
Entry, 1995
1995 ist ein besonderes Jahr für THE FAIR
SEX - zehn Jahre gibt es die Band nun schon. Lange Zeit waren die Essener
neben Invincible Spirit die Band in der deutschen Elektro-Wave-Szene,
wurden dann aber durch die aufstrebenden, neueren Acts wie Project Pitchfork
oder The Eternal Afflict überrundet. nach dem 92er Longplayer »Spell
of Joy« wurde es ruhiger um TFS, doch diese Ruhe wurde jetzt gebrochen:
Seit kurzem liegt die neue, mittlerweile fünfte CD »Labyrinth«
vor. Wir trafen uns mit Myk, seines Zeichens Sänger, in einer Essener
Kneipe, um die ersten 10 Jahre TFS Revue passieren zu lassen, aber auch
einen Blick in die Zukunft zu richten.
Ganz platt gefragt: wie fing eigentlich alles
an?
Myk: Im Grunde fing alles im November '84
an, damals noch als Quintett. Zu der Zeit war aber noch keine Elektronik
im Spiel. Bis wir uns dann doch dazu entschieden, erste Schritte in
diese Richtung zu machen; Rascal kam irgendwann mit so einem kleinem
Casio-Keyboard, auf dem man gerade 10 Sounds einstellen konnte, an.
Zu der Zeit entstand übrigens auch »Bushman«, eine
der ältesten Nummern überhaupt.
Welche Musik hatte damals Einfluß auf Euch?
Myk: Beeinflußt waren wir schon von
der Indie-Wave-Szene, für die Zeit von recht obskuren Sache THE
SOUND, THE SISTERS OF MERCY; PSYCHE usw. 1986 hatten wir dann die erste
Chance, zu releasen, was dann aber geplatzt ist. Unsere erste Maxi »Divine
Service« erschien dann 1987.
Wie seid Ihr überhaupt auf die »Hänsel
und Gretel«-Geschichte gekommen?
Myk: Das war natürlich ein Witz, um
der Thematik von »Divine Service« die Schwere zu nehmen.
Der Song hat nicht so eine tiefe Ernsthaftigkeit, wie sich vielleicht
vermuten läßt. Mich hat diese doch sehr plakative Zeile »Come
to the divine service« ziemlich gereizt, das Ganze mit einem etwas
humoristischem Aspekt zu bereichern. Es war mir einfach zu doof und
dämlich; und außerdem haben wir diesen satanistischen Bereich
eh' nie bedient. Diese düstere Atmosphäre ist natürlich
ein Ding, dem wir nicht unabgeneigt waren. Diesen Sachen dann jedoch
Inhalte wie »Divine Service« - fast schon menschenverachtende
Sachen - zu geben, ist ein Ding, daß mir schon damals zuwider
war. Was die Musik betrifft, so habe ich immer diese Art von Musik geschätzt,
was jedoch den Inhalt angeht, so habe ich die Ernsthaftigkeit, oder
besser gesagt - das Richtige solcher Thematiken in Frage gestellt. Viel
wichtiger waren mir Sachen wie »The Black Anger«: das war
ein Ausdruck dessen, wofür TFS stand und auch immer noch steht:
das Brodelnde, Zornige und Wütende.
Von »House of Unkinds« zu »Labyrinth«
ist es ein langer Weg. Wie siehst Du die musikalischen Veränderungen?
Myk: Das ist für Musiker und Entwicklungen
von Bands nicht untypisch. Du wühlst jahrelang im Dunkeln und genießt
natürlich das Düstere und Schwere. Die Gefahren, einen solchen
Richtungswechsel vorzunehmen, sind natürlich groß. Aber Veränderungen
im Sound tun einfach not. Wir können heutzutage einfach keine »Demented
Forms« mehr machen, obwohl wir sehr glücklich und zufrieden
waren mit der LP. Wir waren wirklich sehr zufrieden mit dem '89er Schritt,
während wir mit unserem Debut-Album schon nach relativ kurzer Zeit
nicht mehr zufrieden waren.
»House of Unkinds« war doch recht
erfolgreich...
Myk: »Demented Forms« war noch
ein Tick erfolgreicher, wenn man danach geht. Das ist immer so ein Ding,
man hat zwar ein erfolgreiches Album, ist aber nicht zufrieden damit
und beugt sich kommerziellen Gesichtspunkten. Der Gedanke 1989 einen
»House of Unkinds«-Nachfolger zu machen, erschien mir widerwärtig.
Obwohl wir bis zur letzten Tour natürlich auch Stücke diese
Platte im Programm hatten. Deswegen bin ich auch froh, daß es
vom neuen Album eine limitierte Auflage gibt, der eine zweite CD mit
6 Live-Stücken beiliegt. Und hier ist eben eine Version von »The
House...« drauf, wie sie schon damals hätte sein sollen.
Wie siehst Du im nachhinein die »Spell
of Joy«, welche im allgemeinen ja nicht so gut angekommen ist?
Myk: »Bite Release Bite« hatte
ja schon den Richtungswechsel angezeigt, obwohl die CD beide Seiten
- die düstere Seite, aber auch die aufbrechende Stimmung, die zwischen
uns entstand - noch auf einen gemeinsamen Nenner gebracht hatte. Bei
»Spell of Joy« war es dann ähnlich wie bei »House
of Unkinds«, daß wir nach einiger Zeit doch recht unzufrieden
waren - obwohl ich kein Stück auf »Spell of Joy« missen
möchte. Insgesamt klang das Album an allen Ecken und Kanten zu
abgeschliffen. Vielleicht hätten wir noch ein paar von den anderen
Skizzen, die wir auf Lager hatten, berücksichtigen sollen.
»Spell of Joy« liegt jetzt über
2 Jahre zurück. Was habt Ihr in der Zwischenzeit gemacht?
Myk: Wir brauchten einfach eine Pause. Wir
mußten neue Visionen sammeln, etwas anderes dazwischenschieben
- und '93 & '94 gehörte releasemäßig unserem TESTIFY-Projekt.
Das Testify-Album ist erschienen, kurz bevor
die Crossover-Welle überschwappte - eine Bewegung, die eigentlich
MINISTRY mit »Psalm 69« ins Rollen brachte. Heutzutage benutzt
fast jede EBM-Band, die was auf sich hält, Gitarren-Samples. Wie
steht Ihr zu dieser Entwicklung und inwieweit hat TESTIFY Einfluß
auf TFS?
Myk: Das war natürlich eine Sache, die
man '92 noch nicht vorhersehen konnte, daß fast schon ein Overkill
mit diesen ganzen harten Gitarren-Samples stattgefunden hat. Das war
offensichtlich eine Sache, die in der Luft hing. So in den späten
'92ern, als wir die Sachen aufgenommen haben, war es nicht absehbar,
daß TESTIFY '93 & '94 so voll in einem Trend gerät. Trotzdem
haben wir dann nicht gesagt, jetzt lassen wir das aber sein, weil es
schon so viele andere machen. Zum Glück waren wir ja auch noch
kurz vor dem großen Boom mit den TESTIFY-Releases draußen,
so daß wir hoffentlich nicht als Wellenreiter angesehen werden.
Das wäre ärgerlich, weil die Idee halt schon Monate alt war.
Aber auf jeden Fall wir das TESTIFY-Ding immer losgelöster von
TFS. Es sind zwei Bands. Wir haben im Laufe der Produktion des neuen
Albums festgelegt, diese Heavy-Gitarren Ästhetik außen vor
zu lassen.
Besteht TFS jetzt nur noch aus Dir uns Rascal?
Myk: Man kann sagen, daß 1995 nur Rascal
und ich TFS sind. Was daraus wird, ob es '96 TFS überhaupt noch
gibt oder ob wieder alte Mitglieder dabei sind, weiß ich jetzt
noch nicht.
Warum haben die anderen beiden die Band verlassen?
Myk: Es war eine schwierige Entscheidung,
auch für den Blonden selber. »Spell of Joy« und die
Nachfolgephase waren nicht zuletzt auch finanziell schwierige Zeiten.
Er hat sich gesagt, daß er so erst nicht weitermachen kann. L'O
hat sich für eine längere Zeit - vielleicht 170 Jahre - verabschiedet.
Danach müssen wir mal gucken.
Vielleicht erzählst Du uns etwas über
das neue Album, besonders, was den Inhalt angeht?
Myk: 'Labyrinth' ist ein Konzeptalbum, eine
Story vom ersten bis zum letzten Stück. Die Geschichte ist in ihrer
Grundform schon sehr früh entstanden, in der endgültigen Ausarbeitung
aber erst in der letzten Produktionsphase. Der englische Text erscheint
im Booklet, für den deutschen war leider kein Platz mehr. Leider
habe ich vergessen, den Satz, daß die Leute, die an einer deutschen
Übersetzung interessiert sind, diesen Text bei Rough Trade anfordern
können, in dem Booklet zu erwähnen.
War nicht »Spell of Joy« schon eine
Art Konzeptalbum?
Myk: Ja, aber mehr an der klanglichen Oberfläche,
da wollten wir schon eine Einheit schaffen. Vom inhaltlichen her gab
es kein Konzept, nur vom stylistischem.
Das Script zum Text von »Labyrinth«
umfaßt 10 Seiten. Kannst Du uns den Inhalt kurz zusammenfassen?
Myk: In groben Zügen: »Labyrinth«
ist eine Future-Story. Tancer, die Hauptperson, muß im Jahre 2038
gegen eine Institution namens Cyberbite kämpfen. Cyberbite steht
für ein Machtmonopol, ein Medienmonopol, welches eigentlich hinter
allem steckt und die Bedürfnisse der Menschen künstlich steuert,
erweckt und befriedigt; die Bevölkerung unter seiner Fuchtel hat.
Das ist natürlich schon Klischee, die Überorganisation, aber
wenn man zuweilen in die Welt schaut: Werbung, Fernsehshows, in denen
sich Menschen in wirklich unwürdiger Weise entblößen
und in peinlicher Art und Weise Opfer der Mediengesellschaft sind. Es
hätte mich schon erstaunt, wenn mir einer vor Jahren dieses finstere
American-Niveau gezeigt hätte. Und jetzt schleicht sich das so
langsam ein. Hier ist Cyberbite irgendwie schon am Werk. Die Wahrheit
ist: wir haben eine Message aus der Zukunft bekommen, um die Welt zu
warnen. Dringliche Anrufe aus der Future, daß wir diese Thematik
als Warnung 1995 in die Welt setzen, damit diese Zukunft verhindert
wird.
Aha, THE FAIR SEX go TERMINATOR...
Myk: Ja, genau. Um die Zukunft abzubiegen,
wurden uns Nachrichten übermittelt, so war's, höhö. Nein,
im Ernst, wo wir schon bei Schwarzenegger-Filmen sind: »Running
Man« ist da schon ein besseres Beispiel. Da kommen Dinge vor,
die auf diese Ami-Shows anspielen. Vor 3 Wochen war ich in L.A. bei
einem Eishockeyspiel. Da wurden die Leute geleitet und gelenkt und alle
Viertelstunde Werbung. Dann gab es so Spielpausen, in denen einige Zuschauer
von einem Moderator in dieser typisch amerikanischen Form angesprochen
wurden; die mußten irgendwelche blöden Spielchen spielen
und haben sich dabei total zum Affen gemacht - und die Masse grölte.
Das war »Running Man« in Kleinform. Sowas führt zu
Cyberbite.
Was sagst Du zu Statements von anderen Bands,
die sagen: eine harte Welt braucht harte Musik?
Myk: Ich verzweifle einfach über solche
Statements und über eine Welt, die mich so wütend macht. Ich
möchte bestimmt nicht den Soundtrack für eine Welt liefern,
in der es heißt: das Leben ist hart, die Videospiele sind hart;
die Kids auf den Straßen sind hart und schlagen schon als 14jährige
jemanden tot. Dafür mache ich nicht TESTIFY und TFS. Unsere Arbeit
war schon immer ein Anschreien gegen die Welt. Schon damals bei »The
Black Anger« und auch noch heute. Aber bitte nicht, weil alle
nach Härte schreien. Wenn nur noch kranke Leute für eine kranke
Welt Musik machen, weil die Krankhaftigkeit an sich gefeiert werden
soll, würde ich sofort aufhören. Wenn in unseren Stücken
Gewalt auftaucht, dann Gewalt gegen so etwas Krankhaftes; die typische
»Myk der schwarze Rächer«-Thematik, auch wenn's albern
klingt. Ich möchte niemals nur suhlen im Morbiden um einer gierenden
Masse das zu geben, was sie eigentlich will, nämlich so krankhafte
Morbidität. Wenn ich sowas höre, kriege ich die Wut. Ich hoffe
nicht, daß es ein Outfashioned-Statement ist, aber für mich
ist Musik immer noch dazu da, um Aggressionen abzulassen, als Ventil,
und nicht um neue aufzubauen.
Worte, die man sich einmal durch den Kopf gehen
lassen sollte. THE FAIR SEX sind alles andere als eine Anachronismus,
vielleicht sind sie heute wichtiger als je zuvor.
Sehr schön anschaulich gemacht wurde die Thematik
dieses Albums bei der CD-Präsentation, wo die Aussage durch die
ausgestellten Artefakte - nämlich Bilder und Skulpturen - deutlich
gemacht wurde. Erwähnt werden sollte auch, daß die Bilder
und Skulpturen durch eine Zeitmaschine an uns gesandt wurden, um die
Menschheit vor der drohenden Gefahr zu warnen und um sie aufzurütteln.
Aus diesem Grunde werden sie von TFS auch als Bühnendeko bei ihrer
Tour benutzt.
Wir werden sehen, was die Zukunft bringt - hoffentlich
eben nicht Cyberbite.
Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle nochmal
recht herzlich bei Myk für das lange und informative Gespräch.
Übrigens: Die CD erschien am 08.05. - ein zufälliges
Datum, aber es hätte nicht passender sein können.
H.M. + M.B.
New Life, Januar 1993
One Matter, One Mind
THE FAIR SEX - das sind Myk Jung (voc.) Rascal
(voc., bass), Blonder (synths) L'Olita (git.). Daß diese Band,
die auf den ersten Blick wie eine konventionelle Rockformation wirkt,
zu den Sternstunden der Wave-Musik der letzten 5 Jahre beigetragen hat,
braucht eigentlich kaum betont zu werden. 4 LPs seit 1987 gehören
zu ihrem Schaffen, das sich gegen alle Trends eigenwillig bis heute
durchgesetzt und weiterentwickelt hat. Nun haben sie erneut zugeschlagen
- »Spell Of Joy« heißt der aktuelle Longplayer, und
Stücke wie »Soulspirit«, »Cascet Tower«
und vor allem das harte, eingängige »Not Now Not Here«
haben bereits ihren festen Platz im Programm der Szene-Clubs. Auf »Spell
Of Joy« dominiert wiederum der Gesang Myk Jungs, dessen gewaltige
Stimme sich glücklicherweise nicht an den bei Dark-Wave-Bands üblichen
Vorbildern Andrew Eldritch oder Carl McCoy oder an den ebenfalls bereits
klischeemäßig ausgeschlachteten EBM-Größen orientiert.
Dies wird durch teils sphärische Klänge der Synths untermalt,
wobei peitschende Gitarrenriffs sowie im Einklang stehende Basesequenzen
und Drumprogramme die treibende Kraft in der spürbaren Härte
der Songs darstellen. THE FAIR SEX knüpfen damit nahtlos an die
Qualität und den Erfolg ihrer sämtlichen Vorgängeralben
an, wobei sie das Kunststück schaffen, sich wieder einmal weiterentwickelt
zu haben, ohne ihren individuellen Stil, bekannt durch Hits wie »Divine
Service« und »No Excuse« zu verleugnen.
Das folgende Interview mit Rascal und Myk in
Bochum soll einige Einblicke in die Musikwelt aus Elektropop, Gitarren-Darkwave
und Computertrash sowie ein Persönlichkeitsprofil dieser eigenwilligen
Band geben:
Zunächst einmal die banalste aller Interviewfragen,
aber mich interessiert es wirklich: Hattet ihr damals, als ihr euch
zusammengeschlossen habt, musikalische Vorbilder und wenn ja, welche?
Myk: Klar, das kann keiner abstreiten. Wie
bei so vielen Szene-Anhängern haben uns die frühen Sisters
irgendwie beeindruckt. Vor allem mochten wir aber solche straighten
Electro-Klassiker »Warm Leatherette«, u.ä. nihilistische
»Mono Mono«-Stücke, wie wir sie nannten, die in ihrem
Minimalismus einfach unerreichbar und genial waren.
Also wart ihr eine typische 80er Wave Generation?
Rascal: Da stehen wir natürlich auch
heute noch zu. Was damals gut war, findet man jetzt alles auf dem »Pop
& Wave Sampler II«. (Gelächter)
Die heutige Musikszene im Ganzen hat sich seit
dem ja völlig verändert. Wie seht ihr denn die Chart-Entwicklung
der 90er Jahre bzw. die Kommerzialisierung und Ausbeutung »guter
alter« Underground-Musik bis hinein in die Techno-Welle?
Myk: Ich stand immer auf dem Standpunkt,
daß der Underground die Trends von vornherein setzt, ob es sich
nun um Mode, Musik oder Kunst handelt. Die Szene schafft, was sich die
Industrie nachher zunutze macht und zum Trend aufbaut - das ist schon
Menschheitsgeschichte.
Rascal: Man muß das auch nicht unbedingt
negativ sehen. Wir z.B. sind dadurch ja ständig angespornt, uns
weiterzuentwickeln und uns selbst neue Maßstäbe zu setzen.
Stört es euch denn nicht dabei, daß,
obwohl die Trends die Szene-Kultur absorbieren, die Szene selbst immer
noch ablehnend und mißtrauisch behandelt wird und dadurch auch
klein gehalten wird?
Rascal: Dabei sollte man bedenken, daß
eine kleine Szene viel mehr Energie entwickeln kann - dadurch drehen
wir uns ja eben nicht im Kreis, können unsere eigenen Grenzen sprengen,
definieren uns gegen die Masse und sind somit der Underground.
Myk: Dabei fällt mir allerdings die
Geschichte ein mit dem Sample, das wir für »No Rescue«
auf der LP »Bite Release Bite« verwendet hatten. Es handelt
sich um ein Sample aus einem Horrorfilm, das wir später auf irgendeiner
stupiden Dancefloor-Compilation wiederverwendet entdeckten. So was wurmt
dann doch...
So wie ich dieses Sample verstanden hatte, war
es ein klares Statement gegen Vergewaltiger?
Myk:Ja, und wir freuen uns immer, wenn so
etwas auch erkannt wird. Auch unsere Samples, aus Horrorfilmen oder
sonst woher, sind nie Selbstzweck, sondern, im Zusammenhang des Songs
oder durch die Art des Mixes, Teil unserer Aussagen.
Wo wir schon mal dabei sind: Was sind eure Hauptthemen?
Rascal: Einerseits das was du eben angesprochen
hast: das Lied »Prisca« auf unserer neuen LP erwidert den
Themenkomplex Vergewaltigung um den heiklen Punkt der Kindesmißhandlung,
wogegen wir uns scharf aussprechen. Hinzu kommt unsere Anklage gegen
Faschismus und die Reaktion im Volk darauf.
Myk: Es ist, als ob Politik und Medien sich
darauf einstellen, daß ein neuer, rechtslastiger Trend herrscht.
Unternommen wird nichts; statt dessen sehe ich die Angst der Politiker,
beim faschistisch infizierten Volk nicht mehr anzukommen.
Rascal: »Soulspirit: Antifascism«
ist eins der Stücke, das unsere Hörer auffordern soll, nun
Farbe zu bekennen, damit man gemeinsam etwas gegen diese Entwicklung
unternehmen kann - »We must find one matter, one mind«.
Statements dieser Art sollten viel öfter
zu hören sein... In diesem Zusammenhang sehe ich aber auch ein
Thema, das ihr gerne textlich verarbeitet: Die Kraft des Individuums,
seine eigenen Möglichkeiten zu entdecken, wie ihr es z.B. in »Cascet
Tower« aussagt
Myk: Deshalb muß jeder an sich selbst
glauben, sich nicht von der Gesellschaft fremdbestimmen lassen.
Ihr habt es in den letzten Jahren verstanden,
verschiedenste Electro- und Gitarrenstile zu vereinigen, ohne daß
euch z.B. das EBM-Publikum dies verübelt hätte. Das haben
bisher nur Alien Sex Fiend, Ministry und amerikanische Industrial-Bands
wie u.a. Babyland erreicht.
Rascal: Dann können wir ja stolz auf
uns sein. (Gelächter) So soll es aber auch sein. Warum sollen wir
uns der Engstirnigkeit der Leute anpassen - diese dogmatische Trennung
von Gitarre und Synth ist uns einfach zuwider.
In Amerika ist der Crossover von Techno und Hardcore,
bzw. EBM und Gitarrenpunk schon einige Zeit Trend. Zu uns ist auch schon
eine Menge übergeschnappt- für nächstes Jahr prognostiziere
ich eine US-Industrial-Welle. Seid ihr denn auch stolz darauf, eine
solche Musikrichtung bereits vor Jahren tendenziell vorweggenommen zu
haben - ich denke dabei an Songs wie »No Excuse« und »Boredom
Kills«?
Myk: Sicherlich ist es für uns eine
Bestätigung - nämlich auch meine Theorie, daß gewisse
Grundstimmungen, die irgendwie auch in der Außenwelt umherschweben,
sich auch innerhalb der Band niederschlagen. »Boredom Kills«
war der bandinterne Bock auf Punk -
Rascal: und Ministry haben im selben
Jahr »The Mind Is A Terrible Thing To Taste« aufgenommen,
ohne von uns beeinflußt zu sein. (Gelächter)
Myk: Jedenfalls haben wir unsere Phasen -
manchmal unbeeinflußt von der Außenwelt, teils Melancholie,
teils Aggression, was sich in jeweiligen Songs niederschlägt.
Rascal: Und um verschiedenen Stimmungen
ein und desselben Songs wiedergeben zu können, haben wir uns entschieden,
Remixe von 3 Stücken herauszugeben »Not Now Not Here«
und »Vengeance« werden wir intern remixen und »Eat
Me« wird von Guerilla Rec. in London neu abgemixt.
Aber doch nicht etwa so typisch Disco-Remixe?
Rascal: Nein, obwohl ich nichts gegen Dancefloor
an sich habe (Myk grinst), da steckt sehr viel Energie drin, und auch
auf diese Facette verzichte ich ungern. Wie gesagt, ein Song hat mehrere
mögliche Stimmungen, die nur in verschiedenen Mixes zum Tragen
kommen und somit auch weitere Inhalte preisgeben. Aber laß dich
einfach überraschen.
Um noch mal auf die Weiterentwicklung eures Stils
zurückzukommen, die erste LP »The House Of Unkinds«
habt ihr selber mal als »Ear-Catcher« bezeichnet. Mit »Demented
Forms« wolltet ihr dann experimentellere Wege gehen, weg von der
Mitsingbarkeit der Songs.
Myk: »The House Of Unkinds« war
eine wichtige Phase, und wir bereuen das Album ganz und gar nicht.
Die Songs sind ja auch sehr gut.
Myk: Der entscheidende Punkt ist, daß
wir nach mehreren Jahren Live-Erfahrung festgestellt haben, dies oder
das hätte besser eingespielt oder abgemischt werden können
- diese wechselseitige Lust auf Live oder Studio und die gegenseitige
Beeinflussung dieser beiden Komponenten trug natürlich auch zur
Entwicklung unseres Stils bei.
Was habt ihr den in letzter Zeit für Live-Erfahrungen
gemacht?
Rascal: Durchaus positive. Allgemein hat
sich unser Publikum aufgehellt, es ist also nicht mehr so düster
wie früher. Es gefällt uns aber, wenn Leute verschiedenster
Couleur unsere Musik zu schätzen wissen - denn dadurch setzen sie
sich ja auch mit unseren Inhalten auseinander.
Beim Stichwort »Inhalt« muß
ich nochmal auf »Spell Of Joy« zurückkommen. Spielt
der Titel, wenn ich ihn mit »Fluch Der Freude« übersetze,
auf all das gedankenlose Hinterherjagen nach Unterhaltung der heutigen
Zeit an?
Myk: (Gelächter) Nein, wir dachten eher
an den Bann der Freude und sehen das gar nicht ironisch. Deine Interpretation
ist ein gutes Thema, aber in dem Fall hätten wir das Wort
»fun« benutzt. Freude im Gegensatz zu hirnlosem Fun ist
ein positive Lebensprinzip, das von innen kommt und genauso viel Positives
zustande kommen läßt. Zum zweiten kommen unsere Titel ebenfalls
aus dem Bauch, sind rein intuitiv, oder, wenn du so willst, auch wortschöpferisch,
lautmalerisch. Sie geben nur selten Aufschluß über die Themen
unserer Texte. Mit den Texten und der Musik wollen wir uns ausdrücken,
nicht auf plakative Weise mit den Titeln. Wir möchten nämlich
auch nicht mißverstanden werden. Die Härte unserer Songs
wird oft mit der anderer Bands in einen Topf geworfen. Einmal bekam
ich ein KMFDM-Interview mit, in dem gesagt wurde: »Wir sind so
hart, weil die Welt so hart ist - das zeichnen wir nach.« So ein
unreflektiertes Statement ist für uns das letzte! Damit kapituliert
man doch im Grunde vor den Tatsachen, daß die Kids immer mehr
Bock auf Schlägereien haben und sich anschließend den Kopf
mit Videogames zubrettern. Unsere Musik, unsere Härte soll demgegenüber
der Aufruf sein, sich gegen die Gewaltstrukturen der Außenwelt
zu wehren.
Rascal: Genau das ist auch mal wieder
unser »one matter«, unser großes Anliegen.
Dann bleibt zu hoffen, daß ihr möglichst
vielen Leuten die Augen, bzw. Ohren öffnet.
Michael Zöller
Kym Gnutch-Kommentar hierzu (24.6.2001):
Ich hatte diesen Artikel aus irgendwelchen Gründen
gar nicht mehr im Gedächtnis; und alte Kommentare sind auch nicht
auffindbar. Das ist dewegen seltsam, weil mir jetzt auffällt, daß
er ein herausragendes Interview-Werk ist. Dies dürfte kaum daran
liegen, daß Myk und Zöller heutzutage gute Freunde sind -
sie sprachen tatsächlich an jenem Herbsttag im Jahre 1992 zum erstenmal
miteinander. (Was erstaunlich ist, denn Myk hing andauernd im Zwischenfall
ab; und Zöller war, wie jedermann weiß, der DJ dort.) Michael
Zoeller beweist hohes Niveau und starke Kompetenz in seinem Fragen-Katalog.
Die zwei Fair Sexer antworten mit Eleganz und Eloquenz, was verwundert.
Vielleicht schliff der alte Zoeller doch die eine oder andere Antwort
auf Hochglanz?! So grammatikalisch und satzaufbau-mäßig,
zum Beispiel, he? Denn vor allem Myk ließ im Gesprochenen Interview
eigentlich immer an Redegewandtheit zu wünschen übrig. Egal.
Also: Hut ab! Warum nicht öfters so? (Wahrscheinlich,
weil ein solcher Interviewer wie Zöller einen abgewrackten Fair
Sexer zur Hochform stimuliert, und selten stießen THE FAIR SEX
auf einen so Kompetenten. Übrigens prophezeit Michael Zoeller,
an jenem September 92er-Tag, wie man lesen kann, für 1992/ 93 eine
US-Industrial Welle - der Hammer!! Denn dieses trat ein, und zwar mit
gewaltiger Vehemenz. Überprüft´s!!).
Bei all diesen positiven Aspekten fällt
es kaum ins Gewicht, daß es zwei kleine Mankos gibt: Erstens dieses
statement:"The House Of Unkinds``" war eine wichtige Phase,
und wir bereuen das Album ganz und gar nicht!" ruft Myk - und,
zumindest was seine eigene Person betrifft, lügt er hier wie gedruckt.
Zweitens: Im Gegensatz zu Michael Zöller
hatte Rascal seine Hausaufgaben nicht gemacht. Denn mitnichten beinhaltet
das Spell Of Joy-Stück "Prisca" die Thematik Kindesmißhandlung
- das war stattdessen bei "Cold Contempt" vom Bite Release
Bite-Album der Fall. Aber Rascal befand sich in guter Gesellschaft:
Ich glaube, im Rough Trade-Info-Sheet befand sich derselbe Fehler. Warum
Myk diesen Fehler im Presseblatt nie korrigieren ließ, lag wahrscheinlich
an seiner fehlenden Eloquenz. Ich nehm an, sie verstanden ihn nicht.
Inquisita, April 1992
Ein Wechselbad der Gefühle
mußten schon früh die Fans der Essener THE FAIR SEX durchleben.
Lange Pausen zwischen den einzelnen Platten hätten manch anderer
Band längst das Genick gebrochen, doch die Fans halten THE FAIR
SEX seit sechs Jahren die Stange und werden bei jeder neuen Platte mit
dem Höllensound der vier Essener belohnt, die es 1991 geschafft
haben, so viele Platten wie zuvor in vier Jahren zu veröffentlichen.
Interviews mit THE FAIR SEX müssen
für Journalisten unweigerlich ein unvergeßliches Erlebnis
werden. Entweder zeigen sich Myk Jung (Voc.), Blonder (Syn.), L'olita
(Gui.), und Rascal (Bg, Voc.) gegenüber Fremden eher verschlossen
oder Außenstehende verstehen den ureigenen Humor der vier Essener
nicht. Noch schwieriger kann es den Schreibern ergehen, die die Gruppe
seit längerem kennen.
»Du weißt doch sowieso alles!«,
eröffnet der Blonde entsprechend das Interview. Recht hat er, doch
man will es von der Gruppe bestätigt wissen! Schließlich
kann man über Imbißbuden in Gießen, wo der Blonde einst
für ein Semester verweilte, später klönen.
Selbst wenn man den Sinn des Interviews hinterfragt,
stellt man trotzdem weiter fleißig Fragen. Das fünfzehn Minuten
später das Aufnahmegerät seinen Geist aufgibt, was beim tiefgründigen
Gespräch aber erst nach einer weiteren halben Stunde auffällt,
paßt genau ins Bild von THE FAIR SEX, bei denen in mittlerweile
sechs Jahren viel zu viel schiefging. Licht und Schatten haben sich
bei THE FAIR SEX schon immer die Hand gereicht. Schon mit den ersten
Maxis »Bushman« und »Divine Service« füllten
THE FAIR SEX mühelos die Tanzflächen der Wave-Discotheken
doch Vertriebsschwierigkeiten der beiden Platten relativierten diesen
Erfolg schnell.
Zwei Jahre später haben THE FAIR SEX bei den
Aufnahmen zur zweiten LP »Demented Forms« den Verlust ihres
Schlagzeugers A. Bang, durch dessen plötzlichen Tod, zu verkraften.
THE FAIR SEX verschmerzen den Verlust und erreichen mit »Demented
Forms« Top-Platzierungen in allen deutschen Indie-Charts.
Einige wenige Konzerte 1989 und 1991, darunter ein
berauschender Gig beim »Techno '90«-Festival in Bonn, lassen
es anschließend ruhig um die Band werden. Erst im Frühsommer
1991 tauchen die vier Essener nach dem Wechsel von Last Chance zum Rough
Trade-eigenen OUR Choice Label wie ein Phoenix aus der Asche mit der
Maxi »Alaska/Outraged And Moved« auf. Wenige Wochen später
bereits erscheint die dritte LP »Bite Release Bite«, die
im Sommerloch untergeht. Nach der eher straighten Electronic-Wave-Power
ihrer ersten Platten und der vollendeten »göttlichen Mixtur«
(eine Schreiber-Definition, die sich tief in Myk's Gehirngänge
gebohrt hat) überrascht »Bite Release Bite« durch stärkere
Strukturierung, sprich Gitarren und Synthies sind stärker von einander
getrennt.
»Die Platte ist produktionstechnisch ausgereifter«,
greift der Blonder den Faden auf, »Die Sachen stehen mehr im Raum
und sind nicht mehr so miteinander verwoben, ohne sich aber Raum wegzunehmen.
Selbst wenn sich das zu technisch anhört, kommt genau dies atmosphärisch
rüber.«
Diese für THE FAIR SEX neue Produktionsweise
scheint mit dafür verantwortlich zu sein, daß »Bite
Release Bite« insgesamt wesentlich ruhiger klingt als die Vorgänger,
selbst wenn es dafür im Untergrund verstärkt brodelt.
Myk: »Es ist eine relativ ruhige Platte mit
vielen atmosphärischen Stücken.« »Dies zeugt von
einer gewissen Lässigkeit, mit der wir heute an Songs herangehen«,
ergänzt der Blonde. »Wir sind ruhiger und abgebrühter
als früher, trotzdem groovt »Bite Release Bite«, ohne
daß es abzieht aber trotzdem abgeht... .
Entsprechend vermißt man jedoch auf dem dritten
Album die Songs, die von Anfang an durchknallen. Eine gewisse Zeit dauert
es, bis man sich an »Alaska« oder »Shelter«
gewöhnt hat, doch dann muß man sie einfach lieben, denn so
liebevoll durchdacht und gleichzeitig spontan kraftvoll wirkend, versteht
es keine andere Gruppe dieses Genres ihre Songs zu weben. Einzig »Fat
Bellies Hunger« läßt von Beginn an Erinnerungen an
alte Zeiten aufkommen, in den THE FAIR SEX mit »Hanging In Kareyth«
abräumten. Entsprechend vermutet man, daß »Fat Bellies
Hunger« zu den älteren Stücken auf »Bite Release
Bite« zählt.
»Der Song ist der letzte Song, den wir für
»Bite Release Bite« geschrieben haben«, widerspricht
der Keyboarder. »Es ist eins der Stücke, bei denen wir neue
Sachen ausprobiert haben. Ständig wurden wir gefragt, ob wir erst
die Musik oder erst die Texte machen, was uns auf den Geist ging, weil
es eigentlich bekannt sein sollte und unrelevant ist. Wir haben dann
den Spieß umgedreht und erst einmal die Gesangslinie gemacht und
darauf die Musik aufgebaut.«
Wenn stets moderne und doch an die Vergangenheit
erinnernde Juwelen wie »Fat Bellies Hunger« bei dieser Arbeitsweise
entstehen, sollten THE FAIR SEX vielleicht weiter so arbeiten. Ewige
Nostalgiker wären zufrieden gestellt, doch auf die Überraschung,
die jede neue THE FAIR SEX Platte in sich birgt, müßte man
wohl verzichten. Für jene, die noch der Einfachheit der ersten
Platten nachtrauern (wobei diese gern gesehene Einfachheit niemals da
war, sondern schon immer durch interessante Kreationen aufgehoben wurde),
ist mit der Anfang Oktober letzten Jahres erschienenen CD-Compilation
»Oddities« ein kleines Geschenk gemacht worden. Neben den
sechs Stücken der ersten beiden Maxis enthält »Oddities«
zehn weitere Tracks, darunter neben unveröffentlichten Stücken
einige Remixe bereits erhältlicher Songs, u.a. »Bushman«.
»Es ist wohl kein Geheimnis mehr, daß
wir mit »Bushman« nicht zufrieden waren, deshalb haben wir
den Song noch einmal neu aufgenommen.«
Einige Diskussion löste die Songauswahl innerhalb
der Band aus. Manch einer der Musiker hätte den einen oder anderen
Track lieber auf der nächsten regulären Platte wiedergefunden.
Geeinigt hat man sich nun auf einige Perlen wie dem wunderschönen
»Faceless«, daß bereits rund zehn Mal live eingesetzt
wurde.
»Es sind aber alles sehr roughe Demo-Versionen«,
wirft Jung ein, »die wir Last Chance gegeben haben als man uns
fragte, ob wir noch Material für die CD-Re-releases der beiden
Maxis hätten.«
»Oddities« bietet einen gelungenen Streifzug
durch die Geschichte von THE FAIR SEX. Eindrucksvoll wird dokumentiert,
wie gelungen tosende Sequenzen, dunkle Keyboardwände und kreischende
Gitarren eine unwiderstehliche dunkle Mischung ergeben, über der
die charakteristische Stimme von Myk Jung thront. Zudem wird die logische
und konsequente Entwicklung von THE FAIR SEX offengelegt.
Neben der »Oddities« Compilation ist
im Oktober eine weitere Maxi-Auskopplung aus dem »Bite Release
Bite« Album erschienen. Außer dem bereits erwähnten,
remixten »Fat Bellies Hunger« findet man darauf den Titeltrack
»Shelter«, der ebenfalls straighter aufgepusht wurde.
»Shelter«, einer der typischsten Songs
der »Bite Release Bite« vom atmosphärischen Aufbau
her, beweist im Remix, was in den Stücken von THE FAIR SEX alles
steckt.
»Er ist einer der differenziertesten Songs,
die trotzdem nach vorne abgehen«, beschreibt der Blonde den Track.
»Die Sache ist nicht gleich greifbar. Die Grenzen dessen, was
man sagen oder nicht sagen will, sind nicht von vorneherein festgelegt.
So ist halt die ganze LP: Unbewußt geht es durch den Bauch heraus
und spielt sich mehr ins Gefühl herein.«
Fünfmal schlucken sei an dieser Stelle erlaubt,
aber besser kann man THE FAIR SEX kaum beschreiben. Unbegreiflich und
doch unwiderstehlich faszinierend. Ein Motto, das auch den Kern ihrer
Live-Auftritte trifft. Schon mit dem ersten Track »Hanging In
Kareyth« fesseln THE FAIR SEX ihr Publikum, das live auf eine
aggressivere, düstere Stimmung als auf Platte trifft. Wer sich
von dieser explosiven Stimmung nicht gefangen nehmen läßt,
scheint hilflos unwichtigem Hitparadengedudel ausgeliefert zu sein.
Was bleibt sind nach Konzerten positive Erinnerungen, die auf ein baldiges
neues Erlebnis mit THE FAIR SEX hoffen lassen, doch im Stillen bleibt
die »Schatten Und Licht«-Erinnerung und der Zweifel, daß
man nicht vor 1993 ein neues Werk der Essener hören wird.
»Wir arbeiten lange an den Songs und sieben
sehr genau, d.h. viele Stücke werden auch wieder weggeworfen. Dafür
haben wir doch in diesem Jahr knallhart zugeschlagen«, setzt der
auf den ersten Blick schwierige Myk Jung den Schlußpunkt bevor
meinerseits mit dem Blonden wieder über Imbißbuden und Gyros-Läden
diskutiert werden kann.
Patrik Neuert
Kym Gnuch (Ende 1993):
Ein schönes, rundes gelungenes Interview.
Endlich kümmert sich Blonder mal wieder um eins der Gesprochenen
Werke. Er hat eine weniger gekünstelte Art als Myk oder Rascal.
Ich habe die Situation nie vergessen, in der dieses Gespräch stattfand.
Dachte ich zumindest. Aber ich tat´s wohl doch. In meiner Erinnerung
fand diese Interview-Situation mit Sven Freuen statt. Seltsam.
Ruhrnachrichten (?), 31. Juli 1992
Bands im Ruhrgebiet:
THE FAIR SEX
Teil I der »Sommerloch-Serie«
interessante, junge Bands aus dem Ruhrgebiet: THE FAIR SEX aus Essen
- seit Jahren eine Band im Wartestand.
Es gibt nur wenige deutsche Bands, die sich über
Jahre hinweg ein treues Publikum erspielen, von den Kritikern in höchsten
Tänen gelobt werden und dennoch den verdienten kommerziellen
Durchbruch bislang noch nicht geschafft haben. Eine dieser Gruppen
ist THE FAIR SEX aus Essen. Kaum ein Szene-Club in unseren Landen,
der nicht die rhythmischen Dance-Tracks des immerhin schon seit 1985
formierten Quartetts spielt.
Aus gutem Grund, denn auch das gerade veröffentlichte
4. Album »Spell Of Joy« (OUR Choice/Rough Trade) bietet
dem Indie-Fan einiges. Im Gegensatz zum Vorgänger »Bite
Release Bite« wird das Gitarrenspiel wieder in den Vordergrund
gestellt. Den sehr variablen Sound erklärt Sänger Myk Jung
mit den verschiedenen Interessen der Mitglieder: »Wir fahren
nicht alle auf einer Schiene, sondern haben vor allem privat unterschiedliche
musikalische Geschmäcker. Während unser Gitarrist überwiegend
harte Rockmusik hört, gehe ich z.B. lieber in diverse Underground-Schuppen.
Das wiederum tut dem Gesamtkonzept gut. Wir sind offener und bieten
unserem Publikum eine größere stilisierte Bandbreite.«
Als besonderen Gag für ihr aktuelles Album
offerieren die vier Musiker kurze Soundcollagen als Verbindungsglieder
zwischen den einzelnen Songs. »In gewissem Sinne kann man sagen,
daß somit eine Einheit entsteht. Die Collagen stimmen den Hörer
auf den jeweils folgenden Titel ein.« Obwohl THE FAIR SEX im
Norden wie Süden der Bundesrepublik inzwischen populärer
als im Rhein-Ruhr-Bezirk sind, möchte Myk die heimische Region
nicht schmähen. »Unsere Umgebung hat selbstverständlich
einen gravierenden Einfluß auf das bisherige Schaffen gehabt.
Wir leben gerne hier und fühlen uns auch zur hiesigen Szene gehörig.«
Im September wird das Quartett die neuen Stücke anläßlich
ihrer Deutschland-Tournee »live« präsentieren. Die
Frage, was uns dabei erwartet, beantwortet Myk im Brustton der Überzeugung
und mit vertraulichem Augenzwinkern: »Die Leute werden angeschrieen,
wie das bei uns schon immer der Fall war.« Wer sich dies antun
möchte, dem sei der Auftritt am 23.09. im Oberhausener Old Daddy
empfohlen.
Thomas Vigano

Akku, Mai 1992
Heimat Deine Sterne
Drei NRW-Bands auf dem Weg nach oben
(gekürzt)
Typen wie Well Well Well sind für THE FAIR SEX
vermutlich ein rotes Tuch. Die Essener tummeln sich seit knapp fünf
Jahren recht erfolgreich in der Elektronik-Szene und haben eine ausgesprochene
Abneigung gegen Jeans, Turnschuhe, strähnige Haare und Leute,
die sich auf Sofas lümmeln, statt Hunger und Krieg in der Welt
zu bekämpfen.
Notorisch schwarz gekleidet und sorgfältig
gestylt, achteten THE FAIR SEX während der Fotoaufnahmen am penibelsten
von allen drei Bands auf ihr Image. Das läßt sich in zwei
Worten auf den Punkt bringen: »Black Rage«. So heißt
die neue Maxi, von der es bis jetzt nur Demoversionen gibt - Plattenfirma
gesucht! Myk Jung und Rascal, die Wortführer: »Schwarz
ist unsere Einstellung zum Leben, und Wut ist der Motor für unsere
Musik. Unsere Wut richtet sich gegen die schlaffe Haltung, die viele
Leute dem Leben gegenüber einnehmen.«
Kritisches Bewußtsein, Konsequenz und Leidenschaft
kennzeichnen denn auch die Idealwelt der Band, deren Botschaften samt
erhobenen Zeigefinger mitunter etwas moralinsauer anmuten. Aber mißverstanden
zu werden scheint das Schicksal von THE FAIR SEX zu sein. Ständige
Verteidigungsbereitschaft und eine fast masochistische Selbstironie
sind der Preis für ihre manchmal dogmatische Besserwisserei.
»Black Rage« erinnert an Front 242: treibender, hymnischer
Elektrobeat, der die nächste Karrierestufe zünden soll.
Der Elektropop der ersten und die Soundexperimente der zweiten LP
vermischen sich hier recht glücklich zu einem konkurrenzfähigen
Dark Disco Hit. Der Erfolg und ein gesichertes Popstar-Leben werden
beinahe krampfhaft erwartet.
Peter Erik Hillenbach
Kym Gnuch hierzu gegen Ende des
Jahrtausend:
Ja, penibel gestylt, das waren
sie, meine Fair Sexer. Mit einem Hauch Schwarzer Homoerotik, und einer
Aura lethargischer Gewaltbereitschaft. Der Kajal lag immer griffbereit.

Bremer Tageszeitung, September 1992
Sex gegen Rechts
Essener Dancefloor-Vierer im Römer
Elektropop aus Essen - das ist hübsch griffig, treibt den eingefleischten
Fans von THE FAIR SEX jedoch die Zornesröte ins Gesicht. Auf eine
solch schnöde vereinfachende Formel lassen sie das genialische
Wirken ihres Quartetts nicht reduzieren! Selbst die frühen Plattenwerke
mit ihren vergleichsweise simplen Strickmustern rühmen Sympathisanten
als »straighten Electronic-Wave-Pop« - der sich, das soll
nicht unerwähnt bleiben, in zahlreichen Clubs bewährt hat.
Die vier Burschen, denen soviel Verehrung zuteil
wird, tragen gar eigentümliche Namen. Myk Jung ist der leicht exzentrische
Sängerknabe von THE FAIR SEX. Blonder steht am Synthi. L'olita
hält die Gitarre. Rascal den Baß. Daß Bands ihrer Art
keinen Drummer brauchen, ist klar. THE FAIR SEX lassen Computer arbeiten
- der Dancefloor ruft. Dabei unterwerfen die Essener ihre musikalischen
Visionen bereitwillig den modischen Anforderungen des Marktes. Ihre
Plattenfirma fand dafür eine rührende Umschreibung: »Sie
vernachlässigen nicht ihre Vorliebe für das Einbinden aktueller
Musik-Ästhetik.« So isses!
Die ersten Maxis brachten THE FAIR SEX 1987 unters
Volk. Heute machen auch sie mehr und mehr in gepflegter Düsternis
mittels harter Gitarre und aggressiven Sounds. Myk Jung singt nicht
nur von sexuellen Obsessionen - er bezieht auch gegen faschistische
Tendenzen Stellung. Freitag, 21 Uhr, Römer
Kym Gnuch am 24.Oktober 1992:
Die Überschrift "Sex gegen Rechts"
dürfte eine der großartigsten sein, die jemals für das
Schaffen der Band ersonnen worden sind.
Marabo, September 1992
Pop Im Revier III
THE FAIR SEX
Als fünf Essener 1987 für Gedränge
auf »aggressiven« Tanzflächen sorgten, gab wohl kaum
jemand der Band mehr als drei Jahre. Heute sind THE FAIR SEX das, was
man als »Institution« bezeichnet - und das über Szene-Grenzen
hinaus.
Als ich mir 87 die ersten Maxis »Divine Service«
und »Bushman« zulegte, hatte ein Teil meiner Freunde, deren
Heimanlage eher Klänge der Simple Minds oder Depeche Mode gewöhnt
war, nur noch schlichtes Mitleid für mich übrig. Fünf
Jahre später sind es ausgerechnet diese Freunde, die mich verlegen
darum bitten, irgendetwas von THE FAIR SEX aufzunehmen... Die Essener
Musiker wissen, daß sich da was tut. Schließlich setzt man
heute fünfstellig ab. Aber: »Bei unseren neuen, »normalen«
Fans besteht die Gefahr, dass sie alle die Platte klasse finden, aber
nicht kaufen«, relativiert Sänger Myk Jung das Phänomen.
Außerdem trieben sie sich die Normalos auch weniger in »zwielichtigen«
und »nebulösen« Clubs herum. Trotz dieser kleinen Befürchtungen
dürfte das soeben erschienene vierte Album »Spell Of Joy«
kaum zum Ladenhüter avancieren: zu elegant ist der Spagat zwischen
kraftvollen Maschinenbeats und aggressiven Gitarrenläufen geworden.
Alte Fans wird man nicht vor den Kopf stoßen, schließlich
knüpfen Songs wie »Eat Me« oder die Single »Soulspirit«
nahtlos an die Sturm- und Drangphase der Kapelle an.
Der Frontman des heutigen Ruhr-Vierers (der Schlagzeuger
starb 1988): »Laut und aggressiv zu sein ist typisch plakativ
für THE FAIR SEX, besonderes in der Mittelphase der Band. Bei der
2. Platte »Demented Forms« haben wir das auf die Spitze
getrieben, wir haben unsere Wut über alles, was auf dem Debut »The
House Of Unkinds« schiefging, herausgespielt. »The House
Of Unkinds« ist zum Beispiel ein imaginärer Ort, an dem ein
eifersüchtiger Verliebter, der seine Elly verloren hat, sie jetzt
voller Panik sieht. Und dann machen die ein Haus auf das Cover! Ich
hab da nichts mehr zu gesagt, ging ja eh alles daneben.«
Bei »Spell Of Joy«, dem für Myk
optimistisch gestimmtesten Album aus der mittlerweile beachtlichen Discographie,
gehören gesunde Wut und Aggressivität immer noch zum bedeutenden
Stilmittel: »Wenn man eine gewisse Verzweiflung über Ungerechtigkeit
und Unterdrückung verspürt, ist es doch ein komisches Ausdruckmittel,
sich mit einer akustischen Gitarre so selbstmitleidig hinzugeben«.
Spricht's und legt zum Summen einer Tracy Champman-Nummer die Luftgitarre
an. Mit zunehmender Dauer des Interviews wundere ich mich immer mehr
über meinen Gesprächspartner, da ich aufgrund bisheriger Interviews
ein kurzsilbiges Gegenüber erwartet hatte, und der sich nun auskunftsfreudiger
und interessierter als viele Genre-Kollegen entpuppt. Hat sich denn
die Einstellung gegenüber lästigen Interviewern total geändert?
»Nee, dieser Eindruck ist falsch. Wir haben uns nur immer gegen
den Düsterstempel und blöde Satanismus-Anspielungen gewehrt.
Die Depri-Sachen waren noch nie THE FAIR SEX Inhalte. Dazu kommt, daß
viele Leute noch nie einen Song von uns gehört haben und dann immer
wissen wollen, was Titel wie »Demented Forms« oder »Spell
Of Joy« bedeuten. So ein großes Konzept steht aber meist
nicht dahinter.«
Nach wie vor arbeitet man mit dem Trik Drei-Produktionsteam
in München zusammen, das auch schon einmal Hand an einen Marianne
Rosenberg-Remix anlegte - und irgendwann in naher Zukunft gibt's dann
das, woran die Jungs schon seit geraumer Zeit arbeiten. »einen
rein klinischen, rein elektronischen Song ohne den konventionellen Aufbau
mit Strophe und Refrain.«
Oliver Rustemeyer
Kym Gnuch-Kommentar vom 28.11.1992 (teilweise
unleserlich auf einem zerrupften Zettel festgehalten):
Der Artikel enthält einige nette Details.
So zum Beispiel wird der für Myk typische Begriff "Elly"
tatsächlich festgehalten, mit dem er... Angehörige(?)/ Mitglieder
(?)/ Verteter (?) des Schönen Geschlechts bezeichnet (allerdings
nicht Bandmitglieder, in diesem Fall). Das bringt ihm des öfteren
Ärger ein, denn viele sehen darin ein Zeichen für Verächtlichkeit.
Dem ist allerdings nicht so: Myk war dem Schönen Geschlecht schon
immer in zuweilen übertriebener Manier ergeben.
Auch ist es schön (?) selten(?), daß
Trik 3 erwähnt werden. Mappie, Ansgar und Jochen werden viel zu
selten genannt. (Sie lösten Ramon Creutzer als Produzenten ab,
der nichtsdestoweniger weiterhin in enger Kooperation mit der Band steht.)
Und, ein weiters Mal: Es taucht der Ewige Wunschtraum
der Fair Sexer auf, sich vom konventionellen Songwriting mehr zu lösen
und einen Titel zu kreieren, der nicht in Strophe und Refrain-Schemen
aufgebaut ist. Können sie sich von der Backe schmieren. Gelingt
ihnen doch nicht. Sie vergessen´s immer wieder. Sie bleiben beim
Schema; und jedesmal, wenn eine neue Platte fertig ist, fällt´s
ihnen ihr Wunschtraum wieder ein. Und jedesmal ist es das gleiche: "Haben
wir eigentlich diesmal nen Song drauf, der nicht diese Strophe-Refrain-Abfolge
hat?" "Nö. Glaub nich`. Scheiße."

Ruhrnachrichten, 25. September 1992
Mit Wut im Bauch auf Erfolgskurs
Die Zeiten, in denen sich die Anhänger von
THE FAIR SEX lediglich aus schwarzen hochtoupierten Kreisen rekrutierten,
gehören längst der Vergangenheit an.
Die vier Jungs aus Essen wissen auch, dass sich
da was tut. Schließlich setzt man heute fünfstellig ab. Aber:
»Bei unseren neuen, »normalen« Fans besteht die Gefahr,
dass sie alle die Platte klasse finden, aber nicht kaufen«, relativiert
Sänger Myk Jung. So sei das zumindest mit dem letzten Album »Bite
Release Bite« gelaufen.
Trotz dieser kleinen Befürchtungen dürfte
aber das soeben erschienene vierte Album »Spell Of Joy«
(OUR Choice/RTD) wohl kaum zum Ladenhüter werden - zu elegant ist
der Spagat zwischen kraftvollen Maschinenbeats und aggressiven Gitarrenläufen
geworden.
Alte Fans wird man nicht vor den Kopf stoßen,
schließlich knüpfen Songs wie »Eat Me« oder die
Single »Soulspirit« nahtlos an die Sturm- und Drangphase
der Kapelle an. Stilistische Offenheit dokumentieren Songs wie »Cascet
Tower« oder »What's To Be Done« mit ihren recht poppigen
Strukturen.
Eine gesunde Wut und Aggressivität, verbunden
mit der nötigen Power, gehört auf diesem Silberling immer
noch zum bedeutenden Stilmittel, denn »wenn man eine gewisse Verzweiflung
über Ungerechtigkeit und Unterdrückung verspürt, ist
es doch ein komisches Ausdruckmittel, sich mit einer akustischen Gitarre
so selbstmitleidig hinzugeben«, so Jung.
Spricht's und legt zum Summen einer Tracy Chapman-Nummer
die Luftgitarre an.
Oliver Rustemeyer
Kym Gnuch-Kommentar (kurze Zeit darauf):
Was Myk mit diesem Bild der sozialkritischen
Folksänger meinte, habe ich immer gut verstanden. Allein die Formulierung
und die fehlerhafte Handhabe der Attribute macht mir Sorgen. Selbstgewißheit/Selbstgefälligkeit
sind nicht gleichzusetzen mit Selbstmitleid. Obendrein meinte er noch
nicht mal das. Was er meinte war: Die Ausdrucksformen jener
Weltenverbesserer decken sich nicht mit seinen Vorstellungen
von Weltenverbesserung, die ungfähr so zu umschreiben sein mögen:Vor-Wut-Kochen,
daß man nur so platzt, und schrillen EBM in die Welt ballern.
Und deswegen muß man über Akustik-Gitarren-Heroen herziehen?
Kann Myk sich solches nicht mal verkneifen? Nein. Er kann´s nicht.
Er nutzt sogar dieses kurze Interview, um ein fahles Licht der Selbstüberschätzung
auf THE FAIR SEX zu werfen! Enorm.

Tip Berlin Magazin, 24. September - 7. Oktober 1992
THE FAIR SEX
In Schönheit sampeln
THE FAIR SEX - eine elektrische
und elektrisierende Seite des Ruhrgebiets
Wer aus Essen kommt und ausnahmsweise nicht zur
Sekte derer gehört, die den ganzen Tag Pils hinter die Mit Iron-Maiden-Aufklebern
verkrustete »Kutte« kippt, hat es schwer. Die Band THE FAIR
SEX zeigt jedoch, daß sich auch elektronische Musik erfolgreich
in einer Gegend entwickeln kann, die man sonst eher mit musikalischen
Äquivalenten zu »Pommes mit Mayo« in Verbindung bringt.
THE FAIR SEX bekennt sich zu den Ruhrgebietsclubs
als wichtigem Teil ihrer Basis: dort fanden 1985 die ersten Auftritte
statt, der wachsende Erfolg führte 1987 zu Plattenvertrag und ersten
Produktionen. Bald merkte man jedoch, daß ein Vertrag noch keine
Erfolgsgarantie beinhaltet. Seit dem Wechsel zu Rough Trade scheint
es hingegen eher bergauf zu gehen. Auch musikalisch hat sich bei THE
FAIR SEX einiges getan. »Wenn wir uns nicht entwickeln würden,
würden wir sofort aufhören«, meint Bassist Rascal. Der
Grundidee des »elektro heavy crossover« blieb man zwar treu,
doch die Unlust jahrelang konsequent dasselbe zu machen, führte
zur Lust am Experimentieren. Der trashige Elektropop der Anfangszeit
wandelte sich zum dynamischeren und rauheren Elektropunk, Einflüsse
von EBM und Dark-Wave lassen sich ebenso hören. »THE FAIR
SEX steht für Facettenreichtum, insofern klauen wir bei ganz vielen
Bands...«, sieht es Rascal pragmatisch. Auf der neuen LP »Spell
Of Joy« wurde sogar Pink Floyd gesampelt - mancher schreckt vor
nichts zurück...
Weniger erbaut sind die vier von gewissen Kreisen,
die beim Stichwort »Elektro« rot und hehrste musikalische
Werte bedroht sehen und daher die rettenden Ritter handgemachter Gitarrenklänge
so gerne gegen den bösen Drachen computergemachter Fiepsereien
in den Kampf schicken. Sänger Myk fragt sich angesichts solcher
»Knopfdruck-Klischees«, ob man wirklich glauben soll, dem
Leben - dem heiligen rock'n'roll streetlife gar - näher zu sein,
wenn man sich auf Gitarren beschränkt und ein paar Akkorde runterdrischt,
eingehüllt in Wolken von »ehrlichen Schweiß«.
THE FAIR SEX hoffen auf Umbruch-Zeiten in den 90ern,
hin zu mehr Vermischungen mit elektronischem Schwerpunkt. Alleinseligmachender
musikalischer Purismus liegt ihnen dagegen weniger. Techno empfinden
sie zwar als zeitgemäße Ausdrucksform, Inspirationsgeber
des Pop und nötige extreme Alternative, aber ein Produkt derart
reiner Lehre wollte ihnen bislang nicht gelingen. Immer schlichen sich
die »schönen Farben«, Melodien, Gesang-Arrangements,
auf die knallige Basis... Es gibt Schlimmeres. So bleibt dem Hörer
ihrer Platte und den Konzertgängern am 24. September das Vergnügen
nicht nur harten Rhythmus zum Abtanzen, sondern auch einfach schöne
Songs geboten zu bekommen.
Michael Gerhardt

POP, Oktober 1992
Je nach Mondphase mixen THE FAIR SEX elektronische
Tanznummern, Heavy-Gitarren und Sphärenklänge - ein Hörtest
für Aliens. »THE FAIR SEX sind facettenreich", sagt
Bassist Rascal und ergänzt für's Volk: «Wir stehen total
auf Rumspielen.« Was dabei rauskommt, kann man auf ihrem schillernden
vierten Album »Spell Of Joy« (RTD) durchleben - nonstop,
denn die Übergänge sind wilde Geräusche, Stimmen und
programmierte Bastelei. Aber ganz bestimmt keine Botschaften. »Wir
haben etwas gegen Leere«, erwähnt Rascal lapidar. Auch von
Langeweile halten sie nichts. »Viele unserer Songs rufen auf,
die eigene Power zu vollziehen.« Intern nennen sie das die »Aufraff-Thematik«,
von der sie sich schon mal selbst mitreißen lassen: »Cascet
Tower« und vor allem »Prisca« leben von quecksilbrigerer
Wandlung. Der Vorwurf, es ginge zu häufig nur um das eine, ärgert
Rascal. »Wir behandeln alles, was sich ein wenig abhebt. Das ist
nicht nur Sex.« Recht hat er. THE FAIR SEX (dt.: das schöne
Geschlecht) krabbeln aus ihrem Szeneclub-Mauseloch heraus - und heben
sich deutlich vom Durchschnitt ab.
Helge Scheibner

Zillo, Oktober 1992
THE FAIR SEX
THE FAIR SEX sind nach wie vor die Gruppe, die
seit Jahren faszinierende Electro-Attacken auf die Welt prasseln läßt,
aber 1992 sind sie auch offener als zuvor. Die vier Essener besaßen
jahrelang den Ruf der egozentrisch, arroganten Musiker, den sie sich
in schwierigen Interviews mühsam erworben haben. Vielleicht liegt
es am Umbruch innerhalb der deutschen Wave-Szene, die in den letzten
drei Jahren von statten ging, daß sie heute zugänglicher
erscheinen.
Es hat sich eine Familie gebildet, die gestützt
von alten Heroen wie THE FAIR SEX, Girls Under Glass und The Invincible
Spirit, neue Gruppen wie Love Like Blood, Project Pitchfork und Cancer
Barrack, um nur ein paar zu nennen, ans Tageslicht brachte.
Eine Familie nicht unbedingt im klassischen Sinne,
aber in dem Zusammenhang, daß es einen Rückhalt gibt, eine
ideologische Unterstützung, auf deren Basis man gesund an seiner
Weiterentwicklung arbeiten kann, ohne de Druck der Öffentlichkeit
ausgesetzt zu sein. Zumindest in der Wave- und Elektrolandschaft hat
eine deutsche Produktion längst einen internationalen Stellenwert
inne.
Mit dem Wachsen dieser deutschen Szene ist die Anzahl
populärere Gruppen gestiegen, die Reihe der sehenswerten Konzerte
findet monatlich eine gelungene Fortsetzung und dadurch trifft man sich
nicht nur sporadisch, sondern regelmäßig, was noch vor drei
Jahren nicht gegeben war Eine Struktur hat sich gebildet, die mehr als
nur ein oberflächliches Kennenlernen beinhaltet, sondern tiefergehende
Freundschaften fördert und so den Aspekt hervorbringt, eher über
sich reden zu können.
Gerade THE FAIR SEX haben hiervon profitiert. Jahrelang
im Niemandsland mit einer festen Fangemeinde angesiedelt, gelang ihnen
mit dem letzten Album »Bite Release Bite« der »groß«
Sprung. Sie haben sich als eine der ältesten, existierenden deutschen
Electro-Formationen an der Spitze der deutschen Electro- und Waveszene
etabliert, bei einem Publikum, das zu den Anfangstagen von THE FAIR
SEX noch weit von dieser Musik entfernt, seine Kreise zog.
Damals wäre es undenkbar gewesen, das Sänger
Myk Jung die Texte der Band interpretiert. Eine Message haben THE FAIR
SEX jahrelang verneint, nur ausweichend Fragen nach Thematiken beantwortet.
Es war aber auch nie notwendig, Musik und Texte haben bei THE FAIR SEX
schon immer eine Einheit gebildet. Die Texte haben genau das widergespiegelt,
was man in der Musik fand. Eine Kommentierung wäre vielleicht nötig
gewesen, sind doch die Lyrics von Myk größtenteils sehr auslegungsreich
und phantasievoll gehalten.
»Es ist immer noch unwichtig, was ich zu den
Texten zu sagen haben«, macht Myk Jung auch heute noch Abstriche.
»Ich bin momentan in einer Phase, in der ich eher darüber
sprechen kann. Es liegt auch immer an der Atmosphäre, wie sehr
viel Intuition in meinen Texten steckt und dies Interpretationsfreiheiten
ermöglicht. Wir haben uns immer dagegen gewehrt zu sagen, unsere
Songs hätten eine Message, weil uns die Musik wichtiger ist. Musik
und Text bilden zwar eine Einheit, aber wir wollten nie als Band abgestempelt
werden, von der man sagt, sie hätten die und die Message.«
Will man die Texte von THE FAIR SEX zusammenfassen,
kann man wohl sagen, daß sie überwiegend angsterfüllte
Inhalte abdecken und gleichsam dazu aufrufen, die innere Kraft zu finden.
Hervorragende Beispiele auf dem neuen Album »Spell Of Joy«
sind hier »Not Now Not Here« und »What's To Be Done«.
»Es besteht in den meisten Texten dieses Gefühl,
das wir auf dünnen Balken durch die Welt laufen. Dieses Gefühl
des anbahnenden Unglücks, das auf uns allen ruht. Es gibt Dinge,
die mich einfach fertigmachen, wie das Desinteresse der meisten Menschen.
Der Glaube, daß das Unglück an einem selbst vorüberzieht,
aber was mit den anderen passiert, ist scheißegal!«
Myk's Angst zwischen Niedergeschlagenheit und innerer
Wut über diese Zustände enden nicht in Depressionen, sondern
der Glaube an die Kraft des positiven Denkens, wie er noch stärker
von Rascal bei THE FAIR SEX getragen wird, überdeckt dieses Angstempfinden.
»Auch wenn dieses Gefühl das ist, schreiend
in der Nacht aufzuwachen«, meint Myk, »ist in allen THE
FAIR SEX-Texten der Aufbruch hin zum Optimismus da. Wir wollen nicht
zum Selbstmord aufrufen, sondern dazu, die Ängstlichkeit und Zaghaftigkeit
abzuschütteln, die innere Power zu finden. Das ist beispielsweise
in »Not Now Not Here« oder »The Giant's Kiss«
so und in einer einfacheren Art in »Frantic«. Ich nenne
das immer die Aufraff-Thematik, die seit unserem Beginn in THE FAIR
SEX steckt. Die Power und die Lösung für die eigenen Probleme
findet man nur in sich selbst.«
Die Texte von Myk entstammen intuitiven Gefühlen,
die einfach über einen hereinbrechen, sei es bei den Aufraff-Inhalten
oder einem zweiten verwandten Bild, dem des Schwarzen Rächers wie
es so in »Fat Bellies Hunger« auf »Bite Release Bite«
und »Vengeance« auf »Spell Of Joy« gezeichnet
wird.
»Das ist auch so ein Wunschdenken von mir.
Die Rolle des Schwarzen Rächers, der gegen die kämpft, die
die Armen und Schwachen unterdrücken. Ich schlüpfe in den
Texten gerne in die Rolle des Erzählers und das sind sicherlich
Facetten von mir. Hier der Rächer aus Wut.«
In welche Rolle Myk Jung in »Eat Me«,
dem skurrilsten Text des aktuellen Albums schlüpft, bleibt offen.
»'Eat Me' handelt von der Ausschöpfung
der sexuellen Möglichkeiten, wenn nur noch die Möglichkeit
übrigbleibt, den anderen zu essen, um die absolute innere Verschmelzung
zu vollziehen - 'You Have To Eat Me Now!' Irgendwann taucht dann der
Beobachter auf, der die beiden Liebenden fragt, ob sie es nicht noch
einmal auf konventionelle Art und Weise versuchen möchten. Irgendwie
ist es genauso verrückt, wie etwas daran ist, weil es das letztendliche
Durchdringen zum Partner ist, das man aber einfach nicht erreichen kann.«
Schon auf der ersten Maxie »Divine Service«
(1987) verlieh die Musik dem Gefühl Ausdruck, daß trotz aller
Niedergeschlagenheit die Depression kein Mittel sein kann, um etwas
besseres zu erreichen - den Tod einmal ausgeklammert. Dadurch entstanden
dunkel-aggressive Stimmungen, die nach vorne treibend ihren Sinn erfüllten:
Vorwärts, es muß weitergehen!
Und doch konnte THE FAIR SEX in den falschen Stimmungen
auch das endgültige Niederschmettern zur Folge haben, den Fall
in die Schwerelosigkeit der Psyche. Mit »Spell Of Joy« verfolgen
sie diese Linie weiter, ohne darauf herumzureiten. Es ist ein Gefühl,
das der Hörer selbst in der Musik finden muß, das ihm nicht
vorgelebt wird. Jeder kann sich seine eigenen Gedanken darüber
machen und seine persönlichen Emotionen nach eigenem Belieben frei
entfalten.
»Spell Of Joy« musikalisch zu beschreiben,
fällt im Prinzip einfach: Das Album ist typisch THE FAIR SEX.
»Klar, THE FAIR SEX wird auch immer THE FAIR
SEX bleiben!«, mein auch Myk, »aber diese Darstellung der
Band an sich, muß nicht unbedingt eine Weiterentwicklung beinhalten.
Jedes THE FAIR SEX Album hat seine persönliche Größe,
seine Eigenart, wie die Monate des Jahres sich unterschiedlich gestalten,
wie jeder seinen Eigengeschmack hat und Bier nicht gleich Bier ist.«
Während für manchen (wie beispielsweise
Eckie Stieg/Radio FFN) »Spell Of Joy« die konsequente Fortsetzung
der letzten Platte ist, kann man sie auch als Anknüpfung an das
89er-Album »Demented Forms« ansehen. Einig ist man sich
nur, das die Unterschiede zu »The House Of Unkinds« groß
sind, was aber eher an den damals bestehenden Produktionsmöglichkeiten
als an der Grundidee liegt.
Beim lockeren Interview stellen Rascal und Myk Gegensätzlichkeiten
fest, über die sie fast das Interview vergessen.
Rascal: »Bei der »The House Of Unkinds«
konnte man aber schon sehen, wo es langgehen wird.«
Myk: »Die »The House Of Unkinds«
war so dämlich.«
Rascal: »Ich finde die Platte klasse. Sie
war straight und klar, und im gewissen Sinne knüpft »Spell
Of Joy« daran an«
Myk: »Das Konzept an sich war okay, aber die
Umsetzung war miserabel. Straight und klar war sie, während die
»Demented Forms« verschroben und verspielt war.«
Rascal: »»Spell Of Joy« ist aber
die Fortsetzung der »Bite Release Bite«. Es ist die konsequente
Weiterentwicklung.«
Myk: »Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich
Leute die Musik aufnehmen. Ich finde »Spell Of Joy« ist
die am weitesten von »The House Of Unkinds« entfernteste
Platte. Es geht wieder mehr nach vorne, während auf »Bite
Release Bite« mit den Ausnahmen »Fat Bellies Hunger«
und »Alaska« mehr ruhigere Stücke waren.«
Im Grundsatz ist es auch völlig egal, ob »Spell
Of Joy« eine Fortsetzung des Vorgängers oder Vorvorgängers
ist. »Spell Of Joy« ist eigenständig wie jedes Werk
der vier Essener, gleichsam aber das ausgereifteste und absolut perfekt
produzierteste Album in fünf Vinyl-Jahren. Hier wird all das auf
den Punkt gebracht, was THE FAIR SEX seit Jahren auszeichnet. Kraft.
Druck. Atmosphäre. Glanz und Eleganz.
»Das Album ist unser bisherige Höhepunkt«,
stimmt Rascal zu. »Wir haben auf der Basis einer langjährigen
Entwicklung eine Größe erreicht, in der man, ohne zu planen,
diese Momente erreicht, das alles stimmt. Wir hatten noch nie solch
einen Output wie zu dieser Platte. Song für Song hat sich im Studio
mystisch ergeben. Da ist alles aus uns herausgewachsen, eine Atmosphäre
entstanden, die man nicht planen kann. Wir mußten nicht viel an
Knöpfen und Reglern spielen, auf einmal war alles da.«
»Unsere Songs haben seit jeher ein Eigenleben,
auf das wir keinen Einfluß haben«, ergänzt Myk. »Das
ist das Magische daran, auf einmal steht es.«
Rascal: »Und das liegt vielleicht an der jahrelangen
Verbundenheit."
»Die Seele eines Songs ist von Anfang an da,
tritt aber mit einem Mal im Studio in den Raum«, führt Myk
fort. »Das war nicht immer so. Wir haben teilweise schon gekämpft,
ohne das etwas dabei herauskam. Momentan sind wir in einer Phase der
Hochblüte. Für »Spell Of Joy« haben wir nur fünf
Monate gebraucht. Es ist phantastisch, wie wir uns alle ergänzt
haben.«
Ein wichtiges Merkmal tritt erst heute bei THE FAIR
SEX richtig auf. Die musikalischen und inhaltlichen Einflüsse von
Myk (Ges.), Rascal (Synth.), dem »Blonden« (Synth., Git.)
und L'olita (Git.) sind teilweise gravierend, gehen in der explosiven
Mischung von der Band aber erst richtig auf. Da reicht die Palette der
Einflüsse von Heavy bis hin zu modernen Dancefloor á la
Shamen und The KLF. Rascal, in dem diese musikalischen Vorlieben 1992
stecken, verteidigt so auch die Vorab-Maxi »Soulspirit«,
dessen Dance-Remix den einen oder anderen zweifelsohne verwirrt hat.
»Wir versuchen, damit unseren Rahmen zu sprengen.
Es wird von THE FAIR SEX immer wieder Dance-Maxis geben, die aber alles
andere als Trend-Remixe sind. Wir werden immer das machen, worauf wir
Lust haben und bei »Soulspirit« war im Studio die Idee für
diesen Dance-Mix da. Die Alben sind uns sicherlich wichtiger und ein
12inch Remix ist immer etwas anderes als ein Album. Wem die Maxis nicht
gefallen, der muß sie sich ja nicht kaufen, nur weil THE FAIR
SEX draufsteht.«
»Die Ablehnung von Dance-Mixes ist doch nur
dieses Anti-Statement der Indieszene, das uns egal ist. Wir versuchen
diese Schranken zu brechen und sehen das als Experiment an«, regt
sich auch Myk über die offen zur Schau getragene Intoleranz der
Szene auf.
»»Soulspirit« ist zweifelsohne
alles andere als eine typische Dancefloor-Platte der Neunziger. Eher
ist es ein typisches THE FAIR SEX Produkt, das auch auf den Tanzflächen
laufen kann.«
»Man muß das nur inhaltlich sehen«,
bricht Rascal den Bann. »Der Song ist mit seinem »Nazis
raus«-Sample ein Anti-Fascho-Statement und so etwas gehört
auch auf den Dancefloor, nicht nur Slogans wie »Everybody feel
free!«.«
Ob der Dancefloor überhaupt Inhalte vermittelt
haben möchte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wenn man sich
die House-Szene anschaut, gilt dies zu bezweifeln, ohne jemandem auf
die Füße treten zu wollen, aber gerade in den Neunzigern
ist das bloße Propagieren des Freiseins und ein Spruch wie »We
are all united« (Love Parade 1991) nur daneben. Die zerbrochenen
Staaten Sowjetunion und Jugoslawien sind nur der Anfang, den man mit
leeren Wortgebilden nicht stoppen kann.
Ob sich THE FAIR SEX mit ihrer neuerdings offenkundig
vorgetragenen Meinung auf dem Dancefloor behaupten, oder nicht, noch
im Herbst wird aus »Spell Of Joy« eine Remix-Maxi mit »What's
To Be Done«, »Vengeance« und »Eat Me«
erscheinen und bereits im Januar soll die nächste, neue Maxi erscheinen,
der ein von Myk kommentiertes Textbuch vorhergehen wird. Das sie mit
kommenden Veröffentlichungen die House-Posse bedienen werden, kann
man wohl schon heute verneinen. Eine impulsive Ballade oder eine Pogo-Attacke
wird wohl eher in das ungeplante Konzept von THE FAIR SEX passen, denen
mit »Spell Of Joy« vielleicht goldene Neunziger bevorstehen.
Sven Freuen
Kym Gnuch schrieb am 26. Oktober 1992 dazu:
OK - da sieht man´s mal wieder. Kommt jemand
den Fair Sexern als ein mit profundem TFS-Wissen Beschlagener entgegen,
obendrein mit offenkundiger und kundiger Sympathie, blühen sie
direkt auf. Rundes Dingen, dieses Ding. Und wie schön Myk und Rascal
sich zusammenraufen, um ein einheitliches Bild nach außen zu transferrieren,
geschminkt es wohl sein mag!

EBM Metronom, Okt./Nov. 1992
1991 war ihr Jahr! Bei einer Serie von Festivalveranstaltungen
sahnten sie mächtig ab, stahlen der Konkurrenz die Show und standen
urplötzlich im Rampenlicht. Den begeisterten Kritiken der Fans
folgte eine durchweg positive Presse. Für gute Musik sorgten sie
selbst.
Ihre LP »Bite Release Bite« setzte 1991
neue Akzente und begeisterte vor allem jene, denen Pop zu weich und
Techno-Industrial zu hart war/ist. Sägende Gitarren, tanzbetonte
Beats, dazu eingängige Sequenzen und er rauhe Gesang von Myk Jung
kennzeichnen THE FAIR SEX auch in diesem Jahr. Der aus Essen stammenden
Band ist es auf ihrer aktuellen CD »Spell Of Joy« erneut
gelungen, ihre Sonderstellung zu untermauern. Sie verstehen es wie keine
andere Band, die reizvollen Elemente des Industrial-Sounds mit denen
des melodischen Pops zu verbinden. Ein Stil, den sie seit der Veröffentlichung
ihrer ersten Maxi »Divine Service« stetig weiterentwickelt
haben.
1987 erschien dieses erste Produkt, nachdem THE
FAIR SEX sich Ende ’84 formiert hatten. Sänger Myk, der Blonde
und Gitarrist L’O hatten zuvor in anderen Bands gespielt und kannten
sich aus gemeinsam erlebter Schulzeit, ehe an sich durchrang, den zuvor
beschrittenen musikalischen Weg zu verlassen und etwas Neues zu versuchen.
Mit dabei war neben Rascal (voc, b) anfangs auch ein Schlagzeuger, der
später jedoch durch den immer stärker werdenden Gebrauch eines
Drumcomputers ersetzt wurde.
Von Beginn an konzentrierte man sich auf elektronische
Klänge. Vermischt mit den Ideen der einzelnen Mitglieder entstand
der für THE FAIR SEX typische Sound. Myk Jungs Erklärungen
zu den musikalischen Wurzeln eines jeden sind zwar manchmal etwas verwirrend,
aber sie verdeutlichen doch warum THE FAIR SEX in keine der bestehenden
Schubladen passen.
Zu den atmosphärisch harmonischen Synthesizer-Sounds
des Blonden gesellt sich die rock-orientierte Gitarre L’Os. Für
Groove- und Dance-Rhythmen ist Rascal zu haben, und Myk setzt mit seinem
an Skinny Puppy erinnernden Gesang dem Ganzen die Krone auf.
»Die Idee des harten Gesangs«, so erklärt
er im Interview, »entstand eigentlich bei Live-Auftritten. Mit
dieser Art zu singen fiel es mir leichter, mich während eines Konzerts
von der Musik abzuheben, verständlich zu sein. Unsere Musik ist
für eine dunkle Stimme oft zu laut, so daß vieles unterzugehen
droht.«
Auf den genannten Einflüssen aufbauend entstehen
Songs wie »Outraged And Moved« oder »Alaska«,
die von einer ausgeprägten Individualität leben. Monotonie
und Langeweile gibt es bei THE FAIR SEX gewiß nicht.
Für Überraschungen immer gut, erschien auf
»Spell Of Joy« erstmals ein ruhiges Stück.
»»What’s To Be Done Now« ist ein
recht altes Stück eines Freundes, das wir überarbeitet haben,
d.h. der Song existierte vorher eigentlich nicht als Stück, sondern
in einer Akkordfolge mit eigenen Worten.«
Aus dieser Idee entwickelten THE FAIR SEX ein atmosphärisches
Gebilde, das neben »Not Now Not Here« und »Cascet
Tower« auf »Spell Of Joy« herausragt. Auffallend auch
die Soundcollagen, die die einzelnen Stücke ohne Pause ineinander
übergehen lassen. Die Idee dazu war schon lange in ihren Köpfen,
ließ sich aber erst jetzt realisieren. Die Texte betreffen werden
auf »Spell Of Joy« wieder »typische« THE FAIR
SEX Themen angesprochen, wie zum Beispiel Gewalt jeglicher Art.
»Das Gewalttätige an THE FAIR SEX ist
eigentlich das Ankreiden von Gewalt. Wir wollen nicht die Gewalt an
sich darstellen, sondern sie attackieren.«
Attackieren sollte nach Myk Jung zudem jeder den
Fall in die Isolation. Sich selbst aus dem Dreck zu ziehen, und aus
den eigenen Zwängen zu befreien ist vielleicht die wichtigste Message,
die vermittelt werden soll. Eine allheilende Kur bieten sie sicherlich
nicht an, aber mit ihrer Musik erreichen sie, daß man den Alltag
weit hinter sich lassen, und für einige Minuten abschalten kann.
Manfred Thomaser

Auf Abwegen, Okt./Nov. 1992
THE FAIR SEX, Mi., 23.09.1992, Old Daddy, Oberhausen
Myk Jung und Konsorten zogen nach längerer
Live-Abstinenz eine ganze Menge Leute ins Old Daddy. Die wurden dann
auch weitestgehend für ihr Kommen mit aggressiver, druckvoller
Musik belohnt. Zusätzliches Entertainment lieferte ein delirischer
Opi, der im Vollrausch über die Bühne torkelte. Das brachte
die vier Jungs aus Essen aber nicht aus dem Konzept. Sie spielten eine
eigenwillige Mischung aus ihrem Gesamtrepertoire, wer jetzt überwiegend
Material von der neuen CD erwartet hatte sah sich getäuscht. Es
waren auch gerade die Heuler von THE FAIR SEX, wie »The House
Of Unkinds«, »Helpless Fall«, »The Pain That
Noone Knows« und »Black Anger«, die das Publikum zum
Pogo trieben. Es gelang THE FAIR SEX auch nicht immer, die technische
Reinheit der neuen Songs auf der Bühne ähnlich perfekt zu
bringen, was ja nur allzu verständlich ist. THE FAIR SEX live haben
halt keinen Sinn für Sentimentalitäten, es gibt keine Kompromisse.
Es wird einen Menge Energie freigesetzt und ruhige Stücke sind
eher die Ausnahme. Nicht immer einwandfrei koordiniert waren die Gesangsduette
von Myk Jung und Bassist Rascal, letzter hätte sich für meinen
Geschmack ein wenig mehr zurückhalten können. An den Electronics
und Guitars gab's aber nichts zu mäkeln, ist genehmigt. Ansonsten,
wie gesacht, es ging volle Pulle ab, woll.
Petra Proll / Zipo

WOM Journal, Dezember 1992
THE FAIR SEX
Die Essener Indie-Musiker sind genervt vom Streit
zwischen Elektronikern und Naturklang-Puristen.
Mit Elektronik-Puristen haben sie ebenso wenig gemein
wie mit Gitarren-Fetischisten, deren »Ehrlichkeits-Pathos«
sie oft eher nervig finden - lieber verschmelzen sie die Vorzüge
beider Lager. THE FAIR SEX, das Quartett aus Essen, das mit »Spell
Of Joy« schon das vierte (Indie-) Album vorgelegt hat.
Die Musik von THE FAIR SEX ist eine Mischung aus
Samples und Dancefloor, immer wieder durchsetzt mit Handgemachtem, speziell
Gitarren. »Das machen wir schon seit sieben Jahren so«,
meint Rascal, der Keyboarder, Bassist und Programmierer. »Manche
unserer Songs funktionieren sogar auf der Klampfe! Wir haben ein eigenes
Studio, in dem wir das Programmieren machen - wir versuchen dabei, zeitökonomisch
zu arbeiten, um dann im eigentlichen Aufnahmestudio mehr Zeit für
die von uns so sehr geliebten Feinheiten und Spielereien zu haben«
Daß dabei kein Top-40-Material herauskommt,
dessen ist sich die Band bewußt, denn: Ein wenig muß sich
hierzulande die Musikkultur noch in Richtung Elektronik verändern,
bevor Bands wie wir wirklich Erfolg haben.
Pi.Re.

Niagara, April 1991
THE FAIR SEX
Eine neue LP...
haben THE FAIR SEX herausgebracht. »Bite Release
Bite« heißt das neue Werk, das bei dem neuen Rough Trade
Underlabel OUR Choice erscheint. Wie auch schon auf früheren THE
FAIR SEX Platten dominieren düstere elektronische Sounds, die immer
wieder mit fast rockigen Gitarren versehen werden. Im Vergleich mit
früheren Werken ist die neue LP noch um einiges treibender in den
Rhythmen, was ja auch guten Diskotheken-Einsatz hoffen läßt.
Die Veröffentlichung bei OUR Choice bietet sich auf jeden Fall
an. Das neue Label kümmert sich nur um deutsche Veröffentlichungen,
hat schon FM Einheit und Tom Mega herausgebracht und wird demnächst
noch Bands wie die gitarren-poppigen Eight Dayz, die düsteren Pink
Turns Blue und die Ost-Berliner Punkband Die Skeptiker veröffentlichen.
Eine vielseitige Ansammlung deutscher Bands, was gerade THE FAIR SEX
gefällt, denn immerhin haben auch sie ihren Anteil daran, daß
gerade im Bereich der düsteren Elektromusik vor allem hierzulande
die besten Veröffentlichungen herauskommen. So berichten Myk und
Rascal von THE FAIR SEX mir auch bei einem Interview, daß sie
sich in der deutschen Techno-Szene auch sehr wohl fühlen.
Rascal: »Das Techno-Ding ist doch auch ein
rein kontinentales Ding. Belgien, Deutschland... Das ist doch auch geil,
das muß man doch featuren. Und da verspüren wir eben echt
das Bedürfnis, das noch weiterzuentwickeln, das ist eigentlich
so unser Anliegen.«
Myk: »Ich glaube auch, daß Deutschland
dafür ein gutes Pflaster ist. Wir denken in erster Linie nur an
uns, wenn wir Musik machen. Das heißt, wir haben dann Ideen, die
wir dann durchsetzen wollen und denken nicht daran, ob dieser Sound
dann auch in England ankommt oder nicht. In England kommt das nämlich
gar nicht an. Die Engländer haben den Techno offenbar noch nicht
so richtig begriffen bis jetzt.«
Rascal: »Weil sie'n nicht erfunden haben!«
Myk: »Sie sind ein bißchen neidisch
nehm' ich an und hör'n sich heimlich belgische und deutsche Kapellen
an«
Rascal: »Aber heimlich, nur mit Walkman!«
Myk: »Und leihen sich die Platten auch nur,
deshalb verkaufen sie sich dann nicht so gut da.«
Dabei sind THE FAIR SEX alles andere als eine typische
Techno-Band. Hier geht es nicht nur um stumpfes Gestampfe, sondern vor
allem um Songs, die melodisch stark daherkommen und mit ihren düsteren
Anklängen gefallen, ohne in mythologische Ebenen abzudriften.
Rascal: »Was uns nicht paßt, ist wenn
wir in diese Okkult-Ecke gedrängt werden, was manchmal passiert.«
Myk: »Wir haben zum Beispiel mal einen Song
gemacht, der hieß »The Naked And The Dead«, und da
kamen Vorwürfe, wir würden uns nur mit Sex und Tod beschäftigen.
Das ist aber völlig mißverstanden worden. Wenn die Journalisten
schon unsere Texte interpretieren wollen, müssen sie sich auch
damit beschäftigen. Mit Tod beschäftigen wir uns nämlich
überhaupt nicht, und der Titel »The Naked And The Dead«
ist ja auch geklaut. Die Leute, die uns das vorhalten, sollten sich
mal überlegen, daß es auch einen Roman gibt, den ja wohl
auch nicht so'n vergnatzter Gruftie geschrieben hat, der nur über
Sex und Tod schreiben wollte.«
Die LP »Bite Release Bite« erscheint
am 02.07.1991. Ihr habt die Wahl.
Kym Gnuch hierzu (ca. irgendwann in 1991/92):
Tja, da haben wir´s wieder. Meine Jungs!
Hölzern und radebrechend wie eh und je, der Rhetorik in erschreckendem
Maße nicht mächtig. Ein Prollgelaber, das zum Himmel stinkt.
Warum ich dieses armselige Stück verquirlter Scheiße mit
in den Katalog der Presseberichte nahm? Um sie mal von ihrem Hohen Roß
zu holen, die Fair Sexer. Die verstehen doch bis zum heutigen Tage nicht,
was sie alles falsch gemacht haben. Dann lest mal

Zillo, Mai 1991
THE FAIR SEX
»In Köln waren die Essener THE FAIR
SEX die Abräumer des Abends,« war in Nr. 2/91 über die
Zillofestivals zu lesen. Sänger Myk Jung, Gitarrist L'olita, Bassist
Rascal und Synthispieler Blonder stellten durch diese Tour ihre Fähigkeiten
als fesselnde Liveband unter Beweis. Straighte, tanzbare Wave-Rhythmen
wurden mit rauhen Gitarren versehen. Dazu sang ein schelmischer Myk
Jung energisch durch das Repertoire.
THE FAIR SEX lösen sich vom üblichen
Wave- und Gothic-Standard heraus. Weder aufgesetzte Melancholie noch
überstrapazierte Coolheit können sie auf der Bühne gebrauchen.
Während ein antiquierter Science Fiction Streifen
ohne Ton über die Mattscheibe flimmert, schmort ein winziger Kohleofen
seine gemütliche Wärme durch die Dachgeschoßwohnung.
Neben gut gekühlten Flasche eines lokalen Gerstensaftbrauers, machen
Sprüche, Fragen und Achselzucken die Runde.
Wie fast alle Bands, hat auch die Essener Combo
THE FAIR SEX als stinknormale Rockkapelle angefangen, Demos gemacht
und als Krönung ihrer musikalischen Ausschreitungen einen Plattenvertrag
bekommen. Was Sänger Myk Jung als »eine unspektakuläre
Geschichte« nennt, war für Bassist Rascal »ein Statement
gegen den Mainstream«. Eine vom Wave angehauchte, moderne und
rotzige Musik wollten sie spielen. Nachdem sich THE FAIR SEX in der
lokalen Jugendzentrumszene durchgeboxt hatten, erschienen mit »Divine
Service« und »Bushman« ihre ersten Maxis. Das war
1987. »Bushman« war ihr Durchbruch auf den Tanzflächen
der Szene-Diskotheken. »Wir wollten nach unserem eigenen Song
tanzen und das ging oft nicht, weil es richtig voll war, das hat uns
riesig gefreut, wir waren ja noch klein,« lautet der Kommentar,
der die ganze Runde zum Lachen bringt, »das war schön, wir
dachten wir wären schon Popstars und waren richtig glücklich.«
Ganz so schnell funktionierte das natürlich
nicht, was auch an dem zu beklagenden Fair Sex-Syndrom liegt. »Unsere
Geschichte ist ein einziges Trauerkapitel,« ironisiert Myk Jung
ins Mikro des Walkmans, »das kannst du als Überschrift benutzen.«
Neben Vertriebsschwierigkeiten ihrer Vinylprodukte, hat es die Band
noch zu keiner zusammenhängenden Tour gebracht, was angesichts
ihrer Live-Qualitäten ein schlimmes Versäumnis ist. »Wir
haben uns aber nicht absichtlich rar gemacht,« erläutert
Myk, »viele Veranstalter hatten eben keinen Bock auf uns.«
Ihre Präsenz in der Öffentlichkeit verdanken
THE FAIR SEX fast ausschließlich ihren Platten. Noch bevor »Bushman«
Einzug auf die Plattenteller der Szeneclubs hielt, war »Divine
Service« erschienen (beide 1987), diese Songs gehören zu
den absoluten Highlights des Fair Sexistischen Repertoires. Einmal im
Studio, nahmen die Essener mit »The Pain That Noone Knows (eight-y-six)«,
»Aliens« und »Black Anger« noch drei weitere
Songs auf, die inzwischen zu Klassikern avancierten. Diese vier Songs
waren die überzeugendsten Argumente die THE FAIR SEX anführten,
als es um die Produktion einer ersten Langspielplatte ging.
1988 erschien »The House Of Unkinds«,
ein Konglomerat an wuchtigen Beats, einfachen Melodien und unkalkulierbarem
Humor. Die lokale Presse bekam bei Interviews so manche flapsige Äußerung
in den falschen Hals und etikettierte die Band prompt als musikalisch
verbissen und textlich dogmatisch, was eine krasse Fehlinterpretation
ist.
»Ein Grundelement der Band ist ein spielerischer,
leichter Umgang mit den Themen, die wir anfassen,« erläutert
der Blonde, »es ist schon ernst zu nehmen was wir sagen, wir möchten
das aber nicht auf eine bierernste und humorlose Art verstanden wissen.«
Natürlich versteht nicht jeder ihre Art von
Humor. »Divine Service« ist ein Beispiel dafür, wie
man die Erwartungen der Hörer fehlleiten kann. Die klangmalerisch
sorgfältig aufgebaute Atmosphäre einer schwarzen Messe wird
am Ende mit nur zwei Zeilen zum Einsturz gebracht. »Wichtig ist,
daß dieser Song nicht als Gothic-Verherrlichung verstanden wird,
was man uns immer wieder vorhält,« erklärt Myk, »wir
haben hier mit Worten gespielt, was eine große Gefahr mit sich
bringt, den in den letzten beiden Zeilen heißt es: 'Wir sind diese
abgefahrenen, seltsamen Satanisten, aber urteile nicht zu hart über
uns, denn wir sind nichts anderes als behinderte Schweine.'«
Aus dem spielerischen Umgang mit den Attributen
der schwarzen Magie haben sich in der Vergangenheit zahlreiche Mißverständnisse
ergeben, mit denen die Band noch heute zu kämpfen hat. »Divine
Service« ist der Abgesang auf alle Perversitäten, die von
Fanatismus genährt werden.
Beim Thema Religion und Fanatismus wird unser Gespräch
plötzlich sehr sachlich. »Immer wenn sich Menschen ein ihnen
fremdes Gedankengut kritiklos verinnerlichen, wird es gefährlich,«
meint der Blonde. »Wir haben uns vor allem von diesem krankhaften,
perversen Satanismus deutlich distanziert,« fügt Myk an.
Was an Bösartigkeit aus ihren Stücken
herausquillt, repräsentiert keine Glorifizierung von finsteren
Machenschaften, sie ist Ausdruck der Wut gegen diese Dinge.
»The Pain That Noone Knows« zum Beispiel
handelt von einem Schmerz, der innerlich wächst und verzweifelt
nach Ausdruck sucht. Das betrüblichste Ereignis traf die Band im
September 1988, als Schlagzeuger Achim gegen Ende eines Konzertes tot
zusammenbrach. Angesichts der tragischen Umstände bekommt dieser
Song, an dessen Komposition Achim beteiligt war, im Nachhinein eine
neue, private Bedeutung, er ist Schmerz und Erinnerung zugleich. Obwohl
dieses Kapitel für die Band niemals abgeschlossen sein wird, haben
sie sich entschlossen neue Kapitel zu öffnen.
Die straighten, hart kontuierten Kompositionen des
Debuts, wurden auf dem Nachfolger »Demented Forms« durch
atmosphärischere, ausgefeiltere Arrangements bereichert. Die Dimension
der korrekten bpm's ist durch räumlich wirkende Klänge bereichert
worden. Gereifter und anspruchsvoller verläßt »Demented
Forms« den eingeschlagenen Pfad, um vielschichtigeren (Crossover)
Songstrukturen Platz zu machen.
Das jüngste Produkt hört auf den Namen
»Bite Release Bite« und wird im Juni dieses Jahres als dritte
THE FAIR SEX LP der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Welche Rolle
dem neuen Album zukommt, möchte weder Myk noch der Blonde entscheiden,
»daß bleibt jedem selbst überlassen.«
Als Vorgeschmack auf das Album erscheint am 29.
April die »Dancefloor taugliche« Maxi »Alaska/Outraged
And Moved«. Wie Sänger Myk Jung am Telefon bestätigt,
wird die Maxi im Gegensatz zur LP atmosphärischer klingen.
Die Feuertaufe werden die neuen Songs beim Zillo-Festival
am 17. August bestehen müssen. Anschließend erfolgt ihre
Tournee.
Thomas Gunterman
Kym Gnuch hierzu (ca. Oktober 1991):
Bis auf das Mißverständnis am Telephon
(natürlich ist das Album atmosphärischer als die Maxi) ist
dieses Interview: nett. Gelungen und rund. Selbst das Jammern hält
sich in Grenzen - oder wird in Humoriges verkehrt. Was ja schomma was
is´.
Ruhrnachrichten, 24. Mai 1991
THE FAIR SEX stürmen Schwerter Giebelsaal
Von Oliver Rustemeyer
THE FAIR SEX fehlen Aggressive-Dancefloor-Charts,
bemängeln sie zumindest auf dem Innen-Cover ihrer zweiten Maxi.
Verständlich, denn in diesem Genre würden sie vorderste Plätze
unter sich ausmachen. Ohne jegliche Medienpräsenz katapultierte
sich die Essener Gruppe mit Stücken wie »Divine Service«,
»Bushman«, »The House Of Unkinds«, »No
Excuse« und »Helpless Fall« aber zumindest in die
Indie-Charts.
Steiniger und hindernisreicher - als der anderer
Independent-Bands - verlief der Weg aus dem Untergrund zum Erfolg für
das Quartett dabei allemal, schließlich war ihnen das Schicksal
nicht immer wohlgesonnen: Vor drei Jahre verstarb ihr Schlagzeuger während
eines Auftritts. Nach je zwei erfolgreichen Maxis und Alben legte die
Formation eine unfreiwillige Kunstpause ein: Die Suche nach einer neuen
geeigneten Plattenfirma legte die Arbeit von THE FAIR SEX länger
als geplant auf Eis.
Nach allen Querelen meldet sich die Formation nun
mit ihrer neuen Maxi »Alaska/Outraged And Moved« (OUR Choice
/ Rough Trade) zurück, einer Produktion, auf der der Vierer wie
gewohnt eine nahezu perfekte Synthese aus sägenden Gitarrenriffs
und pulsierenden Computerbeats anstimmt, wobei allerdings die digitalen
Klänge und Sample-Fetzen mehr denn je den Ton angeben.
Bevor die Essener mit dem neuen Album »Bite
Release Bite« im Gepäck im August auf eine ausgedehnte Tournee
gehen, werden sie das neue Material erst einmal live im Schwerter Giebelsaal
mit einer wie gewohnt äußerst spektakul&au