Press 80ies
   
 

Shark, März 1989

»Wir wollen nicht den Fehler machen, unser Publikum zu unterschätzen. Es gibt schon genug Dummes in der Electronic Body Music. Vielen genügt es, eine tanzbare Sequenzer-Folge ohne weitere Ideen das ganze Stück durchzuhecheln«, hebt der lange Rascal die Fair Sex-Position vom Konkurrenzfeld ab.
Trotzdem können Avantgarde - und Melodienallergiker aufatmen. THE FAIR SEX bleiben dem Terrain treu, das sie 1987 mit den beiden Maxis »Bushman« und »The Divine Service« betraten: Die Wut, die aggressive Rebellion gegen lauwarme Alltagszufriedenheit ist geblieben. Zornig wie nie malträtiert Myk Jung seine Stimmbänder, der wuchtige Beat knallt weiterhin in Beine und Bauch, die rhythmuslose Experimentierspielweise (»The Odour Of Rottenness«) bleibt auf magere 1:46 Minuten begrenzt.
Trotzdem ist deutlich mehr Variation als auf dem Vorgänger »House Of Unkinds« zu hören. »No Excuse« wird von einer Sägegitarre nach vorne getrieben, in »Ashes« bewegt sich Myks Gesang fast zerbrechlich über einen schmalen drum-Sound, einige Trommelwirbel, aber der Song geht nicht los, bleibt verhalten. Die »schwarze Wut« (»Black Anger« von der »Divine Service«-Maxi) schweißt Myk Jung (voc), Rascal (voc, masterbass), L'olita (git) und Blonder (synthies) zusammen. Keine Wut auf irgendwas Bestimmtes, sondern eine ursprüngliche, neandertalhafte, anti-intellektuelle Unzufriedenheit. Lust und Aggression werden angesprochen, Reizworte ziehen sich durch die Fair Sex-Platten: »Excess«, »Lust«, »Destroy«, »Black Anger«, »Trash Hot Trash«. THE FAIR SEX sind hier und jetzt, kein Blick zurück, keine Ewigkeit.
»Time Destroys, We Are His Toys!« Nur die Zeit stellt sich noch in den Weg der Raserei: »Your Luck Won't Last«. Der Wut haben sich auf »Demented Forms« noch Wahnvisionen hinzugesellt: »Wir haben unsere Zuständigkeit erweitert, Wut'n'Wahn ist unser Feld.« Der Alltag muß überwunden werden. THE FAIR SEX haben keine Lust, über ihre bürgerlichen Existenzen zu sprechen. Vergleiche können sie ebenfalls nicht ausstehen. Mit den Kritikern stehen sie ohnehin auf Kriegsfuß: Die SPEXler beispielsweise führten »The House Of Unkinds« ewig und drei Tage in den Indie-Charts, ohne sich für die Gruppe zu interessieren. Rascal: »Journalisten stehen eben auf Gitarren, egal was.« Und ich war wahrscheinlich auch nur versehentlich da...
Das Gespräch beim profanen Info-Falten im Bochumer Roof-Büro kam natürlich irgendwann unweigerlich auf A.Bang, den Fair Sex-Drummer, der im September 1988 während eines Gigs an Herzversagen starb. Die Existenz der Band stand zu keinem Zeitpunkt in Frage, nur einen neuen Schlagzeuger wird es vorerst nicht geben. THE FAIR SEX wollen beim Spielen nicht zur Seite sehen und jemanden anders als Achim an den Drums sehen.« A.Bang ist auf der neuen Platte noch zu hören. Fair Sex-Standardempfehlung für »Demented Forms«: laut hören! Eine Tournee wird im Mai nachgereicht.
Klaus Janke

Kym Gnuchs Kommentar zu diesem Kurz-Artikel, wahrscheinlich um 1997 herum entstanden:

Jene Passage, die da von der Erweiterung der fair sexischen Zuständigkeit spricht, ist Klasse. "Wut´n´Wahn" - das ist ein Slogan, der es wert gewesen wäre, noch für einige Zeit proklamiert zu werden - jedenfalls lustiger als das Nur-Wut-Ding, von dem fast jeder Artikel der TFS-Frühen Phase vollgerammelt zu sein scheint. Aber - die Fair Sexer vergaßen´s wohl wieder. Schade. Nicht vergessen taten sie allerdings, sich ein weiteres Mal als was Besseres als das sonst so Dumme in der EBM-Szene hinzustellen. Und das ist ein Verdienst. Sie bemühen sich um das Darstellen von Lehrbeispielen. Für das Fallen nach dem Hochmut - um mal eines zu nennen.

Live, Mai 1989

Verrückte Formen

Nach einer mehrmonatigen schöpferischen Pause ist das Essener Quartett THE FAIR SEX nun wieder an die Musikfront zurückgekehrt. Mit der neuen LP »Demented Forms« im Gepäck demonstriert man eindringlich, daß gute elektronische Musik nicht nur aus Großbritannien oder Belgien kommen muß.
Vielleicht sind solche Erfolgsmeldungen sogar dazu angetan, der vielgeschmähten Essener Musikszene neue Impulse zu verleihen und sie in einem etwas besseren Licht erscheinen zu lassen - schließlich sieht es so aus, als könne das neue Werk der Essener die Independent-Musikszene von hinten aufrollen!
Sänger Myk Jung und Bassist Rascal standen jetzt unseren Fragen über den Weg zum Ruhm, die neue Platte und ihre Ziele Rede und Antwort.
LIVE: Ein paar Monate lang war es recht still um Euch. Jetzt ist die neue Platte da, verkauft sich recht gut - wie geht's weiter?
RASCAL: Wir sind ja nun erst mal weitergegangen. Für die »Demented Forms« mußten wir ganz schön arbeiten! Nicht, daß wir uns jetzt ausruhen wollen - aber wir können doch zufrieden auf das blicken, was hinter uns liegt.
LIVE: Ihr macht ja jetzt alle noch was nebenher. Wollt ihr Euch in Zukunft ganz auf die Musik konzentrieren?
RASCAL: Wollen wir sicherlich. Aber der Punkt ist, daß wir ja eigentlich schon jetzt nichts anderes mehr machen. Aber da die neue Platte sich bisher ganz toll verkauft, kommen wir unserem Ziel immer ein bißchen näher.
LIVE: Ist für Euch der gute Verkauf nicht ein wenig überraschend? Schließlich ist euer neues Werk »Demented Forms« doch eigentlich wesentlich schwerer konsumierbar als beispielsweise der Vorgänger »House Of Unkinds«.
MYK: Also sicher war es bei beiden Platten nicht das Ziel, konsumierbar zu sein. Auch bei der ersten nicht. Bei der ersten Platte allerdings ist es uns noch nicht so recht gelungen, unsere Vorstellungen durchzusetzen. Aber da sind wir auch von der Technik geradezu überrollt worden. Was da an Elektronik drauf war, ist zum größten Teil erst spät dazugekommen.
RASCAL: Jetzt aber haben wir diese Technik, die für uns ja neu war, besser im Griff, und außerdem haben wir versucht, mal richtig das zu machen, was wir wollten. Und das ist nicht nur bei unserer Plattenfirma gut angekommen, das schlägt sich auch im Verkauf nieder. Das ist halt eigenständiger als früher.
LIVE: Durch Trends wie Acid oder New Beat haben die Elektronik-Bands ja ohnehin Aufschwung erhalten. Meint Ihr das kommt auch Euch zugute?
MYK: Also ich halte Electronic Body Musik nicht für einen Trend. Die gibt's schon lange, und die wird auch in Zukunft noch viel bedeuten. Es ist wohl eher ein Nachteil, damit in Verbindung gebracht zu werden, denn dieser Stil und Begriff wird momentan außerhalb der Indie-Szene zum Trend aufgeblasen. Außerdem liegen zwischen Bands wie zum Beispiel Front 242 und uns Welten!
RASCAL: Gerade bei Front hat es mich doch maßlos überrascht, was für Leute mittlerweile die Konzerte besuchen. Der Moderummel vergrault die alten Anhänger. Und das kann uns, glaube ich, nicht passieren: Jemand, der New Beat hört, kauft sicherlich keine Fair Sex-Platten.
LIVE: Aber woher kriegt Ihr Euer Publikum? Andere Bands werden endlos in einschlägigen Radio- oder Fernsehsendungen vorgestellt, Euch hört man doch selten.
RASCAL: Wir werden recht häufig in Clubs oder Discotheken gespielt, ob in Hamburg oder Bayern, wir sind jetzt in den WOM-Verkaufscharts auf Tele 5, die werden ja auch dreimal wöchentlich wiederholt, in den Lesercharts der SPEX und mittlerweile sogar in den Polls des Shark Musikmagazins auf Platz Eins! Und das ist schon geil, wenn man in Hamburg in eine Diskothek reinkommt und die eigene Platte läuft...
LIVE: Wann kann man denn mal eine Video von Euch zu sehen bekommen?
MYK: Wir sind gerade dabei, eins zu machen. (Aufnahmen, die 1993 Eingang ins »Alaska«-Video fanden - Anmerkung Kym Gnuch). Aber uns fehlt fast die Zeit für so was. In der letzten Platte und den Tour-Vorbereitungen steckt halt massig Arbeit. Dafür wirkt sie auch wesentlich besser als die letzte, obwohl sie für manche Leute vielleicht etwas schwer verdaulich ist. Und das ist es, was wir uns vorgenommen haben: Nicht glatt zu klingen, mehr Vielschichtigkeit zu erreichen. Und worauf wir keinen Bock hatten, war eine Rock-Platte im Elektronik-Gewand, jenes 08/15-Schema mit Strophe und Refrain.
(Hier liefert Myk Jung nichts anderes als eine Definition des von ihm nicht geliebten Debut-Albums, aber er nennt es nicht beim Namen, was ungeheuer geschickt von ihm ist - K.G.)
LIVE: Andererseits wollt ihr Musik ja auch ganz hauptberuflich machen - müßt Ihr Euch auf Dauer dann nicht doch kommerziellen Zwängen beugen?
RASCAL: Ich denke, daß sich der Musikmarkt doch in die Richtung wandeln wird, die wir eingeschlagen haben, und daß sich hier die Marktlücken eröffnen. Wir wollen ja auch nicht gleich die fetten Popstars werden und Millionen scheffeln. Wenn man zu den Platten viel tourt, kann man schon davon leben.
MYK: Man muß vor allem versuchen, ein eigenes Image zu entwickeln. Die Leute suchen wohl auch schon nach etwas extremeren Klängen. Dazu zählen wir THE FAIR SEX.
LIVE: Seid ihr also zufrieden mit eurem derzeitigen Status?
MYK: Wir könnten auf noch mehr Interesse stoßen. Wir müssen noch mehr tun.
RASCAL: Es ist einfach ärgerlich, wenn man sich in einigen Charts plaziert und dann noch nicht einmal ein Video hat, obwohl das beispielsweise von Tele 5 sicherlich gesendet würde. Es gibt Industriebands, die sind nicht mal irgendwo platziert, aber die werden gepusht bis dahinaus, tauchen überall auf - und an uns wird, an denen gemessen, sicherlich zu wenig herangetragen. Das ist einfach die Ungerechtigkeit, die einen unzufrieden machen kann.
LIVE: Habt ihr da nicht vielleicht selbst etwas versäumt?
RASCAL: Wir sind doch keine Manager - wir sind Musiker! Und wir haben wir schon im letzten Frühjahr (1988) mit der neuen Platte angefangen. Dann haben wir gefeilt. Das, was da an Vielschichtigkeiten, an Harmonien drüber und drunter liegt, das will erarbeitet sein. Das kommt nicht von selbst, wie die Ideen dazu. Da ist Arbeit in dieser Platte, und deswegen lieben wir sie auch so. Wir haben viel gegeben, damit sie so klingt wie sie klingt - und wir sind froh über das Ergebnis!
LIVE: Viele Eurer Stücke klingen ja auf Anhieb sehr dunkel, sehr aggressiv. Was wollt ihr damit erreichen?
MYK: Im Grunde wollen wir die Leute wachrütteln. Wir wollen weder gemein noch bösartig wirken. Aber es ist nun mal nicht alles OK in dieser Welt, und wie halten den Leuten die häßliche Fratze dieser Welt entgegen - wie einen Spiegel, wenn du so willst. Das ist in meinen Augen besser, als selbstzufrieden sozialkritische Lieder zu klampfen. Deren formale Ausdrucksform empfinde ich nicht als stimmig zu den Inhalten, geboren aus Unzufriedenheit und Zorn. Wie kann man die Welt so erleben und dann so lahm handeln? Dementsprechend wollen wir den Leuten was um die Ohren hauen.
RASCAL: Wir suhlen uns nicht in Bösartigkeit. Und wir wollen auch keine Lösungen aufzeigen (Lösungen wofür eigentlich? Außerdem wißt ihr ja auch keine, zu euren nebulösen Anklagen passende - Kym Gnuch). Wir wollen den Leuten nur klarmachen, daß es wenig Anlaß gibt, selbstzufrieden rumzusitzen.
LIVE: Aber ist das denn nicht auch eine Art Selbstzufriedenheit, wenn man zwar klagt, aber keine Auswege bietet?
MYK: Wir machen nun mal keine »intellektuelle« Musik. Wir vermitteln ein Gefühl. Und aus diesem Gefühl der Wut kann dann auch Neues erwachsen - aber man muß sich erst mal darüber im Klaren sein, daß es Grund genug gibt, wütend zu werden.
RASCAL: Wenn die Leute nicht wissen, was es an Schlechtem gibt, sind sie auch nicht in der Lage, Glück richtig zu empfinden. Und das kotzt uns an: Diese ständige Mittelmäßigkeit, die die Leute umgibt. Bei allen Dingen, die die Nachrichten bringen, schauen die Leute nur zu, gehen dran vorbei, aber lassen es nicht an sich ran. Man konsumiert solche Dinge nur, aber verarbeitet sie nicht.
MYK: Aber ich will noch mal sagen, daß unsere »message« nicht der Kernpunkt der Musik ist. Mehr so eine Art Grundstimmung, die immer wieder nach oben schwappt. Wir wissen halt, daß wir nicht im leeren Raum stehen. Aber es soll nicht alles so negierend sein. Wir haben auch Spaß, und das kann man auch raushören, wenn man sich nur daran erfreut, wie herrlich abgründig der Gesang ist, wie dunkel die Bassdrumfiguren nach vorne poltern, wie hart und stakkatohaft die Sequenzerläufe sind und wie knallig die künstlich wirkenden Drums klingen. (In dieser Form werden die TFS-ler diesen Satz wohl kaum formuliert haben. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich um eine Zusammenfassung mehrerer Myk-Sätze, mit einer Zwischenfrage des Interviewers: »Und stört euch das denn gar nicht, daß eure Drums so künstlich klingen? »O nein! Wir finden es herrlich, einen Industrial Amboß-Sound als Snare zu benutzen....« - K.G.) Wir machen zuerst einmal harte Musik, die aus uns selber rauskommt. Die lebt auch für sich allein, und damit können auch Leute etwas anfangen, die sich nicht für eine Message interessieren. Und so muß das sein.
Haver/ Hermsen

Zu diesem Interview, geführt mit Studenten der Essener Uni, schrieb Kym Gnuch am 12. Oktober 1990:

Als dieser Artikel eines Essener Magazins im Mai 1989 erschien, war es den Fair Sexern unheimlich und unangenehm, daß sie ihren Drummer A. Bang, der wenige Monate zuvor gestorben war, nicht zum Thema gemacht hatten. Für sie war das Geschehnis seines Todes noch zu nah, und sie waren damals froh, darüber nicht befragt zu werden. Und doch erschien es ihnen bei Veröffentlichung als nicht angemessen.

Ansonsten handelt es sich hier um eines jener Interviews, bei dessen Studium ich, als ein engster Vertrauter der Band, zum wiederholten Male die Arschbacken zusammenkneifen mußte. Was war bloß mit meinen Jungs los? Waren wir das nicht schon alles mal im Jahr 1988 gemeinsam durchgegangen? Warum nur hörten sie nicht auf, geballte Ladungen Mist von sich zu geben? Was soll dieses unentwegte Jammern und Lamentieren, daß sie zu wenig unterstützt werden, daß die Welt ungerecht ist, daß sie sich nicht so plazieren können wie sie glauben, daß es ihnen gebührt - und die Erwähnung all der anderen Bands, die gepusht werden bis zum Geht-Nicht-Mehr... Was soll das? Und anstatt Inhalte, Düsteres, Leuchtendes, Herrliches, Geheimnisvolles, Betrübliches zu offenbaren, labern sie ohne Ende nur darüber, daß sie verkaufen wollen, und daß sie zu wenig verkaufen, obgleich sie schon ganz gut verkaufen - und sie ergehen sich in übertriebenem Selbstmitleid. Und immer dieselbe Arie: "Jaaa, wir sind düster und schwarz und zornig, aber - haharr -beruhigt euch, ihr beige gekleideten Studenten, wir sind gar nicht so negierend und depressiv und lichtlos! Nein, wir wollen die Leute nur aufrütteln - damit sie sehen,was für ein beschissenes Leben sie führen - von dem sie zuvor vielleicht dachten, daß es nicht beschissen wäre, womit sie natürlich falsch lagen. Denn wir wissen es, auch wenn sie selbst es nicht wissen: und sie müssen uns kaufen, damit sie´s endlich erfahren."

Und immer wieder hatten die Fair Sexer die unselige Tendenz, sich im plauschenden Gespräch zu verzetteln - im Bemühen, es jedem Interviewer recht zu machen (die damals zumeist nicht der Schwarzen Szene entstammten), ja sich richtiggehend einzuschmeicheln, wenn nicht sogar anzubiedern, sich als seinesgleichen verkaufend:"Och! dat mit dem Schwarz - meinen wir ja gar nicht so!". Bloß nicht anecken...

Hätten sie´s richtig angepackt, wie Männer, sozusagen, hätten sie - verdammt noch eins - ihre Sonnenbrillen ausgepackt, falsch rum hängende Kreuze auf stolzer Brust präsentiert (und wenn´s nur aus reiner Provokation geschehen wäre), finster gelächelt und gesacht: "Ssso. Laß uns ma´nicht über die Charts sprechen, in die wir unseres Erachtens gehören, aber nicht sind - laß uns ma´darüber sprechen, daß wir uns Sorgen um dich machen - der du es wagst, dich mit uns einzulassen, elender Sterblicher!"

Aber auf solchgeartetes kamen sie ja nicht. Es war ein Kreuz mit den Fair Sexern, vor allem in ihrer Frühphase. Hoffentlich machen sie´s in Zukunft besser.

 

WAZ, 31. Mai 1989

Wütend: THE FAIR SEX

Die Basis für die Arbeit von »THE FAIR SEX« ist offensichtliche Wut, ein Zustand permanenter innerer Rebellion, die sich in ihrer Musik explosionsartig entlädt. Myk Jung, der Sänger der Truppe, besitzt eine furchterregende Stimme, die direkt aus einer Gruft zu kommen scheint. Ihre Musik ist eine Weiterentwicklung des Punk mit elektronischen Mitteln. Eine krasse Negation alles oberflächlich Schönen, Leichten und Poppigen.
Ihr düsterer Electro-Punk hält nur wenige musikalische Variationen bereit. Doch gerade diese

Monotonie übt einen magischen Reiz aus. Kalt, aggressiv und nihilistisch klingen ihre sägenden Gitarren, ratternde Sequenzer und peitschenden Syndrums. Man kann sich nur schwer vorstellen, daß bei einem Konzert der »Fair Sex« das Publikum etwas anderes als schwarze Klamotten trägt.
Die Band, bestehend aus Myk Jung, L'olita (Gitarre), Rascal (Bass) und Blonder (Synthesizer), fand Anfang 1985 in Essen zusammen. Im Februar 1988 erschien ihre erste Langspielplatte »The House Of Unkinds«. Die neue LP »Demented Forms« konkretisiert den Weg zu ungewöhnlichen Klangmustern, die frei sind von jeglicher Anbiederung an eingefahrene Hörgewohnheiten. »THE FAIR SEX«: »Wir wollen nicht den Fehler machen, unser Publikum zu unterschätzen.«
Sie unterschätzen das Publikum nicht, eher ist das Gegenteil der Fall: So notwendig es gerade heute ist, neue musikalische Wege zu suchen, fehlt den »Fair Sex« jedoch das erneuernde und spielerische Element in ihrer Musik. Ihr Pessimismus, der sich in solchen Titeln wie »The Naked And The Dead« oder »Disaster« ausdrückt, ist allzu umfassend.

Incident Culture, Juni 1989

THE FAIR SEX: Wut ist der Motor

Nach längerer Pause sind die Essener »THE FAIR SEX« wieder on the road, mit ihrer aktuellen LP »Demented Forms«, die mittlerweile den Weg in die deutschen Indie-Charts auf Platz zehn schaffte, und ein ganz schön harter Brocken ist, zieht man die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Musik zum Ende der 80er heran. »Incident Culture« ergriff die Gelegenheit beim Schopf und traf sich mit Myk Jung, dem Blonden und Fräulein Schroeder, (Nicht-) Fan der Düstermänner, in einem In-Cafe ihrer Heimatstadt, wo man geschniegelte Menschen in Trenchcoats eher sieht als unsereiner, verpackt in schwarzem Leder. Das paßt, es ist ein verregneter Nachmittag.
»Warum gerade hier?« frage ich. »Das ist ein Laden, wo man kleine Poppermädchen trifft!« kommt es zurück. Da zuckt man zusammen. Sind das Reste bürgerlicher Existenz unter der Fassade eines unorthodoxen künstlerischen Lebens? Eines ist von vornherein klar: THE FAIR SEX wehren sich wie viele Musiker gegen Kategorisierungen. Essener EBM war schon zu lesen. »Hart und aggressiv trifft wohl eher zu«, gibt der Blonde zu bedenken, »aber wir machen keine Electronic Body Musik. Dafür birgt unsere Sache zu viele Gitarren-Elemente, ist vom Charakter unterschiedlich, auch schwermütiger.«
»>Demented Forms< ist kein reiner Dancefloor«, fügt Myk hinzu, »immerhin findet man auf dem Album auch Verhalteneres, wie z.B. >Ashes<«.
Am Anfang eines Fair Sex-Songs steht ein Synthie-Riff oder ein Beat. Dann setzen sie sich zusammen, basteln an zusätzlichen Melodien. Hintergrundeffekte sind seit der neuen Platte wichtiger.
»Die Arbeit an >Demented Forms< war komplexer und deshalb ungleich komplizierter als vorheriges Schaffen«, stimmen die beiden überein.
Vielschichtigkeit ist den Essenern ein Anliegen, damit der Sound nicht platt ist und vorne hängt. Nach Ansicht von THE FAIR SEX muß ein Stück sofort in sich passen, damit es ein gutes ist. Zudem muß alles feststehen, wenn sie ins Studio gehen. Bevor's richtig losgeht, bereiten sie mit Produzent Ramon, der auch schon für No More arbeitete, Sounds für Schlagzeug und Keyboards vor.
»Diese ganzen Vorurteile gegenüber Computer und Drummachines finde ich echt unerheblich, von wegen handwerklichem Können undsoweiter.« Der Blonder geht in die Offensive (vollkommen unnötigerweise eigentlich - warum geht das Geschimpfe eigentlich schon wieder los, he?! - Kym Gnuch): »Programmieren, Takte in den Sequenzer einspeisen, will auch gelernt sein. Wenn ein Laie darangeht, kommt nur Schrott raus. (Und hier wieder: die unerträgliche Überheblichkeit der TFS'ler - und wieder, wahrscheinlich vollkommen ungefragt: der Drang, sich zu rechtfertigen -K.G.:) Es ist eine Illusion, ganze Drum-Gebilde per Knopfdruck herstellen zu können. Aber warum soll man mit überkommenen Vorstellungen weitermachen, wenn dadurch Sachen auf der Strecke bleiben, die einen Song besser machen?« Zustimmendes Nicken in der Runde. Auch in der Musik hat sich die Technik fortentwickelt, damit müssen sich die Kritiker abfinden. Wirklich übel wird's erst, wenn ein abgedroschenes Blah-Blah wie Acid dabei herauskommt.
Die Rage des Blonden ist verständlich und spiegelt sich in dem Tun der Fair Sexer wieder. Früher, da orientierten sie sich am New Wave (darf man heute wieder sagen), die Musik war nicht ganz so bösartig. Jetzt ist die Wut Zentralpunkt musikalischen Schaffens, da kann man nicht den Schöngeist bemühen, man muß die Wut wuchtig herausarbeiten, brutal herausschreien. Klar, daß sie aus Sicht vieler Musikkritiker den Rubycon überschritten haben. Gerade hinsichtlich des Aufbaus ihrer Songs. »Die Musik ist für uns das wichtigste, Texte dürfen ruhig mal assoziativ sein. Sowieso sollten Stücke nicht nur lediglich Begleitung für Gesänge sein. Und Instrumente gewinnen Räumlichkeit, indem man die Gesänge nicht allzu sehr in den Vordergrund mischt, Melodien treten aus dem Hintergrund nach vorne«, bringt Myk zum Ausdruck.
Die werden bei THE FAIR SEX nicht unbedingt erkannt.
»Die Leute halten sich zu sehr mit dem Gesang auf«, glaubt der Blonde und spannt den Bogen zu aktuellen Popsongs. Natürlich, da trifft man auf viel Gesang und Schlagzeug, vielleicht ein paar Bässe. Der Rest ist so sehr reduziert, daß sich oft nicht mal mehr ahnen läßt, in welcher Tonart das Ganze stattfindet.
Umgekehrt verhält es sich bei THE FAIR SEX: die Stimmen sind nicht Mittelpunkt, dementsprechend läßt sich textlich nichts Absolutes sagen.
»Wir haben kein Sendungsbewußtsein und möchten nicht mit Phänomenen wie Satanismus oder morbiden Friedhofsgeschichten in Verbindung gebracht werden, wenn auch manche Songtitel danach riechen (Eigentlich hätte Myk hier »The Odour Of Rottenness« anführen müssen, harr- K.G.) Aber >The Naked And The Dead< beschreibt nichts anderes als die nackte Existenz, die Armseligkeit dieses »süßen«, kurzen Lebens«, sagt Myk. Trotz eventueller Mißverständnisse haben sie nicht mal die Texte abgedruckt. Aus zwei Gründen. Weil man sie den Leuten nicht um jeden Preis unter die Nase reiben will. Siehe Sendungsbewußtsein. Und weil sie ein interessanter Gradmesser sind, wer sich dafür wirklich interessiert, indem man sie bei Roof, ihrem Musikverlag, anfordert. Sicherlich ist das mehr eine Sache für den Fan. Immerhin, so bringt man seine Leute auf Trapp.
Stillstand ist ein Fremdwort für THE FAIR SEX. Sie spielen Warm-Up-Gigs für die Tour im Juni, arbeiten an Songs für eine 4-Track-Maxi.
»Das sind einfach aktuelle Stücke«, informiert der Blonde, die nicht einen unbedingten Fortschritt gegenüber >Demented Forms< darstellen und somit nicht ein komplettes Bild von dem abgeben, was THE FAIR SEX in Zukunft sein könnten oder sollen.«
Zum Schluß reißen die beiden Fair Sex-Musiker die Rolle des Interviewers, meine Rolle, an sich.
»Und was hält Fräulein Schroeder von THE FAIR SEX?« fragt Myk.
»Fräulein Schroeder findet THE FAIR SEX lächerlich«, antwortet der Blonde.
Gelächter. Fade out.

Kym Gnuch am 18.4.1992 zu diesem Artikel:

Neben typischen TFS-Stereotypen wie der überstrapazierten Thematik von der "Wut, die wuchtig nach vorne bollert" beeinhaltet dieses Interview einige interessante Details:

Die Präsenz des Fräulein Schroeder; die offensichtliche Unausgegorenheit der Nach-Demented Forms-Demos; die vom Autor festgestellte "Bedeutungslosigkeit der Musik der Späten 80er Jahre" (Journalisten äußern nicht selten Bedauern über die Nichtigkeit der momentanen Szene); und -allen voran - die Äußerung des Interviewers, das Interesse an kleinen Poppermädchen passe nicht in das Gesamtbild eines unorthodoxen Künstlerlebens. Fast zinierende Details. Aber eben nur fast.

Zu der vor allem von Myk selbst favorisierten Ästhetik des "eingebetteten" Gesangs, der so leise gemischt ist, daß er fast im Arrangement des Stücks untergeht, sollte ich demnächst nochmal was schreiben.

Tat ich aber nicht. (K.G.-12.7.2001)

Newlife, November 1989

Noch immer strahlt die glühendheiße Juli-Sonne auf unser Land, verbrennt den Boden und hat auch vor der monopolistischen Macht der deutschen Bundespost keine Achtung, sie bohrt sich durch Verpackungen, bleicht Briefe aus und verformt... Das Klingeln des Postboten lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken, ein Paket wechselt den Besitzer. Mit einem verschlafenen Lächeln entdecke ich zwei verformte Langspielplatten einer Gruppe, die dem Poststempel nach aus Essen kommen muss. Musik aus Essen? Kann dort, wo Kaufhauskonzerne ihren Sitz haben und ein Wetteramt propagandistische Meldungen verbreitet, überhaupt Musik für meine verwöhnten Ohren entstehen?
Die erste LP findet Platz auf meinem Plattenspieler, sie hebt und senkt sich, ein Schauspiel, dass meine Schweißtropfen noch schneller zu Boden fließen lässt. Kann meine Nadel diesem Naturexperiment Widerstand leisten? Die Spannung steigert sich, je länger es dauert, bis die Nadel die ersten beabsichtigten Vertiefungen in der Rille findet. Und dann... Mit einem Schlag ist die Hitze vergessen, das Chaos um mich herum verliert an Bedeutung, nur noch diese treibenden Sequenzerrhythmen, sägende Gitarren und die Vocals zählen. Auch ich bin der Magie von THE FAIR SEX erlegen. Mit einem Schlag füllen sich meine leeren Gehirnzellen wieder. THE FAIR SEX wollten doch in unserer tiefen Provinz called Mittelhessen live das Bauernvolk verzaubern. Ich rief bei ihrem Sänger an. »Hey Myk, lass uns ein Interview machen. Das Interview fiel gleich ins Wasser, das mittlerweile in der Hitze verdunstet ist, genau wie das Konzert in Giessen. Ein weiteres Telephongespräch, ein Brief an Myk; und jetzt liegt das Ergebnis auf meinem Plattenspieler.
Wie konnte es geschehen, dass ich THE FAIR SEX bisher links liegen ließ? Wieso hörte ich nicht auf Dirk Kalmring, der in NL 42 über ihre letzte LP »Demented Forms« schrieb: »... die Platte ist göttlich... Ideal für die heimische Schwarzkittelfete...«?
Allen Kälte- und Hitzewellen strotzend, haben sich THE FAIR SEX innerhalb von vier Jahren in die Spitze der deutschen Indie-Bands katapultiert. 2 Jahre nach ihrer Gründung haben sie im März 1987 ihre erste Maxi »Divine Service« vorgelegt, die sowohl im Inland als auch im Ausland erste Erfolge für THE FAIR SEX verbuchen konnte. »Bushman«, die Nachfolgesingle, ihre hervorragende Debut-LP »House Of Unkinds« und eben »Demented Forms« haben den Essenern mittlerweile so was wie Kultstatus eingebracht.
Den Verlust ihres Schlagzeugers A.Bang im vergangenen Jahr hat die Band mühelos verkraftet, auch wenn der Tod mitten in die Aufnahmen zu »Demented Forms« eintrat und THE FAIR SEX eine einmonatige Pause einlegten. Wie es sich so gehört, hat das Quartett diese Platte dann natürlich Bang gewidmet. »resurrected faith, resurrected hope resurrected doom«.
Schicksal verbindet, alles ist vorbestimmt. der Kampf mit der Hitze, auch ein bisschen Schicksal. Wäre das Leben nicht vorbestimmt, könnten wie doch längst in einer anderen Welt verweilen; vielleicht an dem Ort, der Frequenzen nach Essen sendet, damit THE FAIR SEX die Welt mit ihrem düsteren Electrosound retten können.
Um die Welt von THE FAIR SEX zu charakterisieren, muss man schon die Seelen von Myk Jung (voc), Lolita (guit), Rascal (Masterbass) und Blonder (synths) erforschen, muss man Nächte im Zwischenfall, in der Zeche oder im Logo durchleben, muss man eine gestörte Psyche besitzen oder tagelang ein Röhrchen Schlaftabletten anschauen, um dann anschl ießend doch nicht den letzten Schritt zu vollziehen.
Ein Vergleich zu anderen Bands lässt sich schwer vollziehen. »Data Band A«? »The Sisters Of Mercy«? Alte »Skinny«? Oder »242«? Oder gar »Depeche Mode«? Die Einflüsse von THE FAIR SEX sind vielschichtig. Man glaubt, THE FAIR SEX bestünden nur aus normalen Musikfans, die dann die Welt mit einer göttlichen Mixtur zu beglücken versuchen, einer Mixtur, die sehr eigenständig klingt und es wohl auch ist.
Da sind auf der einen Seite treibende Drumsequenzen, sägende Gitarren, scheppernde Synths und andererseits kommen depressive Keyboardwände dazu. Myks Gesang setzt den harten Maschinenbeats und eigenwilligen Songstrukturen, die sie im Gegensatz zu älteren Songs auf »Demented Forms« nun gefunden haben, die Krone auf; mal aggressiv und kalt, dann wieder düster-traurig-depressiv mit Wärme, launisch wie das Wetter in unseren Breitengraden. Vielleicht ist damit die Verbindung zum Essener Wetteramt hergestellt.
»They never come back, we'll be sunken in tears.«
Eine Pfütze aus Schweißtropfen und Tränen bildet sich unter mir, diese Gefühle, die beim FAIR SEX-Genuss entstehen, werden mein Leben verändern, ich bin näher an der Einsamkeit und dem Tod als bisher, doch hat sich ein ganz neues Lebensgefühl eingestellt. Soll »Incident Culture«, das Magazin des Bochumer »Zwischenfall« doch weiter behaupten, »die Platte hört man am besten in der Disco, wohldosiert... auf dem heimischen Plattenteller kann sie eventuell an Wirkung verlieren...« Sie haben keine Ahnung, vielleicht einen Sonnenstich, der ganz normale Horror des Alltags entgeht ihnen...Und wieso führt ihr DJ Horst eine Ausgabe später THE FAIR SEX in seiner Playlist auf?
»The House of the unknown«.
Oh, ihr Unwissenden, baut endlich Eure Beziehung zu THE FAIR SEX auf, die Stimmungen ihrer Songs werden auf Euch niederprasseln wie das erste Sommergewitter, Ihr werdet es genießen, genießen müssen, ansonsten...«I'm a Fair Sexer, now will you mess with me?«
Sven Freuen

Kym Gnuch dazu, irgendwann zu Ende des Jahrtausends:

Was soll man dazu sagen? Sprachlosigkeit bemächtigt sich meiner immer wieder, wenn mir dieser Artikel in die Hände fällt. Eine solche tiefe Ergriffenheit rief die Musik meiner Jungs nie zuvor und niemals später bei irgendeinem der Schreibenden Gilde hervor, denke ich. Ich kann mich erinnern, daß ein Ruck durch die Band ging, ein Zucken von Stolz, als sie obigen Artikel lasen. Wahrscheinlich bleibt nur eine Frage offen: Hat jemals eins der Bandmitglieder selbst ähnlich tiefe Gefühle beim Hören der TFS-Musik erlebt?

 

WAZ, 21. August 1988

ESSENER BAND LÄRMT GEGEN ZUFRIEDENHEIT

MIT EINER VERRÜCKTEN WELT


Wer Variation, Intellekt, Melodie, vielleicht auch noch Theater und ähnliche feinsinnige Zerstreuungen liebt, braucht eigentlich nicht unbedingt weiterlesen. Denn die Botschaft der Essener Band THE FAIR SEX richtet sich an »den extremen Hörer, der Brutalität, Aggression und rauhe Monotonie bevorzugt«. Für wen es aber noch nicht zu spät ist, das »Ruhebett der Zufriedenheit« zu verlassen und den Körper zu aggressiver, elektronischer Dancefloor-Musik zu bewegen, der höre zu: eine Einführung in »schwarze Wut«.

Die Welt ist errückt, keine Frage für THE FAIR SEX. »Stell dir jemanden vor, der extreme und sinnlose Situationen durchlebt hat. Wie kann er ruhig und zufrieden sein?« fragen die fünf Essener. Also ist das zeitgemäße Gefühl der 90er Jahre die Wut. Und die Fair Sex-Wut schaut nicht revival-bewegt zurück in die 60er oder 70er, leitet sich nicht aus Einzelbegründungen wie politischer Unzufriedenheit oder philosophischem Weltschmerz ab. Sie ist das alles oder auch nichts. Sie ist eine ursprüngliche, neandertalerhafte Wut, die dem Menschen wie ein Schicksal aufgegeben ist. Diese Wut kennt daher keine konkreten Ziele. Ihr Feind ist nicht der Staat oder ein Großkonzern, sondern Zufriedenheit schlechthin.
»The House Of Unkinds«, die Anfang des Jahres beim Dortmunder Last Chance-Label erschienene Debut-LP von Fair Sex muß dann auch laut aus den Boxen kommen - und bewegen muß man sich dazu. Denn in Zimmerlautstärke kommen die monotonen, auf Synthesizerläufen aufgebauten Songs mit Myk Jungs düsterer Stimme doch recht belanglos daher. »Jumping« ist noch ganz eingängig, aber dabei bleibt's auch. Denken die Gehirnzellen. Aber an die wenden sich THE FAIR SEX nicht. Angesprochen werden viel tiefer liegende Schichten: Aggression und Lust.
Einschränkung oder Ausweitung des Bewußtseins - das soll offen bleiben - sind nötig, um in »The House Of Unkinds« - das »Haus der Unfreundlichen« - Eingang zu finden. Dunkle Triebe entfalten sich im aggressiven Pochen des Sequenzers, stimuliert durch Reizworte, mit denen THE FAIR SEX besonders gern spielen: Ein Reigen von »Excess«, »Lust«, »Destroy« zieht sich seit »Black Anger«, dem programmatischen Song auf der ersten Maxi »The Divine Service« durch die Fair Sex-Texte. Nur die Vergänglichkeit steht der ewigen Raserei der »wilden« Kraft noch im Wege: »Die Zeit zerstört - wir sind ihre Spielzeuge.«
Der Alltag ist langweilig und muß überwunden werden - so haben THE FAIR SEX keine Lust, über ihre bürgerliche Identität zu reden. »Wir heißen Myk (Gesang, Geschrei), Rascal (Bass, Synthie), L'Olita (Gitarre), A.Bang (Drums) und Blonder (Synthie). Wir studieren und jobben, das reicht. Laß uns lieber über die neue LP reden.«
THE FAIR SEX wollen nicht mit anderen Electronic-Dancefloor-Gruppen in einen Topf geworfen werden, etwa mit den belgischen Neon Judgement oder Front 242. THE FAIR SEX sind aggressiver und leidenschaftlicher, aber nicht depressiv. Und sie beherrschen mit ihrer Reizwortstrategie die perfekte Imagepflege - mit Hintertürchen: In »The Excess« proklamieren sie Sexualität ohne wirkliche Gefühle, wie der Begeleittext predigt. Selbst wer da nicht gleich mit dem Finger auf die moralischen Schweinehunde zeigt, wird sich doch ein zages »Entgeht euch da nicht doch vielleicht einiges? nicht verkneifen können. Aber THE FAIR SEX haben vorgesorgt: Wir sind nicht ernsthaft.«
Klaus Janke

Kym Gnuch am 12.5.1994 zu obigem Artikel:

Das Ruhebett der Zufriedenheit - es muß verlassen werden! Schöne Formulierung. Das mit der Wut is´auch wieder drin, wen wundert´s. Daß sich THE FAIR SEX hingegen nicht an den Intellekt wenden, angeblich, störte die Jungs gar nicht! Sie ließen´s dabei, und freuten sich! Vielleicht auch, um mehr Ruhe zu haben. Von triebgesteuerten Urviechern werden nicht sonderlich viele Antworten erwartet - und man kann unbehelligt finster dreinschauen, ohne viel erklären zu müssen. Ich aber war empört! Keine Intellektuellen, meine Jungs?! Wo sie doch alle am Studieren waren! Sogar so schwierige Sachen wie Anglistik und Kommunikationswissenschaften! Herrjeminee, ich fiel aus allen Pannetinen. Ich nahm sie zur Seite und rief sie zur Ordnung: "Hey, das stellt ihr aber mal richtig! Das laßt ihr doch nicht auf euch sitzen!? Könnt ihr nicht beim nächsten Mal Fetzen aus Macbeth einstreuen oder was Schlaues aus den Annalen der Sprach-Philosophen?! He?" Sie aber hörten nicht auf mich. Bei jedem neuen Interview hoffte ich auf was Intellektuelles. Auf was Akademisches -irgendwas aus den hehren Hallen des Olympos, wo die Jungs einst Altgriechisch studiert hatten. (Ja! Sie waren auf nem altsprachlichen, super-humanistischen Gymnasium gewesen, meine Jungs!) Aber nix. Ich schlug die Gazetten auf und las: "Jau. Dat muß einfach richtig knallen. Richtiggehend bollern. Auch die Dingens... äh...Sequenzen..Am besten hörste dat Album auf volle Pulle. Is´über die Schwarze Wut."

Prinz, März 1988

THE FAIR SEX: Sturm und Drang

Vor 17 Monaten belegten THE FAIR SEX beim 1. PRINZ Pop-Festival den zweiten Platz. Mittlerweile sind zwei Maxis des Quintetts aus Essen erschienen. Nun die erste LP: »The House Of Unkinds«.
»Ihr sollt euren Körper zu unserer Musik bewegen« fordern THE FAIR SEX im Begleittext zu »The House Of Unkinds«. Das solltet ihr wirklich, denn diese Musik taugt nicht zur Untermalung des geruhsamen Feierabends. Unbarmherzig und monoton treibt der Sequenzer im Verein mit Bass und Schlagzeug, unbarmherzig fährt die Gitarre dazwischen, unbarmherzig singt, schreit und haucht Sänger Myk Jung seine Texte, von denen bei oberflächlichem Hören nur Schlagworte hängen bleiben: fight, pain, agony, victim...
Ist das also die übliche Black Wave-Kiste? Die richtigen Beats und ein paar Reizwörter aus dem Englischlexikon, und fertig ist das Szenario für den Wochenend-Düstermann? Eben nicht. THE FAIR SEX in die Kiste >DAF/-Bauhaus und die Folgen< zu packen wäre zu einfach. Denn die fünf Essener - neben Myk Jung noch Bassist Udo Hüppe, Gitarrist Oliver Olböter, Benedikt Dziwok am Synthie und Schlagzeuger Achim Mählitz - haben aus den sattsam bekannten Stilmitteln der DAF's, Bauhaus und anderer ihren eigenen Stil entwickelt. Die Songs auf »The House Of Unkinds« wirken erstaunlich reif und kompakt, der harte Sequenzer-Beat ist zwar immer präsent, aber hier wird er nicht zum Konzept erhoben, hier ist er Teil eines Ganzen. So wie Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Diese Musik bleibt nicht im Klischee stecken, sie hat nicht nur Kraft, sondern auch Seele. Und die Texte sind weitaus interessanter und vielschichtiger, als es das oberflächliche Hören verheißt. Sie sind fintenreich, spielen mit Unausgesprochenem, leben davon, daß der Hörer auf falsche Fährten gelockt wird.
»Uns geht es um das Darstellen von extremen Situationen«, sagt Myk, »wobei nicht gesagt ist, daß wir die Akteure in unseren Songs sind. Auch wenn wir von »I« oder »We« sprechen, heißt das nicht, daß wir Geschichten von uns preisgeben. Es sind ganz einfach Beobachtungen, mit denen sich die Leute beschäftigen sollen. Sie sollen sich ruhig fragen, welche dieser oft widersprüchlichen Dinge am ehesten unserer Einstellung entsprechen.«
Der ganz alltägliche Horror, das ist das Thema der THE FAIR SEX-Songs, und ihr Motor ist Wut. Bassist Udo dazu:
»Überall wird alles positiv dargestellt, in der Musik, im Fernsehen, man sieht überall nur zufriedene Fratzen, die ihre Zufriedenheit auch noch dreist propagieren. Da mal so richtig knallig einen Kontrast gegenzusetzen, finde ich absolut notwendig. So positiv, wie es uns weisgemacht wird, stellt sich unser Leben doch gar nicht dar. Es wird viel zu viel totgeheuchelt und leisegeschwiegen, und es gibt viel zu wenig Leute, die Tassen an die Wand werfen, wenn ihnen danach ist.«
»Also machst du Musik, so wie andere Leute Tassen an die Wand werfen?«
»Ja schon, aber man muß das alles in einem größeren Zusammenhang sehen. Hinter der Musik steht ja auch eine bestimmte Lebensauffassung. Ich schmeiße zwar nicht dauernd Tassen an die Wand, aber ich laß mir auch nicht alles gefallen, auf der Arbeit und so.«
Myk: »Ohne jetzt groß zu hinterfragen, woher die Wut kommt, unsere Musik ist knallig und aggressiv, und der Spruch, daß diese Platte mit großer Lautstärke zu hören ist, der ist natürlich der allerälteste überhaupt, aber das ist einfach wahr. Unsere Musik ist nichts zum selbstzufriedenen Genießen, das muß man laut hören, damit das richtig wirkt.«
Udo: »Das ist nämlich das Pathos des Sturm und Drang, das man in unserer Musik hören kann.«
Wo der Dichter recht hat, hat er recht.
Thomas Noga

Kym Gnuch zu diesem Bericht am 21. August 1990:

Das mit dem "Tassen an die Wand schmeißen" ist ganz gut, und die Formulierung mit den "selbstzufriedenen Fratzen, die ihre Zufriedenheit auch noch dreist propagandieren" gefällt mir ebenfalls. "Totgeheuchelt und leisegeschwiegen" ist ein schönes Begriffspaar. Wie man sieht, rettet Rascal, hier noch unter seinem 1987er-Pseudonym, das Interview. Myks Antworten hingegen lassen meine Arschbacken erbeben: "Ohne groß zu hinterfragen woher die Wut kommt, unsere Musik ist knallig und aggressiv, und man muß sie ganz laut hören...ba ba ba..." Hab´ich jemals etwas Peinlicheres gelesen? Im übrigen können TFS froh sein, in ihrer Frühphase eigentümlicherweise auf so viel Interesse von Seiten der "Großen Presse" gestoßen zu sein.