Press 90ies
   
 

Entry, 1995

1995 ist ein besonderes Jahr für THE FAIR SEX - zehn Jahre gibt es die Band nun schon. Lange Zeit waren die Essener neben Invincible Spirit die Band in der deutschen Elektro-Wave-Szene, wurden dann aber durch die aufstrebenden, neueren Acts wie Project Pitchfork oder The Eternal Afflict überrundet. nach dem 92er Longplayer »Spell of Joy« wurde es ruhiger um TFS, doch diese Ruhe wurde jetzt gebrochen: Seit kurzem liegt die neue, mittlerweile fünfte CD »Labyrinth« vor. Wir trafen uns mit Myk, seines Zeichens Sänger, in einer Essener Kneipe, um die ersten 10 Jahre TFS Revue passieren zu lassen, aber auch einen Blick in die Zukunft zu richten.

 

Ganz platt gefragt: wie fing eigentlich alles an?

Myk: Im Grunde fing alles im November '84 an, damals noch als Quintett. Zu der Zeit war aber noch keine Elektronik im Spiel. Bis wir uns dann doch dazu entschieden, erste Schritte in diese Richtung zu machen; Rascal kam irgendwann mit so einem kleinem Casio-Keyboard, auf dem man gerade 10 Sounds einstellen konnte, an. Zu der Zeit entstand übrigens auch »Bushman«, eine der ältesten Nummern überhaupt. 

Welche Musik hatte damals Einfluß auf Euch? 

Myk: Beeinflußt waren wir schon von der Indie-Wave-Szene, für die Zeit von recht obskuren Sache THE SOUND, THE SISTERS OF MERCY; PSYCHE usw. 1986 hatten wir dann die erste Chance, zu releasen, was dann aber geplatzt ist. Unsere erste Maxi »Divine Service« erschien dann 1987. 

Wie seid Ihr überhaupt auf die »Hänsel und Gretel«-Geschichte gekommen? 

Myk: Das war natürlich ein Witz, um der Thematik von »Divine Service« die Schwere zu nehmen. Der Song hat nicht so eine tiefe Ernsthaftigkeit, wie sich vielleicht vermuten läßt. Mich hat diese doch sehr plakative Zeile »Come to the divine service« ziemlich gereizt, das Ganze mit einem etwas humoristischem Aspekt zu bereichern. Es war mir einfach zu doof und dämlich; und außerdem haben wir diesen satanistischen Bereich eh' nie bedient. Diese düstere Atmosphäre ist natürlich ein Ding, dem wir nicht unabgeneigt waren. Diesen Sachen dann jedoch Inhalte wie »Divine Service« - fast schon menschenverachtende Sachen - zu geben, ist ein Ding, daß mir schon damals zuwider war. Was die Musik betrifft, so habe ich immer diese Art von Musik geschätzt, was jedoch den Inhalt angeht, so habe ich die Ernsthaftigkeit, oder besser gesagt - das Richtige solcher Thematiken in Frage gestellt. Viel wichtiger waren mir Sachen wie »The Black Anger«: das war ein Ausdruck dessen, wofür TFS stand und auch immer noch steht: das Brodelnde, Zornige und Wütende. 

Von »House of Unkinds« zu »Labyrinth« ist es ein langer Weg. Wie siehst Du die musikalischen Veränderungen? 

Myk: Das ist für Musiker und Entwicklungen von Bands nicht untypisch. Du wühlst jahrelang im Dunkeln und genießt natürlich das Düstere und Schwere. Die Gefahren, einen solchen Richtungswechsel vorzunehmen, sind natürlich groß. Aber Veränderungen im Sound tun einfach not. Wir können heutzutage einfach keine »Demented Forms« mehr machen, obwohl wir sehr glücklich und zufrieden waren mit der LP. Wir waren wirklich sehr zufrieden mit dem '89er Schritt, während wir mit unserem Debut-Album schon nach relativ kurzer Zeit nicht mehr zufrieden waren. 

»House of Unkinds« war doch recht erfolgreich... 

Myk: »Demented Forms« war noch ein Tick erfolgreicher, wenn man danach geht. Das ist immer so ein Ding, man hat zwar ein erfolgreiches Album, ist aber nicht zufrieden damit und beugt sich kommerziellen Gesichtspunkten. Der Gedanke 1989 einen »House of Unkinds«-Nachfolger zu machen, erschien mir widerwärtig. Obwohl wir bis zur letzten Tour natürlich auch Stücke diese Platte im Programm hatten. Deswegen bin ich auch froh, daß es vom neuen Album eine limitierte Auflage gibt, der eine zweite CD mit 6 Live-Stücken beiliegt. Und hier ist eben eine Version von »The House...« drauf, wie sie schon damals hätte sein sollen. 

Wie siehst Du im nachhinein die »Spell of Joy«, welche im allgemeinen ja nicht so gut angekommen ist? 

Myk: »Bite Release Bite« hatte ja schon den Richtungswechsel angezeigt, obwohl die CD beide Seiten - die düstere Seite, aber auch die aufbrechende Stimmung, die zwischen uns entstand - noch auf einen gemeinsamen Nenner gebracht hatte. Bei »Spell of Joy« war es dann ähnlich wie bei »House of Unkinds«, daß wir nach einiger Zeit doch recht unzufrieden waren - obwohl ich kein Stück auf »Spell of Joy« missen möchte. Insgesamt klang das Album an allen Ecken und Kanten zu abgeschliffen. Vielleicht hätten wir noch ein paar von den anderen Skizzen, die wir auf Lager hatten, berücksichtigen sollen. 

»Spell of Joy« liegt jetzt über 2 Jahre zurück. Was habt Ihr in der Zwischenzeit gemacht?  

Myk: Wir brauchten einfach eine Pause. Wir mußten neue Visionen sammeln, etwas anderes dazwischenschieben - und '93 & '94 gehörte releasemäßig unserem TESTIFY-Projekt.

Das Testify-Album ist erschienen, kurz bevor die Crossover-Welle überschwappte - eine Bewegung, die eigentlich MINISTRY mit »Psalm 69« ins Rollen brachte. Heutzutage benutzt fast jede EBM-Band, die was auf sich hält, Gitarren-Samples. Wie steht Ihr zu dieser Entwicklung und inwieweit hat TESTIFY Einfluß auf TFS? 

Myk: Das war natürlich eine Sache, die man '92 noch nicht vorhersehen konnte, daß fast schon ein Overkill mit diesen ganzen harten Gitarren-Samples stattgefunden hat. Das war offensichtlich eine Sache, die in der Luft hing. So in den späten '92ern, als wir die Sachen aufgenommen haben, war es nicht absehbar, daß TESTIFY '93 & '94 so voll in einem Trend gerät. Trotzdem haben wir dann nicht gesagt, jetzt lassen wir das aber sein, weil es schon so viele andere machen. Zum Glück waren wir ja auch noch kurz vor dem großen Boom mit den TESTIFY-Releases draußen, so daß wir hoffentlich nicht als Wellenreiter angesehen werden. Das wäre ärgerlich, weil die Idee halt schon Monate alt war. Aber auf jeden Fall wir das TESTIFY-Ding immer losgelöster von TFS. Es sind zwei Bands. Wir haben im Laufe der Produktion des neuen Albums festgelegt, diese Heavy-Gitarren Ästhetik außen vor zu lassen. 

Besteht TFS jetzt nur noch aus Dir uns Rascal? 

Myk: Man kann sagen, daß 1995 nur Rascal und ich TFS sind. Was daraus wird, ob es '96 TFS überhaupt noch gibt oder ob wieder alte Mitglieder dabei sind, weiß ich jetzt noch nicht. 

Warum haben die anderen beiden die Band verlassen? 

Myk: Es war eine schwierige Entscheidung, auch für den Blonden selber. »Spell of Joy« und die Nachfolgephase waren nicht zuletzt auch finanziell schwierige Zeiten. Er hat sich gesagt, daß er so erst nicht weitermachen kann. L'O hat sich für eine längere Zeit - vielleicht 170 Jahre - verabschiedet. Danach müssen wir mal gucken. 

Vielleicht erzählst Du uns etwas über das neue Album, besonders, was den Inhalt angeht? 

Myk: 'Labyrinth' ist ein Konzeptalbum, eine Story vom ersten bis zum letzten Stück. Die Geschichte ist in ihrer Grundform schon sehr früh entstanden, in der endgültigen Ausarbeitung aber erst in der letzten Produktionsphase. Der englische Text erscheint im Booklet, für den deutschen war leider kein Platz mehr. Leider habe ich vergessen, den Satz, daß die Leute, die an einer deutschen Übersetzung interessiert sind, diesen Text bei Rough Trade anfordern können, in dem Booklet zu erwähnen. 

War nicht »Spell of Joy« schon eine Art Konzeptalbum?

Myk: Ja, aber mehr an der klanglichen Oberfläche, da wollten wir schon eine Einheit schaffen. Vom inhaltlichen her gab es kein Konzept, nur vom stylistischem. 

Das Script zum Text von »Labyrinth« umfaßt 10 Seiten. Kannst Du uns den Inhalt kurz zusammenfassen? 

Myk: In groben Zügen: »Labyrinth« ist eine Future-Story. Tancer, die Hauptperson, muß im Jahre 2038 gegen eine Institution namens Cyberbite kämpfen. Cyberbite steht für ein Machtmonopol, ein Medienmonopol, welches eigentlich hinter allem steckt und die Bedürfnisse der Menschen künstlich steuert, erweckt und befriedigt; die Bevölkerung unter seiner Fuchtel hat. Das ist natürlich schon Klischee, die Überorganisation, aber wenn man zuweilen in die Welt schaut: Werbung, Fernsehshows, in denen sich Menschen in wirklich unwürdiger Weise entblößen und in peinlicher Art und Weise Opfer der Mediengesellschaft sind. Es hätte mich schon erstaunt, wenn mir einer vor Jahren dieses finstere American-Niveau gezeigt hätte. Und jetzt schleicht sich das so langsam ein. Hier ist Cyberbite irgendwie schon am Werk. Die Wahrheit ist: wir haben eine Message aus der Zukunft bekommen, um die Welt zu warnen. Dringliche Anrufe aus der Future, daß wir diese Thematik als Warnung 1995 in die Welt setzen, damit diese Zukunft verhindert wird. 

Aha, THE FAIR SEX go TERMINATOR... 

Myk: Ja, genau. Um die Zukunft abzubiegen, wurden uns Nachrichten übermittelt, so war's, höhö. Nein, im Ernst, wo wir schon bei Schwarzenegger-Filmen sind: »Running Man« ist da schon ein besseres Beispiel. Da kommen Dinge vor, die auf diese Ami-Shows anspielen. Vor 3 Wochen war ich in L.A. bei einem Eishockeyspiel. Da wurden die Leute geleitet und gelenkt und alle Viertelstunde Werbung. Dann gab es so Spielpausen, in denen einige Zuschauer von einem Moderator in dieser typisch amerikanischen Form angesprochen wurden; die mußten irgendwelche blöden Spielchen spielen und haben sich dabei total zum Affen gemacht - und die Masse grölte. Das war »Running Man« in Kleinform. Sowas führt zu Cyberbite. 

Was sagst Du zu Statements von anderen Bands, die sagen: eine harte Welt braucht harte Musik? 

Myk: Ich verzweifle einfach über solche Statements und über eine Welt, die mich so wütend macht. Ich möchte bestimmt nicht den Soundtrack für eine Welt liefern, in der es heißt: das Leben ist hart, die Videospiele sind hart; die Kids auf den Straßen sind hart und schlagen schon als 14jährige jemanden tot. Dafür mache ich nicht TESTIFY und TFS. Unsere Arbeit war schon immer ein Anschreien gegen die Welt. Schon damals bei »The Black Anger« und auch noch heute. Aber bitte nicht, weil alle nach Härte schreien. Wenn nur noch kranke Leute für eine kranke Welt Musik machen, weil die Krankhaftigkeit an sich gefeiert werden soll, würde ich sofort aufhören. Wenn in unseren Stücken Gewalt auftaucht, dann Gewalt gegen so etwas Krankhaftes; die typische »Myk der schwarze Rächer«-Thematik, auch wenn's albern klingt. Ich möchte niemals nur suhlen im Morbiden um einer gierenden Masse das zu geben, was sie eigentlich will, nämlich so krankhafte Morbidität. Wenn ich sowas höre, kriege ich die Wut. Ich hoffe nicht, daß es ein Outfashioned-Statement ist, aber für mich ist Musik immer noch dazu da, um Aggressionen abzulassen, als Ventil, und nicht um neue aufzubauen.

 

Worte, die man sich einmal durch den Kopf gehen lassen sollte. THE FAIR SEX sind alles andere als eine Anachronismus, vielleicht sind sie heute wichtiger als je zuvor.

Sehr schön anschaulich gemacht wurde die Thematik dieses Albums bei der CD-Präsentation, wo die Aussage durch die ausgestellten Artefakte - nämlich Bilder und Skulpturen - deutlich gemacht wurde. Erwähnt werden sollte auch, daß die Bilder und Skulpturen durch eine Zeitmaschine an uns gesandt wurden, um die Menschheit vor der drohenden Gefahr zu warnen und um sie aufzurütteln. Aus diesem Grunde werden sie von TFS auch als Bühnendeko bei ihrer Tour benutzt.

Wir werden sehen, was die Zukunft bringt - hoffentlich eben nicht Cyberbite.

Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle nochmal recht herzlich bei Myk für das lange und informative Gespräch.

Übrigens: Die CD erschien am 08.05. - ein zufälliges Datum, aber es hätte nicht passender sein können.

H.M. + M.B.

 

New Life, Januar 1993

One Matter, One Mind

 

THE FAIR SEX - das sind Myk Jung (voc.) Rascal (voc., bass), Blonder (synths) L'Olita (git.). Daß diese Band, die auf den ersten Blick wie eine konventionelle Rockformation wirkt, zu den Sternstunden der Wave-Musik der letzten 5 Jahre beigetragen hat, braucht eigentlich kaum betont zu werden. 4 LPs seit 1987 gehören zu ihrem Schaffen, das sich gegen alle Trends eigenwillig bis heute durchgesetzt und weiterentwickelt hat. Nun haben sie erneut zugeschlagen - »Spell Of Joy« heißt der aktuelle Longplayer, und Stücke wie »Soulspirit«, »Cascet Tower« und vor allem das harte, eingängige »Not Now Not Here« haben bereits ihren festen Platz im Programm der Szene-Clubs. Auf »Spell Of Joy« dominiert wiederum der Gesang Myk Jungs, dessen gewaltige Stimme sich glücklicherweise nicht an den bei Dark-Wave-Bands üblichen Vorbildern Andrew Eldritch oder Carl McCoy oder an den ebenfalls bereits klischeemäßig ausgeschlachteten EBM-Größen orientiert. Dies wird durch teils sphärische Klänge der Synths untermalt, wobei peitschende Gitarrenriffs sowie im Einklang stehende Basesequenzen und Drumprogramme die treibende Kraft in der spürbaren Härte der Songs darstellen. THE FAIR SEX knüpfen damit nahtlos an die Qualität und den Erfolg ihrer sämtlichen Vorgängeralben an, wobei sie das Kunststück schaffen, sich wieder einmal weiterentwickelt zu haben, ohne ihren individuellen Stil, bekannt durch Hits wie »Divine Service« und »No Excuse« zu verleugnen.

Das folgende Interview mit Rascal und Myk in Bochum soll einige Einblicke in die Musikwelt aus Elektropop, Gitarren-Darkwave und Computertrash sowie ein Persönlichkeitsprofil dieser eigenwilligen Band geben:

 

Zunächst einmal die banalste aller Interviewfragen, aber mich interessiert es wirklich: Hattet ihr damals, als ihr euch zusammengeschlossen habt, musikalische Vorbilder und wenn ja, welche?

Myk: Klar, das kann keiner abstreiten. Wie bei so vielen Szene-Anhängern haben uns die frühen Sisters irgendwie beeindruckt. Vor allem mochten wir aber solche straighten Electro-Klassiker »Warm Leatherette«, u.ä. nihilistische »Mono Mono«-Stücke, wie wir sie nannten, die in ihrem Minimalismus einfach unerreichbar und genial waren.

Also wart ihr eine typische 80er Wave Generation?

Rascal: Da stehen wir natürlich auch heute noch zu. Was damals gut war, findet man jetzt alles auf dem »Pop & Wave Sampler II«. (Gelächter)

Die heutige Musikszene im Ganzen hat sich seit dem ja völlig verändert. Wie seht ihr denn die Chart-Entwicklung der 90er Jahre bzw. die Kommerzialisierung und Ausbeutung »guter alter« Underground-Musik bis hinein in die Techno-Welle?

Myk: Ich stand immer auf dem Standpunkt, daß der Underground die Trends von vornherein setzt, ob es sich nun um Mode, Musik oder Kunst handelt. Die Szene schafft, was sich die Industrie nachher zunutze macht und zum Trend aufbaut - das ist schon Menschheitsgeschichte.

Rascal: Man muß das auch nicht unbedingt negativ sehen. Wir z.B. sind dadurch ja ständig angespornt, uns weiterzuentwickeln und uns selbst neue Maßstäbe zu setzen.

Stört es euch denn nicht dabei, daß, obwohl die Trends die Szene-Kultur absorbieren, die Szene selbst immer noch ablehnend und mißtrauisch behandelt wird und dadurch auch klein gehalten wird?

Rascal: Dabei sollte man bedenken, daß eine kleine Szene viel mehr Energie entwickeln kann - dadurch drehen wir uns ja eben nicht im Kreis, können unsere eigenen Grenzen sprengen, definieren uns gegen die Masse und sind somit der Underground.

Myk: Dabei fällt mir allerdings die Geschichte ein mit dem Sample, das wir für »No Rescue« auf der LP »Bite Release Bite« verwendet hatten. Es handelt sich um ein Sample aus einem Horrorfilm, das wir später auf irgendeiner stupiden Dancefloor-Compilation wiederverwendet entdeckten. So was wurmt dann doch...

So wie ich dieses Sample verstanden hatte, war es ein klares Statement gegen Vergewaltiger?

Myk:Ja, und wir freuen uns immer, wenn so etwas auch erkannt wird. Auch unsere Samples, aus Horrorfilmen oder sonst woher, sind nie Selbstzweck, sondern, im Zusammenhang des Songs oder durch die Art des Mixes, Teil unserer Aussagen.

Wo wir schon mal dabei sind: Was sind eure Hauptthemen?

Rascal: Einerseits das was du eben angesprochen hast: das Lied »Prisca« auf unserer neuen LP erwidert den Themenkomplex Vergewaltigung um den heiklen Punkt der Kindesmißhandlung, wogegen wir uns scharf aussprechen. Hinzu kommt unsere Anklage gegen Faschismus und die Reaktion im Volk darauf.

Myk: Es ist, als ob Politik und Medien sich darauf einstellen, daß ein neuer, rechtslastiger Trend herrscht. Unternommen wird nichts; statt dessen sehe ich die Angst der Politiker, beim faschistisch infizierten Volk nicht mehr anzukommen.

Rascal: »Soulspirit: Antifascism« ist eins der Stücke, das unsere Hörer auffordern soll, nun Farbe zu bekennen, damit man gemeinsam etwas gegen diese Entwicklung unternehmen kann - »We must find one matter, one mind«.

Statements dieser Art sollten viel öfter zu hören sein... In diesem Zusammenhang sehe ich aber auch ein Thema, das ihr gerne textlich verarbeitet: Die Kraft des Individuums, seine eigenen Möglichkeiten zu entdecken, wie ihr es z.B. in »Cascet Tower« aussagt

Myk: Deshalb muß jeder an sich selbst glauben, sich nicht von der Gesellschaft fremdbestimmen lassen.

Ihr habt es in den letzten Jahren verstanden, verschiedenste Electro- und Gitarrenstile zu vereinigen, ohne daß euch z.B. das EBM-Publikum dies verübelt hätte. Das haben bisher nur Alien Sex Fiend, Ministry und amerikanische Industrial-Bands wie u.a. Babyland erreicht.

Rascal: Dann können wir ja stolz auf uns sein. (Gelächter) So soll es aber auch sein. Warum sollen wir uns der Engstirnigkeit der Leute anpassen - diese dogmatische Trennung von Gitarre und Synth ist uns einfach zuwider.

In Amerika ist der Crossover von Techno und Hardcore, bzw. EBM und Gitarrenpunk schon einige Zeit Trend. Zu uns ist auch schon eine Menge übergeschnappt- für nächstes Jahr prognostiziere ich eine US-Industrial-Welle. Seid ihr denn auch stolz darauf, eine solche Musikrichtung bereits vor Jahren tendenziell vorweggenommen zu haben - ich denke dabei an Songs wie »No Excuse« und »Boredom Kills«?

Myk: Sicherlich ist es für uns eine Bestätigung - nämlich auch meine Theorie, daß gewisse Grundstimmungen, die irgendwie auch in der Außenwelt umherschweben, sich auch innerhalb der Band niederschlagen. »Boredom Kills« war der bandinterne Bock auf Punk -

Rascal:  und Ministry haben im selben Jahr »The Mind Is A Terrible Thing To Taste« aufgenommen, ohne von uns beeinflußt zu sein. (Gelächter)

Myk: Jedenfalls haben wir unsere Phasen - manchmal unbeeinflußt von der Außenwelt, teils Melancholie, teils Aggression, was sich in jeweiligen Songs niederschlägt.

Rascal:  Und um verschiedenen Stimmungen ein und desselben Songs wiedergeben zu können, haben wir uns entschieden, Remixe von 3 Stücken herauszugeben »Not Now Not Here« und »Vengeance« werden wir intern remixen und »Eat Me« wird von Guerilla Rec. in London neu abgemixt.

Aber doch nicht etwa so typisch Disco-Remixe?

Rascal: Nein, obwohl ich nichts gegen Dancefloor an sich habe (Myk grinst), da steckt sehr viel Energie drin, und auch auf diese Facette verzichte ich ungern. Wie gesagt, ein Song hat mehrere mögliche Stimmungen, die nur in verschiedenen Mixes zum Tragen kommen und somit auch weitere Inhalte preisgeben. Aber laß dich einfach überraschen.

Um noch mal auf die Weiterentwicklung eures Stils zurückzukommen, die erste LP »The House Of Unkinds« habt ihr selber mal als »Ear-Catcher« bezeichnet. Mit »Demented Forms« wolltet ihr dann experimentellere Wege gehen, weg von der Mitsingbarkeit der Songs.

Myk: »The House Of Unkinds« war eine wichtige Phase, und wir bereuen das Album ganz und gar nicht.

Die Songs sind ja auch sehr gut.

Myk: Der entscheidende Punkt ist, daß wir nach mehreren Jahren Live-Erfahrung festgestellt haben, dies oder das hätte besser eingespielt oder abgemischt werden können - diese wechselseitige Lust auf Live oder Studio und die gegenseitige Beeinflussung dieser beiden Komponenten trug natürlich auch zur Entwicklung unseres Stils bei.

Was habt ihr den in letzter Zeit für Live-Erfahrungen gemacht?

Rascal: Durchaus positive. Allgemein hat sich unser Publikum aufgehellt, es ist also nicht mehr so düster wie früher. Es gefällt uns aber, wenn Leute verschiedenster Couleur unsere Musik zu schätzen wissen - denn dadurch setzen sie sich ja auch mit unseren Inhalten auseinander.

Beim Stichwort »Inhalt« muß ich nochmal auf »Spell Of Joy« zurückkommen. Spielt der Titel, wenn ich ihn mit »Fluch Der Freude« übersetze, auf all das gedankenlose Hinterherjagen nach Unterhaltung der heutigen Zeit an?

Myk: (Gelächter) Nein, wir dachten eher an den Bann der Freude und sehen das gar nicht ironisch. Deine Interpretation ist ein gutes  Thema, aber in dem Fall hätten wir das Wort »fun« benutzt. Freude im Gegensatz zu hirnlosem Fun ist ein positive Lebensprinzip, das von innen kommt und genauso viel Positives zustande kommen läßt. Zum zweiten kommen unsere Titel ebenfalls aus dem Bauch, sind rein intuitiv, oder, wenn du so willst, auch wortschöpferisch, lautmalerisch. Sie geben nur selten Aufschluß über die Themen unserer Texte. Mit den Texten und der Musik wollen wir uns ausdrücken, nicht auf plakative Weise mit den Titeln. Wir möchten nämlich auch nicht mißverstanden werden. Die Härte unserer Songs wird oft mit der anderer Bands in einen Topf geworfen. Einmal bekam ich ein KMFDM-Interview mit, in dem gesagt wurde: »Wir sind so hart, weil die Welt so hart ist - das zeichnen wir nach.« So ein unreflektiertes Statement ist für uns das letzte! Damit kapituliert man doch im Grunde vor den Tatsachen, daß die Kids immer mehr Bock auf Schlägereien haben und sich anschließend den Kopf mit Videogames zubrettern. Unsere Musik, unsere Härte soll demgegenüber der Aufruf sein, sich gegen die Gewaltstrukturen der Außenwelt zu wehren.

Rascal:  Genau das ist auch mal wieder unser »one matter«, unser großes Anliegen.

Dann bleibt zu hoffen, daß ihr möglichst vielen Leuten die Augen, bzw. Ohren öffnet.

Michael Zöller 

Kym Gnutch-Kommentar hierzu (24.6.2001):

Ich hatte diesen Artikel aus irgendwelchen Gründen gar nicht mehr im Gedächtnis; und alte Kommentare sind auch nicht auffindbar. Das ist dewegen seltsam, weil mir jetzt auffällt, daß er ein herausragendes Interview-Werk ist. Dies dürfte kaum daran liegen, daß Myk und Zöller heutzutage gute Freunde sind - sie sprachen tatsächlich an jenem Herbsttag im Jahre 1992 zum erstenmal miteinander. (Was erstaunlich ist, denn Myk hing andauernd im Zwischenfall ab; und Zöller war, wie jedermann weiß, der DJ dort.) Michael Zoeller beweist hohes Niveau und starke Kompetenz in seinem Fragen-Katalog. Die zwei Fair Sexer antworten mit Eleganz und Eloquenz, was verwundert. Vielleicht schliff der alte Zoeller doch die eine oder andere Antwort auf Hochglanz?! So grammatikalisch und satzaufbau-mäßig, zum Beispiel, he? Denn vor allem Myk ließ im Gesprochenen Interview eigentlich immer an Redegewandtheit zu wünschen übrig. Egal.

Also: Hut ab! Warum nicht öfters so? (Wahrscheinlich, weil ein solcher Interviewer wie Zöller einen abgewrackten Fair Sexer zur Hochform stimuliert, und selten stießen THE FAIR SEX auf einen so Kompetenten. Übrigens prophezeit Michael Zoeller, an jenem September 92er-Tag, wie man lesen kann, für 1992/ 93 eine US-Industrial Welle - der Hammer!! Denn dieses trat ein, und zwar mit gewaltiger Vehemenz. Überprüft´s!!).

Bei all diesen positiven Aspekten fällt es kaum ins Gewicht, daß es zwei kleine Mankos gibt: Erstens dieses statement:"The House Of Unkinds``" war eine wichtige Phase, und wir bereuen das Album ganz und gar nicht!" ruft Myk - und, zumindest was seine eigene Person betrifft, lügt er hier wie gedruckt.

Zweitens: Im Gegensatz zu Michael Zöller hatte Rascal seine Hausaufgaben nicht gemacht. Denn mitnichten beinhaltet das Spell Of Joy-Stück "Prisca" die Thematik Kindesmißhandlung - das war stattdessen bei "Cold Contempt" vom Bite Release Bite-Album der Fall. Aber Rascal befand sich in guter Gesellschaft: Ich glaube, im Rough Trade-Info-Sheet befand sich derselbe Fehler. Warum Myk diesen Fehler im Presseblatt nie korrigieren ließ, lag wahrscheinlich an seiner fehlenden Eloquenz. Ich nehm an, sie verstanden ihn nicht.

Inquisita, April 1992

 

Ein Wechselbad der Gefühle mußten schon früh die Fans der Essener THE FAIR SEX durchleben. Lange Pausen zwischen den einzelnen Platten hätten manch anderer Band längst das Genick gebrochen, doch die Fans halten THE FAIR SEX seit sechs Jahren die Stange und werden bei jeder neuen Platte mit dem Höllensound der vier Essener belohnt, die es 1991 geschafft haben, so viele Platten wie zuvor in vier Jahren zu veröffentlichen.

Interviews mit THE FAIR SEX müssen für Journalisten unweigerlich ein unvergeßliches Erlebnis werden. Entweder zeigen sich Myk Jung (Voc.), Blonder (Syn.), L'olita (Gui.), und Rascal (Bg, Voc.) gegenüber Fremden eher verschlossen oder Außenstehende verstehen den ureigenen Humor der vier Essener nicht. Noch schwieriger kann es den Schreibern ergehen, die die Gruppe seit längerem kennen.

 

»Du weißt doch sowieso alles!«, eröffnet der Blonde entsprechend das Interview. Recht hat er, doch man will es von der Gruppe bestätigt wissen! Schließlich kann man über Imbißbuden in Gießen, wo der Blonde einst für ein Semester verweilte, später klönen.

Selbst wenn man den Sinn des Interviews hinterfragt, stellt man trotzdem weiter fleißig Fragen. Das fünfzehn Minuten später das Aufnahmegerät seinen Geist aufgibt, was beim tiefgründigen Gespräch aber erst nach einer weiteren halben Stunde auffällt, paßt genau ins Bild von THE FAIR SEX, bei denen in mittlerweile sechs Jahren viel zu viel schiefging. Licht und Schatten haben sich bei THE FAIR SEX schon immer die Hand gereicht. Schon mit den ersten Maxis »Bushman« und »Divine Service« füllten THE FAIR SEX mühelos die Tanzflächen der Wave-Discotheken doch Vertriebsschwierigkeiten der beiden Platten relativierten diesen Erfolg schnell.

Zwei Jahre später haben THE FAIR SEX bei den Aufnahmen zur zweiten LP »Demented Forms« den Verlust ihres Schlagzeugers A. Bang, durch dessen plötzlichen Tod, zu verkraften. THE FAIR SEX verschmerzen den Verlust und erreichen mit »Demented Forms« Top-Platzierungen in allen deutschen Indie-Charts.

Einige wenige Konzerte 1989 und 1991, darunter ein berauschender Gig beim »Techno '90«-Festival in Bonn, lassen es anschließend ruhig um die Band werden. Erst im Frühsommer 1991 tauchen die vier Essener nach dem Wechsel von Last Chance zum Rough Trade-eigenen OUR Choice Label wie ein Phoenix aus der Asche mit der Maxi »Alaska/Outraged And Moved« auf. Wenige Wochen später bereits erscheint die dritte LP »Bite Release Bite«, die im Sommerloch untergeht. Nach der eher straighten Electronic-Wave-Power ihrer ersten Platten und der vollendeten »göttlichen Mixtur« (eine Schreiber-Definition, die sich tief in Myk's Gehirngänge gebohrt hat) überrascht »Bite Release Bite« durch stärkere Strukturierung, sprich Gitarren und Synthies sind stärker von einander getrennt.

»Die Platte ist produktionstechnisch ausgereifter«, greift der Blonder den Faden auf, »Die Sachen stehen mehr im Raum und sind nicht mehr so miteinander verwoben, ohne sich aber Raum wegzunehmen. Selbst wenn sich das zu technisch anhört, kommt genau dies atmosphärisch rüber.«

Diese für THE FAIR SEX neue Produktionsweise scheint mit dafür verantwortlich zu sein, daß »Bite Release Bite« insgesamt wesentlich ruhiger klingt als die Vorgänger, selbst wenn es dafür im Untergrund verstärkt brodelt.

Myk: »Es ist eine relativ ruhige Platte mit vielen atmosphärischen Stücken.« »Dies zeugt von einer gewissen Lässigkeit, mit der wir heute an Songs herangehen«, ergänzt der Blonde. »Wir sind ruhiger und abgebrühter als früher, trotzdem groovt »Bite Release Bite«, ohne daß es abzieht aber trotzdem abgeht... .

Entsprechend vermißt man jedoch auf dem dritten Album die Songs, die von Anfang an durchknallen. Eine gewisse Zeit dauert es, bis man sich an »Alaska« oder »Shelter« gewöhnt hat, doch dann muß man sie einfach lieben, denn so liebevoll durchdacht und gleichzeitig spontan kraftvoll wirkend, versteht es keine andere Gruppe dieses Genres ihre Songs zu weben. Einzig »Fat Bellies Hunger« läßt von Beginn an Erinnerungen an alte Zeiten aufkommen, in den THE FAIR SEX mit »Hanging In Kareyth« abräumten. Entsprechend vermutet man, daß »Fat Bellies Hunger« zu den älteren Stücken auf »Bite Release Bite« zählt.

»Der Song ist der letzte Song, den wir für »Bite Release Bite« geschrieben haben«, widerspricht der Keyboarder. »Es ist eins der Stücke, bei denen wir neue Sachen ausprobiert haben. Ständig wurden wir gefragt, ob wir erst die Musik oder erst die Texte machen, was uns auf den Geist ging, weil es eigentlich bekannt sein sollte und unrelevant ist. Wir haben dann den Spieß umgedreht und erst einmal die Gesangslinie gemacht und darauf die Musik aufgebaut.«

Wenn stets moderne und doch an die Vergangenheit erinnernde Juwelen wie »Fat Bellies Hunger« bei dieser Arbeitsweise entstehen, sollten THE FAIR SEX vielleicht weiter so arbeiten. Ewige Nostalgiker wären zufrieden gestellt, doch auf die Überraschung, die jede neue THE FAIR SEX Platte in sich birgt, müßte man wohl verzichten. Für jene, die noch der Einfachheit der ersten Platten nachtrauern (wobei diese gern gesehene Einfachheit niemals da war, sondern schon immer durch interessante Kreationen aufgehoben wurde), ist mit der Anfang Oktober letzten Jahres erschienenen CD-Compilation »Oddities« ein kleines Geschenk gemacht worden. Neben den sechs Stücken der ersten beiden Maxis enthält »Oddities« zehn weitere Tracks, darunter neben unveröffentlichten Stücken einige Remixe bereits erhältlicher Songs, u.a. »Bushman«.

»Es ist wohl kein Geheimnis mehr, daß wir mit »Bushman« nicht zufrieden waren, deshalb haben wir den Song noch einmal neu aufgenommen.«

Einige Diskussion löste die Songauswahl innerhalb der Band aus. Manch einer der Musiker hätte den einen oder anderen Track lieber auf der nächsten regulären Platte wiedergefunden. Geeinigt hat man sich nun auf einige Perlen wie dem wunderschönen »Faceless«, daß bereits rund zehn Mal live eingesetzt wurde.

»Es sind aber alles sehr roughe Demo-Versionen«, wirft Jung ein, »die wir Last Chance gegeben haben als man uns fragte, ob wir noch Material für die CD-Re-releases der beiden Maxis hätten.«

»Oddities« bietet einen gelungenen Streifzug durch die Geschichte von THE FAIR SEX. Eindrucksvoll wird dokumentiert, wie gelungen tosende Sequenzen, dunkle Keyboardwände und kreischende Gitarren eine unwiderstehliche dunkle Mischung ergeben, über der die charakteristische Stimme von Myk Jung thront. Zudem wird die logische und konsequente Entwicklung von THE FAIR SEX offengelegt.

Neben der »Oddities« Compilation ist im Oktober eine weitere Maxi-Auskopplung aus dem »Bite Release Bite« Album erschienen. Außer dem bereits erwähnten, remixten »Fat Bellies Hunger« findet man darauf den Titeltrack »Shelter«, der ebenfalls straighter aufgepusht wurde.

»Shelter«, einer der typischsten Songs der »Bite Release Bite« vom atmosphärischen Aufbau her, beweist im Remix, was in den Stücken von THE FAIR SEX alles steckt.

»Er ist einer der differenziertesten Songs, die trotzdem nach vorne abgehen«, beschreibt der Blonde den Track. »Die Sache ist nicht gleich greifbar. Die Grenzen dessen, was man sagen oder nicht sagen will, sind nicht von vorneherein festgelegt. So ist halt die ganze LP: Unbewußt geht es durch den Bauch heraus und spielt sich mehr ins Gefühl herein.«

Fünfmal schlucken sei an dieser Stelle erlaubt, aber besser kann man THE FAIR SEX kaum beschreiben. Unbegreiflich und doch unwiderstehlich faszinierend. Ein Motto, das auch den Kern ihrer Live-Auftritte trifft. Schon mit dem ersten Track »Hanging In Kareyth« fesseln THE FAIR SEX ihr Publikum, das live auf eine aggressivere, düstere Stimmung als auf Platte trifft. Wer sich von dieser explosiven Stimmung nicht gefangen nehmen läßt, scheint hilflos unwichtigem Hitparadengedudel ausgeliefert zu sein. Was bleibt sind nach Konzerten positive Erinnerungen, die auf ein baldiges neues Erlebnis mit THE FAIR SEX hoffen lassen, doch im Stillen bleibt die »Schatten Und Licht«-Erinnerung und der Zweifel, daß man nicht vor 1993 ein neues Werk der Essener hören wird.

»Wir arbeiten lange an den Songs und sieben sehr genau, d.h. viele Stücke werden auch wieder weggeworfen. Dafür haben wir doch in diesem Jahr knallhart zugeschlagen«, setzt der auf den ersten Blick schwierige Myk Jung den Schlußpunkt bevor meinerseits mit dem Blonden wieder über Imbißbuden und Gyros-Läden diskutiert werden kann.

Patrik Neuert

Kym Gnuch (Ende 1993):

Ein schönes, rundes gelungenes Interview. Endlich kümmert sich Blonder mal wieder um eins der Gesprochenen Werke. Er hat eine weniger gekünstelte Art als Myk oder Rascal. Ich habe die Situation nie vergessen, in der dieses Gespräch stattfand. Dachte ich zumindest. Aber ich tat´s wohl doch. In meiner Erinnerung fand diese Interview-Situation mit Sven Freuen statt. Seltsam.

 

Ruhrnachrichten (?), 31. Juli 1992

Bands im Ruhrgebiet:

THE FAIR SEX

Teil I der »Sommerloch-Serie« interessante, junge Bands aus dem Ruhrgebiet: THE FAIR SEX aus Essen - seit Jahren eine Band im Wartestand.

 

Es gibt nur wenige deutsche Bands, die sich über Jahre hinweg ein treues Publikum erspielen, von den Kritikern in höchsten Tänen gelobt werden und dennoch den verdienten kommerziellen Durchbruch bislang noch nicht geschafft haben. Eine dieser Gruppen ist THE FAIR SEX aus Essen. Kaum ein Szene-Club in unseren Landen, der nicht die rhythmischen Dance-Tracks des immerhin schon seit 1985 formierten Quartetts spielt.

Aus gutem Grund, denn auch das gerade veröffentlichte 4. Album »Spell Of Joy« (OUR Choice/Rough Trade) bietet dem Indie-Fan einiges. Im Gegensatz zum Vorgänger »Bite Release Bite« wird das Gitarrenspiel wieder in den Vordergrund gestellt. Den sehr variablen Sound erklärt Sänger Myk Jung mit den verschiedenen Interessen der Mitglieder: »Wir fahren nicht alle auf einer Schiene, sondern haben vor allem privat unterschiedliche musikalische Geschmäcker. Während unser Gitarrist überwiegend harte Rockmusik hört, gehe ich z.B. lieber in diverse Underground-Schuppen. Das wiederum tut dem Gesamtkonzept gut. Wir sind offener und bieten unserem Publikum eine größere stilisierte Bandbreite.«

Als besonderen Gag für ihr aktuelles Album offerieren die vier Musiker kurze Soundcollagen als Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Songs. »In gewissem Sinne kann man sagen, daß somit eine Einheit entsteht. Die Collagen stimmen den Hörer auf den jeweils folgenden Titel ein.« Obwohl THE FAIR SEX im Norden wie Süden der Bundesrepublik inzwischen populärer als im Rhein-Ruhr-Bezirk sind, möchte Myk die heimische Region nicht schmähen. »Unsere Umgebung hat selbstverständlich einen gravierenden Einfluß auf das bisherige Schaffen gehabt. Wir leben gerne hier und fühlen uns auch zur hiesigen Szene gehörig.« Im September wird das Quartett die neuen Stücke anläßlich ihrer Deutschland-Tournee »live« präsentieren. Die Frage, was uns dabei erwartet, beantwortet Myk im Brustton der Überzeugung und mit vertraulichem Augenzwinkern: »Die Leute werden angeschrieen, wie das bei uns schon immer der Fall war.« Wer sich dies antun möchte, dem sei der Auftritt am 23.09. im Oberhausener Old Daddy empfohlen.

Thomas Vigano

Akku, Mai 1992

Heimat Deine Sterne

Drei NRW-Bands auf dem Weg nach oben
(gekürzt)

Typen wie Well Well Well sind für THE FAIR SEX vermutlich ein rotes Tuch. Die Essener tummeln sich seit knapp fünf Jahren recht erfolgreich in der Elektronik-Szene und haben eine ausgesprochene Abneigung gegen Jeans, Turnschuhe, strähnige Haare und Leute, die sich auf Sofas lümmeln, statt Hunger und Krieg in der Welt zu bekämpfen.

Notorisch schwarz gekleidet und sorgfältig gestylt, achteten THE FAIR SEX während der Fotoaufnahmen am penibelsten von allen drei Bands auf ihr Image. Das läßt sich in zwei Worten auf den Punkt bringen: »Black Rage«. So heißt die neue Maxi, von der es bis jetzt nur Demoversionen gibt - Plattenfirma gesucht! Myk Jung und Rascal, die Wortführer: »Schwarz ist unsere Einstellung zum Leben, und Wut ist der Motor für unsere Musik. Unsere Wut richtet sich gegen die schlaffe Haltung, die viele Leute dem Leben gegenüber einnehmen.«

Kritisches Bewußtsein, Konsequenz und Leidenschaft kennzeichnen denn auch die Idealwelt der Band, deren Botschaften samt erhobenen Zeigefinger mitunter etwas moralinsauer anmuten. Aber mißverstanden zu werden scheint das Schicksal von THE FAIR SEX zu sein. Ständige Verteidigungsbereitschaft und eine fast masochistische Selbstironie sind der Preis für ihre manchmal dogmatische Besserwisserei. »Black Rage« erinnert an Front 242: treibender, hymnischer Elektrobeat, der die nächste Karrierestufe zünden soll. Der Elektropop der ersten und die Soundexperimente der zweiten LP vermischen sich hier recht glücklich zu einem konkurrenzfähigen Dark Disco Hit. Der Erfolg und ein gesichertes Popstar-Leben werden beinahe krampfhaft erwartet.

Peter Erik Hillenbach

Kym Gnuch hierzu gegen Ende des Jahrtausend:

Ja, penibel gestylt, das waren sie, meine Fair Sexer. Mit einem Hauch Schwarzer Homoerotik, und einer Aura lethargischer Gewaltbereitschaft. Der Kajal lag immer griffbereit.

Bremer Tageszeitung, September 1992

Sex gegen Rechts

Essener Dancefloor-Vierer im Römer

Elektropop aus Essen - das ist hübsch griffig, treibt den eingefleischten Fans von THE FAIR SEX jedoch die Zornesröte ins Gesicht. Auf eine solch schnöde vereinfachende Formel lassen sie das genialische Wirken ihres Quartetts nicht reduzieren! Selbst die frühen Plattenwerke mit ihren vergleichsweise simplen Strickmustern rühmen Sympathisanten als »straighten Electronic-Wave-Pop« - der sich, das soll nicht unerwähnt bleiben, in zahlreichen Clubs bewährt hat.

Die vier Burschen, denen soviel Verehrung zuteil wird, tragen gar eigentümliche Namen. Myk Jung ist der leicht exzentrische Sängerknabe von THE FAIR SEX. Blonder steht am Synthi. L'olita hält die Gitarre. Rascal den Baß. Daß Bands ihrer Art keinen Drummer brauchen, ist klar. THE FAIR SEX lassen Computer arbeiten - der Dancefloor ruft. Dabei unterwerfen die Essener ihre musikalischen Visionen bereitwillig den modischen Anforderungen des Marktes. Ihre Plattenfirma fand dafür eine rührende Umschreibung: »Sie vernachlässigen nicht ihre Vorliebe für das Einbinden aktueller Musik-Ästhetik.« So isses!

Die ersten Maxis brachten THE FAIR SEX 1987 unters Volk. Heute machen auch sie mehr und mehr in gepflegter Düsternis mittels harter Gitarre und aggressiven Sounds. Myk Jung singt nicht nur von sexuellen Obsessionen - er bezieht auch gegen faschistische Tendenzen Stellung. Freitag, 21 Uhr, Römer

Kym Gnuch am 24.Oktober 1992:

Die Überschrift "Sex gegen Rechts" dürfte eine der großartigsten sein, die jemals für das Schaffen der Band ersonnen worden sind.

 

Marabo, September 1992

Pop Im Revier III

THE FAIR SEX

 

Als fünf Essener 1987 für Gedränge auf »aggressiven« Tanzflächen sorgten, gab wohl kaum jemand der Band mehr als drei Jahre. Heute sind THE FAIR SEX das, was man als »Institution« bezeichnet - und das über Szene-Grenzen hinaus.

Als ich mir 87 die ersten Maxis »Divine Service« und »Bushman« zulegte, hatte ein Teil meiner Freunde, deren Heimanlage eher Klänge der Simple Minds oder Depeche Mode gewöhnt war, nur noch schlichtes Mitleid für mich übrig. Fünf Jahre später sind es ausgerechnet diese Freunde, die mich verlegen darum bitten, irgendetwas von THE FAIR SEX aufzunehmen... Die Essener Musiker wissen, daß sich da was tut. Schließlich setzt man heute fünfstellig ab. Aber: »Bei unseren neuen, »normalen« Fans besteht die Gefahr, dass sie alle die Platte klasse finden, aber nicht kaufen«, relativiert Sänger Myk Jung das Phänomen. Außerdem trieben sie sich die Normalos auch weniger in »zwielichtigen« und »nebulösen« Clubs herum. Trotz dieser kleinen Befürchtungen dürfte das soeben erschienene vierte Album »Spell Of Joy« kaum zum Ladenhüter avancieren: zu elegant ist der Spagat zwischen kraftvollen Maschinenbeats und aggressiven Gitarrenläufen geworden. Alte Fans wird man nicht vor den Kopf stoßen, schließlich knüpfen Songs wie »Eat Me« oder die Single »Soulspirit« nahtlos an die Sturm- und Drangphase der Kapelle an.

Der Frontman des heutigen Ruhr-Vierers (der Schlagzeuger starb 1988): »Laut und aggressiv zu sein ist typisch plakativ für THE FAIR SEX, besonderes in der Mittelphase der Band. Bei der 2. Platte »Demented Forms« haben wir das auf die Spitze getrieben, wir haben unsere Wut über alles, was auf dem Debut »The House Of Unkinds« schiefging, herausgespielt. »The House Of Unkinds« ist zum Beispiel ein imaginärer Ort, an dem ein eifersüchtiger Verliebter, der seine Elly verloren hat, sie jetzt voller Panik sieht. Und dann machen die ein Haus auf das Cover! Ich hab da nichts  mehr zu gesagt, ging ja eh alles daneben.«

Bei »Spell Of Joy«, dem für Myk optimistisch gestimmtesten Album aus der mittlerweile beachtlichen Discographie, gehören gesunde Wut und Aggressivität immer noch zum bedeutenden Stilmittel: »Wenn man eine gewisse Verzweiflung über Ungerechtigkeit und Unterdrückung verspürt, ist es doch ein komisches Ausdruckmittel, sich mit einer akustischen Gitarre so selbstmitleidig hinzugeben«. Spricht's und legt zum Summen einer Tracy Champman-Nummer die Luftgitarre an. Mit zunehmender Dauer des Interviews wundere ich mich immer mehr über meinen Gesprächspartner, da ich aufgrund bisheriger Interviews ein kurzsilbiges Gegenüber erwartet hatte, und der sich nun auskunftsfreudiger und interessierter als viele Genre-Kollegen entpuppt. Hat sich denn die Einstellung gegenüber lästigen Interviewern total geändert? »Nee, dieser Eindruck ist falsch. Wir haben uns nur immer gegen den Düsterstempel und blöde Satanismus-Anspielungen gewehrt. Die Depri-Sachen waren noch nie THE FAIR SEX Inhalte. Dazu kommt, daß viele Leute noch nie einen Song von uns gehört haben und dann immer wissen wollen, was Titel wie »Demented Forms« oder »Spell Of Joy« bedeuten. So ein großes Konzept steht aber meist nicht dahinter.«

Nach wie vor arbeitet man mit dem Trik Drei-Produktionsteam in München zusammen, das auch schon einmal Hand an einen Marianne Rosenberg-Remix anlegte - und irgendwann in naher Zukunft gibt's dann das, woran die Jungs schon seit geraumer Zeit arbeiten. »einen rein klinischen, rein elektronischen Song ohne den konventionellen Aufbau mit Strophe und Refrain.«

Oliver Rustemeyer

Kym Gnuch-Kommentar vom 28.11.1992 (teilweise unleserlich auf einem zerrupften Zettel festgehalten):

Der Artikel enthält einige nette Details. So zum Beispiel wird der für Myk typische Begriff "Elly" tatsächlich festgehalten, mit dem er... Angehörige(?)/ Mitglieder (?)/ Verteter (?) des Schönen Geschlechts bezeichnet (allerdings nicht Bandmitglieder, in diesem Fall). Das bringt ihm des öfteren Ärger ein, denn viele sehen darin ein Zeichen für Verächtlichkeit. Dem ist allerdings nicht so: Myk war dem Schönen Geschlecht schon immer in zuweilen übertriebener Manier ergeben.

Auch ist es schön (?) selten(?), daß Trik 3 erwähnt werden. Mappie, Ansgar und Jochen werden viel zu selten genannt. (Sie lösten Ramon Creutzer als Produzenten ab, der nichtsdestoweniger weiterhin in enger Kooperation mit der Band steht.)

Und, ein weiters Mal: Es taucht der Ewige Wunschtraum der Fair Sexer auf, sich vom konventionellen Songwriting mehr zu lösen und einen Titel zu kreieren, der nicht in Strophe und Refrain-Schemen aufgebaut ist. Können sie sich von der Backe schmieren. Gelingt ihnen doch nicht. Sie vergessen´s immer wieder. Sie bleiben beim Schema; und jedesmal, wenn eine neue Platte fertig ist, fällt´s ihnen ihr Wunschtraum wieder ein. Und jedesmal ist es das gleiche: "Haben wir eigentlich diesmal nen Song drauf, der nicht diese Strophe-Refrain-Abfolge hat?" "Nö. Glaub nich`. Scheiße."

Ruhrnachrichten, 25. September 1992

Mit Wut im Bauch auf Erfolgskurs


Die Zeiten, in denen sich die Anhänger von THE FAIR SEX lediglich aus schwarzen hochtoupierten Kreisen rekrutierten, gehören längst der Vergangenheit an.

Die vier Jungs aus Essen wissen auch, dass sich da was tut. Schließlich setzt man heute fünfstellig ab. Aber: »Bei unseren neuen, »normalen« Fans besteht die Gefahr, dass sie alle die Platte klasse finden, aber nicht kaufen«, relativiert Sänger Myk Jung. So sei das zumindest mit dem letzten Album »Bite Release Bite« gelaufen.

Trotz dieser kleinen Befürchtungen dürfte aber das soeben erschienene vierte Album »Spell Of Joy« (OUR Choice/RTD) wohl kaum zum Ladenhüter werden - zu elegant ist der Spagat zwischen kraftvollen Maschinenbeats und aggressiven Gitarrenläufen geworden.

Alte Fans wird man nicht vor den Kopf stoßen, schließlich knüpfen Songs wie »Eat Me« oder die Single »Soulspirit« nahtlos an die Sturm- und Drangphase der Kapelle an. Stilistische Offenheit dokumentieren Songs wie »Cascet Tower« oder »What's To Be Done« mit ihren recht poppigen Strukturen.

Eine gesunde Wut und Aggressivität, verbunden mit der nötigen Power, gehört auf diesem Silberling immer noch zum bedeutenden Stilmittel, denn »wenn man eine gewisse Verzweiflung über Ungerechtigkeit und Unterdrückung verspürt, ist es doch ein komisches Ausdruckmittel, sich mit einer akustischen Gitarre so selbstmitleidig hinzugeben«, so Jung.

Spricht's und legt zum Summen einer Tracy Chapman-Nummer die Luftgitarre an.

Oliver Rustemeyer

Kym Gnuch-Kommentar (kurze Zeit darauf):

Was Myk mit diesem Bild der sozialkritischen Folksänger meinte, habe ich immer gut verstanden. Allein die Formulierung und die fehlerhafte Handhabe der Attribute macht mir Sorgen. Selbstgewißheit/Selbstgefälligkeit sind nicht gleichzusetzen mit Selbstmitleid. Obendrein meinte er noch nicht mal das. Was er meinte war: Die Ausdrucksformen jener Weltenverbesserer decken sich nicht mit seinen Vorstellungen von Weltenverbesserung, die ungfähr so zu umschreiben sein mögen:Vor-Wut-Kochen, daß man nur so platzt, und schrillen EBM in die Welt ballern. Und deswegen muß man über Akustik-Gitarren-Heroen herziehen? Kann Myk sich solches nicht mal verkneifen? Nein. Er kann´s nicht. Er nutzt sogar dieses kurze Interview, um ein fahles Licht der Selbstüberschätzung auf THE FAIR SEX zu werfen! Enorm.

Tip Berlin Magazin, 24. September - 7. Oktober 1992

THE FAIR SEX

In Schönheit sampeln

THE FAIR SEX - eine elektrische und elektrisierende Seite des Ruhrgebiets

Wer aus Essen kommt und ausnahmsweise nicht zur Sekte derer gehört, die den ganzen Tag Pils hinter die Mit Iron-Maiden-Aufklebern verkrustete »Kutte« kippt, hat es schwer. Die Band THE FAIR SEX zeigt jedoch, daß sich auch elektronische Musik erfolgreich in einer Gegend entwickeln kann, die man sonst eher mit musikalischen Äquivalenten zu »Pommes mit Mayo« in Verbindung bringt.

THE FAIR SEX bekennt sich zu den Ruhrgebietsclubs als wichtigem Teil ihrer Basis: dort fanden 1985 die ersten Auftritte statt, der wachsende Erfolg führte 1987 zu Plattenvertrag und ersten Produktionen. Bald merkte man jedoch, daß ein Vertrag noch keine Erfolgsgarantie beinhaltet. Seit dem Wechsel zu Rough Trade scheint es hingegen eher bergauf zu gehen. Auch musikalisch hat sich bei THE FAIR SEX einiges getan. »Wenn wir uns nicht entwickeln würden, würden wir sofort aufhören«, meint Bassist Rascal. Der Grundidee des »elektro heavy crossover« blieb man zwar treu, doch die Unlust  jahrelang konsequent dasselbe zu machen, führte zur Lust am Experimentieren. Der trashige Elektropop der Anfangszeit wandelte sich zum dynamischeren und rauheren Elektropunk, Einflüsse von EBM und Dark-Wave lassen sich ebenso hören. »THE FAIR SEX steht für Facettenreichtum, insofern klauen wir bei ganz vielen Bands...«, sieht es Rascal pragmatisch. Auf der neuen LP »Spell Of Joy« wurde sogar Pink Floyd gesampelt - mancher schreckt vor nichts zurück...

Weniger erbaut sind die vier von gewissen Kreisen, die beim Stichwort »Elektro« rot und hehrste musikalische Werte bedroht sehen und daher die rettenden Ritter handgemachter Gitarrenklänge so gerne gegen den bösen Drachen computergemachter Fiepsereien in den Kampf schicken. Sänger Myk fragt sich angesichts solcher »Knopfdruck-Klischees«, ob man wirklich glauben soll, dem Leben - dem heiligen rock'n'roll streetlife gar - näher zu sein, wenn man sich auf Gitarren beschränkt und ein paar Akkorde runterdrischt, eingehüllt in Wolken von »ehrlichen Schweiß«.

THE FAIR SEX hoffen auf Umbruch-Zeiten in den 90ern, hin zu mehr Vermischungen mit elektronischem Schwerpunkt. Alleinseligmachender musikalischer Purismus liegt ihnen dagegen weniger. Techno empfinden sie zwar als zeitgemäße Ausdrucksform, Inspirationsgeber des Pop und nötige extreme Alternative, aber ein Produkt derart reiner Lehre wollte ihnen bislang nicht gelingen. Immer schlichen sich die »schönen Farben«, Melodien, Gesang-Arrangements, auf die knallige Basis... Es gibt Schlimmeres. So bleibt dem Hörer ihrer Platte und den Konzertgängern am 24. September das Vergnügen nicht nur harten Rhythmus zum Abtanzen, sondern auch einfach schöne Songs geboten zu bekommen.

Michael Gerhardt

POP, Oktober 1992

Je nach Mondphase mixen THE FAIR SEX elektronische Tanznummern, Heavy-Gitarren und Sphärenklänge - ein Hörtest für Aliens. »THE FAIR SEX sind facettenreich", sagt Bassist Rascal und ergänzt für's Volk: «Wir stehen total auf Rumspielen.« Was dabei rauskommt, kann man auf ihrem schillernden vierten Album »Spell Of Joy« (RTD) durchleben - nonstop, denn die Übergänge sind wilde Geräusche, Stimmen und programmierte Bastelei. Aber ganz bestimmt keine Botschaften. »Wir haben etwas gegen Leere«, erwähnt Rascal lapidar. Auch von Langeweile halten sie nichts. »Viele unserer Songs rufen auf, die eigene Power zu vollziehen.« Intern nennen sie das die »Aufraff-Thematik«, von der sie sich schon mal selbst mitreißen lassen: »Cascet Tower« und vor allem »Prisca« leben von quecksilbrigerer Wandlung. Der Vorwurf, es ginge zu häufig nur um das eine, ärgert Rascal. »Wir behandeln alles, was sich ein wenig abhebt. Das ist nicht nur Sex.« Recht hat er. THE FAIR SEX (dt.: das schöne Geschlecht) krabbeln aus ihrem Szeneclub-Mauseloch heraus - und heben sich deutlich vom Durchschnitt ab.

Helge Scheibner

Zillo, Oktober 1992

THE FAIR SEX


THE FAIR SEX sind nach wie vor die Gruppe, die seit Jahren faszinierende Electro-Attacken auf die Welt prasseln läßt, aber 1992 sind sie auch offener als zuvor. Die vier Essener besaßen jahrelang den Ruf der egozentrisch, arroganten Musiker, den sie sich in schwierigen Interviews mühsam erworben haben. Vielleicht liegt es am Umbruch innerhalb der deutschen Wave-Szene, die in den letzten drei Jahren von statten ging, daß sie heute zugänglicher erscheinen.

Es hat sich eine Familie gebildet, die gestützt von alten Heroen wie THE FAIR SEX, Girls Under Glass und The Invincible Spirit, neue Gruppen wie Love Like Blood, Project Pitchfork und Cancer Barrack, um nur ein paar zu nennen, ans Tageslicht brachte.

Eine Familie nicht unbedingt im klassischen Sinne, aber in dem Zusammenhang, daß es einen Rückhalt gibt, eine ideologische Unterstützung, auf deren Basis man gesund an seiner Weiterentwicklung arbeiten kann, ohne de  Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein. Zumindest in der Wave- und Elektrolandschaft hat eine deutsche Produktion längst einen internationalen Stellenwert inne.

Mit dem Wachsen dieser deutschen Szene ist die Anzahl populärere Gruppen gestiegen, die Reihe der sehenswerten Konzerte findet monatlich eine gelungene Fortsetzung und dadurch trifft man sich nicht nur sporadisch, sondern regelmäßig, was noch vor drei Jahren nicht gegeben war Eine Struktur hat sich gebildet, die mehr als nur ein oberflächliches Kennenlernen beinhaltet, sondern tiefergehende Freundschaften fördert und so den Aspekt hervorbringt, eher über sich reden zu können.

Gerade THE FAIR SEX haben hiervon profitiert. Jahrelang im Niemandsland mit einer festen Fangemeinde angesiedelt, gelang ihnen mit dem letzten Album »Bite Release Bite« der »groß« Sprung. Sie haben sich als eine der ältesten, existierenden deutschen Electro-Formationen an der Spitze der deutschen Electro- und Waveszene etabliert, bei einem Publikum, das zu den Anfangstagen von THE FAIR SEX noch weit von dieser Musik entfernt, seine Kreise zog.

Damals wäre es undenkbar gewesen, das Sänger Myk Jung die Texte der Band interpretiert. Eine Message haben THE FAIR SEX jahrelang verneint, nur ausweichend Fragen nach Thematiken beantwortet. Es war aber auch nie notwendig, Musik und Texte haben bei THE FAIR SEX schon immer eine Einheit gebildet. Die Texte haben genau das widergespiegelt, was man in der Musik fand. Eine Kommentierung wäre vielleicht nötig gewesen, sind doch die Lyrics von Myk größtenteils sehr auslegungsreich und phantasievoll gehalten.

»Es ist immer noch unwichtig, was ich zu den Texten zu sagen haben«, macht Myk Jung auch heute noch Abstriche. »Ich bin momentan in einer Phase, in der ich eher darüber sprechen kann. Es liegt auch immer an der Atmosphäre, wie sehr viel Intuition in meinen Texten steckt und dies Interpretationsfreiheiten ermöglicht. Wir haben uns immer dagegen gewehrt zu sagen, unsere Songs hätten eine Message, weil uns die Musik wichtiger ist. Musik und Text bilden zwar eine Einheit, aber wir wollten nie als Band abgestempelt werden, von der man sagt, sie hätten die und die Message.«

Will man die Texte von THE FAIR SEX zusammenfassen, kann man wohl sagen, daß sie überwiegend angsterfüllte Inhalte abdecken und gleichsam dazu aufrufen, die innere Kraft zu finden. Hervorragende Beispiele auf dem neuen Album »Spell Of Joy« sind hier »Not Now Not Here« und »What's To Be Done«.

»Es besteht in den meisten Texten dieses Gefühl, das wir auf dünnen Balken durch die Welt laufen. Dieses Gefühl des anbahnenden Unglücks, das auf uns allen ruht. Es gibt Dinge, die mich einfach fertigmachen, wie das Desinteresse der meisten Menschen. Der Glaube, daß das Unglück an einem selbst vorüberzieht, aber was mit den anderen passiert, ist scheißegal!«

Myk's Angst zwischen Niedergeschlagenheit und innerer Wut über diese Zustände enden nicht in Depressionen, sondern der Glaube an die Kraft des positiven Denkens, wie er noch stärker von Rascal bei THE FAIR SEX getragen wird, überdeckt dieses Angstempfinden.

»Auch wenn dieses Gefühl das ist, schreiend in der Nacht aufzuwachen«, meint Myk, »ist in allen THE FAIR SEX-Texten der Aufbruch hin zum Optimismus da. Wir wollen nicht zum Selbstmord aufrufen, sondern dazu, die Ängstlichkeit und Zaghaftigkeit abzuschütteln, die innere Power zu finden. Das ist beispielsweise in »Not Now Not Here« oder »The Giant's Kiss« so und in einer einfacheren Art in »Frantic«. Ich nenne das immer die Aufraff-Thematik, die seit unserem Beginn in THE FAIR SEX steckt. Die Power und die Lösung für die eigenen Probleme findet man nur in sich selbst.«

Die Texte von Myk entstammen intuitiven Gefühlen, die einfach über einen hereinbrechen, sei es bei den Aufraff-Inhalten oder einem zweiten verwandten Bild, dem des Schwarzen Rächers wie es so in »Fat Bellies Hunger« auf »Bite Release Bite« und »Vengeance« auf »Spell Of Joy« gezeichnet wird.

»Das ist auch so ein Wunschdenken von mir. Die Rolle des Schwarzen Rächers, der gegen die kämpft, die die Armen und Schwachen unterdrücken. Ich schlüpfe in den Texten gerne in die Rolle des Erzählers und das sind sicherlich Facetten von mir. Hier der Rächer aus Wut.«

In welche Rolle Myk Jung in »Eat Me«, dem skurrilsten Text des aktuellen Albums schlüpft, bleibt offen.

»'Eat Me' handelt von der Ausschöpfung der sexuellen Möglichkeiten, wenn nur noch die Möglichkeit übrigbleibt, den anderen zu essen, um die absolute innere Verschmelzung zu vollziehen - 'You Have To Eat Me Now!' Irgendwann taucht dann der Beobachter auf, der die beiden Liebenden fragt, ob sie es nicht noch einmal auf konventionelle Art und Weise versuchen möchten. Irgendwie ist es genauso verrückt, wie etwas daran ist, weil es das letztendliche Durchdringen zum Partner ist, das man aber einfach nicht erreichen kann.«

Schon auf der ersten Maxie »Divine Service« (1987) verlieh die Musik dem Gefühl Ausdruck, daß trotz aller Niedergeschlagenheit die Depression kein Mittel sein kann, um etwas besseres zu erreichen - den Tod einmal ausgeklammert. Dadurch entstanden dunkel-aggressive Stimmungen, die nach vorne treibend ihren Sinn erfüllten: Vorwärts, es muß weitergehen!

Und doch konnte THE FAIR SEX in den falschen Stimmungen auch das endgültige Niederschmettern zur Folge haben, den Fall in die Schwerelosigkeit der Psyche. Mit »Spell Of Joy« verfolgen sie diese Linie weiter, ohne darauf herumzureiten. Es ist ein Gefühl, das der Hörer selbst in der Musik finden muß, das ihm nicht vorgelebt wird. Jeder kann sich seine eigenen Gedanken darüber machen und seine persönlichen Emotionen nach eigenem Belieben frei entfalten.

»Spell Of Joy« musikalisch zu beschreiben, fällt im Prinzip einfach: Das Album ist typisch THE FAIR SEX.

»Klar, THE FAIR SEX wird auch immer THE FAIR SEX bleiben!«, mein auch Myk, »aber diese Darstellung der Band an sich, muß nicht unbedingt eine Weiterentwicklung beinhalten. Jedes THE FAIR SEX Album hat seine persönliche Größe, seine Eigenart, wie die Monate des Jahres sich unterschiedlich gestalten, wie jeder seinen Eigengeschmack hat und Bier nicht gleich Bier ist.«

Während für manchen (wie beispielsweise Eckie Stieg/Radio FFN) »Spell Of Joy« die konsequente Fortsetzung der letzten Platte ist, kann man sie auch als Anknüpfung an das 89er-Album »Demented Forms« ansehen. Einig ist man sich nur, das die Unterschiede zu »The House Of Unkinds« groß sind, was aber eher an den damals bestehenden Produktionsmöglichkeiten als an der Grundidee liegt.

Beim lockeren Interview stellen Rascal und Myk Gegensätzlichkeiten fest, über die sie fast das Interview vergessen.

Rascal: »Bei der »The House Of Unkinds« konnte man aber schon sehen, wo es langgehen wird.«

Myk: »Die »The House Of Unkinds« war so dämlich.«

Rascal: »Ich finde die Platte klasse. Sie war straight und klar, und im gewissen Sinne knüpft »Spell Of Joy« daran an«

Myk: »Das Konzept an sich war okay, aber die Umsetzung war miserabel. Straight und klar war sie, während die »Demented Forms« verschroben und verspielt war.«

Rascal: »»Spell Of Joy« ist aber die Fortsetzung der »Bite Release Bite«. Es ist die konsequente Weiterentwicklung.«

Myk: »Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Leute die Musik aufnehmen. Ich finde »Spell Of Joy« ist die am weitesten von »The House Of Unkinds« entfernteste Platte. Es geht wieder mehr nach vorne, während auf »Bite Release Bite« mit den Ausnahmen »Fat Bellies Hunger« und »Alaska« mehr ruhigere Stücke waren.«

Im Grundsatz ist es auch völlig egal, ob »Spell Of Joy« eine Fortsetzung des Vorgängers oder Vorvorgängers ist. »Spell Of Joy« ist eigenständig wie jedes Werk der vier Essener, gleichsam aber das ausgereifteste und absolut perfekt produzierteste Album in fünf Vinyl-Jahren. Hier wird all das auf den Punkt gebracht, was THE FAIR SEX seit Jahren auszeichnet. Kraft. Druck. Atmosphäre. Glanz und Eleganz.

»Das Album ist unser bisherige Höhepunkt«, stimmt Rascal zu. »Wir haben auf der Basis einer langjährigen Entwicklung eine Größe erreicht, in der man, ohne zu planen, diese Momente erreicht, das alles stimmt. Wir hatten noch nie solch einen Output wie zu dieser Platte. Song für Song hat sich im Studio mystisch ergeben. Da ist alles aus uns herausgewachsen, eine Atmosphäre entstanden, die man nicht planen kann. Wir mußten nicht viel an Knöpfen und Reglern spielen, auf einmal war alles da.«

»Unsere Songs haben seit jeher ein Eigenleben, auf das wir keinen Einfluß haben«, ergänzt Myk. »Das ist das Magische daran, auf einmal steht es.«

Rascal: »Und das liegt vielleicht an der jahrelangen Verbundenheit."

»Die Seele eines Songs ist von Anfang an da, tritt aber mit einem Mal im Studio in den Raum«, führt Myk fort. »Das war nicht immer so. Wir haben teilweise schon gekämpft, ohne das etwas dabei herauskam. Momentan sind wir in einer Phase der Hochblüte. Für »Spell Of Joy« haben wir nur fünf Monate gebraucht. Es ist phantastisch, wie wir uns alle ergänzt haben.«

Ein wichtiges Merkmal tritt erst heute bei THE FAIR SEX richtig auf. Die musikalischen und inhaltlichen Einflüsse von Myk (Ges.), Rascal (Synth.), dem »Blonden« (Synth., Git.) und L'olita (Git.) sind teilweise gravierend, gehen in der explosiven Mischung von der Band aber erst richtig auf. Da reicht die Palette der Einflüsse von Heavy bis hin zu modernen Dancefloor á la Shamen und The KLF. Rascal, in dem diese musikalischen Vorlieben 1992 stecken, verteidigt so auch die Vorab-Maxi »Soulspirit«, dessen Dance-Remix den einen oder anderen zweifelsohne verwirrt hat.

»Wir versuchen, damit unseren Rahmen zu sprengen. Es wird von THE FAIR SEX immer wieder Dance-Maxis geben, die aber alles andere als Trend-Remixe sind. Wir werden immer das machen, worauf wir Lust haben und bei »Soulspirit« war im Studio die Idee für diesen Dance-Mix da. Die Alben sind uns sicherlich wichtiger und ein 12inch Remix ist immer etwas anderes als ein Album. Wem die Maxis nicht gefallen, der muß sie sich ja nicht kaufen, nur weil THE FAIR SEX draufsteht.«

»Die Ablehnung von Dance-Mixes ist doch nur dieses Anti-Statement der Indieszene, das uns egal ist. Wir versuchen diese Schranken zu brechen und sehen das als Experiment an«, regt sich auch Myk über die offen zur Schau getragene Intoleranz der Szene auf.

»»Soulspirit« ist zweifelsohne alles andere als eine typische Dancefloor-Platte der Neunziger. Eher ist es ein typisches THE FAIR SEX Produkt, das auch auf den Tanzflächen laufen kann.«

»Man muß das nur inhaltlich sehen«, bricht Rascal den Bann. »Der Song ist mit seinem »Nazis raus«-Sample ein Anti-Fascho-Statement und so etwas gehört auch auf den Dancefloor, nicht nur Slogans wie »Everybody feel free!«.«

Ob der Dancefloor überhaupt Inhalte vermittelt haben möchte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wenn man sich die House-Szene anschaut, gilt dies zu bezweifeln, ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen, aber gerade in den Neunzigern ist das bloße Propagieren des Freiseins und ein Spruch wie »We are all united« (Love Parade 1991) nur daneben. Die zerbrochenen Staaten Sowjetunion und Jugoslawien sind nur der Anfang, den man mit leeren Wortgebilden nicht stoppen kann.

Ob sich THE FAIR SEX mit ihrer neuerdings offenkundig vorgetragenen Meinung auf dem Dancefloor behaupten, oder nicht, noch im Herbst wird aus »Spell Of Joy« eine Remix-Maxi mit »What's To Be  Done«, »Vengeance« und »Eat Me« erscheinen und bereits im Januar soll die nächste, neue Maxi erscheinen, der ein von Myk kommentiertes Textbuch vorhergehen wird. Das sie mit kommenden Veröffentlichungen die House-Posse bedienen werden, kann man wohl schon heute verneinen. Eine impulsive Ballade oder eine Pogo-Attacke wird wohl eher in das ungeplante Konzept von THE FAIR SEX passen, denen mit »Spell Of Joy« vielleicht goldene Neunziger bevorstehen.

Sven Freuen

Kym Gnuch schrieb am 26. Oktober 1992 dazu:

OK - da sieht man´s mal wieder. Kommt jemand den Fair Sexern als ein mit profundem TFS-Wissen Beschlagener entgegen, obendrein mit offenkundiger und kundiger Sympathie, blühen sie direkt auf. Rundes Dingen, dieses Ding. Und wie schön Myk und Rascal sich zusammenraufen, um ein einheitliches Bild nach außen zu transferrieren, geschminkt es wohl sein mag!

EBM Metronom, Okt./Nov. 1992


1991 war ihr Jahr! Bei einer Serie von Festivalveranstaltungen sahnten sie mächtig ab, stahlen der Konkurrenz die Show und standen urplötzlich im Rampenlicht. Den begeisterten Kritiken der Fans folgte eine durchweg positive Presse. Für gute Musik sorgten sie selbst.

Ihre LP »Bite Release Bite« setzte 1991 neue Akzente und begeisterte vor allem jene, denen Pop zu weich und Techno-Industrial zu hart war/ist. Sägende Gitarren, tanzbetonte Beats, dazu eingängige Sequenzen und er rauhe Gesang von Myk Jung kennzeichnen THE FAIR SEX auch in diesem Jahr. Der aus Essen stammenden Band ist es auf ihrer aktuellen CD »Spell Of Joy« erneut gelungen, ihre Sonderstellung zu untermauern. Sie verstehen es wie keine andere Band, die reizvollen Elemente des Industrial-Sounds mit denen des melodischen Pops zu verbinden. Ein Stil, den sie seit der Veröffentlichung ihrer ersten Maxi »Divine Service« stetig weiterentwickelt haben.

1987 erschien dieses erste Produkt, nachdem THE FAIR SEX sich Ende ’84 formiert hatten. Sänger Myk, der Blonde und Gitarrist L’O hatten zuvor in anderen Bands gespielt und kannten sich aus gemeinsam erlebter Schulzeit, ehe an sich durchrang, den zuvor beschrittenen musikalischen Weg zu verlassen und etwas Neues zu versuchen. Mit dabei war neben Rascal (voc, b) anfangs auch ein Schlagzeuger, der später jedoch durch den immer stärker werdenden Gebrauch eines Drumcomputers ersetzt wurde.

Von Beginn an konzentrierte man sich auf elektronische Klänge. Vermischt mit den Ideen der einzelnen Mitglieder entstand der für THE FAIR SEX typische Sound. Myk Jungs Erklärungen zu den musikalischen Wurzeln eines jeden sind zwar manchmal etwas verwirrend, aber sie verdeutlichen doch warum THE FAIR SEX in keine der bestehenden Schubladen passen.

Zu den atmosphärisch harmonischen Synthesizer-Sounds des Blonden gesellt sich die rock-orientierte Gitarre L’Os. Für Groove- und Dance-Rhythmen ist Rascal zu haben, und Myk setzt mit seinem an Skinny Puppy erinnernden Gesang dem Ganzen die Krone auf.

»Die Idee des harten Gesangs«, so erklärt er im Interview, »entstand eigentlich bei Live-Auftritten. Mit dieser Art zu singen fiel es mir leichter, mich während eines Konzerts von der Musik abzuheben, verständlich zu sein. Unsere Musik ist für eine dunkle Stimme oft zu laut, so daß vieles unterzugehen droht.«

Auf den genannten Einflüssen aufbauend entstehen Songs wie »Outraged And Moved« oder »Alaska«, die von einer ausgeprägten Individualität leben. Monotonie und Langeweile gibt es bei THE FAIR SEX gewiß nicht.

Für Überraschungen immer gut, erschien auf »Spell Of Joy« erstmals ein ruhiges Stück.

»»What’s To Be Done Now« ist ein recht altes Stück eines Freundes, das wir überarbeitet haben, d.h. der Song existierte vorher eigentlich nicht als Stück, sondern in einer Akkordfolge mit eigenen Worten.«

Aus dieser Idee entwickelten THE FAIR SEX ein atmosphärisches Gebilde, das neben »Not Now Not Here« und »Cascet Tower« auf »Spell Of Joy« herausragt. Auffallend auch die Soundcollagen, die die einzelnen Stücke ohne Pause ineinander übergehen lassen. Die Idee dazu war schon lange in ihren Köpfen, ließ sich aber erst jetzt realisieren. Die Texte betreffen werden auf »Spell Of Joy« wieder »typische« THE FAIR SEX Themen angesprochen, wie zum Beispiel Gewalt jeglicher Art.

»Das Gewalttätige an THE FAIR SEX ist eigentlich das Ankreiden von Gewalt. Wir wollen nicht die Gewalt an sich darstellen, sondern sie attackieren.«

Attackieren sollte nach Myk Jung zudem jeder den Fall in die Isolation. Sich selbst aus dem Dreck zu ziehen, und aus den eigenen Zwängen zu befreien ist vielleicht die wichtigste Message, die vermittelt werden soll. Eine allheilende Kur bieten sie sicherlich nicht an, aber mit ihrer Musik erreichen sie, daß man den Alltag weit hinter sich lassen, und für einige Minuten abschalten kann.

Manfred Thomaser

Auf Abwegen, Okt./Nov. 1992

THE FAIR SEX, Mi., 23.09.1992, Old Daddy, Oberhausen

Myk Jung und Konsorten zogen nach längerer Live-Abstinenz eine ganze Menge Leute ins Old Daddy. Die wurden dann auch weitestgehend für ihr Kommen mit aggressiver, druckvoller Musik belohnt. Zusätzliches Entertainment lieferte ein delirischer Opi, der im Vollrausch über die Bühne torkelte. Das brachte die vier Jungs aus Essen aber nicht aus dem Konzept. Sie spielten eine eigenwillige Mischung aus ihrem Gesamtrepertoire, wer jetzt überwiegend Material von der neuen CD erwartet hatte sah sich getäuscht. Es waren auch gerade die Heuler von THE FAIR SEX, wie »The House Of Unkinds«, »Helpless Fall«, »The Pain That Noone Knows« und »Black Anger«, die das Publikum zum Pogo trieben. Es gelang THE FAIR SEX auch nicht immer, die technische Reinheit der neuen Songs auf der Bühne ähnlich perfekt zu bringen, was ja nur allzu verständlich ist. THE FAIR SEX live haben halt keinen Sinn für Sentimentalitäten, es gibt keine Kompromisse. Es wird einen Menge Energie freigesetzt und ruhige Stücke sind eher die Ausnahme. Nicht immer einwandfrei koordiniert waren die Gesangsduette von Myk Jung und Bassist Rascal, letzter hätte sich für meinen Geschmack ein wenig mehr zurückhalten können. An den Electronics und Guitars gab's aber nichts zu mäkeln, ist genehmigt. Ansonsten, wie gesacht, es ging volle Pulle ab, woll.

Petra Proll / Zipo

WOM Journal, Dezember 1992

THE FAIR SEX

Die Essener Indie-Musiker sind genervt vom Streit zwischen Elektronikern und Naturklang-Puristen.

Mit Elektronik-Puristen haben sie ebenso wenig gemein wie mit Gitarren-Fetischisten, deren »Ehrlichkeits-Pathos« sie oft eher nervig finden - lieber verschmelzen sie die Vorzüge beider Lager. THE FAIR SEX, das Quartett aus Essen, das mit »Spell Of Joy« schon das vierte (Indie-) Album vorgelegt hat.

Die Musik von THE FAIR SEX ist eine Mischung aus Samples und Dancefloor, immer wieder durchsetzt mit Handgemachtem, speziell Gitarren. »Das machen wir schon seit sieben Jahren so«, meint Rascal, der Keyboarder, Bassist und Programmierer. »Manche unserer Songs funktionieren sogar auf der Klampfe! Wir haben ein eigenes Studio, in dem wir das Programmieren machen - wir versuchen dabei, zeitökonomisch zu arbeiten, um dann im eigentlichen Aufnahmestudio mehr Zeit für die von uns so sehr geliebten Feinheiten und Spielereien zu haben«

Daß dabei kein Top-40-Material herauskommt, dessen ist sich die Band bewußt, denn: Ein wenig muß sich hierzulande die Musikkultur noch in Richtung Elektronik verändern, bevor Bands wie wir wirklich Erfolg haben.

Pi.Re.

Niagara, April 1991

THE FAIR SEX

Eine neue LP...

haben THE FAIR SEX herausgebracht. »Bite Release Bite« heißt das neue Werk, das bei dem neuen Rough Trade Underlabel OUR Choice erscheint. Wie auch schon auf früheren THE FAIR SEX Platten dominieren düstere elektronische Sounds, die immer wieder mit fast rockigen Gitarren versehen werden. Im Vergleich mit früheren Werken ist die neue LP noch um einiges treibender in den Rhythmen, was ja auch guten Diskotheken-Einsatz hoffen läßt. Die Veröffentlichung bei OUR Choice bietet sich auf jeden Fall an. Das neue Label kümmert sich nur um deutsche Veröffentlichungen, hat schon FM Einheit und Tom Mega herausgebracht und wird demnächst noch Bands wie die gitarren-poppigen Eight Dayz, die düsteren Pink Turns Blue und die Ost-Berliner Punkband Die Skeptiker veröffentlichen. Eine vielseitige Ansammlung deutscher Bands, was gerade THE FAIR SEX gefällt, denn immerhin haben auch sie ihren Anteil daran, daß gerade im Bereich der düsteren Elektromusik vor allem hierzulande die besten Veröffentlichungen herauskommen. So berichten Myk und Rascal von THE FAIR SEX mir auch bei einem Interview, daß sie sich in der deutschen Techno-Szene auch sehr wohl fühlen.

Rascal: »Das Techno-Ding ist doch auch ein rein kontinentales Ding. Belgien, Deutschland... Das ist doch auch geil, das muß man doch featuren. Und da verspüren wir eben echt das Bedürfnis, das noch weiterzuentwickeln, das ist eigentlich so unser Anliegen.«

Myk: »Ich glaube auch, daß Deutschland dafür ein gutes Pflaster ist. Wir denken in erster Linie nur an uns, wenn wir Musik machen. Das heißt, wir haben dann Ideen, die wir dann durchsetzen wollen und denken nicht daran, ob dieser Sound dann auch in England ankommt oder nicht. In England kommt das nämlich gar nicht an. Die Engländer haben den Techno offenbar noch nicht so richtig begriffen bis jetzt.«
Rascal: »Weil sie'n nicht erfunden haben!«

Myk: »Sie sind ein bißchen neidisch nehm' ich an und hör'n sich heimlich belgische und deutsche Kapellen an«

Rascal: »Aber heimlich, nur mit Walkman!«

Myk: »Und leihen sich die Platten auch nur, deshalb verkaufen sie sich dann nicht so gut da.«

Dabei sind THE FAIR SEX alles andere als eine typische Techno-Band. Hier geht es nicht nur um stumpfes Gestampfe, sondern vor allem um Songs, die melodisch stark daherkommen und mit ihren düsteren Anklängen gefallen, ohne in mythologische Ebenen abzudriften.

Rascal: »Was uns nicht paßt, ist wenn wir in diese Okkult-Ecke gedrängt werden, was manchmal passiert.«

Myk: »Wir haben zum Beispiel mal einen Song gemacht, der hieß »The Naked And The Dead«, und da kamen Vorwürfe, wir würden uns nur mit Sex und Tod beschäftigen. Das ist aber völlig mißverstanden worden. Wenn die Journalisten schon unsere Texte interpretieren wollen, müssen sie sich auch damit beschäftigen. Mit Tod beschäftigen wir uns nämlich überhaupt nicht, und der Titel »The Naked And The Dead« ist ja auch geklaut. Die Leute, die uns das vorhalten, sollten sich mal überlegen, daß es auch einen Roman gibt, den ja wohl auch nicht so'n vergnatzter Gruftie geschrieben hat, der nur über Sex und Tod schreiben wollte.«

Die LP »Bite Release Bite« erscheint am 02.07.1991. Ihr habt die Wahl.

Kym Gnuch hierzu (ca. irgendwann in 1991/92):

Tja, da haben wir´s wieder. Meine Jungs! Hölzern und radebrechend wie eh und je, der Rhetorik in erschreckendem Maße nicht mächtig. Ein Prollgelaber, das zum Himmel stinkt. Warum ich dieses armselige Stück verquirlter Scheiße mit in den Katalog der Presseberichte nahm? Um sie mal von ihrem Hohen Roß zu holen, die Fair Sexer. Die verstehen doch bis zum heutigen Tage nicht, was sie alles falsch gemacht haben. Dann lest mal

Zillo, Mai 1991

THE FAIR SEX

»In Köln waren die Essener THE FAIR SEX die Abräumer des Abends,« war in Nr. 2/91 über die Zillofestivals zu lesen. Sänger Myk Jung, Gitarrist L'olita, Bassist Rascal und Synthispieler Blonder stellten durch diese Tour ihre Fähigkeiten als fesselnde Liveband unter Beweis. Straighte, tanzbare Wave-Rhythmen wurden mit rauhen Gitarren versehen. Dazu sang ein schelmischer Myk Jung energisch durch das Repertoire.

THE FAIR SEX lösen sich vom üblichen Wave- und Gothic-Standard heraus. Weder aufgesetzte Melancholie noch überstrapazierte Coolheit können sie auf der Bühne gebrauchen.

 

Während ein antiquierter Science Fiction Streifen ohne Ton über die Mattscheibe flimmert, schmort ein winziger Kohleofen seine gemütliche Wärme durch die Dachgeschoßwohnung. Neben gut gekühlten Flasche eines lokalen Gerstensaftbrauers, machen Sprüche, Fragen und Achselzucken die Runde.

Wie fast alle Bands, hat auch die Essener Combo THE FAIR SEX als stinknormale Rockkapelle angefangen, Demos gemacht und als Krönung ihrer musikalischen Ausschreitungen einen Plattenvertrag bekommen. Was Sänger Myk Jung als »eine unspektakuläre Geschichte« nennt, war für Bassist Rascal »ein Statement gegen den Mainstream«. Eine vom Wave angehauchte, moderne und rotzige Musik wollten sie spielen. Nachdem sich THE FAIR SEX in der lokalen Jugendzentrumszene durchgeboxt hatten, erschienen mit »Divine Service« und »Bushman« ihre ersten Maxis. Das war 1987. »Bushman« war ihr Durchbruch auf den Tanzflächen der Szene-Diskotheken. »Wir wollten nach unserem eigenen Song tanzen und das ging oft nicht, weil es richtig voll war, das hat uns riesig gefreut, wir waren ja noch klein,« lautet der Kommentar, der die ganze Runde zum Lachen bringt, »das war schön, wir dachten wir wären schon Popstars und waren richtig glücklich.«

Ganz so schnell funktionierte das natürlich nicht, was auch an dem zu beklagenden Fair Sex-Syndrom liegt. »Unsere Geschichte ist ein einziges Trauerkapitel,« ironisiert Myk Jung ins Mikro des Walkmans, »das kannst du als Überschrift benutzen.« Neben Vertriebsschwierigkeiten ihrer Vinylprodukte, hat es die Band noch zu keiner zusammenhängenden Tour gebracht, was angesichts ihrer Live-Qualitäten ein schlimmes Versäumnis ist. »Wir haben uns aber nicht absichtlich rar gemacht,« erläutert Myk, »viele Veranstalter hatten eben keinen Bock auf uns.«

Ihre Präsenz in der Öffentlichkeit verdanken THE FAIR SEX fast ausschließlich ihren Platten. Noch bevor »Bushman« Einzug auf die Plattenteller der Szeneclubs hielt, war »Divine Service« erschienen (beide 1987), diese Songs gehören zu den absoluten Highlights des Fair Sexistischen Repertoires. Einmal im Studio, nahmen die Essener mit »The Pain That Noone Knows (eight-y-six)«, »Aliens« und »Black Anger« noch drei weitere Songs auf, die inzwischen zu Klassikern avancierten. Diese vier Songs waren die überzeugendsten Argumente die THE FAIR SEX anführten, als es um die Produktion einer ersten Langspielplatte ging.

1988 erschien »The House Of Unkinds«, ein Konglomerat an wuchtigen Beats, einfachen Melodien und unkalkulierbarem Humor. Die lokale Presse bekam bei Interviews so manche flapsige Äußerung in den falschen Hals und etikettierte die Band prompt als musikalisch verbissen und textlich dogmatisch, was eine krasse Fehlinterpretation ist.

»Ein Grundelement der Band ist ein spielerischer, leichter Umgang mit den Themen, die wir anfassen,« erläutert der Blonde, »es ist schon ernst zu nehmen was wir sagen, wir möchten das aber nicht auf eine bierernste und humorlose Art verstanden wissen.«

Natürlich versteht nicht jeder ihre Art von Humor. »Divine Service« ist ein Beispiel dafür, wie man die Erwartungen der Hörer fehlleiten kann. Die klangmalerisch sorgfältig aufgebaute Atmosphäre einer schwarzen Messe wird am Ende mit nur zwei Zeilen zum Einsturz gebracht. »Wichtig ist, daß dieser Song nicht als Gothic-Verherrlichung verstanden wird, was man uns immer wieder vorhält,« erklärt Myk, »wir haben hier mit Worten gespielt, was eine große Gefahr mit sich bringt, den in den letzten beiden Zeilen heißt es: 'Wir sind diese abgefahrenen, seltsamen Satanisten, aber urteile nicht zu hart über uns, denn wir sind nichts anderes als behinderte Schweine.'«

Aus dem spielerischen Umgang mit den Attributen der schwarzen Magie haben sich in der Vergangenheit zahlreiche Mißverständnisse ergeben, mit denen die Band noch heute zu kämpfen hat. »Divine Service« ist der Abgesang auf alle Perversitäten, die von Fanatismus genährt werden.

Beim Thema Religion und Fanatismus wird unser Gespräch plötzlich sehr sachlich. »Immer wenn sich Menschen ein ihnen fremdes Gedankengut kritiklos verinnerlichen, wird es gefährlich,« meint der Blonde. »Wir haben uns vor allem von diesem krankhaften, perversen Satanismus deutlich distanziert,« fügt Myk an.

Was an Bösartigkeit aus ihren Stücken herausquillt, repräsentiert keine Glorifizierung von finsteren Machenschaften, sie ist Ausdruck der Wut gegen diese Dinge.

»The Pain That Noone Knows« zum Beispiel handelt von einem Schmerz, der innerlich wächst und verzweifelt nach Ausdruck sucht. Das betrüblichste Ereignis traf die Band im September 1988, als Schlagzeuger Achim gegen Ende eines Konzertes tot zusammenbrach. Angesichts der tragischen Umstände bekommt dieser Song, an dessen Komposition Achim beteiligt war, im Nachhinein eine neue, private Bedeutung, er ist Schmerz und Erinnerung zugleich. Obwohl dieses Kapitel für die Band niemals abgeschlossen sein wird, haben sie sich entschlossen neue Kapitel zu öffnen.

Die straighten, hart kontuierten Kompositionen des Debuts, wurden auf dem Nachfolger »Demented Forms« durch atmosphärischere, ausgefeiltere Arrangements bereichert. Die Dimension der korrekten bpm's ist durch räumlich wirkende Klänge bereichert worden. Gereifter und anspruchsvoller verläßt »Demented Forms« den eingeschlagenen Pfad, um vielschichtigeren (Crossover) Songstrukturen Platz zu machen.

Das jüngste Produkt hört auf den Namen »Bite Release Bite« und wird im Juni dieses Jahres als dritte THE FAIR SEX LP der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Welche Rolle dem neuen Album zukommt, möchte weder Myk noch der Blonde entscheiden, »daß bleibt jedem selbst überlassen.«

Als Vorgeschmack auf das Album erscheint am 29. April die »Dancefloor taugliche« Maxi »Alaska/Outraged And Moved«. Wie Sänger Myk Jung am Telefon bestätigt, wird die Maxi im Gegensatz zur LP atmosphärischer klingen.

Die Feuertaufe werden die neuen Songs beim Zillo-Festival am 17. August bestehen müssen. Anschließend erfolgt ihre Tournee.

Thomas Gunterman

Kym Gnuch hierzu (ca. Oktober 1991):

Bis auf das Mißverständnis am Telephon (natürlich ist das Album atmosphärischer als die Maxi) ist dieses Interview: nett. Gelungen und rund. Selbst das Jammern hält sich in Grenzen - oder wird in Humoriges verkehrt. Was ja schomma was is´.

Ruhrnachrichten, 24. Mai 1991

THE FAIR SEX stürmen Schwerter Giebelsaal

Von Oliver Rustemeyer

THE FAIR SEX fehlen Aggressive-Dancefloor-Charts, bemängeln sie zumindest auf dem Innen-Cover ihrer zweiten Maxi. Verständlich, denn in diesem Genre würden sie vorderste Plätze unter sich ausmachen. Ohne jegliche Medienpräsenz katapultierte sich die Essener Gruppe mit Stücken wie »Divine Service«, »Bushman«, »The House Of Unkinds«, »No Excuse« und »Helpless Fall« aber zumindest in die Indie-Charts.

Steiniger und hindernisreicher - als der anderer Independent-Bands - verlief der Weg aus dem Untergrund zum Erfolg für das Quartett dabei allemal, schließlich war ihnen das Schicksal nicht immer wohlgesonnen: Vor drei Jahre verstarb ihr Schlagzeuger während eines Auftritts. Nach je zwei erfolgreichen Maxis und Alben legte die Formation eine unfreiwillige Kunstpause ein: Die Suche nach einer neuen geeigneten Plattenfirma legte die Arbeit von THE FAIR SEX länger als geplant auf Eis.

Nach allen Querelen meldet sich die Formation nun mit ihrer neuen Maxi »Alaska/Outraged And Moved« (OUR Choice / Rough Trade) zurück, einer Produktion, auf der der Vierer wie gewohnt eine nahezu perfekte Synthese aus sägenden Gitarrenriffs und pulsierenden Computerbeats anstimmt, wobei allerdings die digitalen Klänge und Sample-Fetzen mehr denn je den Ton angeben.

Bevor die Essener mit dem neuen Album »Bite Release Bite« im Gepäck im August auf eine ausgedehnte Tournee gehen, werden sie das neue Material erst einmal live im Schwerter Giebelsaal mit einer wie gewohnt äußerst spektakul&au