Shark, März 1989
»Wir wollen nicht den Fehler machen, unser
Publikum zu unterschätzen. Es gibt schon genug Dummes in der Electronic
Body Music. Vielen genügt es, eine tanzbare Sequenzer-Folge ohne
weitere Ideen das ganze Stück durchzuhecheln«, hebt der lange
Rascal die Fair Sex-Position vom Konkurrenzfeld ab.
Trotzdem können Avantgarde - und Melodienallergiker aufatmen. THE
FAIR SEX bleiben dem Terrain treu, das sie 1987 mit den beiden Maxis
»Bushman« und »The Divine Service« betraten:
Die Wut, die aggressive Rebellion gegen lauwarme Alltagszufriedenheit
ist geblieben. Zornig wie nie malträtiert Myk Jung seine Stimmbänder,
der wuchtige Beat knallt weiterhin in Beine und Bauch, die rhythmuslose
Experimentierspielweise (»The Odour Of Rottenness«) bleibt
auf magere 1:46 Minuten begrenzt.
Trotzdem ist deutlich mehr Variation als auf dem Vorgänger »House
Of Unkinds« zu hören. »No Excuse« wird von einer
Sägegitarre nach vorne getrieben, in »Ashes« bewegt
sich Myks Gesang fast zerbrechlich über einen schmalen drum-Sound,
einige Trommelwirbel, aber der Song geht nicht los, bleibt verhalten.
Die »schwarze Wut« (»Black Anger« von der »Divine
Service«-Maxi) schweißt Myk Jung (voc), Rascal (voc, masterbass),
L'olita (git) und Blonder (synthies) zusammen. Keine Wut auf irgendwas
Bestimmtes, sondern eine ursprüngliche, neandertalhafte, anti-intellektuelle
Unzufriedenheit. Lust und Aggression werden angesprochen, Reizworte
ziehen sich durch die Fair Sex-Platten: »Excess«, »Lust«,
»Destroy«, »Black Anger«, »Trash Hot Trash«.
THE FAIR SEX sind hier und jetzt, kein Blick zurück, keine Ewigkeit.
»Time Destroys, We Are His Toys!« Nur die Zeit stellt sich
noch in den Weg der Raserei: »Your Luck Won't Last«. Der
Wut haben sich auf »Demented Forms« noch Wahnvisionen hinzugesellt:
»Wir haben unsere Zuständigkeit erweitert, Wut'n'Wahn ist
unser Feld.« Der Alltag muß überwunden werden. THE
FAIR SEX haben keine Lust, über ihre bürgerlichen Existenzen
zu sprechen. Vergleiche können sie ebenfalls nicht ausstehen. Mit
den Kritikern stehen sie ohnehin auf Kriegsfuß: Die SPEXler beispielsweise
führten »The House Of Unkinds« ewig und drei Tage in
den Indie-Charts, ohne sich für die Gruppe zu interessieren. Rascal:
»Journalisten stehen eben auf Gitarren, egal was.« Und ich
war wahrscheinlich auch nur versehentlich da...
Das Gespräch beim profanen Info-Falten im Bochumer Roof-Büro
kam natürlich irgendwann unweigerlich auf A.Bang, den Fair Sex-Drummer,
der im September 1988 während eines Gigs an Herzversagen starb.
Die Existenz der Band stand zu keinem Zeitpunkt in Frage, nur einen
neuen Schlagzeuger wird es vorerst nicht geben. THE FAIR SEX wollen
beim Spielen nicht zur Seite sehen und jemanden anders als Achim an
den Drums sehen.« A.Bang ist auf der neuen Platte noch zu hören.
Fair Sex-Standardempfehlung für »Demented Forms«: laut
hören! Eine Tournee wird im Mai nachgereicht.
Klaus Janke
Kym Gnuchs Kommentar zu diesem Kurz-Artikel,
wahrscheinlich um 1997 herum entstanden:
Jene Passage, die da von der Erweiterung der
fair sexischen Zuständigkeit spricht, ist Klasse. "Wut´n´Wahn"
- das ist ein Slogan, der es wert gewesen wäre, noch für einige
Zeit proklamiert zu werden - jedenfalls lustiger als das Nur-Wut-Ding,
von dem fast jeder Artikel der TFS-Frühen Phase vollgerammelt zu
sein scheint. Aber - die Fair Sexer vergaßen´s wohl wieder.
Schade. Nicht vergessen taten sie allerdings, sich ein weiteres Mal
als was Besseres als das sonst so Dumme in der EBM-Szene hinzustellen.
Und das ist ein Verdienst. Sie bemühen sich um das Darstellen von
Lehrbeispielen. Für das Fallen nach dem Hochmut - um mal eines
zu nennen.

Live, Mai 1989
Verrückte Formen
Nach einer mehrmonatigen schöpferischen Pause
ist das Essener Quartett THE FAIR SEX nun wieder an die Musikfront zurückgekehrt.
Mit der neuen LP »Demented Forms« im Gepäck demonstriert
man eindringlich, daß gute elektronische Musik nicht nur aus Großbritannien
oder Belgien kommen muß.
Vielleicht sind solche Erfolgsmeldungen sogar dazu angetan, der vielgeschmähten
Essener Musikszene neue Impulse zu verleihen und sie in einem etwas
besseren Licht erscheinen zu lassen - schließlich sieht es so
aus, als könne das neue Werk der Essener die Independent-Musikszene
von hinten aufrollen!
Sänger Myk Jung und Bassist Rascal standen jetzt unseren Fragen
über den Weg zum Ruhm, die neue Platte und ihre Ziele Rede und
Antwort.
LIVE: Ein paar Monate lang war es recht still um Euch. Jetzt ist die
neue Platte da, verkauft sich recht gut - wie geht's weiter?
RASCAL: Wir sind ja nun erst mal weitergegangen. Für die »Demented
Forms« mußten wir ganz schön arbeiten! Nicht, daß
wir uns jetzt ausruhen wollen - aber wir können doch zufrieden
auf das blicken, was hinter uns liegt.
LIVE: Ihr macht ja jetzt alle noch was nebenher. Wollt ihr Euch in Zukunft
ganz auf die Musik konzentrieren?
RASCAL: Wollen wir sicherlich. Aber der Punkt ist, daß wir ja
eigentlich schon jetzt nichts anderes mehr machen. Aber da die neue
Platte sich bisher ganz toll verkauft, kommen wir unserem Ziel immer
ein bißchen näher.
LIVE: Ist für Euch der gute Verkauf nicht ein wenig überraschend?
Schließlich ist euer neues Werk »Demented Forms« doch
eigentlich wesentlich schwerer konsumierbar als beispielsweise der Vorgänger
»House Of Unkinds«.
MYK: Also sicher war es bei beiden Platten nicht das Ziel, konsumierbar
zu sein. Auch bei der ersten nicht. Bei der ersten Platte allerdings
ist es uns noch nicht so recht gelungen, unsere Vorstellungen durchzusetzen.
Aber da sind wir auch von der Technik geradezu überrollt worden.
Was da an Elektronik drauf war, ist zum größten Teil erst
spät dazugekommen.
RASCAL: Jetzt aber haben wir diese Technik, die für uns ja neu
war, besser im Griff, und außerdem haben wir versucht, mal richtig
das zu machen, was wir wollten. Und das ist nicht nur bei unserer Plattenfirma
gut angekommen, das schlägt sich auch im Verkauf nieder. Das ist
halt eigenständiger als früher.
LIVE: Durch Trends wie Acid oder New Beat haben die Elektronik-Bands
ja ohnehin Aufschwung erhalten. Meint Ihr das kommt auch Euch zugute?
MYK: Also ich halte Electronic Body Musik nicht für einen Trend.
Die gibt's schon lange, und die wird auch in Zukunft noch viel bedeuten.
Es ist wohl eher ein Nachteil, damit in Verbindung gebracht zu werden,
denn dieser Stil und Begriff wird momentan außerhalb der Indie-Szene
zum Trend aufgeblasen. Außerdem liegen zwischen Bands wie zum
Beispiel Front 242 und uns Welten!
RASCAL: Gerade bei Front hat es mich doch maßlos überrascht,
was für Leute mittlerweile die Konzerte besuchen. Der Moderummel
vergrault die alten Anhänger. Und das kann uns, glaube ich, nicht
passieren: Jemand, der New Beat hört, kauft sicherlich keine Fair
Sex-Platten.
LIVE: Aber woher kriegt Ihr Euer Publikum? Andere Bands werden endlos
in einschlägigen Radio- oder Fernsehsendungen vorgestellt, Euch
hört man doch selten.
RASCAL: Wir werden recht häufig in Clubs oder Discotheken gespielt,
ob in Hamburg oder Bayern, wir sind jetzt in den WOM-Verkaufscharts
auf Tele 5, die werden ja auch dreimal wöchentlich wiederholt,
in den Lesercharts der SPEX und mittlerweile sogar in den Polls des
Shark Musikmagazins auf Platz Eins! Und das ist schon geil, wenn man
in Hamburg in eine Diskothek reinkommt und die eigene Platte läuft...
LIVE: Wann kann man denn mal eine Video von Euch zu sehen bekommen?
MYK: Wir sind gerade dabei, eins zu machen. (Aufnahmen, die 1993 Eingang
ins »Alaska«-Video fanden - Anmerkung Kym Gnuch). Aber uns
fehlt fast die Zeit für so was. In der letzten Platte und den Tour-Vorbereitungen
steckt halt massig Arbeit. Dafür wirkt sie auch wesentlich besser
als die letzte, obwohl sie für manche Leute vielleicht etwas schwer
verdaulich ist. Und das ist es, was wir uns vorgenommen haben: Nicht
glatt zu klingen, mehr Vielschichtigkeit zu erreichen. Und worauf wir
keinen Bock hatten, war eine Rock-Platte im Elektronik-Gewand, jenes
08/15-Schema mit Strophe und Refrain.
(Hier liefert Myk Jung nichts anderes als eine Definition des von ihm
nicht geliebten Debut-Albums, aber er nennt es nicht beim Namen, was
ungeheuer geschickt von ihm ist - K.G.)
LIVE: Andererseits wollt ihr Musik ja auch ganz hauptberuflich machen
- müßt Ihr Euch auf Dauer dann nicht doch kommerziellen Zwängen
beugen?
RASCAL: Ich denke, daß sich der Musikmarkt doch in die Richtung
wandeln wird, die wir eingeschlagen haben, und daß sich hier die
Marktlücken eröffnen. Wir wollen ja auch nicht gleich die
fetten Popstars werden und Millionen scheffeln. Wenn man zu den Platten
viel tourt, kann man schon davon leben.
MYK: Man muß vor allem versuchen, ein eigenes Image zu entwickeln.
Die Leute suchen wohl auch schon nach etwas extremeren Klängen.
Dazu zählen wir THE FAIR SEX.
LIVE: Seid ihr also zufrieden mit eurem derzeitigen Status?
MYK: Wir könnten auf noch mehr Interesse stoßen. Wir müssen
noch mehr tun.
RASCAL: Es ist einfach ärgerlich, wenn man sich in einigen Charts
plaziert und dann noch nicht einmal ein Video hat, obwohl das beispielsweise
von Tele 5 sicherlich gesendet würde. Es gibt Industriebands, die
sind nicht mal irgendwo platziert, aber die werden gepusht bis dahinaus,
tauchen überall auf - und an uns wird, an denen gemessen, sicherlich
zu wenig herangetragen. Das ist einfach die Ungerechtigkeit, die einen
unzufrieden machen kann.
LIVE: Habt ihr da nicht vielleicht selbst etwas versäumt?
RASCAL: Wir sind doch keine Manager - wir sind Musiker! Und wir haben
wir schon im letzten Frühjahr (1988) mit der neuen Platte angefangen.
Dann haben wir gefeilt. Das, was da an Vielschichtigkeiten, an Harmonien
drüber und drunter liegt, das will erarbeitet sein. Das kommt nicht
von selbst, wie die Ideen dazu. Da ist Arbeit in dieser Platte, und
deswegen lieben wir sie auch so. Wir haben viel gegeben, damit sie so
klingt wie sie klingt - und wir sind froh über das Ergebnis!
LIVE: Viele Eurer Stücke klingen ja auf Anhieb sehr dunkel, sehr
aggressiv. Was wollt ihr damit erreichen?
MYK: Im Grunde wollen wir die Leute wachrütteln. Wir wollen weder
gemein noch bösartig wirken. Aber es ist nun mal nicht alles OK
in dieser Welt, und wie halten den Leuten die häßliche Fratze
dieser Welt entgegen - wie einen Spiegel, wenn du so willst. Das ist
in meinen Augen besser, als selbstzufrieden sozialkritische Lieder zu
klampfen. Deren formale Ausdrucksform empfinde ich nicht als stimmig
zu den Inhalten, geboren aus Unzufriedenheit und Zorn. Wie kann man
die Welt so erleben und dann so lahm handeln? Dementsprechend wollen
wir den Leuten was um die Ohren hauen.
RASCAL: Wir suhlen uns nicht in Bösartigkeit. Und wir wollen auch
keine Lösungen aufzeigen (Lösungen wofür eigentlich?
Außerdem wißt ihr ja auch keine, zu euren nebulösen
Anklagen passende - Kym Gnuch). Wir wollen den Leuten nur klarmachen,
daß es wenig Anlaß gibt, selbstzufrieden rumzusitzen.
LIVE: Aber ist das denn nicht auch eine Art Selbstzufriedenheit, wenn
man zwar klagt, aber keine Auswege bietet?
MYK: Wir machen nun mal keine »intellektuelle« Musik. Wir
vermitteln ein Gefühl. Und aus diesem Gefühl der Wut kann
dann auch Neues erwachsen - aber man muß sich erst mal darüber
im Klaren sein, daß es Grund genug gibt, wütend zu werden.
RASCAL: Wenn die Leute nicht wissen, was es an Schlechtem gibt, sind
sie auch nicht in der Lage, Glück richtig zu empfinden. Und das
kotzt uns an: Diese ständige Mittelmäßigkeit, die die
Leute umgibt. Bei allen Dingen, die die Nachrichten bringen, schauen
die Leute nur zu, gehen dran vorbei, aber lassen es nicht an sich ran.
Man konsumiert solche Dinge nur, aber verarbeitet sie nicht.
MYK: Aber ich will noch mal sagen, daß unsere »message«
nicht der Kernpunkt der Musik ist. Mehr so eine Art Grundstimmung, die
immer wieder nach oben schwappt. Wir wissen halt, daß wir nicht
im leeren Raum stehen. Aber es soll nicht alles so negierend sein. Wir
haben auch Spaß, und das kann man auch raushören, wenn man
sich nur daran erfreut, wie herrlich abgründig der Gesang ist,
wie dunkel die Bassdrumfiguren nach vorne poltern, wie hart und stakkatohaft
die Sequenzerläufe sind und wie knallig die künstlich wirkenden
Drums klingen. (In dieser Form werden die TFS-ler diesen Satz wohl kaum
formuliert haben. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich um eine Zusammenfassung
mehrerer Myk-Sätze, mit einer Zwischenfrage des Interviewers: »Und
stört euch das denn gar nicht, daß eure Drums so künstlich
klingen? »O nein! Wir finden es herrlich, einen Industrial Amboß-Sound
als Snare zu benutzen....« - K.G.) Wir machen zuerst einmal harte
Musik, die aus uns selber rauskommt. Die lebt auch für sich allein,
und damit können auch Leute etwas anfangen, die sich nicht für
eine Message interessieren. Und so muß das sein.
Haver/ Hermsen
Zu diesem Interview, geführt mit Studenten
der Essener Uni, schrieb Kym Gnuch am 12. Oktober 1990:
Als dieser Artikel eines Essener Magazins im
Mai 1989 erschien, war es den Fair Sexern unheimlich und unangenehm,
daß sie ihren Drummer A. Bang, der wenige Monate zuvor gestorben
war, nicht zum Thema gemacht hatten. Für sie war das Geschehnis
seines Todes noch zu nah, und sie waren damals froh, darüber nicht
befragt zu werden. Und doch erschien es ihnen bei Veröffentlichung
als nicht angemessen.
Ansonsten handelt es sich hier um eines jener
Interviews, bei dessen Studium ich, als ein engster Vertrauter der Band,
zum wiederholten Male die Arschbacken zusammenkneifen mußte. Was
war bloß mit meinen Jungs los? Waren wir das nicht schon alles
mal im Jahr 1988 gemeinsam durchgegangen? Warum nur hörten sie
nicht auf, geballte Ladungen Mist von sich zu geben? Was soll dieses
unentwegte Jammern und Lamentieren, daß sie zu wenig unterstützt
werden, daß die Welt ungerecht ist, daß sie sich nicht so
plazieren können wie sie glauben, daß es ihnen gebührt
- und die Erwähnung all der anderen Bands, die gepusht werden bis
zum Geht-Nicht-Mehr... Was soll das? Und anstatt Inhalte, Düsteres,
Leuchtendes, Herrliches, Geheimnisvolles, Betrübliches zu offenbaren,
labern sie ohne Ende nur darüber, daß sie verkaufen wollen,
und daß sie zu wenig verkaufen, obgleich sie schon ganz gut verkaufen
- und sie ergehen sich in übertriebenem Selbstmitleid. Und immer
dieselbe Arie: "Jaaa, wir sind düster und schwarz und zornig,
aber - haharr -beruhigt euch, ihr beige gekleideten Studenten, wir sind
gar nicht so negierend und depressiv und lichtlos! Nein,
wir wollen die Leute nur aufrütteln - damit sie sehen,was
für ein beschissenes Leben sie führen - von dem sie zuvor
vielleicht dachten, daß es nicht beschissen wäre, womit sie
natürlich falsch lagen. Denn wir wissen es, auch wenn sie selbst
es nicht wissen: und sie müssen uns kaufen, damit
sie´s endlich erfahren."
Und immer wieder hatten die Fair Sexer die unselige
Tendenz, sich im plauschenden Gespräch zu verzetteln - im Bemühen,
es jedem Interviewer recht zu machen (die damals zumeist nicht der Schwarzen
Szene entstammten), ja sich richtiggehend einzuschmeicheln, wenn nicht
sogar anzubiedern, sich als seinesgleichen verkaufend:"Och! dat
mit dem Schwarz - meinen wir ja gar nicht so!". Bloß nicht
anecken...
Hätten sie´s richtig angepackt, wie
Männer, sozusagen, hätten sie - verdammt noch eins - ihre
Sonnenbrillen ausgepackt, falsch rum hängende Kreuze auf stolzer
Brust präsentiert (und wenn´s nur aus reiner Provokation
geschehen wäre), finster gelächelt und gesacht: "Ssso.
Laß uns ma´nicht über die Charts sprechen, in die wir
unseres Erachtens gehören, aber nicht sind - laß uns ma´darüber
sprechen, daß wir uns Sorgen um dich machen - der du es wagst,
dich mit uns einzulassen, elender Sterblicher!"
Aber auf solchgeartetes
kamen sie ja nicht. Es war ein Kreuz mit den Fair Sexern, vor allem
in ihrer Frühphase. Hoffentlich machen sie´s in Zukunft besser.

WAZ, 31. Mai 1989
Wütend: THE FAIR SEX
Die Basis für die Arbeit von »THE FAIR
SEX« ist offensichtliche Wut, ein Zustand permanenter innerer
Rebellion, die sich in ihrer Musik explosionsartig entlädt. Myk
Jung, der Sänger der Truppe, besitzt eine furchterregende Stimme,
die direkt aus einer Gruft zu kommen scheint. Ihre Musik ist eine Weiterentwicklung
des Punk mit elektronischen Mitteln. Eine krasse Negation alles oberflächlich
Schönen, Leichten und Poppigen.
Ihr düsterer Electro-Punk hält nur wenige musikalische Variationen
bereit. Doch gerade diese
Monotonie übt einen magischen Reiz aus. Kalt,
aggressiv und nihilistisch klingen ihre sägenden Gitarren, ratternde
Sequenzer und peitschenden Syndrums. Man kann sich nur schwer vorstellen,
daß bei einem Konzert der »Fair Sex« das Publikum
etwas anderes als schwarze Klamotten trägt.
Die Band, bestehend aus Myk Jung, L'olita (Gitarre), Rascal (Bass) und
Blonder (Synthesizer), fand Anfang 1985 in Essen zusammen. Im Februar
1988 erschien ihre erste Langspielplatte »The House Of Unkinds«.
Die neue LP »Demented Forms« konkretisiert den Weg zu ungewöhnlichen
Klangmustern, die frei sind von jeglicher Anbiederung an eingefahrene
Hörgewohnheiten. »THE FAIR SEX«: »Wir wollen
nicht den Fehler machen, unser Publikum zu unterschätzen.«
Sie unterschätzen das Publikum nicht, eher ist das Gegenteil der
Fall: So notwendig es gerade heute ist, neue musikalische Wege zu suchen,
fehlt den »Fair Sex« jedoch das erneuernde und spielerische
Element in ihrer Musik. Ihr Pessimismus, der sich in solchen Titeln
wie »The Naked And The Dead« oder »Disaster«
ausdrückt, ist allzu umfassend.

Incident Culture, Juni 1989
THE FAIR SEX: Wut ist der Motor
Nach längerer Pause sind die Essener »THE
FAIR SEX« wieder on the road, mit ihrer aktuellen LP »Demented
Forms«, die mittlerweile den Weg in die deutschen Indie-Charts
auf Platz zehn schaffte, und ein ganz schön harter Brocken ist,
zieht man die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Musik zum Ende der
80er heran. »Incident Culture« ergriff die Gelegenheit beim
Schopf und traf sich mit Myk Jung, dem Blonden und Fräulein Schroeder,
(Nicht-) Fan der Düstermänner, in einem In-Cafe ihrer Heimatstadt,
wo man geschniegelte Menschen in Trenchcoats eher sieht als unsereiner,
verpackt in schwarzem Leder. Das paßt, es ist ein verregneter
Nachmittag.
»Warum gerade hier?« frage ich. »Das ist ein Laden,
wo man kleine Poppermädchen trifft!« kommt es zurück.
Da zuckt man zusammen. Sind das Reste bürgerlicher Existenz unter
der Fassade eines unorthodoxen künstlerischen Lebens? Eines ist
von vornherein klar: THE FAIR SEX wehren sich wie viele Musiker gegen
Kategorisierungen. Essener EBM war schon zu lesen. »Hart und aggressiv
trifft wohl eher zu«, gibt der Blonde zu bedenken, »aber
wir machen keine Electronic Body Musik. Dafür birgt unsere Sache
zu viele Gitarren-Elemente, ist vom Charakter unterschiedlich, auch
schwermütiger.«
»>Demented Forms< ist kein reiner Dancefloor«, fügt
Myk hinzu, »immerhin findet man auf dem Album auch Verhalteneres,
wie z.B. >Ashes<«.
Am Anfang eines Fair Sex-Songs steht ein Synthie-Riff oder ein Beat.
Dann setzen sie sich zusammen, basteln an zusätzlichen Melodien.
Hintergrundeffekte sind seit der neuen Platte wichtiger.
»Die Arbeit an >Demented Forms< war komplexer und deshalb
ungleich komplizierter als vorheriges Schaffen«, stimmen die beiden
überein.
Vielschichtigkeit ist den Essenern ein Anliegen, damit der Sound nicht
platt ist und vorne hängt. Nach Ansicht von THE FAIR SEX muß
ein Stück sofort in sich passen, damit es ein gutes ist. Zudem
muß alles feststehen, wenn sie ins Studio gehen. Bevor's richtig
losgeht, bereiten sie mit Produzent Ramon, der auch schon für No
More arbeitete, Sounds für Schlagzeug und Keyboards vor.
»Diese ganzen Vorurteile gegenüber Computer und Drummachines
finde ich echt unerheblich, von wegen handwerklichem Können undsoweiter.«
Der Blonder geht in die Offensive (vollkommen unnötigerweise eigentlich
- warum geht das Geschimpfe eigentlich schon wieder los, he?! - Kym
Gnuch): »Programmieren, Takte in den Sequenzer einspeisen, will
auch gelernt sein. Wenn ein Laie darangeht, kommt nur Schrott raus.
(Und hier wieder: die unerträgliche Überheblichkeit der TFS'ler
- und wieder, wahrscheinlich vollkommen ungefragt: der Drang, sich zu
rechtfertigen -K.G.:) Es ist eine Illusion, ganze Drum-Gebilde per Knopfdruck
herstellen zu können. Aber warum soll man mit überkommenen
Vorstellungen weitermachen, wenn dadurch Sachen auf der Strecke bleiben,
die einen Song besser machen?« Zustimmendes Nicken in der Runde.
Auch in der Musik hat sich die Technik fortentwickelt, damit müssen
sich die Kritiker abfinden. Wirklich übel wird's erst, wenn ein
abgedroschenes Blah-Blah wie Acid dabei herauskommt.
Die Rage des Blonden ist verständlich und spiegelt sich in dem
Tun der Fair Sexer wieder. Früher, da orientierten sie sich am
New Wave (darf man heute wieder sagen), die Musik war nicht ganz so
bösartig. Jetzt ist die Wut Zentralpunkt musikalischen Schaffens,
da kann man nicht den Schöngeist bemühen, man muß die
Wut wuchtig herausarbeiten, brutal herausschreien. Klar, daß sie
aus Sicht vieler Musikkritiker den Rubycon überschritten haben.
Gerade hinsichtlich des Aufbaus ihrer Songs. »Die Musik ist für
uns das wichtigste, Texte dürfen ruhig mal assoziativ sein. Sowieso
sollten Stücke nicht nur lediglich Begleitung für Gesänge
sein. Und Instrumente gewinnen Räumlichkeit, indem man die Gesänge
nicht allzu sehr in den Vordergrund mischt, Melodien treten aus dem
Hintergrund nach vorne«, bringt Myk zum Ausdruck.
Die werden bei THE FAIR SEX nicht unbedingt erkannt.
»Die Leute halten sich zu sehr mit dem Gesang auf«, glaubt
der Blonde und spannt den Bogen zu aktuellen Popsongs. Natürlich,
da trifft man auf viel Gesang und Schlagzeug, vielleicht ein paar Bässe.
Der Rest ist so sehr reduziert, daß sich oft nicht mal mehr ahnen
läßt, in welcher Tonart das Ganze stattfindet.
Umgekehrt verhält es sich bei THE FAIR SEX: die Stimmen sind nicht
Mittelpunkt, dementsprechend läßt sich textlich nichts Absolutes
sagen.
»Wir haben kein Sendungsbewußtsein und möchten nicht
mit Phänomenen wie Satanismus oder morbiden Friedhofsgeschichten
in Verbindung gebracht werden, wenn auch manche Songtitel danach riechen
(Eigentlich hätte Myk hier »The Odour Of Rottenness«
anführen müssen, harr- K.G.) Aber >The Naked And The Dead<
beschreibt nichts anderes als die nackte Existenz, die Armseligkeit
dieses »süßen«, kurzen Lebens«, sagt Myk.
Trotz eventueller Mißverständnisse haben sie nicht mal die
Texte abgedruckt. Aus zwei Gründen. Weil man sie den Leuten nicht
um jeden Preis unter die Nase reiben will. Siehe Sendungsbewußtsein.
Und weil sie ein interessanter Gradmesser sind, wer sich dafür
wirklich interessiert, indem man sie bei Roof, ihrem Musikverlag, anfordert.
Sicherlich ist das mehr eine Sache für den Fan. Immerhin, so bringt
man seine Leute auf Trapp.
Stillstand ist ein Fremdwort für THE FAIR SEX. Sie spielen Warm-Up-Gigs
für die Tour im Juni, arbeiten an Songs für eine 4-Track-Maxi.
»Das sind einfach aktuelle Stücke«, informiert der
Blonde, die nicht einen unbedingten Fortschritt gegenüber >Demented
Forms< darstellen und somit nicht ein komplettes Bild von dem abgeben,
was THE FAIR SEX in Zukunft sein könnten oder sollen.«
Zum Schluß reißen die beiden Fair Sex-Musiker die Rolle
des Interviewers, meine Rolle, an sich.
»Und was hält Fräulein Schroeder von THE FAIR SEX?«
fragt Myk.
»Fräulein Schroeder findet THE FAIR SEX lächerlich«,
antwortet der Blonde.
Gelächter. Fade out.
Kym Gnuch am 18.4.1992 zu diesem Artikel:
Neben typischen TFS-Stereotypen wie der überstrapazierten
Thematik von der "Wut, die wuchtig nach vorne bollert" beeinhaltet
dieses Interview einige interessante Details:
Die Präsenz des Fräulein Schroeder;
die offensichtliche Unausgegorenheit der Nach-Demented Forms-Demos;
die vom Autor festgestellte "Bedeutungslosigkeit der Musik der
Späten 80er Jahre" (Journalisten äußern nicht selten
Bedauern über die Nichtigkeit der momentanen Szene); und -allen
voran - die Äußerung des Interviewers, das Interesse an kleinen
Poppermädchen passe nicht in das Gesamtbild eines unorthodoxen
Künstlerlebens. Fast zinierende Details. Aber eben nur fast.
Zu der vor allem von Myk selbst favorisierten
Ästhetik des "eingebetteten" Gesangs, der so leise gemischt
ist, daß er fast im Arrangement des Stücks untergeht, sollte
ich demnächst nochmal was schreiben.
Tat ich aber nicht. (K.G.-12.7.2001)

Newlife, November 1989
Noch immer strahlt die glühendheiße Juli-Sonne
auf unser Land, verbrennt den Boden und hat auch vor der monopolistischen
Macht der deutschen Bundespost keine Achtung, sie bohrt sich durch Verpackungen,
bleicht Briefe aus und verformt... Das Klingeln des Postboten lässt
mich aus meinen Gedanken aufschrecken, ein Paket wechselt den Besitzer.
Mit einem verschlafenen Lächeln entdecke ich zwei verformte Langspielplatten
einer Gruppe, die dem Poststempel nach aus Essen kommen muss. Musik
aus Essen? Kann dort, wo Kaufhauskonzerne ihren Sitz haben und ein Wetteramt
propagandistische Meldungen verbreitet, überhaupt Musik für
meine verwöhnten Ohren entstehen?
Die erste LP findet Platz auf meinem Plattenspieler, sie hebt und senkt
sich, ein Schauspiel, dass meine Schweißtropfen noch schneller
zu Boden fließen lässt. Kann meine Nadel diesem Naturexperiment
Widerstand leisten? Die Spannung steigert sich, je länger es dauert,
bis die Nadel die ersten beabsichtigten Vertiefungen in der Rille findet.
Und dann... Mit einem Schlag ist die Hitze vergessen, das Chaos um mich
herum verliert an Bedeutung, nur noch diese treibenden Sequenzerrhythmen,
sägende Gitarren und die Vocals zählen. Auch ich bin der Magie
von THE FAIR SEX erlegen. Mit einem Schlag füllen sich meine leeren
Gehirnzellen wieder. THE FAIR SEX wollten doch in unserer tiefen Provinz
called Mittelhessen live das Bauernvolk verzaubern. Ich rief bei ihrem
Sänger an. »Hey Myk, lass uns ein Interview machen. Das Interview
fiel gleich ins Wasser, das mittlerweile in der Hitze verdunstet ist,
genau wie das Konzert in Giessen. Ein weiteres Telephongespräch,
ein Brief an Myk; und jetzt liegt das Ergebnis auf meinem Plattenspieler.
Wie konnte es geschehen, dass ich THE FAIR SEX bisher links liegen ließ?
Wieso hörte ich nicht auf Dirk Kalmring, der in NL 42 über
ihre letzte LP »Demented Forms« schrieb: »... die
Platte ist göttlich... Ideal für die heimische Schwarzkittelfete...«?
Allen Kälte- und Hitzewellen strotzend, haben sich THE FAIR SEX
innerhalb von vier Jahren in die Spitze der deutschen Indie-Bands katapultiert.
2 Jahre nach ihrer Gründung haben sie im März 1987 ihre erste
Maxi »Divine Service« vorgelegt, die sowohl im Inland als
auch im Ausland erste Erfolge für THE FAIR SEX verbuchen konnte.
»Bushman«, die Nachfolgesingle, ihre hervorragende Debut-LP
»House Of Unkinds« und eben »Demented Forms«
haben den Essenern mittlerweile so was wie Kultstatus eingebracht.
Den Verlust ihres Schlagzeugers A.Bang im vergangenen Jahr hat die Band
mühelos verkraftet, auch wenn der Tod mitten in die Aufnahmen zu
»Demented Forms« eintrat und THE FAIR SEX eine einmonatige
Pause einlegten. Wie es sich so gehört, hat das Quartett diese
Platte dann natürlich Bang gewidmet. »resurrected faith,
resurrected hope resurrected doom«.
Schicksal verbindet, alles ist vorbestimmt. der Kampf mit der Hitze,
auch ein bisschen Schicksal. Wäre das Leben nicht vorbestimmt,
könnten wie doch längst in einer anderen Welt verweilen; vielleicht
an dem Ort, der Frequenzen nach Essen sendet, damit THE FAIR SEX die
Welt mit ihrem düsteren Electrosound retten können.
Um die Welt von THE FAIR SEX zu charakterisieren, muss man schon die
Seelen von Myk Jung (voc), Lolita (guit), Rascal (Masterbass) und Blonder
(synths) erforschen, muss man Nächte im Zwischenfall, in der Zeche
oder im Logo durchleben, muss man eine gestörte Psyche besitzen
oder tagelang ein Röhrchen Schlaftabletten anschauen, um dann anschl
ießend doch nicht den letzten Schritt zu vollziehen.
Ein Vergleich zu anderen Bands lässt sich schwer vollziehen. »Data
Band A«? »The Sisters Of Mercy«? Alte »Skinny«?
Oder »242«? Oder gar »Depeche Mode«? Die Einflüsse
von THE FAIR SEX sind vielschichtig. Man glaubt, THE FAIR SEX bestünden
nur aus normalen Musikfans, die dann die Welt mit einer göttlichen
Mixtur zu beglücken versuchen, einer Mixtur, die sehr eigenständig
klingt und es wohl auch ist.
Da sind auf der einen Seite treibende Drumsequenzen, sägende Gitarren,
scheppernde Synths und andererseits kommen depressive Keyboardwände
dazu. Myks Gesang setzt den harten Maschinenbeats und eigenwilligen
Songstrukturen, die sie im Gegensatz zu älteren Songs auf »Demented
Forms« nun gefunden haben, die Krone auf; mal aggressiv und kalt,
dann wieder düster-traurig-depressiv mit Wärme, launisch wie
das Wetter in unseren Breitengraden. Vielleicht ist damit die Verbindung
zum Essener Wetteramt hergestellt.
»They never come back, we'll be sunken in tears.«
Eine Pfütze aus Schweißtropfen und Tränen bildet sich
unter mir, diese Gefühle, die beim FAIR SEX-Genuss entstehen, werden
mein Leben verändern, ich bin näher an der Einsamkeit und
dem Tod als bisher, doch hat sich ein ganz neues Lebensgefühl eingestellt.
Soll »Incident Culture«, das Magazin des Bochumer »Zwischenfall«
doch weiter behaupten, »die Platte hört man am besten in
der Disco, wohldosiert... auf dem heimischen Plattenteller kann sie
eventuell an Wirkung verlieren...« Sie haben keine Ahnung, vielleicht
einen Sonnenstich, der ganz normale Horror des Alltags entgeht ihnen...Und
wieso führt ihr DJ Horst eine Ausgabe später THE FAIR SEX
in seiner Playlist auf?
»The House of the unknown«.
Oh, ihr Unwissenden, baut endlich Eure Beziehung zu THE FAIR SEX auf,
die Stimmungen ihrer Songs werden auf Euch niederprasseln wie das erste
Sommergewitter, Ihr werdet es genießen, genießen müssen,
ansonsten...«I'm a Fair Sexer, now will you mess with me?«
Sven Freuen
Kym Gnuch dazu, irgendwann zu Ende des Jahrtausends:
Was soll man dazu sagen? Sprachlosigkeit bemächtigt
sich meiner immer wieder, wenn mir dieser Artikel in die Hände
fällt. Eine solche tiefe Ergriffenheit rief die Musik meiner Jungs
nie zuvor und niemals später bei irgendeinem der Schreibenden Gilde
hervor, denke ich. Ich kann mich erinnern, daß ein Ruck durch
die Band ging, ein Zucken von Stolz, als sie obigen Artikel lasen. Wahrscheinlich
bleibt nur eine Frage offen: Hat jemals eins der Bandmitglieder selbst
ähnlich tiefe Gefühle beim Hören der TFS-Musik erlebt?

WAZ, 21. August 1988
ESSENER BAND LÄRMT
GEGEN ZUFRIEDENHEIT
MIT EINER VERRÜCKTEN
WELT
Wer Variation, Intellekt, Melodie, vielleicht
auch noch Theater und ähnliche feinsinnige Zerstreuungen liebt,
braucht eigentlich nicht unbedingt weiterlesen. Denn die Botschaft der
Essener Band THE FAIR SEX richtet sich an »den extremen Hörer,
der Brutalität, Aggression und rauhe Monotonie bevorzugt«.
Für wen es aber noch nicht zu spät ist, das »Ruhebett
der Zufriedenheit« zu verlassen und den Körper zu aggressiver,
elektronischer Dancefloor-Musik zu bewegen, der höre zu: eine Einführung
in »schwarze Wut«.
Die Welt ist errückt, keine Frage für
THE FAIR SEX. »Stell dir jemanden vor, der extreme und sinnlose
Situationen durchlebt hat. Wie kann er ruhig und zufrieden sein?«
fragen die fünf Essener. Also ist das zeitgemäße Gefühl
der 90er Jahre die Wut. Und die Fair Sex-Wut schaut nicht revival-bewegt
zurück in die 60er oder 70er, leitet sich nicht aus Einzelbegründungen
wie politischer Unzufriedenheit oder philosophischem Weltschmerz ab.
Sie ist das alles oder auch nichts. Sie ist eine ursprüngliche,
neandertalerhafte Wut, die dem Menschen wie ein Schicksal aufgegeben
ist. Diese Wut kennt daher keine konkreten Ziele. Ihr Feind ist nicht
der Staat oder ein Großkonzern, sondern Zufriedenheit schlechthin.
»The House Of Unkinds«, die Anfang des Jahres beim Dortmunder
Last Chance-Label erschienene Debut-LP von Fair Sex muß dann auch
laut aus den Boxen kommen - und bewegen muß man sich dazu. Denn
in Zimmerlautstärke kommen die monotonen, auf Synthesizerläufen
aufgebauten Songs mit Myk Jungs düsterer Stimme doch recht belanglos
daher. »Jumping« ist noch ganz eingängig, aber dabei
bleibt's auch. Denken die Gehirnzellen. Aber an die wenden sich THE
FAIR SEX nicht. Angesprochen werden viel tiefer liegende Schichten:
Aggression und Lust.
Einschränkung oder Ausweitung des Bewußtseins - das soll
offen bleiben - sind nötig, um in »The House Of Unkinds«
- das »Haus der Unfreundlichen« - Eingang zu finden. Dunkle
Triebe entfalten sich im aggressiven Pochen des Sequenzers, stimuliert
durch Reizworte, mit denen THE FAIR SEX besonders gern spielen: Ein
Reigen von »Excess«, »Lust«, »Destroy«
zieht sich seit »Black Anger«, dem programmatischen Song
auf der ersten Maxi »The Divine Service« durch die Fair
Sex-Texte. Nur die Vergänglichkeit steht der ewigen Raserei der
»wilden« Kraft noch im Wege: »Die Zeit zerstört
- wir sind ihre Spielzeuge.«
Der Alltag ist langweilig und muß überwunden werden - so
haben THE FAIR SEX keine Lust, über ihre bürgerliche Identität
zu reden. »Wir heißen Myk (Gesang, Geschrei), Rascal (Bass,
Synthie), L'Olita (Gitarre), A.Bang (Drums) und Blonder (Synthie). Wir
studieren und jobben, das reicht. Laß uns lieber über die
neue LP reden.«
THE FAIR SEX wollen nicht mit anderen Electronic-Dancefloor-Gruppen
in einen Topf geworfen werden, etwa mit den belgischen Neon Judgement
oder Front 242. THE FAIR SEX sind aggressiver und leidenschaftlicher,
aber nicht depressiv. Und sie beherrschen mit ihrer Reizwortstrategie
die perfekte Imagepflege - mit Hintertürchen: In »The Excess«
proklamieren sie Sexualität ohne wirkliche Gefühle, wie der
Begeleittext predigt. Selbst wer da nicht gleich mit dem Finger auf
die moralischen Schweinehunde zeigt, wird sich doch ein zages »Entgeht
euch da nicht doch vielleicht einiges? nicht verkneifen können.
Aber THE FAIR SEX haben vorgesorgt: Wir sind nicht ernsthaft.«
Klaus Janke
Kym Gnuch am 12.5.1994 zu obigem Artikel:
Das Ruhebett der Zufriedenheit - es muß
verlassen werden! Schöne Formulierung. Das mit der Wut is´auch
wieder drin, wen wundert´s. Daß sich THE FAIR SEX hingegen
nicht an den Intellekt wenden, angeblich, störte die Jungs gar
nicht! Sie ließen´s dabei, und freuten sich! Vielleicht
auch, um mehr Ruhe zu haben. Von triebgesteuerten Urviechern werden
nicht sonderlich viele Antworten erwartet - und man kann unbehelligt
finster dreinschauen, ohne viel erklären zu müssen. Ich aber
war empört! Keine Intellektuellen, meine Jungs?! Wo sie doch alle
am Studieren waren! Sogar so schwierige Sachen wie Anglistik und Kommunikationswissenschaften!
Herrjeminee, ich fiel aus allen Pannetinen. Ich nahm sie zur Seite und
rief sie zur Ordnung: "Hey, das stellt ihr aber mal richtig! Das
laßt ihr doch nicht auf euch sitzen!? Könnt ihr nicht beim
nächsten Mal Fetzen aus Macbeth einstreuen oder was Schlaues aus
den Annalen der Sprach-Philosophen?! He?" Sie aber hörten
nicht auf mich. Bei jedem neuen Interview hoffte ich auf was Intellektuelles.
Auf was Akademisches -irgendwas aus den hehren Hallen des Olympos, wo
die Jungs einst Altgriechisch studiert hatten. (Ja! Sie waren auf nem
altsprachlichen, super-humanistischen Gymnasium gewesen, meine Jungs!)
Aber nix. Ich schlug die Gazetten auf und las: "Jau. Dat muß
einfach richtig knallen. Richtiggehend bollern. Auch die Dingens...
äh...Sequenzen..Am besten hörste dat Album auf volle Pulle.
Is´über die Schwarze Wut."

Prinz, März 1988
THE FAIR SEX: Sturm
und Drang
Vor 17 Monaten belegten THE FAIR SEX beim 1. PRINZ
Pop-Festival den zweiten Platz. Mittlerweile sind zwei Maxis des Quintetts
aus Essen erschienen. Nun die erste LP: »The House Of Unkinds«.
»Ihr sollt euren Körper zu unserer Musik bewegen« fordern
THE FAIR SEX im Begleittext zu »The House Of Unkinds«. Das
solltet ihr wirklich, denn diese Musik taugt nicht zur Untermalung des
geruhsamen Feierabends. Unbarmherzig und monoton treibt der Sequenzer
im Verein mit Bass und Schlagzeug, unbarmherzig fährt die Gitarre
dazwischen, unbarmherzig singt, schreit und haucht Sänger Myk Jung
seine Texte, von denen bei oberflächlichem Hören nur Schlagworte
hängen bleiben: fight, pain, agony, victim...
Ist das also die übliche Black Wave-Kiste? Die richtigen Beats
und ein paar Reizwörter aus dem Englischlexikon, und fertig ist
das Szenario für den Wochenend-Düstermann? Eben nicht. THE
FAIR SEX in die Kiste >DAF/-Bauhaus und die Folgen< zu packen
wäre zu einfach. Denn die fünf Essener - neben Myk Jung noch
Bassist Udo Hüppe, Gitarrist Oliver Olböter, Benedikt Dziwok
am Synthie und Schlagzeuger Achim Mählitz - haben aus den sattsam
bekannten Stilmitteln der DAF's, Bauhaus und anderer ihren eigenen Stil
entwickelt. Die Songs auf »The House Of Unkinds« wirken
erstaunlich reif und kompakt, der harte Sequenzer-Beat ist zwar immer
präsent, aber hier wird er nicht zum Konzept erhoben, hier ist
er Teil eines Ganzen. So wie Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Diese
Musik bleibt nicht im Klischee stecken, sie hat nicht nur Kraft, sondern
auch Seele. Und die Texte sind weitaus interessanter und vielschichtiger,
als es das oberflächliche Hören verheißt. Sie sind fintenreich,
spielen mit Unausgesprochenem, leben davon, daß der Hörer
auf falsche Fährten gelockt wird.
»Uns geht es um das Darstellen von extremen Situationen«,
sagt Myk, »wobei nicht gesagt ist, daß wir die Akteure in
unseren Songs sind. Auch wenn wir von »I« oder »We«
sprechen, heißt das nicht, daß wir Geschichten von uns preisgeben.
Es sind ganz einfach Beobachtungen, mit denen sich die Leute beschäftigen
sollen. Sie sollen sich ruhig fragen, welche dieser oft widersprüchlichen
Dinge am ehesten unserer Einstellung entsprechen.«
Der ganz alltägliche Horror, das ist das Thema der THE FAIR SEX-Songs,
und ihr Motor ist Wut. Bassist Udo dazu:
Ȇberall wird alles positiv dargestellt, in der Musik, im
Fernsehen, man sieht überall nur zufriedene Fratzen, die ihre Zufriedenheit
auch noch dreist propagieren. Da mal so richtig knallig einen Kontrast
gegenzusetzen, finde ich absolut notwendig. So positiv, wie es uns weisgemacht
wird, stellt sich unser Leben doch gar nicht dar. Es wird viel zu viel
totgeheuchelt und leisegeschwiegen, und es gibt viel zu wenig Leute,
die Tassen an die Wand werfen, wenn ihnen danach ist.«
»Also machst du Musik, so wie andere Leute Tassen an die Wand
werfen?«
»Ja schon, aber man muß das alles in einem größeren
Zusammenhang sehen. Hinter der Musik steht ja auch eine bestimmte Lebensauffassung.
Ich schmeiße zwar nicht dauernd Tassen an die Wand, aber ich laß
mir auch nicht alles gefallen, auf der Arbeit und so.«
Myk: »Ohne jetzt groß zu hinterfragen, woher die Wut kommt,
unsere Musik ist knallig und aggressiv, und der Spruch, daß diese
Platte mit großer Lautstärke zu hören ist, der ist natürlich
der allerälteste überhaupt, aber das ist einfach wahr. Unsere
Musik ist nichts zum selbstzufriedenen Genießen, das muß
man laut hören, damit das richtig wirkt.«
Udo: »Das ist nämlich das Pathos des Sturm und Drang, das
man in unserer Musik hören kann.«
Wo der Dichter recht hat, hat er recht.
Thomas Noga
Kym Gnuch zu diesem Bericht am 21. August 1990:
Das mit dem "Tassen an die Wand schmeißen"
ist ganz gut, und die Formulierung mit den "selbstzufriedenen Fratzen,
die ihre Zufriedenheit auch noch dreist propagandieren" gefällt
mir ebenfalls. "Totgeheuchelt und leisegeschwiegen" ist ein
schönes Begriffspaar. Wie man sieht, rettet Rascal, hier noch unter
seinem 1987er-Pseudonym, das Interview. Myks Antworten hingegen lassen
meine Arschbacken erbeben: "Ohne groß zu hinterfragen woher
die Wut kommt, unsere Musik ist knallig und aggressiv, und man muß
sie ganz laut hören...ba ba ba..." Hab´ich jemals etwas
Peinlicheres gelesen? Im übrigen können TFS froh sein, in
ihrer Frühphase eigentümlicherweise auf so viel Interesse
von Seiten der "Großen Presse" gestoßen zu sein.
