im SMC nicht mehr all zu viele Konzertgäste und nur wenige der Gebliebenen ließen sich vom druckvollem Sound mitreißen.
Sänger Myk , Rasc (einem schon bekannt durch ROTERSAND), L´O und Blonder ließen sich von dieser Müdigkeit aber nicht beirren und schmetterten einem ihre Klassiker „Alaska“, „No Excuse“, „Not Now, Not Here“ und „Soulspirit“ so richtig um die Ohren! Vom Neuling „TFS“ brachten die Jungs unter anderem „Get Out Off My Head“ zu Gehör. Sie bringen es noch, nach all den Jahren!!

Eine unheimlich heiße, mitreißende Nacht ging dem Morgen entgegen. Erschöpft, zufrieden und begeistert, zwei meiner Heroen (wiedereinmal) live erlebt zu haben, ging es mit dem von den Bandmitgliedern signiertem Tourplakat heimwärts.
Es ist klar, dass jeder seinen eigenen Geschmack hat und ich gebe zu, dass ich mich durch meine Begeisterung leiten lasse, dennoch mein Abschiedswort an die müden(?) Leute, die an diesem Abend auf dem Konzert waren, besonders aber an die vier „Witzbolde“, die pöbelnd und sich lustig machend unweit der Bühne standen und ein Glas Bier schwungvoll auf andere ausleerten: IHR SCHNARCHNASEN!!

 

Orkus, September 2002

THE FAIR SEX

Unentwegtes Pendeln zwischen den Polen

1984 schlug die offizielle Geburtsstunde von THE FAIR SEX ("Das schöne Geschlecht"). Mit ihrer Kombination aus wavigen Gitarren und Elektroniksounds eroberte die Band das Ruhrgebiet und trat von dort aus ihren weiteren Siegeszug an. Veröffentlichungen wie Bushman oder The House Of Unkinds sind bei den älteren Vertretern unserer Szene noch heute Kult. Einen großen Einschnitt stellte der plötzliche Tod des Schlagzeugers während eines Auftrittes im Herbst 1988 dar. Zwar erreichte die nun als Quartett agierende Formation um Sänger Myk Jung mit Bite Release Bite 1991 einen weiteren, wenn nicht DEN Höhepunkt ihrer Karriere und brachte anschließend noch weitere Platten auf den Markt; letztlich gingen die vier Jungs aber ab Mitte der Neunziger Jahre getrennte Wege und widmeten sich diversen Seitenprojekten. Doch nun sind THE FAIR SEX zurück und mischen sich mit einem Doppelpack ins aktuelle musikalische Geschehen ein: mit der MCD Lost Traces Of The Far Side und dem pressfrischen Album TFS.

Orkus: Natürlich interessieren uns die Gründe für eure Wiederbelebung.
Myk: Schon 1999 kamen wir wieder in der Originalbesetzung zusammen, um das Comeback einzuleiten. Wir hatten vernommen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich eine Reunion wünschten. Wir waren überrascht und beschlossen prompt, etwas in dieser Hinsicht zu unternehmen. Unsere späteren Handlungen waren zugegebenermaßen nicht ganz so spontan: Seitdem haben wir uns ein wenig Zeit gelassen, in Ruhe Material zusammengestellt, sind zwischenzeitlich zu den anderen Projekten zurückgekehrt, die eines würdigen Abschlusses bedurften... Heutzutage jedoch gehört unsere volle Konzentration THE FAIR SEX.
O: Seit eurer Bandgründung sind 18 Jahre vergangen - wie haben sich eure Ideale und Ansprüche geändert?
M: Wir müssen doch jetzt wohl nicht etwas zu unserer alten "Schwarzer Rächer"-Thematik sagen? In der Tat mag man feststellen, dass sich an den Vorstellungen und Ausrichtungen der einzelnen Bandmitglieder nicht sonderlich viel geändert hat. Die Ideale und Ziele der Band mögen immer wieder leichten Modifizierungen unterworfen sein, jedoch kehren wir stets zu einer einheitlichen Grundeinstellung zurück; und all unsere Ergüsse entspringen wie ehedem dem Spannungsfeld zwischen Düsternis und Melancholie, zwischen EBM-Zorn und gitarrenlastigen Ausbrüchen. Es ist das unentwegte Pendeln zwischen zwei Polen, für die es vielerlei Begrifflichkeiten geben mag: Zorn und Ruhe, Glück und Depression, Enthusiasmus und Lethargie. Alle diese Aspekte spiegeln sich nach wie vor in unseren Liedern wider. Allerdings weiß ich nie, was die Kernaussage eines Textes wird, wenn ich ihn beginne. Auch für das neue Album habe ich die Lyrics nie in eine Richtung getrieben; sie treiben sich immer selbst, und die Musik erzwingt sie sozusagen.
O: Fühlt ihr - Jungs der frühen Entwicklungsphase der Szene - euch alt, wenn ihr den dunkel gekleideten Nachwuchs seht? ...
Axel Schön

(das komplette Interview gibt´s in der September-Ausgabe 2002 des Orkus-Magazins)

Basement, September 2002

Ein Interview mit THE FAIR SEX

 

Nicht nur THE INVINCIBLE SPIRIT opferten mir vor dem Konzert im Berliner K17 etwas Zeit, sondern auch Myk und Rascal von THE FAIR SEX beantworteten ausführlich meine Fragen und es war eine Freude zu sehen, dass die beiden TFS - Protagonisten so gut miteinander auskommen, obwohl sie teilweise unterschiedliche Ansichten zu der momentan populären Musik in der "schwarzen Szene" haben!
Hier also unser "Klassensprecher-Treffen" (*g*)

MINNE:
Hi Myk, hi Rascal! Rascal, ich wußte bis eben gar nicht, dass Du ROTERSAND "bist"! Tina hat erzählt, dass es sich dabei um die Fortführung Deiner Projekte 1 A.M. und WARM handelt?

Rasc:
Ja genau, hat es Dir gefallen?

MINNE:
Ah, leider habe ich so gut wie nichts gehört. Zum einen weil ich zu spät kam und dann kam das Interview mit INVINCIBLE dazwischen. Sehr schade, eine meiner Fragen wäre nämlich gewesen, was aus 1 A.M. geworden ist. Außer der 1000 Beats E.P. via ZOTH OMMOG gab es doch nichts weiter, oder?

Rasc:
Nein, es gab nur diese E.P. Aber es war damals einfach nicht die richtige Zeit für mich Musik zu machen.

MINNE:
Das was ich eben gehört habe, hat sich aber ähnlich angehört, nur mit etwas Gitarre?!

Rasc:
Ja und "1000 Beats" spielen wir auch!
Ist ja schade, dass Du nichts gesehen hast, kam nämlich gut an. Die ganze Tour fühlt sich schon gut an!

MINNE:
Scheint generell gut zu laufen die Tour. Ihr seid ja jetzt auch schon seit fast 20 Jahren dabei?!

Myk:
Oah komm, jetzt wollen wir mal nicht übertreiben hier!!!!
Aber tatsächlich sind es in diesem Herbst jetzt 18 Jahre...
Ich habe zwar immer die Jahreszahlen im Kopf (1984), aber wie weit das entfernt ist, das realisiert man gar nicht so!
Als wir letztes Jahr in Glauchau gespielt haben, war da so ein Moderator, der uns ankündigen sollte und gefragt hat, was er denn zu über uns sagen soll und mir viel erst nichts ein, woraufhin er gefragt hat, seit wann es TFS denn gibt. Ja seit Herbst 1984 und er dann auf die Bühne "Seit 17 Jahren dabei..." und wir standen hinten "Seit 17 Jahren...jammer". Lacht!

MINNE:
Ich habe auch extra einen Freund angerufen und gefragt, wann wir auf dem Konzert in Haus der Jugend in Düsseldorf waren...

Myk:
Das muss so 1988 gewesen sein.

MINNE:
Ja oder? Ne, das kann nicht. Muss doch später gewesen sein.

Beide:
Dass war dann 1992/1993. Hat der Rüdiger gebucht!

MINNE:
Weil mein Freund sagte 1995, aber da hattet Ihr ja Pause

Myk:
Bzw. haben uns auf andere Projekte konzentriert.

MINNE:
TESTIFY und NICE GODS BLEED. War in den USA auch erfolgreicher als in Deutschland, oder?

Myk:
Ja die Releases waren auf jeden Fall dort kontinuierlich zwischen 1996 und diese Jahr ist ja auch noch eine rausgekommen. Es lief einigermaßen, manche liefen sogar richtig gut! Hier in Deutschland waren wir ja eigentlich gar nicht präsent. Ein Album haben wir hier in großem Abstand dann auch mal veröffentlicht.

MINNE:
Im Gegensatz zu INVINCIBLE gab es von Euch ja wenigstens ein paar Artikel und Interviews in den einschlägigen Magazinen. Ich habe bisher nur die E.P. gehört, die mir ganz gut gefallen hat, aber das Album noch nicht.

Myk:
Dann kannst Du Dir nach dem Konzert ja das Album anhören und in den Artikel Deine Meinung und Erkenntnisse einfließen lassen..

MINNE:
Anhören ja, aber ich werde das ganze hier wortgetreu abtippen!

Rasc:
Echt, aber nicht mit den ganzen "Ähhs" und so?!

Myk:
Das finde ich auch immer unangenehm. Da steht dann: Myk : Äh, ich glaube ich fand das nicht so gut...." (Gelächter)

MINNE:
Was mir bei den Artikeln gut gefallen hat, ist, dass sich alle auf diesen Begriff "Retro-Future" stürtzen, den Ihr Euch wahrscheinlich beim Picheln ausgedacht habt!?

Myk:
Den haben wir uns noch nicht mal beim Picheln ausgedacht. Ich weiß auch gar nicht, ob wir den überhaupt erfunden haben?!
Irgendwie viel dieser Begriff aus einer spaßhaften Laune...

Rasc:
...und wie das dann so ist, auf einmal werden diese Begriffe kultiviert und immer wieder aufgegriffen und es ist ja auch eine gute Beschreibung! Wir kommen aus einer anderen Zeit, hängen aber auch in der Jetzt-Zeit.

Myk:
Paßt auch gut zu "The Far Side" und der Entwicklung. Weißt Du noch wie die Drums am Anfang klangen und am Ende der Produktionszeit ein ganz anderes Image hatten? Und sowas ist Retro - Future. Das paßt eben.

Rasc:
Am Anfang war dieser Beat (macht ihn nach)...

MINNE:
So ein bißchen NITZER - mäßig!

Rasc:
Völlig richtig!

Myk:

Deswegen war der Arbeitstitel auch "Nitzer Sex" (Gelächter!)

MINNE:

Man, dann habe ich das ja in meiner Rezi richtig interpretiert.

Rasc:

Ich fand NITZER EBB immer schon großartig!

Myk:

Und das hast Du gehört und schon irgendwo niedergeschrieben?

MINNE:

...ja, Du könntest jetzt ins Netz gehen und gucken...(werde ich gerade hochgenommen?)

Myk:
So war das. Und PeeWee und andere sind direkt auf den Begriff angesprungen und dann kam noch Future-Retro dazu! und daher haben wir jetzt auch das Copyright. TFS haben beide Begriffe erfunden!

MINNE:
Es hat mir halt so gefallen, das alle Welt auf Teufel komm raus neue Begriffe sucht, EBM ist tot und verstaubt usw. und hier kommt das neue große Ding, Ihr aber noch mit den alten Begriffen wie EBM klarkommt.

Myk:
Ich glaube auch gar nicht, dass EBM tot ist. Ich glaube vielmehr, dass das wiederkommt.

Rasc:
Darf ich mal was sagen (Gelächter!). Ihr triggert das gerade so an. Ich empfinde die Zeit "jetzt" als sehr befreiend. Weil Etiketten für mein Empfinden egal geworden sind. 1994 war eine Zeit, als wir gerade "Labyrinth" veröffentlicht haben, da hat sich keine Sau mehr für uns interessiert. Wir sind letztendlich auf der ersten Auflage sitzen geblieben und es gibt Leute, die sagen, dass das Album fünf oder sechs Jahre zu früh draußen war. Und das "Machen" der Platte war ein richtiger Kampf, einerseits ging es um Technoelemente, also neue Sachen mit aufzunehmen und einzubringen, und andererseits das, was uns ausgemacht, zu bewahren. Das war irgendwie so eine "Grabenzeit". In der Wahrnehmung, der Rezension des Hörers durften manche Sachen, manche Features einfach nicht vorkommen. Das hat mich damals auch schon, als ich auch Techno und House gemacht habe, wahnsinnig genervt, dass im Februar ein bestimmter Sound so was von in wahr und im September - ich übertreibe jetzt etwas - so was von out, dass wenn Du diesen Sound benutzt, kannst Du den Track auch gleich in die Tonne drücken, den wird niemand spielen. Und daran wurde musikalische Qualität festgemacht! Das war ein wichtiger Grund für mich, weil ich mich in beiden Lagern nicht mehr zurechtgefunden habe, sowohl in der damals "zeitgenössischen, Frankfurter Technoszene, als auch in der EBM- / Darkszene. Ich habe echt keinen Bock mehr gehabt Musik zu machen, weil mir das auf den Sack ging, dass Du plötzlich an einzelnen Sounds festgemacht wurdest oder wenn Du einen Technobeat hattest, warst Du auf einmal nicht mehr "Dark" genug.
Ich war seit sechs - sieben Jahren nicht mehr auf irgendwelchen Industrial - Parties und als ich letztes Jahr erstmals wieder in Köln oder Bochum auf irgendwelche Parties gegangen bin und diesen Sound gehört habe, dachte ich "endlich ist es passiert!", endlich ist es selbstverständlich verschiedene Dinge miteinander zu verbinden! Das war sehr motivierend für mich, wieder anzufangen! Diese Einflüsse auch bei TFS mit einzubringen oder auch 1 A.M. und WARM, ein Technoprojekt, zusammen zu bringen unter dem neuen Namen ROTERSAND!

MINNE:
Ich sehe aber auch das Problem, dass heute, wenn einer was Neues macht und es ist gut - Bands wie COVENANT, VNV oder APOPTYGMA sind sicher gut, auch wenn sich die ein oder andere Band in einer Schleife dreht - das dann so viele auf diesen Zug springen und das gleiche machen und das gab´s meiner Ansicht nach früher noch nicht.

Myk:
Mmh, ich denke das gab es früher auch schon, vielleicht nicht in dem Maße. Diese Epigonenhafte kann ja auch ganz erfolgreich sein.
Glaubst Du das gibt es heute öfter?

MINNE:
Ich denke schon. Jede erfolgreiche Band hat heute einen Epigonen. Man kann da jetzt ohne Ende Paare bilden.

Rasc:
Das gab es aber früher auch. Nach DEPECHE MODE gab´s dann CAMOUFLAGE. Die sind auch geil, keine Frage!

Myk:
Wir verpassen jetzt Kai´s Auftritt (HEAD ON FIRE)...ist das unangenehm?
Wollen wir das ganze mal etwas straffen?

MINNE:
Ok, Thomas und Kaba haben gerade erzählt, dass dieses Headliner - Voting geknickt worden ist und ihr das jetzt nach praktischen Gesichtspunkten entscheidet!?

Myk:
So negativ würde ich das niemals ausdrücken. Das ist ja wieder eine Außenpolitik (Grins). Nein, es stimmt, dass es organisatorische Gründe gibt die "gewählte" Reihenfolge zu verändern. Dazu kommt, dass es jede Menge Manipulationen gab an der Seite. Jeder konnte ja so oft "Klicken" wie er wollte. Man kann das sicher anders programmieren, aber das haben wir am Ende technisch nicht mehr hingekriegt.
Ich hoffe auch, dass die Leute das nicht so eng sehen. Glaube ich auch nicht. Wir kriegen ja jetzt auch lustige E-Mails von wegen "da manipuliere ich schon das Voting und Ihr spielt trotzdem nicht als letzte...!"
Wir versuchen aber schon uns am Voting zu orientieren.

Die minutenlange gemeinsame "Huldigung" (naja, ganz so schlimm war es nicht) von KMFDM und deren von BRUTE gestalteten Covern erspare ich dem Leser an dieser Stelle...und mir das Abtippen, sonst werde ich nie fertig!
Wir kamen dann über den ausgebliebenen Erfolg von KMFDM in Deutschland auf den von TFS

Rasc:
Die "House Of Unkinds" und "Demented Froms" waren schon fett! 12.000 und 15.000 Einheiten sind schon viel. Das war damals schon viel und heute wär´s ein Killer.

MINNE:
Spielt Ihr eigentlich noch "Bushman"?

Beide:
Nein! "Bushman" ist 1995 gestorben!

Myk:
Wir hatten es bei den Proben zum WGT noch im Set und hatten uns sogar noch einige Veränderungen ausgedacht. Aber als wir es dann geprobt haben...

Rasc:
Oh Gott! Das kam mir so alt vor.

Myk:
Wie bei "Jumping..."

Rasc:
"Jumping..." würde ich spielen. Man müßte neue Lyrics machen.

MINNE:
Mist, alle Getränke leer...gibt es Tourhighlights?

Rasc:
Vom Sound war heute ein Highlight! Auch vom Gefühl. Die Berliner waren erst cool...

Myk:
Aber es soll schweineheiß sein. Ich hab´ Schiß! Aber wenigstens die erste Strophe schaffe ich im Mantel (Großes Gelächter!)

MINNE:
Die beiden von INVINCIBLE haben erzählt, dass auffallend viele junge Leute im Publikum sind, wie habt Ihr das empfunden?

Rasc:
Oh, sehr motivierend. Auf der eine Seite zu sehen, dass viele mit uns "älter geworden sind" und jede Zeile mitsingen konnten, aber auch Freude darüber, dass jüngere kommen, die uns vorher noch nie gehört haben und fragen ob es von uns eigentlich eine Platte gibt und sich dann am Stand eindecken.

Myk:
Wir haben unsere alten Restbestände aus dem Keller geholt und waren ganz gut gerüstet für´s WGT usw. Aber richtig lange reichen die Vorräte nicht mehr!

MINNE:
Best Of?

Rasc:
Ich wäre dafür, wobei Du eher der Meinung bist, man sollte die alten Sachen so belassen wie sie sind?!

Myk:
Ja, dass war am Anfang, als wir vor zwei Jahren langsam wieder angefangen haben. Aber es ist ja abzusehen, dass uns das nicht möglich sein wird.

Rasc:
Aber es ist ja auch ein Kostenfaktor. Wir könnten zwar einzelne Sachen Re-Releasen, aber es wird wohl auf eine Compilaiton hinauslaufen.

MINNE:
Hängt sicher auch vom Erfolg ab?

Myk:
Richtig. Ich finde auch die Vorgehensweise absolut richtig, erst ein neues Album rauszubringen. Wir werden oft gefragt, warum wir nicht mit einer Best-Of anfangen, aber ich denke man muss erst mal versuchen mit neuem Material zu bestehen! Und dann kann man auch eine Zusammenstellung machen.

Rasc:
Der Punkt ist auch, dass wir ja gerade neue Songs hatten!

Myk:
Das ist auch der enthusiastische Einstieg den wir brauchen. Wir haben Ideen gehabt, die mußten wir umsetzen und rauslassen. Was wäre das denn jetzt, nur eine Compilation im Studio zusammen zu schneiden!?

MINNE:
Ich denke eine Best Of ist auch ganz fair, damit sich die Leute nicht dumm und dusselig Zahlen auf einer Plattenbörse oder so.

Rasc:
Oder bei EBAY. Es ist echt unglaublich, wie da mittlerweile unsere Platten gehandelt werden. Unfaßbar, richtig teuer! Gestern war einer mit der "Divine Service" - unserer ersten Maxi - am Merchandising Stand um eine Unterschrift zu bekommen. Der hat die für 50 Euro ersteigert.

Myk:
Nein!?

Rasc:
50 Euro! Und wir sollten alle unterschreiben.

MINNE:
Und jetzt verkauft der die wieder für 100 Euro ;-) (Feinstes Gelächter!)
Zurück zum "Szene-Vergleich" früher - heute.

Rasc:
Die Szene hat sich komplett verändert! So sehr, dass ich das Gefühl habe, die Sprache noch nicht wieder ganz zu sprechen. Die Clubästhetik ist eine andere geworden. Und das finde ich sehr herausfordernd. Mit der eigenen Auffassung und der eigenen künstlerischen Sozalisation dort Einflüsse mit aufzunehmen, zu verarbeiten und dann in den Clubs zu präsentieren. Ich glaube, dass uns das mit der "TFS" ganz gut gelungen ist. Das war die Herausforderung die ich empfunden habe beim "Machen".

Myk:
Ich hatte einen anderen Eindruck. Ich glaube das sind musikalische Details über die wir sprechen. Wenn man die Szene mal betrachtet und in die Läden "absteigst", sieht man, dass sie sehr autark, stark und eigenständig geblieben ist.

Rasc:
Ja, aber sie ist trotzdem ästhetischer. Wenn Du in der Matrix stehst, in dem großen Floor, dann ist das doch was komplett anderes als vor 10 Jahren oder vor 5 Jahren. Das ist doch auch eine völlig andere Musik die da gespielt wird.

Myk:
Du bist natürlich davon völlig begeistert. Menschen verändern sich kaum. Und der große Floor ist mir immer noch zu technoid.

Rasc:
Ja ich finde es großartig. Diese Verschmelzung. Gestern hat mir ein DJ gesagt, was ich sehr erstaunlich fand, dass, wenn er seine Parties mit Dark Techno oder so bewerben würde, würden das nicht funktionieren, wenn er aber Electro / Industrial auf die Flyer schreibt, und die gleichen Stücke spielt, kommen die Leute. Nimm IVORY FREQUENCY - das ist Techno! Aber herrlich!

Myk:
Man merkt da schon die Unterschiede, aber ich gehe mehr von der "Szene" aus. Die "Szene" ändert sich zu weilen und findet doch immer wieder zu ihrer Mitte zurück! Die Läden und die Ausrichtung ist ein bißchen anders, aber irgendwie ist da eine ganz große Verbindung. Mir persönlich gefällt die Zeche Carl in Essen, diese Ausrichtung ein bißchen besser.

MINNE:
Ich habe ein kleines Problem damit, dass bei vielen jetzt die Musik nicht mehr so wichtig ist, sondern das Outfit wichtiger ist. Ich glaube das war früher ein wenig anders. Vielleicht habe ich das aber auch nur anders empfunden.

Myk:
Das hast Du bestimmt anders empfunden. So einen großartigen Hype um die "glorreichen" alten Tage muss man auch nicht machen. Ich erinnere mich ganz genau, dass wenn man 1986 in Memphis gegangen ist, dann war das Styling - das damals auch noch richtig neu war - hyperwichtig und die Leute kamen da superaufgetakelt hin. Und ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass das damals authentisch war. Die Oberfläche ist nun mal nicht unbedeutend. Das war damals wie heute so.

Rasc:
Es gibt auch Dinge, die damals nicht gegangen wären. So Schlagergruftie. Das finde ich wieder unfaßbar. Da kannst Du wirklich, wenn die Dir was anderes anziehst, nicht die Düsteruniform anziehst, auch mitsingen. Da musst Du noch nicht mal die Texte ändern. Was da manchmal für eine Scheiße gesungen wird! Echt unfaßbar. Da ist Dieter Bohlen ein großer, kreativer gegen! So manche Melodien die ich da manchmal höre, auch in der Zeche Carl oder so...das ist Volksmusik!!!!!!

MINNE:
Es gibt aber auch Bands, die um Blut, Tod, Vampir usw. ein ganzes Album machen. Das finde ich dann auch wieder anstrengend. Als ich in Stuttgart gearbeitet habe, habe ich auf der "Wasen" an einem Autoscooter (nein, ich bin NICHT gefahren!) irgendso einen Synthie-/Future-Pop Song zwischen zwei Chartsong gehört, und es ist null aufgefallen. Tempo war gleich, die Leute haben nicht gezuckt. Da habe ich nur den Kopf geschüttelt. Aber wenn es gut gemacht ist, finde ich das noch nicht mal schlimm.

Rasc:
Da muss ich eingreifen. Das kann ich so nicht stehen lassen (Myk lacht sich kaputt), das geht überhaupt nicht. Ich finde das ist seichtes Einheitsgewäsch! Ohne musikalische oder inhaltliche Aussage. Das ist so sinnleer! Musikantenstadl ist auch eine politische Aussage. Das heißt doch was, Musikantenstadl zu machen oder gut zu finden. So flach irgendwie. Und wenn in einer Szene, die ich in weiten Teilen als eine etwas mehr reflektierende Szene - eben nicht "Fun, Fun, Fun!" - empfinde, wo man auch auf Texte wert legt, wie zum Beispiel bei VNV NATION, wo man immer liest, dass die Fans die Lyriks so toll finden - und wenn man sich die Lyrik anguckt sind die auch gut...

Myk:
Haben die denn so gute Lyriks wie NIN?

Rasc:
Oh, der macht schon herrlich traurige Lieder!
Also ich finde das nicht egal. Ich fände es blöd, wenn auf einmal bei uns in der "Szene" auf einmal eine Schlagerattitüde grassiert!
Irgendwann kommt dann nach Marianne und Michael "Gruftie 2000".
(An dieser Stelle spare ich Teile der Konversation aus und es geht weiter mit der Kommerzialisierung der "Szene" und möglichen Folgen).
Aber das ist eine Entwicklung wie beim Metal in den 80igern. Und ich glaube das tut dieser "Szene" gut und dem, was wir im Herzen eben noch einen Tick besser finden als die kommerzielleren Sachen. Es wird einen Teil der "Szene" geben, der sich stärker kommerzialisiert und eine breitere Masse anspricht. Um so größer wird aber auch die Sehnsucht sein, darunter nicht-kommerzielles zu haben. Das ist beim Metal auch so passiert!

MINNE:
Klasse ist auf jeden Fall, dass Du in manchen Clubs verschiedene Sachen an einem Abend bringen kannst. Erst Future-Pop und danach Power Electronics, was ich für Clubs ja perfekt finde!

Myk:
Wofür steht jetzt wieder Power Electronics?

MINNE:
Tanzbarer Industrial.

RASC:
So ein bißchen NITZER EBB mit Industrial.

MINNE:
Härter halt und auch monoton - wie früher NITZER EBB ;-)

RASC:
Herrlich. Hat man im Matrix im großen Floor, zu früher Stunde. So um 4 - 5 Uhr. Unfaßbare Soundcollagen.

MINNE:
Wir entfernen uns ein bißchen von FAIR SEX. (Zu Myk) Du langweilst Dich ein wenig, oder?! (Gelächter)
Sollen wir einen Deckel drauf machen? Die wichtigsten Fragen sind beantwortet.

Myk:
Hast Du eigentlich das Album schon gehört? Ach ne, hast Du ja schon gesagt.

Rasc:
Schlechte Vorbereitung.

MINNE:
Ich weiß. Werde ich aber nachholen. Und Dein Demo nehme ich auch mit.

Rasc:
Es ist nicht nur mein Demo. Es gehört noch Gun dazu. Er ist ein sehr wichtiger, tragender Teil. Auf Tour Live-Gitarrist, der aber normalerweise auch viel für die Musik zuständig ist. Der ein wunderbarer Musiker ist und herrliche Lyriks schreibt. Also schon ein sehr wichtiger Part. ROTERSAND ist absolut kein Solo-Project!

MINNE:
Und Testify gibt es auch noch?

Myk:
Ja und es wird gecheckt, ob das Album auch in Deutschland raus kommt. Ansonsten ist TESTIFY wie immer vor allem in den Staaten präsent.
NICE GODS BLEED hingegen macht Kaffeepause. Wobei ich einen Song diesen Herbst machen werde. Für den Soundtrack des Films "Kinder der Nacht 2", ein herrlicher Trash-Splatter-Horror-Slapstick-Vampire-Underground-Movie. Das soll das Titelstück werden und muss bis November im Kasten sein. Die haben auch ganz konkrete musikalische Vorstellung, die natürlich mit dem was ich bisher gemacht habe überhaupt nicht übereinstimmen (Gelächter). Mal gucken...

MINNE:
Ok, jetzt erst mal die Tour beenden. Spielt ihr eigentlich noch in Originalbesetzung?

Myk:
Wir haben im letzten Jahr die Re-Union in Originalbesetzung begonnen, die vier Ur-TFS-ler. Aber die anderen beiden konnten bei unserer Kondition nicht mithalten. Momentan ist es so, der Blonde ist nur bei den (leider nicht verstanden) - Days dabei und dann helfen uns bei den anderen Gigs befreundete Keyboarder aus - wie Gun heute abend - und haben für diese Tour den TESTIFY - Gitarristen "Kulf" (wird der so geschrieben?).

MINNE:
So, jetzt möchte ich die zehn letzten oder besten CDs von Euch.

Rasc:
Das finde ich interessant. Das mache ich immer gerne!

Myk:
Uah, ist ja echt wie auf einem Klassensprecher-Treffen. (Gelächter!)

MINNE:
Vielen Dank!

Myk:
SKINNY PUPPY - Bites / Mind TPI / Too Dark Park
MINISTRY - Filth Pig / Mind...Terrible Thing To Taste
NIN - Downward Spiral
ONEIROID PSYCHOSIS - Dreams...
ULTRAVOX - Vienna
SISTERS - First And Last Always Always
MARYLIN MANSON - Antichrist

Rasc:
SKINNY PUPPY - Worlock / Testure / Assimilate
242 - Front By Front / Official Version / Politics And Pleasure
PINK FLOYD - The Wall / Medale...
SISTERS - First And Last...
SHAMEN - Move Any Mountain
PRODIGY - Music For The Jilted Generation
FUTURE SOUND OF LONDON
BASSOMATIC - Set Controls For The Heart Of Bass
UNDERWORLD - Alle, bis auf die 80iger Platte ;-)
RADIOHEAD - Ok Computer
PORTISHEAD - Beide
MASSIV ATTACK - alle drei

 

Yabbas, September 2002

Konzertbericht

Legends United II
Roter Sand - The Fair Sex - Invincible Spirit

Markthalle Hamburg, 17.09.02

Eigentlich war das Festival ja lange Zeit vorher angekündigt und es sollten gute Bands an den Start gehen, nur leider füllte sich die kleine Veranstaltungshalle, das „MARX“, in der Hamburger Markthalle an diesem Abend nur recht schleppend. Wenn man bedenkt, dass der Raum eh schon ziemlich klein ist und man bei Beginn der ersten Band Band noch so dermaßen viel Platz hatte, muss das ganze für den Veranstalter doch recht frustrierend gewesen sein....
Den Anfang an diesem Abend machte die Band „Rotersand“. Ich persönlich habe diesen Namen das erste Mal gehört und war angenehm überrascht von dem, was man geboten bekam. Obwohl nur zwei Bandmitglieder die Bühne betraten, der Sänger und ein Keyboarder, heizten diese dem noch etwas zurückhaltendem Publikum gekonnt ein. Der Stil von „Rotersand“: harter Electro, etwas zwischen Suicide Commando und Hocico mit treibenden Synths und der sehr markanten Stimme des Sängers. Diese Band ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert!
Die zweite Darbietung kam von einer Band namens „Head on Fire“. Auch wieder aus zwei Mitgliedern bestehend, lieferte die Band guten Dark Rock ab, der zwar nicht unbedingt nach meinem Geschmack war, aber trotzdem durch die spielerischen Gitarrenriffs überzeugend rüberkam. Leider verliess während dieses Gigs eine Großzahl des Publikums den Raum, so dass man den Eindruck bekam, die Armen würden für einen leeren Raum spielen...schade eigentlich!
Nach einer kurzen Umbaupause betrat dann endlich das erste Highlight des Abends, nämlich „Fair Sex“ die Bühne. Ich habe diese Band das letzte Mal irgendwann Anfang der 90er gesehen und muss gestehen, die Jungs haben sich verdammt gut gehalten! Der Sänger, auch daran hat sich nichts geändert, mit Stirnband, hochtoupierten Haaren und irgendwie stammte sein Outfit wohl auch noch aus längst vergangenen Tagen ;-).....Aber eines muss man dieser Band lassen! Denen fehlt es auch nach sovielen Jahren nicht an Energie und das „Marx“ füllte sich in Windeseile! Neben neueren Songs wurden viele alte Sachen gespielt und als „No Excuse“ aus den Lautsprechern dröhnte, fiel mir wieder ein, womit die Jungs mal bekannt geworden sind! Super Show, gute Stimmung!
Die letzte Band an diesem Abend war „Invincible Spirit“, auch so ein Szene Urgestein...aber gewohnt gut und die haben bis heute nicht verlernt, dass Publikum zu begeistern. Eben echte Profis.
Schade, dass die Hamburger scheinbar viel zu faul sind auf einem Abend in der Woche etwas zu unternehmen...denn am Line up hat es mit Sicherheit nicht gelegen. Ich hätte den Bands auf jeden Fall ein paar mehr Zuhörer gewünscht!


by Andrea für yabbas.de und www.darkzonescandinavia.de

AdMortis, September 2002

Konzertbericht

Legends United II
Roter Sand - The Fair Sex - Invincible Spirit

Labor Hannover, 18.09.02

Helden leben lange - Legenden sterben nie. So könnte man es am besten nennen, wenn frühere Größen aus den 80´er Jahren sich zu einem gemeinsamen Stell-dich-ein Treffen. In der heutigen Zeit leider fast mit Unbekanntheit gezeichnet, knüpfte man an alte Zeiten an und lockte noch so manchen der diese Bands aus alten Zeiten kannte.

Doch beginnen wir...

Als um 20.00 Uhr das Labor in Hannover die Toren öffnete, sah es nicht gerade aus, als wenn die Massen den Laden zum Platzen lassen würden. Kurz vor Beginn um 21.00 Uhr waren aber doch schon einige da und zum späteren Zeitpunkt konnte man über 100 Besucher zählen die garantiert ein schönes Konzert erlebten und frenetisch und begeistert mittanzten und mitsangen.

Erste Band des Abends war "Roter Sand" ein Nebenprojekt von Mitgliedern der Band "The Fair Sex". Keyboard und Gesang reichten aus, um die Leute zum Applaudieren zu bringen, waren diese Klänge doch recht neu. Electro-Pop dem man nicht einen Stempel aufdrücken kann und der sehr eigenständig war. Die Besucher wurden nur langsam warm und erst zum Schluß nach 45 Minuten bewegte sich der eine oder andere zum Takt.

Nach kurzer Umbauphase kam dann der zweite Act des Abends: "Psyche"

Ebenfalls nur aus zwei Personen bestehend, zeigte auch diese Band, das sie seit ihrer Anfangszeit nichts verlernt hatten. Vielle Hits wurden gespielt, teilweise auch leider im neuen Gewand, der für manch einen Song zu hart ausgefallen war und an eine gewisse Umstrukturierung Richtung "Weiberelectro" Marke VNV Nation oder Apoptygma Berzerk erinnerte. Bei dieser Band kamen auf jeden Fall alle tanzwütigen Leute auf ihre Kosten und so füllte sich zum ersten mal an diesem Abend der Bereich vor der Bühne. Der Frontmann machte auch gut Stimmung und nach einer knappen Stunde beendeten dann "Psyche" das Konzert mit dem "Q Lazzarus" Klassiker "Goodbye Horses" um danach noch für eine Zugabe auf die Bühne zu kommen.

Wieder einmal ließen knapp 10 Minuten Umbau Zeit um etwas zu trinken und die Leute nutzen dies.

Dritte Band des Abends waren dann "The Invincible Spirit".

"The Invincible Spirit" ist eine Typische Band deren Lieder man kennt, jedoch nicht ihren Namen in den Zusammenhang bringt. Lieder wie "Push" oder "Devil Dance" brachten damals die Tanzfläche zum Überfüllen. Und auch ebendiese Songs mit vielen anderen spielten "The Invincible Spirit" und brachten damit die Menge zum tanzen und mitsingen. Das einzige Minus dabei war, das der Sänger wohl nicht so richtig wußte was er machen sollte und auf der Bühne hin- und herlief. Keine Gestik oder Mimik. Schade, hätte gut gepasst.

Auch "The Invincible Spirit" verließ unter heftigem Beifall nach einer Stunde und einer Zugabe die Bühne und machte somit Platz für den heutigen Hauptact: "The Fair Sex".

"The Fair Sex" hatten ja eine neue CD im Gepäck, die schlicht "TFS" bennant war und meiner Meinung nach ein wirklich schönes Stück ist.

Als dann die Band auf die Bühne kam füllte sich auch schon der Raum vor eben dieser. Der Charismatische Sänger Myk hatte die Menge die zu solch später Stunde übriggeblieben war fest in der Hand und so wechselte Klassiker und neuer Song zu einem wirklich schönem Gesamtbild. Die Besucher belohnten jeden Song mit Beifall und tanzten sich die Seele aus dem Leib. Gestik, Mimik und die Stimmen der beiden Sänger trugen dazu bei, das dieser Auftritt zum absoluten Highlight an diesem Abend wurde. Nach über einer Stunde wurden die Besucher dann mit der Zugabe "No Excuse" dem alten Klassiker, entlassen.

Alles in allem ein schöner Abend. Positiv darf man erwähnen das die Bands ihr Handwerk verstanden und die Leute wirklich durchgehend am Tanzen waren.

Negativ war vielleicht für den einen oder anderen die Länge des Konzertes, denn erst um halb zwei war das Konzert beendet und so manch einer war schon früher gegangen. Ebenfalls negativ war die Beleuchtung, die das Labor zur Verfügung stellte und so waren nur Rote Farben, Nebel und Strobo vorhanden. Desweiteren muß man sagen das die Leute die für die Beleuchtung zuständig waren, so ziemlich kein Taktgefühl haben und die Farbwechsel nicht immer paßten. Auch war alles in allem der gesamte Gig zu Dunkel und für die letzten Reihen sehr schwierig das Treiben auf der Bühne zu erkennen.

Ich kann auf jedem Fall jeden den tip geben, sollte ihr in eurer Nähe die Gelenheit haben diese Bands zu sehen, laßt es euch nicht entgehen!!!

Dark Obsession, Oktober 2002

THE FAIR SEX II


In der vorletzten Ausgabe führte ich schon ein Interview mit Myk, dem Sänger und Frontmann von THE FAIR SEX. Grund war das erste Lebenszeichen in Form der Maxi-Single "Lost Traces of the Far Side". Jetzt ist auch das Album erschienen und es gab wieder genug Gesprächsstoff, so daß ich Myk noch einmal ein Loch in den Bauch gefragt habe.

 

D.O.: Das Album ist jetzt fertig und steht seit ein paar Tagen in den Läden. Wie war die Hauptaufnahmesession?

Myk: Wir hatten uns im Frühjahr einen Zeitrahmen gesetzt, den es nun akribisch einzuhalten galt, was uns in arge zeitliche Bedrängnis brachte und uns ziemlichen Stress aufhalste. Alles wurde in letzter Minute beendet: Studio - und Coverdesignarbeiten überschnitten sich sogar. Es gab mehrere Arbeitstage, die sich bis zum Morgengrauen hinstreckten. Ein paar Mankos, die auf diesen Zeitdruck zurückzuführen sind, gibt´s wohl zu beklagen - aber unter´m Strich sind wir froh, dieses Hammer-Teil namens "TFS" abgeliefert zu haben.

D.O.: Die MCD "Lost Traces of the Far Side" war ja recht erfolgreich. Ist die Erwartungshaltung für Euer Album bei Euch dadurch gestiegen?

Myk: Vor überzogenen Erwartungen kann aus Vernunftgründen ja eigentlich nur gewarnt werden. Und doch ist solches nur die halbe Wahrheit. Gerade nach Beendigung eines Albums vom Kaliber wie "TFS" stellen sich große Pläne wie von allein ein. Wir werden daraufhin arbeiten, diesen Plänen gerecht zu werden.

D.O.: Ihr spannt auf dem Album "TFS" den Bogen von Retrofuture zu Futureretro. Was wollt Ihr mit diesem Wortspiel ausdrücken?

Myk: Es steht wohl außer Frage, das THE FAIR SEX Stilelemente ihrer frühen Schaffensphase mit frischen Elementen ihrer jetzigen Kreativität vermischen - und mit dem Blick auf das, was kommen mag. Für einen so weitgespannten Bogen einen Begriff zu finden, war unser Anliegen. "Retrofuture" schien uns ein passender Begriff zu sein. Da verblüffenderweise viele auf diese Begrifflichkeit anspringen, haben wir kurzerhand noch den ebenso passenden Term "Futureretro" nachgeliefert. Genre-Bezeichnungen und Schubladenetiketten sind ja immer von Begehr - ich persönlich allerdings schätze es viel mehr, wenn (wie vor kurzem schon gelesen) ein Begriff wie "Zeitlosigkeit" in Bezug auf unser Schaffen entdeckt wird.

D.O.: Bei den beiden Songs " Torrents Shift in the Haze" und "Blue Eternities" habt Ihr mit Allegra die wahrscheinlich jüngste Sängerin mit an Bord. Wie kam es zu der Zusammenarbeit, die den Songs etwas zerbrechliches verleiht?

Myk: Allegra ist meine siebenjährige Tochter, die immer wieder gerne etwas auf meine "Gesangsgestaltungscassetten" oder "Vox-Ideensammlungscassetten" (oder wie auch immer man die nennen könnte) draufsingt. Als die Band eine dieser Cassetten durchhorchte, fiel ihnen auf, was ich gern verheimlicht hätte: Daß Allegra intonationstechnisch ihrem Vater was voraus hat. Da lag es nahe, ihr zum Beispiel die hookline von "Torrents Shift In The Haze" zuzuschanzen.
"Blue Eternities" hingegen, das Outro, ist die Kinderlied-Variante von "Grey Eternities", was ich als Stück für unser Album eingeplant hatte. So kam es, daß ich an "Grey Eternities" arbeitete, während Allegra die Gesangsmelodie immer wieder mitsang. Irgendwann verwarf ich die Idee, "Grey Eternities" weiter voran zu treiben - stattdessen entschied ich mich für Allegra´s kindliche Version.

D.O.: Was für Themen habt Ihr auf "TFS" verarbeitet?

Myk: Themen von Düsternis und Schwere lassen mich ohnehin auch im Alltag nicht in Ruhe - also kann man sich ihnen wohl auch im Kreativsektor widmen. Große Teile der Lyrics entstehen allerdings auf eher intuitiver Basis; und ohne, daß ich sie willentlich in eine bestimmte Richtung treibe. Wenn ich mir jetzt die Endkonstrukte ansehe, fällt mir auf, daß -mal wieder- TFS/Myk-typische Themen zum Vorschein treten: Ruhelosigkeit, die Ewige Suche nach Momenten, in denen unablässige Zerissenheit durchbrochen wird, ist eines solcher immer wiederkehrenden Themen. Der Drang, sich seiner Fesseln zu befreien und in andere Sphären des Daseins durchzubrechen, ist ein anderes Thema, das immer wieder aufblitzt. Der Verlust von Momenten des Glücks - all diese Sujets kommen zum Tragen. Manchmal allerdings werden auch einfach nur verwirrend-paranoid-verstiegene Gedankenstränge verarbeitet, wie z.B. in "Cold Heat Enclosed In Stone".

D.O.: Im September seit Ihr mit The Invincible Spirit und Psyche auf Tour. Wie kommt es, daß sich gleich 3 legendäre Bands in den Tourbus "quetschen"?

Myk: Wir begannen im Frühsommer, uns nach geeigneten Partnern für Touraktivitäten umzusehen, und horchten einfach mal rum, wer Interesse hatte. Irgendwann stellte sich heraus, daß sowohl Invincible Spirit als auch Psyche Interesse hatten. So kam´s zu diesem wie klassischen Dreier-package. Wir sind alle schon sehr gespannt und neugierig auf diese Herbst-Tour.

D.O.: Auf dem Album befindet this auch noch ein Das Ich Remix von "Lost Trace". Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Myk: Bruno Kramm ist jemand, der uns als Berater, als entfernt hausender Freund, immer wieder zur Verfügung stand, mit dem man in größeren Zeitabständen etwas plante oder besprach. Vor einigen Jahren beschlossen wir, für die jeweils andere Band Remixe zu erstellen. Ich glaube, es ist inzwischen schon wieder fast drei Jahre her, daß wir für das Das Ich-Remix-Album "re_latorat" den Song "Kindgott" neugestalteten. Im Gegenzug entstand nun diese grandiose Das Ich-Version von "Lost Trace".

D.O.: In der langen Bandgeschichte habt Ihr ja eine Menge erlebt. Dabei läuft ja auch nicht alles glatt. Welches war denn Euer peinlichstes Erlebnis?

Myk: Erstaunlich, daß Du mich jetzt danach fragst. Vor einigen Tagen noch mußte ich über eine Situation nachdenken, die uns lange verfolgt hat, und während ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Entschluß, daß sie mich noch immer verfolgt, und ich sie nicht überwunden habe - obgleich das Ereignis im September 1985 stattfand. Als damals noch sehr unbekannte Band hatten wir die Ehre, auf einer lokalen Dark-Fete Headliner zu sein - und waren total überrascht, plötzlich vor annähernd tausend Szenegängern zu spielen. Alles klappte hervorragend, bis beim vierten oder fünften Song, eine Basssaite riß. Es war kein Ersatzmaterial am
Start. Damals jedoch, in der TFS-Frühphase, spielten die Eletronics noch nicht eine so große Rolle, und fast jedes der Stücke basierte auf Rascals Bassgitarren-Figuren. Wir sahen keine Möglichkeit das Konzert fortzusetzen! Wir beendeten unsere Performance, und eine Atmosphäre von Unmut entstand. Ich weiß nicht, wie viele Jahre wir warten mussten, um wieder vor einem annähernd so großen Publikum aufzutreten.

D.O.: Wie sieht bei Euch der Kontakt zu Euren Fans aus?

Myk: Auch auf diesem Sektor gab es, allerdings in jüngster Zeit, Unmut-bekundigungen. Und zwar haben wir, bedingt durch die lange Produktionsphase, unsere Internet-Base-Aktivitäten ziemlich schleifen lassen. Das wird sich jetzt wieder ändern! Aber an alle, die wegen mangelnder TFS-Antworten langsam vergnatzt wurden: Ich möchte mich dafür entschuldigen, und: es wird besser werden.

D.O.: Beim unserem letzten Interview hast Du die Erklärung zur ureigenen Philosophie von THE FAIR SEX abgebrochen. Willst Du sie an dieser Stellen nicht einmal darstellen?

Myk: Habe ich die Erklärung abgebochen? Dies liegt wahrscheinlich daran, daß hinsichtlich des Unterfangens, eine Philosophie zu artikulieren, zwangsläufig die klassische Schwarze-Rächer-Ideologie bemüht wird. Und auf die möchte ich eigentlich frühestens erst wieder nächstes Jahr zurückkommen... Es ist darüberhinaus auch nicht einfach, in wenigen Sätzen eine TFS-einheitliche Philosophie zu formulieren... Es wühlt etwas in uns, eine Unruhe, eine Unzufriedenheit, ein wühlender Stich, und es ist nicht immer klar, woher diese Rastlosigkeit rührt. Jedenfalls scheint es uns ein Bedürfnis, dieses zehrende Gefühl nach außen zu transportieren. Wahrscheinlich ist genau dieses Gefühl das Hauptfundament unserer Tätigkeit.

D.O.:Danke für das Interview.

Dark Obession / Dirk Niederkleine

Zillo, Oktober 2002

THE FAIR SEX

Akku aufgeladen!

Es ist die Zeit der Comebacks, die wir momentan erleben. Nicht wenige alte Wave-, Goth- und EBM-Größen haben nach längerer Auszeit oder anderweitiger Betätigung die Jahrtausendwende offenbar als Anlass genommen, aus der Versenkung aufzutauchen und optional an ihre ruhmreichen Tage von einst anzuknüpfen.
Die Motivationen, die hinter einem solchen Comeback stehen, sind indes unterschiedlich: Für jene ist es der schnöde Mammon (auch wenn das natürlich keiner zugeben würde), für diese das Ausbrechen aus ihrem mittlerweile bürgerlichen Leben, und für wieder andere ist es der pure Hedonismus.
Die Ur-Waver von THE FAIR SEX sind jetzt ebenfalls wieder da. Frontmann Myk Jung erzählt uns, warum.

Zillo: Das letzte Fair Sex-Album liegt ungefähr sieben Jahre zurück. Warum habt Ihr damals aufgehört?
Myk: Der Grund für den Split ist ein denkbar einfacher: Der TFS-Akku war einfach leer, und das Innenverhältnis zwischen den einzelnen Mitgliedern irgendwie ausgelaugt. Es lag nahe, dass wir eine Pause brauchten. Wenn mir allerdings damals jemand gesagt hätte, dass wir nach sieben Jahren wieder neue Veröffentlichungen angehen würden, hätte ich wahrscheinlich geantwortet: `Sieben Jahre? Was soll denn der Unsinn? Entweder TFS für immer sein lassen, oder spätestens nach drei, vier Jahren die Band wieder aufleben lassen!` Aber vielleicht ist es tatsächlich so: Die Dinge nehmen sich haargenau die Zeit, die sie benötigen
Zillo: Ihr habt nach der Vorab-Maxi "Lost Traces From The Far Side" jetzt direkt das Album "TFS" herausgebracht. Warum habt Ihr überhaupt wieder angefangen?
Myk: Zwei oder drei Jahre hatten die Fair Sexer wenig miteinander zu tun; plötzlich aber
hatten wir wieder zueinander gefunden und planten in langen Nachtsitzungen, einen Neustart zu wagen. 1995 hatten wir der Welt nichts mehr zu sagen, und ich denke, man sollte lediglich unter dieser Prämisse Musik machen. Nun aber hatten wir das Gefühl, dass alle möglichen Voraussetzungen wieder gegeben waren - was ja auch nicht unbedingt verwunderlich ist, nachdem wir mehrere Jahre Zeit hatten, neue Ideen im Kopf zu entwerfen.
Zillo: Ist das Line-Up der Band heute wieder das gleiche wie damals?
Myk: Wir sind zunächst in der Originalbesetzung in diese Reunion gestartet, haben aber im Laufe der letzten Monate den Testify-Gitarristen Kullf mit ins Boot genommen.
Zillo: Und was habt Ihr in den zurückliegenden Jahren so getrieben?
Myk: Einige von uns haben an verschiedenen musikalischen Projekten gearbeitet, von denen manche in Deutschland gar keine Veröffentlichungen hatten. Von derbem Industrial Krach bis zu Anleihen aus Pop-Gefilden reichten diese Seitenprojekte: eigentlich wurde nur die Palette fair sexiger Kreativität auseinandergenommen und in ihre jeweiligen Extreme weitergetrieben. Testify, Nice Gods Bleed und 1 AM sind drei dieser Bands.
Zillo: Das Musikerleben ist ja nun nicht gerade das stressfreiste, was Tourleben, Promo- und Studio-Arbeit angeht. Ihr seid nun allesamt sieben Jahre älter als bei Eurer letzten Platte, der ein oder andere von Euch hat inzwischen Familie! Waren das keine Gründe, die eventuell auch gegen ein Comeback hätten sprechen können?
Myk: Tatsächlich gibt es inzwischen Nachwuchs. Meine siebenjährige Tochter Allegra hat zum Beispiel zu zwei unserer neuen Songs Leadvocals beigesteuert: eine Idee, die uns während der Produktion kam. Allerdings gibt es mit Sicherheit Gründe, die gegen ein Comeback hätten sprechen können; und Stress ist nicht der geringste unter denen. Aber was sollen wir machen? Die Ideenflut in unseren Köpfen nahm immer mehr zu. Wir konnten einfach nicht anders, als unsere Visionen umzusetzen, und solchermaßen ein paar Dämonen loszuwerden.
Zillo: Seht Ihr "TFS" als Fortsetzung oder als Neuanfang?
Myk: Gewiss ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Gerade nach einer so langen Pause sollte man wohl eher von einem Neuanfang sprechen. Innerhalb der Band ist das Gefühl eines Neubeginns denn auch vorherrschend, denk´ ich. Aber wahrscheinlich ist es müßig, für das Unterfangen einen Begriff festzulegen. Interessanter wird´s, wenn man das ganze aus der Sicht der Hörer betrachtet: Wer kennt eigentlich THE FAIR SEX noch? Für wen sind sie absolutes Neuland? Wahrscheinlich wird eher auf dieser Ebene über "Neuanfang" und "Fortsetzung" entschieden...
Zillo: Ihr habt auf "TFS" einige Zitate auf ältere Fair Sex-Scheiben. Ist "The Now And Here" beispielsweise die Fortsetzung des Fair Sex-Klassikers "Not Now, Not Here"?
Myk: Jau, solche Aspekte wiederum würden ja eher für die "Fortsetzungs"-Variante stehen... Wir haben tatsächlich ein paar Selbstzitate einfließen lassen, nicht unbedingt frei von Ironie. Während jedoch der Song "The Palace Of The Bad" ohne Schwierigkeiten als ein Remake von "The House Of Unkinds" daherkommt, hat "The Now And Here" musikalisch nichts mit "Not Now Not Here" zu tun. Ich habe lediglich in einen vollständig eigenständigen Song eine Hookline- Reminiszenz eingebaut, wenn du so willst. (Vielleicht eine unbewusste Antwort auf ein Statement, das mir im Laufe der Zeit des öfteren zu Ohren gekommen ist: "Macht doch noch mal so was wie ‚Not Now Not Here'...). Obendrein verarbeite ich darin ein weiteres klassisches Fair Sex-Statement: Live The Moment! Die Aufforderung, nicht zurück oder nach vorne zu schauen, sondern die Flüchtigkeit des Augenblicks zu genießen - oder sich wenigstens mit dieser Flüchtigkeit auseinander zu setzen. Ich selber ring´ andauernd mit der Flüchtigkeit des Augenblicks. Eine ärgerliche Angewohnheit.
Zillo: Als Ihr seinerzeit mit Fair Sex auf der Bildfläche erschienen seid, wart Ihr eine Art Vorreiter, die Musiklandschaft war längst nicht so überflutet von Wave- und Electro-Bands wie heutzutage. Wie werdet Ihr dieser neuen Konkurrenzsituation begegnen, zumal Ihr viele Eurer alten Fans, wie Du selbst sagst, ja wahrscheinlich gar nicht mehr mobilisieren könnt?
Myk: Wenn wir unsere Gedanken auf Strategien, wie mit einer andersartigen Konkurrenzsituation umzugehen ist, verschwenden würden, hätte uns solches nur von dem abgehalten, was unser Anliegen war und ist: Mit "TFS" all jenes vorzulegen, wofür die Band im Jahre 2002 steht. Wir sind im Laufe des Schaffungsprozesses eher introvertiert zu Werke gegangen: Konzentriert auf das musikalische Konstrukt, nicht nach außen schauend.
Zillo: Ihr habt das Album schlicht "TFS" genannt. Ist dies lediglich die Abkürzung für den Bandnamen, oder spielt der Song "The Far Side", der ja die gleichen Anfangsbuchstaben trägt, da auch eine gewisse Rolle?
Myk: Interessanter Aspekt, den Du da aufwirfst. Vor allem, weil der Titel "The Far Side" nicht nur von den Anfangsbuchstaben, sondern auch von seiner ganzen Optik her wie eine Widerspiegelung von THE FAIR SEX wirkt. War aber reiner Zufall. Fiel uns glaub´ ich erst auf, als wir den Songtitel im Druck sahen. Vielleicht ist´s ja auch eine wie mystische Querverbindung.... . Der Albumtitel hingegen transportiert ausschließlich die Abkürzung des Bandnamens, wie wir sie selbst seit Jahren benutzen.
Zillo: Seit einiger Zeit grassiert ja geradezu eine Comeback-Welle. Front242, Klinik, The Mission, Soft Cell und Fields Of The Nephilim sind nur einige, die nach jahrelanger Pause mit neuem Material zurückgekehrt sind. Was meinst Du, warum herrscht zur Zeit diese Comebackomania, die ja letztlich auch Euch betrifft?
Myk: Die Comeback-Welle, die tatsächlich grassiert, wäre wohl eher ein Argument dafür, das ganze Unternehmen sein zu lassen. Eigentlich ärgerlich, dass alle gleichzeitig mit demselben Anliegen zurückdrängen. Vielleicht herrscht bei den Musikern das Gefühl vor, dass ihnen die Zeit wegrennt - vielleicht treibt uns ähnliches. Aber ganz ehrlich: Es war noch nie unsere Stärke, über den Tellerrand unseres Schaffens hinwegzuschauen und zu analysieren, ob wir was zum richtigen oder zum falschen Zeitpunkt machen. Die Dinge geschehen einfach. Wir lassen sie fließen.
Marc Urban

 

Obliveon, Oktober 2002

THE FAIR SEX


…und sie kommen wieder

 


Der Einfluss THE FAIR SEXs auf die schwarze Szene ist unbestritten, nicht zuletzt deshalb, weil die richtungsweisende Kombination aus treibenden EBM-Beats und harten Gitarren bei Gründung der Band noch wenig verbreitet war. Nach dem Split der Band im Jahre 1995 tat man sich 1999 wieder zusammen, spielte einen vielumjubelten Auftritt in Leipzig auf dem Wave Gotik Treffen und veröffentlichte im letzten Jahr eine erste Maxi, der mit "TFS" nun erst das erste komplette Album nach der Wiederveröffentlichung folgte. Und was für ein Album. Während viele Reunions eher einen faden Beigeschmack ob der noch vorhandenen songschreiberischen Qualitäten hinterlassen, ist "TFS" ein sowohl zeitgemässes wie auch typisches Album der Band aus dem Ruhrgebiet.
Direkt nach der Veröffentlichung von "TFS" folgte nun eine Tour mit Psyche und Invincible Spirit, also zwei weiteren langgedienten Bands der schwarzen Szene, die ihre grössten Erfolge in den späten achtziger bzw. den frühen neunziger Jahren feiern konnten. Myk Jung, Sänger von THE FAIR SEX, fasst seine Eindrücke der Tour zusammen.


>> Wir haben so einige großartige Situationen erlebt: es gab nicht selten richtig enthusiastische Reaktionen, die sich allerdings zuweilen mit Momenten linden Wohlwollens ablösten. Es war wahrhaftig eine sehr interessante Konstellation, bei der sich die Anhänger der einzelnen Bands während der Konzerte vermischten. Die Mitglieder der einzelnen Bands gehörten obendrein des öfteren zum begeisterten Publikum der jeweils anderen Bands. <<

Hat sich, so wie sich auch die Szene im Laufe der Jahre verändert hat, euer Publikum verändert? Kommen heute andere Leute zu einem Konzert von THE FAIR SEX als früher?
>> Das Publikum setzte sich aus alten Fans und neuen Gesichtern zusammen, wobei die Fraktion der "Achtziger" im Schnitt leicht die überhand behielt. Allerdings war es interessant zu beobachten, daß sich das Publikum - je nach Location - doch sehr voneinander unterschied. <<

THE FAIR SEX haben sich 1995 überraschend aufgelöst und im Jahr 1999 reifte der Entschluß, die Band wiederzubeleben. Was waren die Gründe, die zur Auflösung der Band wie auch wieder zu ihrer Reunion geführt haben?
>> Es waren wenig spektakuläre Gründe für unseren Split: Nach über zehn Jahren Zusammenarbeit funktionierte das Innengerüst der Band einfach nicht mehr. Wir haben diese Auszeit von ein paar Jahren gebraucht, um wieder zueinander zu finden. Anfang 1999 allerdings spürten wir, daß wir uns wieder vehement nach einer Zusammenarbeit typisch fair sexiger Art sehnten. <<

Solche `Wiederveröffentlichungen haben ja häufig einen bitteren Beigeschmack, da viele der Bands den Erwartungen ihrer Fans leider nur zu häufig nicht mehr gerecht werden. Seid ihr euch dieser Gefahr bewusst gewesen und wie habt ihr es vermieden, euch ebenfalls dieser Gefahr auszusetzen?
>> Das klingt so, als würdest du unsere Reunion als durchaus gerechtfertigt ansehen: wenn du meinst, daß wir diese Gefahr vermieden haben. Tatsächlich gibt´s nicht wenige Menschen, die glauben, daß "TFS" unser bislang stärkstes Album ist. Ich denke, wir hatten in den sieben Jahren unserer Band-Abstinenz genug starkes Songmaterial gesammelt, um sicher zu sein, keinen faden Beigeschmack zu hinterlassen. Und doch ist die Hälfte der Titel erst in den letzten zwölf Monaten geschrieben worden. <<

Was hat sich für euch als Band, aber auch als Privatpersonen, im Laufe der Jahre innerhalb der Szene verändert? Ist sie, wie häufig zu hören und zu lesen ist, oberflächlicher geworden, bestimmen andere Inhalte die Szene? Wie haben sich THE FAIR SEX verändert?
>> Ich habe gerade in letzter Zeit die Meinung geäußerst, daß sich in meinen Augen die Szene ihren ureigenen Charakter erhalten hat - was des öfteren auf Verwunderung stieß. Denn die Ansicht, daß die Szene oberflächlicher geworden ist, scheint sich etabliert zu haben. Es gibt heutzutage einige Trends innerhalb der Schwarzen Subkultur, für die ich keine Begeisterung zu empfinden vermag (z.B. der Mut zum Düsteren Schlager); jedoch glaube ich nicht, daß sich solche Trends lange zu halten vermögen. Von THE FAIR SEX hingegen denke ich, daß die Band ihren ureigenen Stil aufrechterhalten hat, ohne daß sie zu viel retro-Staub aufgewirbelt hat.<<

Wut und die Artikulation von Wut durch Musik war immer auch der musikalische Motor von THE FAIR SEX. Ist diese Wut immer noch vorhanden oder verliert sich diese Wut mit zunehmendem Alter? Haben sich die Themen, die zu dieser Artikulation geführt haben, verändert?
>> Eine zehrende Unzufriedenheit, eine unterschwellig vorhandene Wut, hat sich bis heute gehalten, und ist immer noch ein Motor der Kreativität. Schreit diese Welt nicht zuweilen nach Wutausbrüchen ihrer Bewohner? Rastlosigkeit, der Verlust von Seelenfrieden - zumindest mein persönliches Leben kennzeichnen diese nervtötenden Gemütszustände immer noch; vielleicht sogar stärker als in manchen früheren Phasen. <<

Lässt sich diese Wut auch heute noch in der Szene ausmachen oder ist die Szene heutzutage sehr viel angepasster geworden?
>> Auch diese Ansicht habe ich gerade in letzter Zeit des öfteren vernommen. Vielleicht müßte ich demnächst noch mehr Zeit innerhalb der Szene verbringen, um die Wahrheit darüber zu eruieren. Allerdings vermute ich hinter solchen Aussagen ganz stark die uralte These, daß früher allles besser und originaler gewesen sei. Solche Statements sind mit Vorsicht zu genießen. Auf der anderen Seite sollte niemals vergessen werden, daß die Szene angetreten ist, um gleichsam das düstere verzerrte Spiegelbild des aussagelosen Mainstreams zu sein. Wenn sowas eines Tages vergessen sein sollte, wird die Szene am Ende sein. <<

Hat sich, verglichen mit der Zeit vor dem Split, die musikalische Arbeitsweise der Band und ihrer Songs verändert? Arbeitet ihr heutzutage anders, rationeller, zielgerichteter?
>> Die Stücke basieren hauptsächlich auf der Grundidee eines einzelnen von uns; gemeinsam schleifen wir an diesen Skizzen. Die Art und Weise, wie wir vorgehen, mag zielgerichtet und rationell sein. Das Zusammenspielen früherer Tage allerdings könnten wir in Zukunft wieder öfter auferstehen lassen. <<

In welcher Stimmung oder Gemtütsverfassung entstehen die Songs von THE FAIR SEX?
>> Inspirationsfülle ist wahrscheinlich die Voraussetzung, daß aus einer flüchtigen Idee ein wahrhaftiger und guter Song wird. Die Gemütsverfassungen des Schreibers allerdings mögen ganz verschiedene sein: Niedergeschlagenheit oder Optimistismus, Zorn oder Glücklichsein - allen möglichen Seelenzustände wohnt die Kraft inne, Kreativität erstehen zu lassen. <<

Über welchen Zeitraum sind die Songs zum neuen Album entstanden? Wo seht Ihr die hauptsächlichen musikalischen Unterschiede im Vergleich zu früher? Mir scheint, dass das neue Album wieder die stärkere Seite der Elektronik betont.
>> Die ältesten Stücke, "Laughter Of Mirth" etwa oder "The Now And Here", wurden schon in 1999 geschrieben, wenngleich später teilweise modifiziert. Die meisten Stücke stammen aus den Jahren 2000 und 2001. Ein Hauptunterschied zu früheren Tagen ist wohl, daß die Songs besser vorbereitet sind, wenn wir dann schließlich die endgültige Studiophase beginnen. Zu der Beurteilung der Gesamtlinie: Es scheint ein augenfälliges TFS-Merkmal zu sein, daß die Reaktionen auf unseren Sound andauernd auseinandergehen. Es gibt auch Hörer, die feststellen, daß wir niemals zuvor stärkere Gitarren aufgefahren haben als etwa in "Cold Heat Enclosed In Stone", "The Far Side", "The Now And Here" oder "Get Out Off My Head"). <<

Woher stammen die Inspirationen für die Texte von Songs wie "Cold Heat Enclosed In Stone", "The Far Side" und "Failed Desaster"?
>> Du hast Dir für diese Auswahl drei Songs ausgesucht, deren Lyrics schwer interpretierbar sind, da sie mit assoziativ-wilder Imagination ausgestattet sind, deren letztendliche Deutung wahrscheinlich dem Hörer überlassen ist, wenn er nicht meinen ganz ureigenen, wahrscheinlich ausufernden Erklärungsansätzen folgen möchte, was ich keinem raten würde. Die Inspirationen für die Texte liegen in den Songs selber: sie legen mir sozusagen, wenn ich tief genug horche, die richtigen Worte in den Mund. <<

Haben sich die Texte und die Art, wie sie geschrieben wurden, im Laufe der Jahre verändert?
>> Die Vorgehensweise dieser reinen Intuition pflege ich jetzt schon seit einigen Jahren; ich glaube nicht, daß sich da viel verändert hat. Wenn der Text beendet ist, verwundere ich mich selber des öfteren, welche Richtung er genommen hat, und staunend schau ich auf solche Sätze wie: "Dare the wrong: Love is failed disaster" - denn daß Liebe das Resultat fehlgeschlagener Desaster ist, finde ich eine wundervolle Formulierung, und daß man, um solches zu erreichen, einmal alles wagen sollte, auch das augenscheinlich Falsche, ist eine andere wunderbare Idee. Nur hatte ich diese Wortschöpfungsideen noch nicht, bevor ich mich daran machte, diesen Text zu schreiben! So ergeht es mir mit fast allen Texten, die ich schreibe. "All is all-one: this is what matters indeed" - "das einzige, was zählt, ist, daß alles egal ist" ist ein anderes herrliches Beispiel für diese Intuition, obgleich mit fragwürdiger Message, wie ich warnend hinzufügen möchte. <<

Das Vorwort zum Album könnte als Abrechnung der Band mit ihren Kritikern und der "Schwammigkeit" solcher Begriffe wie "Futureretro" bzw. "Retrofuture" verstanden werden, wobei die Begrifflichkeit an sich ja eher zweitangig ist und es daher müssig sein sollte, sich mit solchen Definitionen auseinanderzusetzen um sich vielmehr mit dem auseinanderzusetzen, was wirklich wichtig ist, der Musik. Würdet Ihr dieser Deutung zustimmen?
>> Dem würde ich voll und ganz zustimmen. Wir haben auf unserer vorab veröffentlichten Maxi den Begriff "Retrofuture" lanciert - einfach so, weil er uns ganz passend erschien. Auf diesen Begriff haben sich plötzlich alle gestürzt, um festzustellen, daß wir richtigen "Retrofuture" machen. Yeah. Wir fühlen uns geehrt. In Wahrheit interessieren uns solche Klassifizierungen nicht. <<

Wenn Ihr heutzutage Bands wie Zeromancer und deren Alben betrachtet, denkt Ihr, dass THE FAIR SEX dann eine Vorreiterrolle in der Kombination aus Elektronik und harten Gitarren inne hatten?
>> Diese Vorreiterrolle wird uns oft zugeschrieben, und wir sind ein bißchen stolz drauf. Allerdings glaube ich nicht, daß wir, was die Stilmittel angeht, in unserer Frühphase besonders innovativ oder
bahnbrechend waren. Wir haben alles zusammengemischt, was wir liebten - und haben daraus oftmals sehr gute Stücke geschmiedet. That´s it and that´s all. <<

Was steht für THE FAIR SEX nach der unlängst beendigten Tournee nun als nächstes auf dem Programm?
>> Wir haben mehrere verschiedene Pläne, was die nächsten Schritte angeht. Sie sind noch nicht ausgereift genug, um jetzt schon was zu sagen. Frag mich mal lieber wieder im Dezember. <<


Michael Kuhlen

Synthetics, Oktober 2002

THE FAIR SEX....

Die Neue Ernsthafte Inspiration

Nach 7 Jahren Pause erscheint nun Euer siebtes Album. Was hat sich in den sieben Jahren an Eurer Art Musik zu machen verändert?

Myk: Wir arbeiten ein wenig gewissenhafter und ernsthafter an den Arrangements, als in vorhergehenden Jahren. Schon bevor wir ins Studio gehn, bereiten wir die Songs ziemlich akribisch vor. Wir ordnen die Visionen in unserer Vorstellung, bevor wir uns ans endgültige Produzieren herantasten. Obendrein werden nicht mehr alle Titel am Atari entworfen (wenngleich doch noch einige); der IMac steht inzwischen ebenfalls zu unseren Diensten. Gerade die Arbeiten an den Seitenprojekten haben unseren Blick auf´s Detail geschärft.

In den 7 Jahren Eurer Abwesenheit habt ihr diverse Nebenprojekte gestartet, die aber nicht an den Erfolg von The Fair Sex herankamen. Was glaubt ihr, waren die Gründe dafür?

Myk: Erstaunlich ist ein solches Phänomen wohl kaum; wann hat man schoneinmal davon gehört, daß das Seitenprojekt einer relativ bekannten Band erfolgreicher würde als das Mutterschiff selber? Deswegen waren unsere Erwartungen an die Nebenprojekte nicht über Gebühr hoch, gleichwohl wir zuweilen ein wenig mehr an Resultat erwartet hätten. Allerdings bewegten sich Projekte wie Nice Gods Bleed oder Testify doch sehr im noisigen Industrial-Bereich, so daß sie in hiesigen Gefilden nicht viel mehr als lindes Interesse hervorrufen konnten.

Euer Neues Album hört ganz schlicht auf den Titel "TFS". Was bedeutet das im speziellen für Euch?

Myk: "TFS" ist unsere Band-interne Abkürzung für The Fair Sex, wie wir sie schon seit Jahren benutzen. Zeitweilig haben wir sogar darüber nachgedacht, den Bandnamen an sich in TFS umzubenennen... Vielleicht haben wir den Titel gewählt, um auszudrücken, daß es sich beim neuen Album in unserer Wahrnehmung um DAS The Fair Sex-Werk an sich handelt, denn trotz seiner relativ großen Palette an unterschiedlichen Elementen und Atmosphären wirkt es einheitlich und zwingend. Wir mochten den Titel wegen seiner plakativen


Einfachheit - auch wenn die im Gegensatz zu manchen detailverliebten Passagen unserer neuen Stücke steht.

Wie kam es dann dazu, daß ihr im Jahre 2001 noch einmal gemeinsam aufgetreten seid & was war der ausschlaggebende Grund dafür, das nun vorliegende Album "TFS" einzuspielen?

Myk:Im Winter 2000/2001 kamen wir zu der Erkenntnis, daß unsere Reunion, ein Jahr zuvor gestartet, visions-und ideenmäßig leicht ins Stocken geraten war. Wir wollten Live-Events, um uns neue Inspirationen zuzufächeln. Das hat hervorragend funktioniert. Tatsächlich sprudelten hernach die Skizzen neuer Ergüsse nur so aus uns hervor.

Einige Eurer Songs kommen mit nur ein paar Sätzen als Gesangliche Untermalung aus, andere hingegen erzählen richtige Geschichten. Welche Songs gefallen Euch persönlich am besten?

Myk: Als lyric-Schreiber liebe ich die längeren, vertrackten Texte, die nicht selten surreal-überdrehte, psychotisch dunkle Geschichten erzählen, deren Interpretation mir teilweise selber Kopfzerbrechen bereitet. Jedoch glaube ich, daß man nicht jedem Stück eine ausufernde, schwergewichtige lyric-Last aufbürden muß. Als Sänger freue ich mich, wenn´s mir gelungen ist, mit wenigen Sätzen einem Song gerecht geworden zu sein. Dann dauert die Aufnahmesession im allgemeinen nicht so lange! Denn für mich bedeutet es jedesmal, einen Kampf ausfechten zu müssen, bis das, was in meinem Kopf erklingt, stimmhafte Realität geworden ist.

Neben Tanzflächenknallern liefert ihr aber auch ruhige Songs in einem Komplettpaket ab, könnt ihr Euch auch vorstellen ein Album zu produzieren, das nur aus Balladen besteht?

Myk: Ich persönlich könnte mir ein reines Balladen-Album schon vorstellen, allerdings glaube ich nicht, daß wir ein solches Unterfangen unter dem Namen
The Fair Sex angehen werden. Zumindest nicht in absehbarer Zukunft. Ausgewogenheit zwischen atmosphärischen Stücken und straighten Dancefloor-Titeln gehört zum Grundkonzept fair sexiger Alben. Eherne uralte Gesetzmäßigkeiten.

Beim Song "failed Disaster" fällt einem sofort ein grosses Vorbild Eurer Musik, nämlich Front 242 ein. Wie denkt ihr heute über Front 242?

Myk: Das ist interessant, daß Du sowas anmerkst. Denn ich kann mich genau erinnern, wie Rascal, Electro-Mastermind, im Studio zu diesem Song anmerkte: "Ey! Da ist mir ein richtiges 'Daniel Bresanutti-Gedächtnis-Pattern" gelungen - um eines der Synth-Riffs von "Failed Desaster" zu umschreiben. Natürlich war Front 242 in den frühen Jahren eine wichtige Inspirationsquelle für uns. Ein Einfluß, den sie allerdings im Laufe der letzen Jahre, zumindest was TFS betrifft, eingebüßt haben.

Im ganzen Booklet Eurer CD findet man kein Foto von Euch. Das Booklet sieht auch sehr einfach gestaltet aus. Ist es Euch nicht so wichtig auch eine visuelle Spur bei Euren Hörern zu hinterlassen?

Myk: Ey! Ich halte unser edel blau-schwarz gestaltetes Coverwork für das beste, was The Fair Sex je veröffentlicht haben. Vor allem die eleganten Innenseiten haben´s mir angetan - vielen Dank an die Gestalterin! Wenngleich in der Tat ein Bandphoto fehlt - wie bei den meisten unserer CD´s. Ich persönlich bevorzuge Artwork-Arbeiten, die sich auf Motive und Strukturen beschränken, und keine Promophotos mitschleifen. Ich hoffe, daß nicht jeder
unser Artwork als "nicht-visuell" empfindet. Denn natürlich ist das Visuelle nicht unbedeutend, wie z.B. unsere Live-Shows hoffentlich deutlich machen.

Sorry, ich wollte mir nicht anmaßen Eure visuelle Vielfalt hier anzuprangern...letztendlich is das ja alles Geschmackssache. Was glaubt ihr wie lange sich Euer Album in einem CD Player einer Eurer Fans befinden wird und wie viele Chancen habt "TFS" auch in einem Jahr noch mehrmals wieder gehört zu werden?

Myk: Ich denke, "TFS" gehört sicherlich zu der Sorte von Alben, denen man auch nach oftmaligem Hören noch etwas abgewinnen kann; und so ist es meine
Hoffnung, daß es immer wieder mal in den CD-Playern auftauchen wird - vielleicht sogar noch in einem Jahr oder mehreren. Zumindest halte ich es
nicht für notwendig, NUR noch "TFS" zu hören. Kleiner Scherz, tschuldigung. Im Laufe des Jahres 2003 soll es darüberhinaus weitere TFS Veröffentlichungen geben, so jedenfalls ist unser Plan. Ihr wart mit Eurer Musik vorreiter für derzeitig jetzt grössere Szene Bands.

Was wäre wohl gewesen, wenn ihr keine Siebenjährige TFS Pause eingelegt hätten. Hättet ihr uns dann einige von den schlechteren Bands erspart ?

Myk: Das ist wohl eine Art Kompliment, vielen Dank. Eine lustige Philosophie: Wir hätten weiterhin Alben veröffentlicht, natürlich von exquisierter Güte, und diese Qualitäten hätten also nach Deiner Theorie den Erfolg anderer Bands in Zaum gehalten, da alle nur die neuen The Fair Sex-Werken hätten haben wollten?!.... sehr schootig. Allerdings finde ich, daß die TFS-Pause nicht unbedingt sieben Jahre hätte verschlingen müssen. Wir waren zwar in 1995 ziemlich ausgebrannt, und brauchten leider eine Pause und Abstand voneinander. Rückblickend jedoch finde ich, daß wir uns mit unserem Comeback zu viel Zeit gelassen haben. Eigentlich habe ich persönlich es immer sehr eilig. Auf der anderen Seite ist es hingegen vielleicht tatsächlich so, daß sich die Dinge genauso viel Zeit nehmen, wie sie brauchen. Vielleicht hätten wir vor drei Jahren ein deutlich schwächeres Album abgeliefert. Und das wäre ja auch bedauerlich. Das Album spiegelt viele verschiedene Arten der Musik wieder, die ihr auch schon in den 90zigern zum Besten gegeben habt. Dennoch habt ihr euren Sound noch weiter ausgebaut. Kurzum, ihr seid eine der wenigen Hoffnungen in der Szene. Wie seht ihr diese Szene jetzt und damals, als ihr sie als TFS verlassen habt?
Myk: Facetten der Szene, vielleicht auch einige wichtige Facetten, haben sich verändert. Die Szene selber allerdings bleibt ihren Basisideen treu, hab' ich den Eindruck. Und das ist ein beruhigender Gedanke - den allerdings so manche nicht teilen, wie ich im Laufe der letzten Monaten festgestellt habe. Für mich lebt die Mystik und die Kraft des Dunklen Underground weiter. Da werd ich doch wohl nicht einer Täuschung anheimfallen?

Ihr habt auch "Das Ich" als Remixer für Eure Single "Lost Trace" gewinnen können. Eine Band, die heutzutage grosse Erfolge feiert (warum auch immer) und wohl auch durch Euch beeinflusst worden ist. Seid ihr stolz auf ihrerArbeit mit Eurem Song und ihrer Arbeit im Allgemeinen?

Myk: Immer wieder, in größeren Abständen, gibt es Gespräche zwischen uns und Bruno Kramm. Vor drei Jahren haben wir einen Remix für Das Ich erstellt - von "Kindgott". Im Gegenzug haben sie nun diesen auffälligen und gelungenen "Lost Trace"-Remix erschaffen. In der Tat hat mir irgendwann mal Bruno bestätigt, daß The Fair Sex einen gewissen Einfluß auf Das Ich hatten, in frühen Jahrhunderten. Ob das eine höfliche Floskel war oder den Tatsachen entspricht, kann ich natürlich nicht beantworten. Persönlich bewundere ich die Arbeit von Das Ich sehr; und bin, was für einen Das Ich-Fan allerdings
eher eine Ausnahme bedeuten mag, vor allem ein Anhänger ihrer "industrialinen" Phase so um 1998 herum.

Ich finde Eure Single sehr vielseitig. Lost Trace ist ein wirklich sehr genialer, facettenreicher Song, der in keinem CD Regal fehlen sollte. Wann war Euch bewusst, das dieser Song, euer Album am besten präsentieren könnte?

Myk: Zumindest war es ein bewußter Schritt, den typisch TFS-mäßigenDancefloor-Knallern wie "The Far Side" und "The Palace Of THe Bad" (auch auf der MCD) einen Song voranzusetzen, der, neben Tanzbarkeit, vor allem Atmosphäre mittransportiert. Ich freue mich, daß diese Wahl z.B. in Deinen Augen auf Gefallen stößt. Nicht alle jedoch haben solchermaßen reagiert. "The Far Side" und "The Palace Of The Bad" liegen, gerade jetzt nach Veröffentlichung des Albums, in der Gunst der Hörer deutlich vor "Lost Trace". Übrigens ist es erstaunlich, wie viele verschiedene Favoriten es für die unterschiedlichen Hörer gibt. Ich glaube, mittlerweile ist tatsächlich jeder Song von dem einen oder anderen als Top-Favorit genannt worden. Sogar "Blue Eternities", das anderthalbminütige Kinderlied, von meiner Tochter Allegra gesungen, wurde schon genannt - von einem DJ aus Los Angeles, der diese vollkommen beatlose Collage andauernd in seinem Club laufen läßt!

Gibt es eine Band mit der ihr in Zukunft zusammen arbeiten wollt?
Myk: Ich würde mich freuen, wenn Trent Raznor mal bei uns anrufen würde. Hat der eigentlich meine Telephonnummer verschlampt? OK - näherliegend und bestimmt sehr interessant wäre es, etwas mit anderen deutschen Bands unserer gemeinsamen Frühen-Neunziger-Tage zu starten, wie z.B. Das Ich oder Project Pitchfork.

Ihr wart im September mit Psyche & Invincible Spirit auf der "legend united II" Tour. Wie haben Euch die Leute dort aufgenommen. Hat man Euch vermisst?

Myk: Ich bekam den Eindruck, daß alle drei Bands vermisst worden waren. Und es war großartig, zusammen wieder zurückzukommen. Ich wünschte, die Tour würde nochmal von vorn beginnen.


Interview: Myk und Micha L.

 

Gothic, Februar 2001

THE FAIR SEX


Die Rückkehr des Schwarzen Rächer


Eine lange, für viele Leute viel zu lange, Zeit schien es so, daß es von THE FAIR SEX kein neues Lebenszeichen mehr geben würde. Doch nun ist es tatsächlich so weit, die Vorreiter elektronischer Musik in der deutschen Szene befinden sich tatsächlich wieder im Studio, um ein brandneues Album aufzunehmen. Und das, was fast noch mehr verwundert, sogar in der alten Besetzung. Die besten Vorzeichen also, für eine fulminante Rückkehr dieser Kultband, was für mich Grund genug war, mit Sänger Myk in Erinnerungen an alte THE FAIR SEX-Zeiten zu schwelgen, aber auch die mögliche Zukunft zu beleuchten.

 

THE FAIR SEX existieren nun schon seit rund 15 Jahren, kannst Du trotzdem für alle, die es noch nicht wissen, kurz erläutern, wie alles begann?

Myk: Im Winter 84/85 waren wir vollzählig. Was bedeutet, daß fünf Verrückte am Start waren, die einen Start wagten. Und zwar mitten in die düsteren Gefilde des Dark Wave. Weg von dem mehr rockigen Sound vorhergehender Tage. Rascal brachte einen winzigen Kinder-Casio-Synthesizer mit, auf dem wir die ersten TFS-Stücke konzipierten, wie z.B. »Bushman«. Die ersten Schritte Richtung Electronic.

Zu Anfang waren THE FAIR SEX unter den Musikjournalisten als recht »schwierig« verschrien, seid Ihr das wirklich gewesen, oder hat man Euch einfach nur falsch verstanden?

Myk: Ich befürchte, es war eine Mischung aus beidem. In der Tat waren wir recht unbedarft und unerfahren, wollten unbedingt 'groß' werden, und der eine oder andere mißlungene Spruch rutschte uns raus. Es war jedoch keine reale Überheblichkeit. Auf der anderen Seite waren wir eine der ersten Bands aus der deutschen Schwarzen Szene, und die Journalisten hatten Schwierigkeiten damit, einige unserer statements einzuordnen.

Schon mit den ersten Veröffentlichungen (z.B. das geniale »Bushman«) habt Ihr damals für reichlich Aufsehen gesorgt. Und auch das in meinen Augen klasse Debütalbum »House Of Unkinds« konnte überzeugen. Du selbst hast einmal in einem Interview gesagt, daß Du das Album »so dämlich« findest (Zillo 10/92). Wie stehst Du da heute zu? Was fandest/findest Du an dem Album dämlich und was würdest Du heute daran anders machen?

Myk: Es bleibt dabei: Die Größe der »Divine Service«-Maxi wurde von dem House Of Unkinds-Album nicht erreicht. Im Sommer 1987 nahmen wir das Material in relativ kurzer Zeit auf, ohne große Erfahrung mit der Technik zu haben. Irgendwann mussten wir feststellen, daß vieles überhaupt nicht so klang wie es in unseren Köpfen geklungen hatte. Eine billige Version unserer Vision. Die Sequenzen plätschern platt vor sich hin, die Stücke entbehren jeglicher Räumlichkeit und Tiefe. The House Of Unkinds ist alles andere als packend. Es ist hohl. Diese Ansicht vertrete ich immer noch, obgleich andere von uns schon lange ihren Frieden mit dem Album geschlossen haben - und es natürlich auch erfreulich war, dass nicht alle so schlecht über House Of Unkinds dachten wie ich selbst.

Im September 1988 gab es für die Band einen herben Schlag, als Euer Drummer bei einem Konzert tot zusammenbrach. Fällt man da nicht in ein tiefes Loch und fragt sich, was das alles noch soll. Stand für Euch damals zur Debatte, die Musik, zumindest unter dem Namen THE FAIR SEX, aufzugeben?

Myk: Das ist ein Tag, der für immer in unserem Gedächtnis eingegraben sein wird. Eine unglaubliche Situation, mit der wir verständlicherweise zunächst gar nicht zurecht kamen. Es war wie ein Film, der zu schlecht war, um wahr zu sein. Über die Band und die weiteren Schritte machten wir uns in der ersten Zeit gar keine Gedanken.

Wie seid Ihr aus diesem psychischen Loch wieder herausgekommen?

Myk: Einige Wochen lang verbrachten die übriggebliebenen Vier viele Abende und Nächte miteinander. Wahrscheinlich, um uns gegenseitig zu stützen. Nach zwei Monaten gingen wir wieder gemeinsam ins Studio. Wir waren damals mitten in der Produktion von »Demented Forms« - als A.Bang starb, hatten wir gerade die Hälfte des Materials aufgenommen. Wir vertieften uns einfach in die Arbeit, konzentrierten uns darauf, unser angestrebtes Endresultat zu erreichen.

Der »House Of Unkinds«-Nachfolger »Demented Forms« klingt gegenüber dem Vorgänger deutlich düsterer, moderner (auch heute noch, oder vielleicht heute wieder?) und experimenteller. Ich denke, Ihr habt mit diesem Album für eine Menge Electro-Bands Türen geöffnet?

Myk: »Demented Forms« ist das Ergebnis unserer großen Unzufriedenheit mit dem Debütalbum. Düsternis und Aggressivität wollten wir endlich in Sound umwandeln, die Visionen, die zuvor nur in unseren Köpfen geklungen hatten, Realität werden lassen. Ich denk', es gelang: Vertrackte Konstrukte voller detailverliebter, wutschnaubender Finsternis. Allerdings weiß ich nicht, ob es bahnbrechend oder sowas war.

Das folgende »Bite Release Bite« stellt dann zumindest aus kommerzieller Sicht den Höhepunkt von THE FAIR SEX dar. Wie betrachtest Du die Zeit aus der heutigen Distanz?

Myk: In der Tat war 1991 das erfolgreichste TFS-Jahr. Aber das wußten wir natürlich zu dem Zeitpunkt nicht. Wir dachten, wir stünden am Beginn einer wunderbaren Zeit. 1992 war als großes Durchbruchsjahr anvisiert, und presto! - schon kam's anders. Mit jenem Jahr begann der Große und Langanhaltende Abstieg. Für uns ganz unerklärlich, und verwundert mußten wir feststellen, daß wir uns mehr und mehr aus dem Rampenlicht katapultierten.

»Spell Of Joy« stellte dann nicht wirklich eine Weiterentwicklung dar und auch der Erfolg blieb aus. Ist das eventuell der Grund, an dem die ursprüngliche Band letztendlich zerbrach?

Myk:Zweifelsohne. Der Knacks von 1992 war nicht mehr zu kitten. Schon während der »Spell Of Joy«-Aufnahmesession planten wir das Seitenprojekt Testify, um mal wieder unserer Lust an roher Aggressivität zu frönen. Es sollte nur ein kurzer Ausflug werden, aber 1993 mussten wir feststellen, dass THE FAIR SEX ziemlich ausgebrannt war, und Testify wurde zum wichtigeren Phänomen; und wir kehrten gar nicht mehr richtig zu THE FAIR SEX zurück. Mit Ausnahme einer Tour im Winter 93/94, von der wir allerdings schon damals wußten, daß es eine Art Abschiedstour sein würde.

1995, zu einem Zeitpunkt, als THE FAIR SEX als Band nicht mehr
existierte, sondern lediglich als Duo, erschien als bisher letztes Album »Labyrinth«, welches, für THE FAIR SEX ganz neu, ein übergeordnetes Konzept aufwies. Würdest Du das Album trotzdem als typisches THE FAIR SEX-Album bezeichnen?

Myk: Nach zwei Jahren Testify (und anderen, allerdings bislang nicht veröffentlichten Seitenprojekten) kehrten Rascal und ich zu THE FAIR SEX zurück. Der Blonde schrieb ebenfalls noch eine paar Stücke, von denen lediglich »Sister Anger« den Weg auf's Album fand. Moses, Testify-Mitglied, wurde für eine Saison TFS-Gitarrist. Trotz dieser etwas neuen Konstellation ist »Labyrinth« für mich ein typisches THE FAIR SEX-Album. Die »Cyberopera«, die dem Album übergeordnete Fantasy-Science Fiction-Story, war eine plötzliche Idee, die uns erst in der Spätphase der Aufnahmen kam. Dass uns diese Story mittels Zeitmaschine aus der Zukunft geschickt worden war, quasi als Warnung für die Menschheit, war obendrein erlogen, ich geb's zu.

Die Geschichte des Tancer fand ich sehr interessant, von der
Hörerschaft wurde »Labyrinth« trotzdem nicht angenommen. Sicher eine große Enttäuschung für Euch?

Myk: Alle unsere Mißerfolge kamen uns wie große Enttäuschungen an. Es war ein ewiges Lamentieren, die TFS-History, ich sag's dir. Daß es 1995 nicht mehr zu einem richtigen Comeback kommen würde, hatten wir allerdings schon fast erwartet. Zerknittert nahmen wir's zur Kenntnis - und gingen erstmal getrennte Wege. Rascal kümmerte sich um 1 AM, und ich arbeitete mit Ramon Creutzer an Nice Gods Bleed. Zwei phantastische Seitenprojekte, die zu unserer Verblüffung ebenfalls nicht angenommen wurden, um deine Formulierung aufzugreifen. Obendrein wurde 95/96 enthusiastisch am legendären »MMMYAOOOO«-Album von Testify gewerkelt, das allerdings zunächst lediglich in den Staaten veröffentlicht wurde. »Labyrinth« verschwand schnell aus unseren Köpfen. Nur nicht aus Blonders Kopf. Der erklärte es plötzlich zu seinem Lieblingsalbum, obgleich er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mir und Rascal verbittert den Rücken zugekehrt hatte.

War der Stilmix eventuell seiner Zeit um ein paar Jahre voraus, wenn man sieht, wie erfolgreich man heute sein kann, wenn man seine elektronische Musik mit mainstreamigen Dancerhythmen anreichert?

Myk: Während sich die Frühphase von THE FAIR SEX vor allem dadurch auszeichnete, daß wir alles mögliche irgendwie zum richtigen Zeitpunkt taten, ist es ein herausragendes Merkmal der Spätphase, daß nichts vollends auf den jeweiligen Zeitpunkt paßte... Dies is' eine meiner welterschütternden Theorien, die den Niedergang von TFS erklären, harr. Aber im Ernst: Ich hab' keine Ahnung, ob das Album innovativ war oder seiner Zeit voraus oder sowas. Ich weiß nur: Es waren einige verdammt großartige Stücke drauf, deren relativ großer Unbekanntheitsgrad ein schweres Manko der Weltgeschichte darstellt. (Das war jetzt spaßige Polemik.)

Hast Du nach dem Album damit gerechnet, daß es von THE FAIR SEX noch einmal Veröffentlichungen geben wird?

Myk: Eigentlich nicht. Testify und Nice Gods Bleed schienen endgültig die legitime Nachfolge angetreten zu haben. Und Rascal nahm solches wahrscheinlich von 1 AM und Warm, einem anderen Nachfolgeprojekt, an. Für eine längere Zeit war THE FAIR SEX kein Thema mehr.

Nun melden sich THE FAIR SEX mit neuen Stücken zurück, nachdem es für lange Zeit so aussah, daß da nichts mehr kommen würde. Wie kam es dazu?

Myk: Es geschah in einer rauhen Winternacht im frühen 1998. Lo, Myk und Rascal betranken sich in gewohnt zügelloser Manier (was vor allem für Lo und Myk typisch ist), als ich plötzlich das langsame Dahinsiechen der THE FAIR SEX-Fächer in den Plattenläden beklagte. Ungefähr so: »Die werden immer leerer, die Fächer. Wenn sie die doch endlich schließen würden, dann müßte man diesem brutal langsamen Siechtum nicht mehr zuschauen. Wie kommen die überhaupt darauf, an den Fächern immer noch festzuhalten?« (Denn zumindest in Essen gab's solche Läden noch.) Daraufhin sinnierten wir über jene Unerschrockenen, die unsere Fächer, wahrscheinlich gegen den Druck der Geschäftsleitung, wacker und unnachgiebig jahrelang verteidigten. Und uns kam die Idee, denen zur Hilfe zu eilen. Am besten dadurch, daß wir ihre Langatmigkeit mit einem neuen TFS-Album rechtfertigten. Rascal jedoch rief: »Nicht ohne den Blonden! Der muss auch wieder dabei sein! Sonst mach' ich's nicht!« Darüber waren Lo und Myk so verblüfft (denn Rascals und Blonders Beziehung zueinander war nie eine bedingungslose Männerfreundschaft gewesen), daß wir erstmal hemmungslos weitersoffen, um uns ein bißchen zu beruhigen. Als der Blonde jedoch kurze Zeit später auf unsere Anfrage hin zusagte zu neuen Aktivitäten - waren wir wieder komplett. Aber nur langsam, ganz langsam, entstanden neue Stücke, von denen du einige 1999-er und einige 2000-er Aufnahmen vorliegen hast.

Hört man sich die neuen Stücke an, hat man sofort wieder das THE FAIR SEX-Feeling, ohne das die Songs angestaubt klingen. Was ist für Dich das typische an einem THE FAIR SEX-Song?

Myk:Aaah, schwierig! Außenstehende könnten das vielleicht eher beantworten. Es ist schon eine eigenwillige Mischung, die TFS-Songs. Keyboards und Gitarren, Aggressivität und Melancholie, Schrott-Noises und Hehres, was weiß ich... Dazu die nölige Stimme, immer einen Titsch daneben... Aber diese Definition würde wahrscheinlich auch passend für die Beschreibung einer ganz anderen Band sein... Ich geb's auf. Die Definierung des typischen TFS-Soundes überlaß' ich den Geschichtsschreibern, harr. Schön allerdings, daß du's nicht angestaubt findest.

Steht das Veröffentlichungsdatum für das neue Album bereits fest? Wird es wieder ein Konzeptalbum werden?

Myk: Noch steht gar nichts fest. Es gibt sogar noch kein wirkliches Deal-Angebot. Wir werden uns weiterhin um solches bemühen.

Von THE FAIR SEX gibt es bisher kein Best Of (soweit ich weiß). Wäre es da nicht taktisch klüger, die »Rückkehr« mit einem solchen Album zu starten zumal ein solches Album sicher schon lange fällig ist)?

Myk: Das hat man mir schon mal vorgeschlagen. Ich denke allerdings, das wäre taktisch nicht klüger. Wer würde sich für ein TFS-Greatest-Hits-Album zum jetzigen Zeitpunkt interessieren? Kennt doch keine Sau mehr, die Band.

Was ist eigentlich aus Deinen Nebenprojekten Testify und Nice Gods Bleed geworden? Gerade Testify waren ja, zumindest in den U.S.A. sehr erfolgreich.

Myk: Zumindest erfolgreicher als in der Alten Welt. Was nicht super-viel zu bedeuten hat. Für die USA haben Testify gerade ein neues Album beendet: »Triviality Beyond Acceptance«. Die Nice Gods Bleeder hingegen hängen ordentlich in der Warteschleife.

Das erste Nice Gods Bleed-Album »Nagel Themes« sollte der Auftakt einer Trilogie werden. Was ist aus den beiden anderen Alben geworden, von denen zumindest eins bereits 1998 fertig geschrieben war?

Myk: In der Tat hatten wir Ende 1998 schon die erste Version des »Hauch Von Relief«-Albums fertig. Aus dem damals fast sicheren Deal jedoch wurde nichts. Seitdem arbeiten wir immer mal wieder an neuen Stücken, um das Gesicht des Albums zu modifizieren. Und verschicken Demos.

Werden diese Stücke eventuell noch einmal das Licht der Welt erblicken (vielleicht auch unter dem Namen THE FAIR SEX)?

Myk: So rasant schnell wie die Dinge sich im Laufe der letzten Jahre entwickeln, könnte ich mir vorstellen, dass Nice Gods Bleed im späten 2004 endlich »Eyn Hauch Von Relief« veröffentlichen. Die bis zu dem Zeitpunkt rausgeschmissenen Songs könnte ich den Fair Sexern anbieten...

Was bei Interviews mit Dir immer wieder auftaucht, ist diese »Schwarzer Rächer«-Mentalität. Könntest Du das kurz erläutern?

Myk: Ah! Die Schwarze Rächer-Thematik! Mein persönlicher Einstieg in das Phänomen Schwarz. Die Schwarze Wut, die einen antreibt. Die im Innern sticht und zwackt. Aber mehr will ich dazu jetzt nicht sagen. Ich hab' das Thema im Laufe der Jahre nicht selten überstrapaziert. Demnächst wieder!

Glaubst/hoffst Du auch heute noch, damit etwas erreichen zu können bzw. wo siehst Du die Zukunft der Menschheit?

Myk: Den »edlen« Schwarzen Rächer voll der Zornpower könnte die Welt immer noch verstärkt vertragen. Aber das kapiert offensichtlich kaum jemand. Ich werd's nicht weiterhin pausenlos rumposaunen.

Nun benutzt Du schon seit ewigen Zeiten elektronische Geräte für Deine Musik. Schaut man sich die heutige Entwicklung an, besteht da nicht die Gefahr, daß sich die Maschinen irgendwann den Menschen untertan machen?

Myk: Dies ist seit Jahrzehnten ein Science Fiction-Endzeitszenario, von dem ich nicht weiß, ob es in der Tat realer geworden ist. Von den technischen Möglichkeiten bestimmt; aber immer noch steht eindeutig der Mensch davor, denk' ich. Immer noch bin ich es, der den Sampler anschaltet, wenn ich an neuen Sounds arbeiten möchte. Er stellt sich gar nicht von allein an!

Das obligatorische Schlußwort?

Myk: Vielleicht was über die Schwarze Wut? Nee, ich wollt's mir ja verkneifen. Wie wär's hiermit: Schönes Jahrtausend allerseits.

 

Sonic Seducer, Mai 2001
Ahnenforschung
THE FAIR SEX


Ende der 80er Jahre boomte das Ruhrgebiet als absolute Hochburg der damals wieder erstarkt aufkeimenden schwarzen Szene. Neben kultigen Acts wie Invisible Limits und den daraus entstandenen Invincible Spirit hat sich vor allen Dingen das Chaos-Quartett THE FAIR SEX einen gewissen Status erarbeiten können. Dank konsequent gelungenen Alben und unzähligen Erfolgen in den heimischen Clubs schaffte es die Combo um Frontman und Mastermind Myk Jung, sich mit ihrer abgefahrenen Mixtur aus Elektronik- und Gitarrensounds in die Herzen der Fans zu spielen. 1995 erschien das letzte Album der Fair Sexer, namens "Labyrinth", und danach wurde es still. Im Rahmen unserer "Ahnenforschung"-Serie schnappte ich mir Myk Jung und fragte ihn ein paar Löcher bezüglich seiner Bandvergangenheit und Zukunftspläne in den Bauch...

 

Hi Myk! Gib uns doch mal einen kurzen Abriß der Bandhistorie... sicherlich nicht nur interessant für Frischlinge!

Myk:
Bandhistorie... TFS entwuchs einiger Vorgänger-Formationen, die noch aus der gemeinsamen Schulzeit von Blonder (keyboards), Myk (vox) und Lo (Gitarre) stammten. 1979 spielte man die ersten gemeinsamen Riffs in bierkannenüberladenen Proberäumen. 1982 wird von Historikern als ein wichtiges Jahr angesehen, da Lo und Myk den balladesken Klassiker »Flying In A Silver Chocolate Chair« schrieben... Aber erst 1984 waren THE FAIR SEX, auch unter dem Namen, komplett. Im Winter 86/87 dann kam der erste Plattenvertrag zustande. Hernach Welterfolg... Nun gut, aber zumindest in Essen waren wir nicht mehr unbekannt. 1994 wurde endlich der ersehnte Zustand des Ausgelaugtseins erreicht, und das Bandgefüge brach auseinander.

Ich habe noch und nöcher in alten Mags rumgewuselt, und nirgendwo eine Antwort auf die Frage, woher der Name Fair Sex eigentlich stammt gefunden. Also... its your turn!

Myk:
»THE FAIR SEX« (superwichtig: der bestimmte Artikel) bedeutet »Das Schöne Geschlecht« - ein aus der Mode gekommener fester Begriff, im Deutschen eher »Das Schwache Geschlecht« ergo  Das Weibliche Geschlecht. Ich denke, genau ein solches Verwirrspiel animierte uns dazu, diesen Namen zu wählen.

Wie hast du die »Szene« zu eurer Anfangszeit in Erinnerung? Irgendwelche bestimmten Erinnerungen... Wie war es ein eigenes Album rauszubringen?

Myk: In jenen 1986er-Tagen begegnete man allenthalben den musikalischen Konstrukten solcher Bands wie Sisters, Front, Alien Sex Fiend, Neon Judgement, Skinny Puppy, Cassandra Complex, The Sound, Clan Of Xymox. Man hing in den Düsteren Hallen des Memphis in Dortmund; oder im Arratta in Moers, oder auch schon im Zwischenfall. Und von all diesen Einflüssen ließen wir uns inspirieren, befürchte ich.

Wie würdest du - in Retrospektive - euren Stil beschreiben? Journalisten haben sich ja damals ziemlich schwer getan...

Myk: 1989 fand der legendäre Indie-Journalist Sven Freuen eine Definition, mit der ich mich immer wohlfühlte, denn er schrieb, daß wir eine »göttliche Mischung« - wahrscheinlich oben genannter Einflüsse - kreierten. Wieso das sonst kaum jemandem in dieser Präzision auffiel, bleibt schleierhaft, harr.

Ihr hattet mit TFS damals eine gewisse Vorreiterrolle und wart praktisch eine DER Bands der Szene. Was ist das für ein Gefühl im Rückblick? Wie entstand bei euch der Wunsch eigene Musik zu machen?

Myk: Ich weiß gar nicht, ob uns solches in unserer Hochphase wirklich bewußt war: eine DER Bands zu sein. Tatsächlich habe ich viele Jahre später von namhaften Bands erfahren, daß TFS einen gewissen Einfluß auf ihre eigene Entwicklung hatten. Wir selbst hingegen waren nicht zufrieden, wir wollten MEHR. Und siehe, es stellte sich nicht ein.

Wie entstand der damalige Kontakt zu Last Chance, und wie kam es dann später zum Wechsel zur Our Choice/Rough Trade? Was waren die ausschlaggebenden Gründe?

Myk: 1986 war Last Chance eigentlich dazu prädestiniert, THE FAIR SEX in ihren Katalog mitaufzunehmen, wie man sagen könnte, denn sie hatten schon ähnliche Bands, wir z.B. Invincible Spririt. In der Tat war Thomas Lüttke damals nicht unbeteiligt am Zustandekommen des Kontrakts. 1989 dann, nach der Veröffentlichung von »Demented Forms«, stellten wir der Plattenfirma Material für eine Nachfolge-Maxi vor, das schon solche Titel wie die viel später veröffentlichen »Alaska« und »ATR« enthielt. Da Last Chance weitere TFS-Werke erst nach sechs Monaten zu veröffentlichen planten, und weil uns das wie eine Ewigkeit schien, die abzuwarten wir nicht aushalten würden, beschlossen wir im gegenseitigen Einverständnis, daß wir uns nach einer neuen Plattenfirma umsehen mochten. Wir suchten eine etwas größere, namhaftere. Das dauerte dann doch ein wenig länger, und als die nächsten THE FAIR SEX-Machwerke das Licht der Öffentlichkeit erblickten, waren 24 Monate ins Land gezogen.

Welche Rolle spielte der Song »No Excuse« für TFS? Kannst du den Track überhaupt noch hören?

Myk: »No Excuse« scheint in der Tat einer der größten TFS-Hits gewesen zu sein; er wird demnächst ein weiteres Mal auf einer Compilation veröffentlicht. Der Titel spielte im »Demented Forms«-Konzept eine gewisse Rolle: Wir hatten nicht vor, einen weiteren »Hit« zu kreieren, sondern einfach eine schnelle Nummer, die den Unabänderlichen Ewigen Gitarren-Kreischton zelebriert. Außerdem ist der Song die einzige TFS-Nummer, die keine Hi-Hat hat, ganz einfach weil wir vergessen hatten, eine zu programmieren. Ist es das, was den Titel besonders macht?

Wie fühlt es sich an, wenn man heutzutage das TV einknipst und ehemalige Supportacts in ihren eigenen Videoclips sieht...?!

Myk: Aaah, das is' ja eine ganz heikle Frage! Denn legt sie nicht den Finger, salzstarrend er sein mag, tief in Myk's brennendste Wunde? Natürlich legt sie das. Aber im Ernst: Natürlich ist es jenen Bands zu gönnen; und die meisten von denen, die ich kennengelernt habe, sind mir durchaus sympathisch gewesen. Aber natürlich drängt sich immer wieder die Frage auf, warum so etwas den Fair Sexern nicht vergönnt war. Denn wir können es ja gar nicht begreifen! Ach Mist, ich rutsch' schon wieder ein wenig in Slapstick ab, wie's leider meine Art ist, und was oftmals zu Mißdeutungen führt... Ich denke, der Grund liegt eher bei THE FAIR SEX selber: an einem gewissen Punkt fehlte ihnen etwas. Durchschlagskraft. Die Fähigkeit, den Moment wirklich zu nutzen... irgend sowas.

Ihr hattet ja einige absolute Tanzflächenknaller in eurem Repertoire, u.a. »No Excuse«, »The Pain That Noone Knows«, »Not Now Not Here« etc. Wie wichtig waren für TFS diese Erfolge in den Clubs?

Myk: Das war ein ganz wichtiges Standbein. Und in der Tat gab es einige Titel, die jahrelang in den Clubs zu hören waren, was immer wieder ein schönes Gefühl war... »Divine Service«, »Bushman«, »Alaska«, »House Of Unkinds« - und ganz plötzlich keinen mehr. Verblüffend.

»Labyrinth« war anno 1995 euer letztes Album, und nicht unbedingt der leuchtendste Punkt in eurer Karriere. War das Album im Rückblick ein Flop? Oder was genau führte zum Split der Band?

Myk: Was meinst du denn wohl damit, mit dem »Nicht-Leuchtendsten«? Den künstlerischen Gehalt des Albums, hä? Das will ich ja wohl nicht hoffen. Was den Erfolg von »Labyrinth« angeht, hast du vollkommen recht: Es war ein Flop. Und führte zum letztendlichen Split. Und um logisch an die vorherige Frage anzuschließen: »You Know How«, »Cyberbyte« oder »White Noise« wurden NICHT Clubhits. Wie von Zauberhand. Immer noch verblüffend.

Wie schätzt du heutzutage den Bekanntheitsgrad von TFS ein? Erhältst du immer noch Feedback auf euer altes Material?

Myk: THE FAIR SEX ist ein in der Versenkung verschwundenes Phänomen. Ein vom unentwegten Dahinfließen der Zeit verwehte Etwas, daran die Erinnerung in der Köpfen verblaßt ist. Weißt noch eine andere poetische Variante? Zuweilen treten in Ehren ergraute Menschen an mich heran und erklären, daß früher alles besser war und daß THE FAIR SEX zu diesen Dingen gehörte, die besser waren. Aber an genaue Titel können sie sich nicht erinnern.

Wenn du aus dem Nähkästchen plaudern würdest, was wären die schönsten, und welche waren die besch...eidensten Momente eurer TFS-History?

Myk: Es gab eine Menge schöner Erlebnisse, deren Größe allerdings nicht selten erst in der Retrospektive für uns deutlich wurde. Zwischen 1988 und 1991 hatten sie wohl ihre Glanzzeit, diese Erlebnisse, denn sie häuften sich. Die 92/93er-Tour hingegen machte auf unschöne Art und Weise deutlich, daß sich die Fair Sexer wohl an einen Schrumpfungsprozeß zu gewöhnen hatten... Der Karriere-Knackpunkt war erreicht. Eher unangenehm.

Was sind deine persönlichen Faves aus der TFS-Discographie?

Myk: Jedes Album hat irgendwie seine eigene Charakteristik... »The House Of Unkinds« zum Beispiel strotzt nur so von banaler Plattheit, harr. »Demented Forms« hingegen hat mich mit großer Zufriedenheit erfüllt... Es sind einzelne Titel, die meine persönlichen Favoriten sind: »Hanging In Kareyth«, »The Wild Ones Fade« (Demented Forms) zum Beispiel, oder »Cold Contempt«, »Fat Bellies' Hunger«, »ATR« (Bite Release Bite), oder »In The Desert« (Labyrinth).

Wie beurteilst du die heutige »Szene«? Konntest du auch neuen Input für dich herausfiltern, der dich zum Musik machen inspiriert?! Kennst du Bands, bei denen du dir denkst, dass sie zuviel TFS gehört haben?!

Myk: Immer wieder höre ich Titel, von denen ich denke: »Wow! Aber eigentlich - Mist. Den hätt' ich gern selber gemacht, wenn auch ein wenig anders...!« Einzelne Stücke, oder nur Passagen, die mich zu eigenem musikalischen Schaffen inspirieren, tauchen immer mal wieder auf.

Ihr habt mittlerweile 4 neue Tracks produziert. Ist dementsprechend jetzt mit einer TFS-Reunion zu rechnen, inkl. Album etc.? Wie sieht das Line-Up aus? Wo siehst du die größten Entwicklungsschritte vom alten zum neuen TFS-Sound? Was zur Hölle waren die ausschlaggebenden Gründe wieder unter altem Namen Musik zu machen? Gibt es Livepläne?

Myk: Es sind noch ein paar Stücke mehr, die im Laufe des letzten Jahres festhalten worden sind. Immer noch allerdings sind wir auf der Suche nach dem letztendlichen TFS-Sound... Wir arbeiten ein wenig langsam, ganz genauso, wie's alten Säcken gut zu Gesicht steht. Mal seh'n, wann's geklappt hat. Vielleicht in 2003? Das Line Up ist allerdings das Klassische Alte Viererpack, das seit dem Tod unseres Drummers A. Bang 1988 TFS bildete:  Rascal, Blonder, Lo, Myk.

Siehst du TFS im Rückblick eher als Live- oder als Studioband?

Myk: Es gab grauenhafte Konzerte, und auf der anderen Seite grandiose Live-Erlebnisse. Die Arbeit im Studio konnte von großartigen Intuitionen erfüllt sein, aber auch von zermürbender Langatmigkeit... Ich würde keinem spontan den Vorzug geben. Es war eine Aneinanderreihung von Phasen, deren Güte zuweilen erstaunlich divergierten.

Du warst in der Zwischenzeit ja nicht untätig, und hattest einige Nebenprojekte, wie z.B. Testify und Nice Gods Bleed. Gibt es von dieser Front etwas neues zu berichten?!

Myk: Testify waren in all den Jahren in den USA beständig mit Veröffentlichungen präsent. Im Sommer erscheint dort das neueste Album: »Triviality Beyond Acceptance«. Momentan sind wir auf der Suche nach einem deutschen Interessenten hierfür. »Nice Gods Bleed« werkeln in größeren Zeitabständen im Studio und modifizieren ein Album, dessen Aufnahmebeginn schon jetzt wieder in grauen Vorzeiten zurückzuliegen scheint.

Famous last words...

Myk: No famous last words for now. Time is fleeting. I'm burdened by the weariness of ten thousand centuries